Stil – Geste jenseits von Gut und Böse

50pdf der Druckfassung aus Sezession 50 / Oktober 2012

von Alain de Benoist

Die berühmte Formulierung »Le style, c’est l’homme« (Der Stil macht den Menschen) stammt aus der »Rede über den Stil« des Naturforschers Georges-Louis Leclerc de Buffon, die er zum Anlaß seiner Aufnahme in die Académie française am 25. August 1753 hielt.

 Gastbeitrag

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Sie wird oft zitiert, meis­tens aber sinn­ver­keh­rend. Denn Buf­fon sprach nicht vom Stil als Aus­drucks­form des Indi­vi­du­ums, und eben­so­we­nig hat­te er eine Vari­an­te des Sat­zes von Sene­ca im Sinn: Ora­tio vul­tus ani­mi est (»Der Stil ist der Spie­gel der See­le«). Er woll­te vor allem zum Aus­druck brin­gen, daß allein die gut geschrie­be­nen Wer­ke eine Aus­sicht dar­auf haben, bis in die Nach­welt hin­ein zu über­dau­ern. Ohne Geschmack und ohne Genie geschrie­ben, wür­den sie bald in Ver­ges­sen­heit gera­ten; nur die Qua­li­tät des Stils garan­tie­re ihre Unsterb­lich­keit. Buf­fon hat­te aber auch nicht die Absicht, eine Lite­ra­tur­theo­rie vor­zu­tra­gen. Er beschrieb die Form, die einem wis­sen­schaft­li­chen Werk ange­mes­sen sei, und dar­über hin­aus die Kunst des Schrei­bens an sich. In der Tat mein­te Buf­fon mit »Stil« in ers­ter Linie einen Cha­rak­ter­zug der mensch­li­chen Natur über­haupt. In sei­nen Augen hat der Begriff des Stils eine anthro­po­lo­gi­sche Reich­wei­te: Der Stil, das sei der Mensch selbst, und der Mensch sei das ein­zi­ge Tier, das Stil haben könne.

Der Akzent, der in Frank­reich mit Vor­lie­be auf die­sen Begriff gesetzt wur­de, ist jedoch anders gear­tet. Er meint auch nicht den Stil eines Schrift­stel­lers oder Künst­lers, also eine Art zu schrei­ben oder zu malen, die durch ihre Ein­heit­lich­keit eine Inter­pre­ta­ti­on und her­me­neu­ti­sche Ana­ly­se ermög­licht. Die ent­schei­den­de Idee ist, daß die Art und Wei­se, in der man eine Sache tut, eben­so­viel, wenn nicht gar mehr zählt als die Sache selbst. Aus ihr lei­tet sich die Wich­tig­keit ab, die man der »beau ges­te«, der »schö­nen Ges­te« zusprach, der Ele­ganz, mit der eine Tat aus­ge­führt wird, der Unei­gen­nüt­zig­keit, der äuße­ren Erschei­nung, der Hal­tung, all des­sen, was die fran­zö­si­sche Spra­che in dem schwer zu über­set­zen­den Begriff »pana­che« (wört­lich: Feder­busch, Schneid) zusammenfaßt.

Die Kern­fra­ge des Stils ist die Gewich­tung der Form im Ver­hält­nis zum Inhalt. In ande­ren euro­päi­schen Län­dern, vor allem pro­tes­tan­tisch gepräg­ten, wird die Form eher als Neben­sa­che betrach­tet. Man schätzt den Inhalt als wich­ti­ger ein, und oft wird ein Behar­ren auf der Form als Zei­chen eines »ober­fläch­li­chen« Geis­tes gewer­tet, wie man ihn auch häu­fig den Fran­zo­sen vor­ge­wor­fen hat. In Frank­reich herrscht die gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung: Es ist die Form, die nicht den Wert der Tat, son­dern des­je­ni­gen, der sie aus­führt, bestimmt.

Stil hat wenig mit Moral, aber viel mit Ethik zu tun. Stil ist vor allem eine Hal­tung gegen­über dem Leben, eine Art, die Din­ge zu tun, wel­che an eine sehr alte Form der Ethik erin­nert, die man die »Ethik der Ehre« nen­nen könn­te. Wie ihr aris­to­kra­ti­scher Bei­klang andeu­tet, war dies die herr­schen­de Ethik der Epo­che des Anci­en régime. Die Ethik der Ehre ver­wei­gert das Zuge­ständ­nis und die Ent­wür­di­gung. Sie ist über­zeugt, daß es Din­ge gibt, die schlim­mer sind als der Tod, und sie ist bereit, um die­ser Ehre wil­len zu ster­ben. Deren Gegen­teil ist die Schan­de – nicht die Sünde.

Im Lauf der Jahr­hun­der­te hat sich bekannt­lich der Sinn von Ethik und Moral ste­tig gewan­delt. Die Moral, sei sie pri­vat oder öffent­lich, besteht aus einem Kanon aus Regeln, die man beach­ten muß, um das Gute zu tun. Die Ethik dage­gen hat einen indi­vi­du­el­len Kern, wobei die Ethik des Hel­den als eine Art glü­hen­der Gip­fel­punkt betrach­tet wird. In vie­ler Hin­sicht sind Ethik und Moral ein­an­der voll­kom­men ent­ge­gen­ge­setzt. Die Moral trach­tet danach, das Gute zu tun und das Böse zu bekämp­fen. Die Ethik stellt sich kur­zer­hand über die­se Kate­go­rien – in den Wor­ten Nietz­sches: »jen­seits von Gut und Böse«.

Im güns­tigs­ten Fall hält die Ethik dar­an fest, daß nicht gut sein kann, was nicht auch gleich­zei­tig schön ist. Manch­mal zieht sie aber auch die Schön­heit, die mit dem »Bösen« asso­zi­iert wird, der Mit­tel­mä­ßig­keit des »Guten« vor. Schon im alten Grie­chen­land sag­te Peri­kles, daß der »unsterb­li­che Ruhm« der Hel­le­nen dar­in bestehe, daß sie »im Guten wie im Bösen gro­ße Din­ge« voll­bracht hätten.

Die­se Vor­stel­lung von Stil wur­de auch in Deutsch­land rezi­piert. Es war in die­sem Land, wo sich Ende des 19. Jahr­hun­derts eine neue lite­ra­ri­sche Dis­zi­plin ent­wi­ckel­te: die Stil­kun­de, eine Erbin der roma­ni­schen Phi­lo­lo­gie und der Her­me­neu­tik eines Schlei­er­ma­cher oder eines Dil­they. Oswald Speng­ler (Preu­ßen­tum und Sozia­lis­mus, 1920) und Moel­ler van den Bruck (Der preu­ßi­sche Stil, 1916 und 1922), um nur die­se bei­den zu nen­nen, haben vie­le ihrer Schrif­ten der Erkun­dung des »preu­ßi­schen Stils« gewid­met. Aber sie gebrauch­ten das Wort in einem etwas ande­ren Sinn. Stil bedeu­te­te ihnen vor allem das Zusam­men­spiel der Cha­rak­te­ris­ti­ken, die eine Epo­che kennzeichnen.

Stil stellt sich taub gegen­über den Vor­schrif­ten einer abs­trak­ten dog­ma­ti­schen Moral, er unter­schei­det nicht zwi­schen Sein und Schein. Er trach­tet nicht nach dem Guten, son­dern nach der »schö­nen Ges­te«, dem schö­nen Anlaß, dem schö­nen Tod. Daher haben Pierre Dri­eu la Rochel­le, Hen­ry de Mon­ther­lant oder Yukio Mishi­ma mit ihrem Frei­tod ein Bei­spiel für Stil gege­ben. Auch der frei­wil­li­ge Tod für eine Sache, an die man nicht glaubt, kann ein Aus­druck von Stil sein.

Stil ver­wirft außer­dem jeg­li­che Form des bür­ger­li­chen Uti­li­ta­ris­mus. Sein Kenn­zei­chen ist, daß er nie­mals vor­ran­gig nach sei­nem eige­nen Vor­teil, son­dern nach dem »Adel der See­le« trach­tet. Er fin­det Geschmack an dem Nutz­lo­sen, das dem Leben den­noch einen Sinn gibt. »Es ist viel schö­ner, wenn es nutz­los ist!« Die­ser Aus­ruf des ­Cyra­no de Ber­ge­rac aus dem berühm­ten Stück Edmond Rostands bedeu­tet ihm alles.

Stil ist mit Pflicht­ge­fühl ver­bun­den, aber die Erfül­lung die­ser Pflicht dient nichts ande­rem als den For­men, die sei­ne Voll­endung per­fek­tio­nie­ren. Mon­ther­lant schrieb in sei­nem »Brief eines Vaters an sei­nen Sohn« (1932): »Das Wesent­li­che ist allein die inne­re Lebens­hö­he. Sie wird Dir alles erset­zen. Sie wird Dir sogar Dein Vater­land erset­zen, wenn es Dir eines Tages feh­len sollte.«

Im poli­ti­schen Bereich führt der Stil oft, viel­leicht all­zu­oft, zu einer Ästhe­ti­sie­rung der Poli­tik, deren Gren­zen und Gefah­ren immer wie­der betont wur­den, ins­be­son­de­re von Wal­ter Ben­ja­min. Armin Moh­ler cha­rak­te­ri­sier­te den Faschis­mus in ers­ter Linie als einen »Stil«. Als Bei­spiel nann­te er das Opfer der Kadet­ten des Alcá­zar von Tole­do und den berühm­ten Dia­log zwi­schen Oberst Mos­car­dó und sei­nem Sohn über des­sen bevor­ste­hen­de Hinrichtung.

Die moder­nen Faschis­men und Tota­li­ta­ris­men haben zwei­fel­los ver­sucht, die Poli­tik zu ästhe­ti­sie­ren, aus ihr eine Art »Gesamt­kunst­werk« im wag­ne­ria­ni­schen Sinn zu machen, und dar­aus erklärt sich auch ihre Anzie­hungs­kraft auf einen gro­ßen Teil der Intel­lek­tu­el­len. Die »faschis­ti­schen« fran­zö­si­schen Schrift­stel­ler hat­ten über­wie­gend wenig Ahnung von den faschis­ti­schen Dok­tri­nen, waren aber fas­zi­niert von ihren Akti­ons­for­men. Es waren weni­ger die Pro­gram­me und Kon­zep­te, die sie anzo­gen, als die Bil­der, die sie hervorbrachten.

So sprach Robert Bra­s­il­lach noch 1945, als er im Gefäng­nis sei­ne Hin­rich­tung erwar­te­te, vom »Geist des Faschis­mus«, vom »gewal­ti­gen und rot­glü­hen­den Faschis­mus«, sei­nen »Lie­dern und Auf­mär­schen« und sei­nen »Licht­do­men«: »Der Faschis­mus erschien uns über lan­ge Zeit als eine Form der Poe­sie, als die Poe­sie des 20. Jahr­hun­derts über­haupt (ohne Zwei­fel zusam­men mit dem Kom­mu­nis­mus).« Auch nach dem Krieg waren es weni­ger die Ideen und Dok­tri­nen als vor allem die Ästhe­ti­ken der tota­li­tä­ren Regime, die bei bestimm­ten Rand­grup­pen wei­ter­hin Begeis­te­rung und absur­de poli­ti­sche Nost­al­gien leben­dig hiel­ten. Han­nah Arendt hat dem­ge­gen­über auf­ge­zeigt, daß sich die Ana­lo­gie zwi­schen Poli­tik und Ästhe­tik von selbst aus der Tat­sa­che ergibt, daß in bei­den Sphä­ren die­sel­be mensch­li­che Urteils­kraft am Werk sei.

Natür­lich weist Stil über die his­to­ri­schen Zufäl­lig­kei­ten hin­aus. Gemäß sei­ner Defi­ni­ti­on steht er über aller Zeit. Er kann jeden Moment wie­der erschei­nen und sich in einer neu­en Art des Seins mani­fes­tie­ren. Eine Art des Seins, die der heu­ti­gen Welt fremd ist, einer Welt, die von Reich­tü­mern, Spek­ta­keln, neu­en Tech­no­lo­gien zum Über­lau­fen gebracht wird, von einer Flut von Waren und Ablen­kun­gen aller Art – die aber kei­nen Stil mehr hat.

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