Vertreibung – neuer Anlauf

49pdf der Druckfassung aus Sezession 49 / August 2012

von Alfred M. de Zayas

R.M. Douglas ist Professor für Geschichte in New York. Er hat jüngst ein Buch mit dem Titel Ordnungsgemäße Überführung. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg vorgelegt (C.H. Beck, München. 560 S., 29,90 €).

 Gastbeitrag

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Er behan­delt dar­in in 13 Kapi­teln Vor­ge­schich­te, Pla­nung, Durch­füh­rung und Kon­se­quen­zen der Ver­trei­bung – eines mega­his­to­ri­schen Ereig­nis­ses mit­hin, das viel grö­ßer und ver­lust­rei­cher war als die »eth­ni­schen Säu­be­run­gen«, die man aus den Jah­ren 1991–99 im ehe­ma­li­gen Jugo­sla­wi­en kennt und die durch eine Reso­lu­ti­on der UNO-Gene­ral­ver­samm­lung als »Völ­ker­mord« bezeich­net wurden.

Obwohl die Ver­trei­bung unge­heu­re poli­ti­sche, kul­tu­rel­le, wirt­schaft­li­che und men­schen­recht­li­che Fol­gen hat­te, war die The­ma­tik bis in die sieb­zi­ger Jah­re wei­test­ge­hend tabu. Rela­tiv wenig ein­schlä­gi­ge Lite­ra­tur war publi­ziert, immer­hin die monu­men­ta­le Doku­men­ta­ti­on zur Ver­trei­bung von Theo­dor Schie­der und Hans Roth­fels sowie eini­ge völ­ker­recht­li­che Abhand­lun­gen. Seit den acht­zi­ger Jah­ren sind ideo­lo­gi­sche Stu­di­en erschie­nen, die die Ver­trei­bung in einer mono­kau­sa­len Per­spek­ti­ve betrach­ten (Hit­ler ergo Ver­trei­bung) und wenig dif­fe­ren­zier­te Wis­sen­schaft bie­ten – u.a. von Götz Aly, Wolf­gang Benz, Micha Brum­lik und Eva Hahn, die das kom­ple­xe Gesche­hen in eine Täter-Opfer-Scha­blo­ne pres­sen und die völ­ker­recht­li­chen Aspek­te außer acht las­sen. Das Buch von Dou­glas ist über sol­chen Unfug erha­ben. Viel­leicht gelingt es dadurch, eine auf­rich­ti­ge Dis­kus­si­on über die Trag­wei­te und Tra­gik der Ver­trei­bung zu eröff­nen, und zwar nicht nur in Deutschland.

Wel­chen Gewinn kann man aus der Arbeit von Dou­glas zie­hen? Zwar wer­den weni­ge neue Doku­men­te ver­öf­fent­licht, aber das Buch erzählt die­se wich­ti­ge Geschich­te nüch­tern und ohne Pole­mik in einer ver­ständ­li­chen Spra­che (die Über­set­zung von Mar­tin Rich­ter ist flie­ßend und ele­gant). Am bes­ten viel­leicht sind Dou­glas’ Schluß­be­trach­tun­gen, wo er mit eini­gen bun­des­deut­schen, pol­ni­schen und tsche­chi­schen Ver­zeich­nun­gen auf­räumt und zeigt, daß die Argu­men­te der Apo­lo­ge­ten der Ver­trei­bung nicht stand­hal­ten. »Die ›Unvermeidlichkeits‹-These wird am häu­figs­ten genannt, ver­mut­lich weil sie schwie­ri­gen Fra­gen über Moral oder Klug­heit der Ope­ra­ti­on ausweicht.

So schrieb der His­to­ri­ker Wlod­zi­mierz Borod­ziej vor kur­zem: ›Man kann sich nur schwer vor­stel­len, wel­che rea­lis­ti­schen Alter­na­ti­ven es 1945 zur Aus­sied­lung der Deut­schen gab‹«. Das Ende des Krie­ges wäre aber ohne Ver­trei­bung durch­aus vor­stell­bar gewe­sen, vor allem, wenn man sich an die Atlan­tik-Char­ta gehal­ten hät­te – also Grenz­ver­än­de­run­gen nicht vor­ge­nom­men hät­te. Nach der Flucht der 2,2 Mil­lio­nen Deut­schen, die in Vor­kriegs­po­len leb­ten, gab es genug Platz für die Polen, die die Sowjet­uni­on aus den annek­tier­ten Gebie­ten öst­lich der Rib­ben­trop-Molo­tow Linie ver­trei­ben woll­te. Es gab abso­lut kei­ne his­to­ri­sche, mora­li­sche oder poli­ti­sche Berech­ti­gung, Pro­vin­zen wie Ost­preu­ßen, Pom­mern und Schle­si­en den Polen zuzu­schla­gen. Man soll auch dar­an den­ken, daß die Deut­schen aus Köln oder Trier von den Nie­der­län­dern und Fran­zo­sen nicht ver­trie­ben wur­den, obwohl die Natio­nal­so­zia­lis­ten auch in Frank­reich, Bel­gi­en und den Nie­der­lan­den Ver­bre­chen began­gen hatten.

Metho­disch hat der Autor seri­ös gear­bei­tet, die ein­schlä­gi­gen inter­na­tio­na­len Archi­ve besucht, Rot­kreuz­be­stän­de aus­ge­wer­tet und die Sekun­där­li­te­ra­tur berück­sich­tigt, auch tsche­chi­sche und pol­ni­sche. Was fehlt oder hät­te ergänzt wer­den kön­nen, sind Zeug­nis­se der Opfer, Berich­te über Nem­mers­dorf, Meth­ge­then, die Gust­loff, das Lager Ler­chen­berg. Dies hät­te die Beweis­kraft des Buches nur erhöht. Eine Tra­gö­die wie die Ver­trei­bung der Deut­schen kann nicht geschrie­ben wer­den, ohne den Opfern mehr Gehör zu geben – sei es Hans Lehn­dorff, Wen­zel Jaksch oder Peter Glotz. Man kann die Aus­sa­gen von Opfern hin­ter­fra­gen, wie es sich übri­gens für die Aus­sa­gen aller Zeit­zeu­gen und Poli­ti­ker gehört. Aber man darf sie nicht aus­las­sen. Dafür aber wer­den die Mas­sa­ker in Aus­sig, Prerau, Pos­t­el­berg und das Ster­ben in den Lagern Lams­dorf, Fili­po­vo, Gako­wa und Rudolfs­gnad erwähnt.

Die Beschrei­bun­gen des Lei­dens der Opfer durch den bri­ti­schen Mili­tär­arzt Adri­an Kanaar und durch Robert Mur­phy, den Bera­ter Eisen­ho­wers, sind erschüt­ternd und wür­den noch ver­stärkt, wenn Dou­glas hin­zu das Eisen­ho­wer-Tele­gramm von Okto­ber 1945 an das Kriegs­mi­nis­te­ri­um zitiert hät­te: »In Schle­si­en ver­ur­sa­chen die pol­ni­sche Ver­wal­tung und ihre Metho­den eine gro­ße Flucht der deut­schen Bevöl­ke­rung … vie­le wer­den in Lager inter­niert, wo unzu­rei­chen­de Ratio­nen und schlech­te Hygie­ne herr­schen. Tod und Krank­heit in die­sen Lagern sind extrem hoch. Die von den Polen ange­wand­ten Metho­den ent­spre­chen in kei­ner Wei­se der Pots­da­mer Ver­ein­ba­rung … Die Todes­ra­te in Bres­lau hat sich ver­zehn­facht, und eine Säug­lings­sterb­lich­keit von 75 Pro­zent wird berich­tet.« Dou­glas beschreibt aber, wie ein anti­deutscher US-Bot­schaf­ter in War­schau die Pro­tes­te abmil­der­te. Die ethi­sche Ver­ur­tei­lung der Ver­trei­bung durch Lord Geor­ge Bell, Bischof von Chi­ches­ter, Bert­rand Rus­sell und Vic­tor Gol­lan­cz ver­voll­stän­di­gen das Bild. Ein Kapi­tel über die Ver­schlep­pung von Volks- und Reichs­deut­schen zur Skla­ven­ar­beit in die Sowjet­union wäre sinn­voll gewe­sen. Dar­über gibt es Tau­sen­de Zeug­nis­se im Bun­des­ar­chiv, Rotkreuz­berichte und Memoirenliteratur.

Bezüg­lich der Ver­trei­bung kann man das His­to­ri­sche vom Völ­ker­recht­li­chen kaum tren­nen. Dar­um ist eine inter­dis­zi­pli­nä­re Behand­lung uner­läß­lich. Dou­glas ist kein Jurist, und so kommt er zu einer abwe­gi­gen Aus­sa­ge: »Ob die Ver­trei­bung zum Zeit­punkt ihrer Durch­füh­rung recht­mä­ßig war, bleibt also unge­löst.« Viel­leicht kennt Dou­glas die ein­schlä­gi­gen Publi­ka­tio­nen des UNO-Son­der­be­richt­erstat­ters Awn Shaw­kat Al-Kha­saw­neh und des UNO-Hoch­kom­mis­sars für Men­schen­rech­te, Dr. José Aya­la Las­so, nicht, oder die Stel­lung­nah­men der Pro­fes­so­ren Reds­lob (Den Haag 1931), Blu­men­witz, Gor­nig, Kim­mi­nich, Horn und Tomuschat.

Spä­tes­tens seit der Haa­ger Land­kriegs­ord­nung (Arti­kel 42–56) waren Ver­trei­bun­gen völ­ker­rechts­wid­rig, wie auch in den Nürn­ber­ger Pro­zes­sen bestä­tigt, wo meh­re­re NS-Grö­ßen u.a. wegen Ver­trei­bun­gen von Polen und Fran­zo­sen zum Tode ver­ur­teilt wur­den. Arti­kel 6b des Nürn­ber­ger Sta­tu­tes defi­nier­te Ver­trei­bun­gen als Kriegs­ver­bre­chen und Arti­kel 6c als Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit. Viel­leicht weil Dou­glas kein Jurist ist, zitiert er einen abstru­sen Arti­kel von einem unbe­deu­ten­den ame­ri­ka­ni­schen Juris­ten, der eine »Sude­ten­klau­sel« pos­tu­liert, als ob im Völ­ker­recht gan­ze Völ­ker ein­fach ent­rech­tet wer­den könn­ten. Dies wäre Völ­ker­recht nach Belie­ben, à la carte!

Etwas »über­vor­sich­tig« sind die nied­ri­gen Sta­tis­ti­ken der Opfer­zah­len (500000 Tote), die der Autor ver­wen­det, ohne zu erklä­ren, war­um die pro­fes­sio­nel­le Arbeit des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes (2,25 Mil­lio­nen Ver­miß­te und Tote) und der Stu­di­en von Ger­hard Reich­ling und Hans Peter Habel feh­ler­haft sein soll­ten. Die nied­ri­ge­ren Schät­zun­gen von eini­gen deut­schen und pol­ni­schen Autoren sind kei­nes­falls über­zeu­gend. Dabei darf bemerkt wer­den, daß Ade­nau­er in sei­nen Memoi­ren noch von sechs Mil­lio­nen Ver­trei­bungs­to­ten aus­ging, Heinz Nawra­til immer­hin drei Mil­lio­nen annimmt. War­um wird auf 150 Tote beim Mas­sa­ker in Aus­sig abge­stellt? Ande­re, seriö­se Schät­zun­gen spre­chen von 1000 oder gar 2500 Todes­op­fern. Die Vor­sicht Dou­glas’ ist aber nuan­ciert: »Unbe­strit­ten bleibt, daß die sie­ben Mona­te lan­ge Peri­ode der ›wil­den Ver­trei­bun­gen‹ einen gewal­ti­gen Aus­bruch staat­lich geför­der­ter Gewalt bedeu­te­te, der nach vor­sich­ti­gen Schät­zun­gen Hun­dert­tau­sen­de von Opfern for­der­te. Als sol­che sind sie ein­zig­ar­tig in der Geschich­te der Frie­dens­zei­ten im Euro­pa des 20. Jahrhunderts.«

Hat die Welt von der deut­schen Tra­gö­die gelernt? Lei­der ereig­nen sich bis heu­te Völ­ker­mor­de und Ver­trei­bun­gen. So stell­te Aya­la Las­so anläß­lich des 50. Jah­res­tags der Ver­trei­bung in der Frank­fur­ter Pauls­kir­che fest, daß, »hät­ten die Staa­ten seit dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges mehr über die Impli­ka­tio­nen der Flucht, der Ver­trei­bung und der Umsied­lung der Deut­schen nach­ge­dacht, die heu­ti­gen demo­gra­phi­schen Kata­stro­phen, die vor allem als eth­ni­sche Säu­be­run­gen bezeich­net wer­den, viel­leicht nicht in dem Aus­maß vor­ge­kom­men wären.«

Die eng­li­sche Urfas­sung des Buches erschien soeben nach der deut­schen Über­set­zung bei Yale Uni­ver­si­ty Press unter dem Titel Order­ly and Huma­ne: The Expul­si­on of the Ger­mans after the Second World War. Es ist unbe­dingt zu begrü­ßen, daß sich bedeu­ten­de Ver­la­ge wie Yale, C.H. Beck und – in Frank­reich – Flamma­ri­on die­ser The­ma­tik anneh­men. Als der Ver­fas­ser die­ser Rezen­si­on im Jah­re 1977 Neme­sis at Pots­dam und 1993 A Ter­ri­ble Reven­ge ver­öf­fent­lich­te (deut­sche Fas­sun­gen bei C.H. Beck und Kohl­ham­mer), blieb trotz guter Ver­la­ge und pas­sa­bler Ver­kaufs­zah­len die Reso­nanz ver­hal­ten. Eine Genera­ti­on spä­ter ist nun viel­leicht der Zeit­punkt für eine öffent­li­che Dis­kus­si­on gekom­men. Man kann Pro­fes­sor Doug­las nur wün­schen, daß sein Buch viel Auf­merk­sam­keit erregt.

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