Die Formlosigkeit der Deutschen

50pdf der Druckfassung aus Sezession 50 / Oktober 2012

von Karlheinz Weißmann

Die Behauptung deutscher Formlosigkeit ist allgemein akzeptiert. Sie wird von Ausländern wie Inländern vertreten, von Linken wie Rechten, von Gebildeten wie Ahnungslosen, von Patrioten wie Antipatrioten.

 Gastbeitrag

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Sol­cher Ver­brei­tungs­grad einer Auf­fas­sung spricht dage­gen, daß es sich um ein belang­lo­ses Kli­schee han­delt. Jedem fal­len rasch und wahl­los Bei­spie­le ein: von der Nei­gung des deut­schen Man­nes zu Ten­nis­so­cken bis zum Dekol­le­té der Kanz­le­rin in Bay­reuth, vom Feh­len jeder Welt­läu­fig­keit bei unse­ren Außen­mi­nis­tern bis zur Distanz zwi­schen Geist und Macht über­haupt, von der Häß­lich­keit unse­rer Fuß­gän­ger­zo­nen bis zur Uner­freu­lich­keit des deut­schen Schla­gers, von der Unter­wür­fig­keit gegen­über allem Frem­den bis zum grund­lo­sen Behar­ren auf der eige­nen weil »deut­schen Sch. …« (Rudolf Schlich­ter). Das alles soll irgend­wie mit einem Man­gel an Gewandt­heit zu tun haben, an Stil­be­wußt­sein, an Form­si­cher­heit eben, kein savoir-viv­re, kei­ne manie­ra, nicht ein­mal die pol­ni­sche Mischung aus Cho­pin und Schludrigkeit.

Natür­lich ist viel von dem Auf­ge­zähl­ten belang­los oder ein­fach Teil jener sozia­len Phä­no­me­ne, die auf Ver­mas­sung zurück­ge­hen, gibt es nur weni­ge, die Ver­gleichs­mög­lich­kei­ten haben oder sol­che nut­zen, scheint weder die Begeg­nung mit betrun­ke­nen hol­län­di­schen Fuß­ball­fans noch die mit bri­ti­schen Labour-Abge­ord­ne­ten, weder die Tris­tesse moder­ner fran­zö­si­scher Zweck­bau­ten noch der Zusam­men­prall mit rus­si­schen Hotel­gäs­ten am Büfett, weder das Auf­tre­ten von nord­ame­ri­ka­ni­schem trash noch die Klei­dungs­ge­wohn­heit von Jugend­ban­den ori­en­ta­li­scher Her­kunft etwas an der Gene­ral­ein­schät­zung zu ändern.

Soweit es um Urtei­le geht, die von außen kom­men, darf man Deut­schen­haß in Rech­nung stel­len, soweit es sich um selbst­kri­ti­sche Äuße­run­gen han­delt, muß man vie­les der gro­ßen Depres­si­on zuschla­gen, die die Deut­schen befal­len hat. Die Nei­gung, sich schlecht­zu­ma­chen, in jedem Fall schlech­ter, als man ist, hat natür­lich mit der herr­schen­den Stim­mungs­la­ge zu tun und der Wucht, mit der man der Nati­on ihren Unwert eintrichtert.

Trotz­dem wäre es falsch, den Vor­wurf der Form­lo­sig­keit ein­fach aus aktu­el­len ideo­lo­gi­schen Vor­ga­ben zu erklä­ren. Es geht viel­mehr um ein Phä­no­men lan­ger Dau­er, das nicht zufäl­lig so vie­le klu­ge Köp­fe zu Stel­lung­nah­men her­aus­ge­for­dert hat und bis heu­te her­aus­for­dert. Jeden­falls sprach Arnold Geh­len noch in einem sei­ner letz­ten Tex­te der »Unbe­stimmt­heit, Unsta­bi­li­tät unse­res Wesens« ent­schei­den­de Bedeu­tung zu, dem »man­geln­den Sinn für das Halt­ge­ben­de«, und zitier­te zustim­mend Ger­mai­ne de Staël, die vor zwei­hun­dert Jah­ren zu ganz ähn­li­chen Ein­schät­zun­gen kam: »Denn man muß zuge­ben, daß die Deut­schen heut­zu­ta­ge nicht das haben, was man Cha­rak­ter nennt … die Gesich­ter und Manie­ren schei­nen eine fes­te Gesin­nung anzu­zei­gen, und man ist unan­ge­nehm über­rascht, wenn man sie nicht findet.«

Unschwer kann man von die­sen Fest­stel­lun­gen einen Bogen zu dem Essay schla­gen, den Karl Heinz Boh­rer vor eini­ger Zeit dem Stil­man­gel der Deut­schen gewid­met hat. Der Unter­schied zwi­schen frü­he­ren und aktu­el­len Beob­ach­tun­gen hängt vor allem mit unter­schied­li­chen Genera­tio­nen­er­fah­run­gen zusam­men. Was Boh­rer die »Grund­struk­tur von deut­scher Aus­drucks­lo­sig­keit« nennt, erfährt jetzt etwa eine Aktua­li­sie­rung durch die Unfä­hig­keit der neu­en Mit­tel­schicht, sich »for­mell und ori­gi­nell zugleich zu ver­hal­ten«, nicht über redu­zier­tes Bau­haus und damit das »Aus­drucks­ver­mö­gen von Spie­ßern« hin­aus­zu­kom­men, über­haupt kei­ne Aus­drucks­si­cher­heit an den Tag legen zu kön­nen, die man Bri­ten, Fran­zo­sen, Spa­ni­ern oder Ita­lie­nern selbst­ver­ständ­lich zuge­steht. Wich­ti­ger als das ist aber die Fest­stel­lung einer Schnitt­men­ge in der Argu­men­ta­ti­on Geh­lens und Boh­rers, inso­fern als bei­de Bezug auf Nietz­sche als Refe­renz­punkt neh­men, der jenen erwei­ter­ten Stil­be­griff ein­ge­führt hat, der es erlaubt, Stil­kri­tik als eine Vari­an­te der Kul­tur­kri­tik zu treiben.

Erstaun­lich ist jeden­falls das Maß, in dem Nietz­sche nicht nur Lite­ra­tur, Musik und bil­den­de Kunst, son­dern auch Poli­tik, Reli­gi­on und täg­li­ches Leben einem Urteil unter­warf, das nur Stil oder Stil­lo­sig­keit, guten oder schlech­ten Stil kann­te. Damit war auch alles einem im letz­ten ästhe­ti­schen Maß­stab aus­ge­setzt, der auf das Ethi­sche über­greift, eine – wie Nietz­sche genüß­lich her­vor­hob – ganz und gar undeut­sche Ver­fah­rens­wei­se. Nietz­sche hat den deut­schen Stil­man­gel auf einen Man­gel an Stil­be­wußt­sein zurück­ge­führt, einen Man­gel an Klas­si­zi­tät, den die geis­tig füh­ren­den Schich­ten der Deut­schen nie beho­ben hät­ten. Wie immer in die­sem Fall wird vor allem die fran­zö­si­sche Kul­tur als Gegen­bild ent­wor­fen, die – um es mit den Wor­ten eines Nietz­schea­ners zu sagen – noch stets zurück­grei­fen konn­te auf den »Schatz, den es aus sei­ner aris­to­kra­ti­schen Ver­gan­gen­heit her­über­ge­ret­tet und in der ästhe­ti­schen Durch­ge­formt­heit des fran­zö­si­schen Men­schen­ty­pus wei­ter­ge­pflegt hat« (Max Weber).

Zur Wir­kung von Nietz­sches Kri­tik an der Form­lo­sig­keit der Deut­schen gehört ein beson­de­rer deut­scher »Stil­dis­kurs« seit dem Beginn des 20. Jahr­hun­derts, des­sen Spur sich ver­fol­gen läßt vom Wunsch nach einem jugend­be­weg­ten neu­en »Lebens­stil« (Wil­helm Stäh­lin), über die Idea­li­sie­rung des »preu­ßi­schen Stils« (Moel­ler van den Bruck) und die Intel­lek­tu­el­len­sehn­sucht nach »stil­vol­ler Wild­heit« (Tho­mas Mann) bis zur Ana­ly­se von »Kul­tur­sti­len« (Oswald Speng­ler), die Vor­stel­lung, daß der feh­len­de Wider­stand des deut­schen Bür­ger­tums gegen Hit­ler auf »Form­schwä­che« (Hel­muth Pless­ner) beruh­te, und den Über­le­gun­gen eines Nach­läu­fers, zu des­sen wir­kungs­volls­ten Tex­ten aus­ge­rech­net einer über den »faschis­ti­schen Stil« (Armin Moh­ler) gehör­te. Aller­dings hat Nietz­sche auch die Wahr­neh­mung dafür geschärft, daß die Son­der­stel­lung der Deut­schen unter den (euro­päi­schen) Völ­kern sich aus einer beson­de­ren Denk- und Ver­hal­tens­wei­se erklärt, deren Vor­han­den­sein man nicht ein­fach durch eine Rei­he his­to­ri­scher Fehl­schlä­ge erklä­ren kann – den Man­gel an impe­ria­ler Erfah­rung und eines maß­ge­ben­den höfi­schen Lebens vor allem –, son­dern zurück­füh­ren muß, auf das, was immer etwas hilf­los »Men­ta­li­tät« genannt wird, eine tie­fe­re, aller­dings auch schwe­rer faß­ba­re Ursache.

Bei genau­er Betrach­tung erweist sich die Form­lo­sig­keit der Deut­schen dann weni­ger als Defekt, eine Art Cha­rak­ter­schwä­che, son­dern als Gegen­sei­te eines Kom­ple­xes von Eigen­schaf­ten, die das deut­sche Wesen aus­ma­chen. Man kann man­ches davon natür­lich auch empi­risch erfas­sen. Im fol­gen­den soll es aller­dings um die Tie­fen­schicht gehen, die sich kaum in Daten­sät­zen nie­der­schlägt, und das Gemein­te anhand von vier Begrif­fen erläu­tert werden:

1.

Ursprung – Kein Deut­scher liest wachen Sinns die Ger­ma­nia des Taci­tus, ohne den Ein­druck zu haben, daß die, von denen da antik gere­det wird, ihm ähn­lich sind. Eine Wahr­neh­mung, die noch ungleich stär­ker war, als man die Ger­ma­nia im 15. Jahr­hun­dert wie­der­ent­deck­te und wie einen Spie­gel nahm. Was sich hier vor­ge­formt fand, war die Idee von den Deut­schen als einem »Urvolk« mit einer »Urspra­che«, die spä­ter Fich­te so wir­kungs­voll for­mu­liert hat und die sich so oder ähn­lich in fast jedem Text der frü­hen Natio­nal­be­we­gung, aber auch bei Ber­nard Will­ms fin­det. Der deut­sche Gedan­ke, sich näher an den eige­nen – rei­ne­ren – Anfän­gen zu befin­den als die übri­gen Natio­nen Euro­pas, hat die frap­pie­ren­de Gleich­set­zung mit dem Volk Isra­el gespeist, aber auch die Pro­kla­ma­ti­on zum »jun­gen Volk« der Mit­te, die Vor­stel­lung noch »Kul­tur« und noch nicht »Zivi­li­sa­ti­on« zu sein, die dem »Wes­ten« ganz und gar suspek­te Begeis­te­rung für den »Osten«, von der Über­set­zung Tol­stois bis zum Natio­nal­bol­sche­wis­mus der Wei­ma­rer Zeit.

Die Hoch­schät­zung des Ursprungs bedeu­tet aber nicht oder nicht nur eine Ver­klä­rung der Anfän­ge, wie sie jede vita­le Gemein­schaft kennt, son­dern ist auch ver­bun­den mit der Annah­me, jeder­zeit aus der Quel­le der eige­nen Lebens­kraft schöp­fen zu kön­nen, daß sie zugäng­lich blei­be, trotz des Gangs der Din­ge und der Ent­fer­nung vom Beginn. Die Deut­schen waren nie nur stolz auf ihre Vor­fah­ren, son­dern auch auf einen »bar­ba­ri­schen« Zug, der sich ihnen erhal­ten hat­te. Dar­auf beruh­te, was Max Sche­ler die »Unaus­ge­trun­ken­heit« der Deut­schen nann­te, ihr Noch-nicht-zum-Ziel-gekom­men-Sein, das Unfer­ti­ge, die Vor­stel­lung, sein Ziel noch nicht erreicht zu haben, die aus der Form­lo­sig­keit resul­tie­ren­de Chan­ce, sich immer wie­der als ein ande­rer zu ent­pup­pen. Wenn der Fran­zo­se Charles Mau­rras mein­te, aller Anfang sei häß­lich, neigt der Deut­sche Her­mann Hes­se zu der Auf­fas­sung: »… und jedem Anfang wohnt ein Zau­ber inne«.

2.

Eigen­sinn – Man könn­te das Gemein­te auch als Fol­ge von Eigen­sinn cha­rak­te­ri­sie­ren, – ein sehr deut­sches Wort. Gegen eine Wahr­neh­mung, die »Ord­nung« für typisch deutsch hält, stand lan­ge Zeit die Beto­nung des Unor­dent­li­chen im deut­schen Wesen. Man hat das auf die nur teil­wei­se Roma­ni­sie­rung des deut­schen Gebiets zurück­füh­ren wol­len, aber auch prin­zi­pi­el­le Grün­de genannt, vor allem einen tief­ver­wur­zel­ten Zug ins Anar­chi­sche, der allem regu­lie­ren­den Sinn des Latei­ni­schen wider­spre­chen­de Drang nach Selbst­be­stim­mung und Frei­heit, der sich auch bei den stamm­ver­wand­ten Völ­kern fin­det und jede poli­ti­sche wie reli­giö­se Zusam­men­fas­sung erschwert. Die Rei­he deut­scher Rebel­len, von Armi­ni­us über Luther bis zu Stauf­fen­berg, die weni­ger kon­kre­te poli­ti­sche Zie­le als eine prin­zi­pi­el­le Infra­ge­stel­lung der Ver­hält­nis­se vor Augen hat­ten, ist jeden­falls erklärungsbedürftig.

Das­sel­be gilt für eine Figur wie Micha­el Kohl­haas, dem Kleist ein Denk­mal setz­te und des­sen irri­tie­ren­des Bild dar­auf ver­weist, daß sich deut­scher Eigen­sinn nicht zuletzt in Gründ­lich­keit nie­der­schlägt, in der Unfä­hig­keit oder doch dem Unwil­len, etwas nur halb zu machen, eine Sache auf sich beru­hen zu las­sen, im Wider­wil­len gegen jede Art von Kor­rup­ti­on oder der sich oft als naiv erwei­sen­den Sehn­sucht nach Authen­ti­zi­tät und Natür­lich­keit. Geh­len hat dafür den Begriff des »Kon­se­quenz­fa­na­tis­mus« gebraucht, der sich beson­ders ein­drucks­voll auf intel­lek­tu­el­lem Gebiet nie­der­ge­schla­gen hat, vor allem in den gro­ßen phi­lo­so­phi­schen Sys­te­men, die deut­sche – und nur deut­sche – Den­ker in den letz­ten zwei­hun­dert­fünf­zig Jah­ren schufen.

3.

Wer­den – Die Gren­zen der Über­trag­bar­keit (zuerst: Über­setz­bar­keit) die­ser Denk­be­we­gun­gen von Kant bis Hei­deg­ger haben eine Ursa­che auch dar­in, das heißt einem laten­ten Unwil­len vor allem des Wes­tens gegen­über dem, was man als Aus­ufern wahr­nimmt, die Unge­wöhn­lich­keit der Begriffs­bil­dun­gen und die Ange­strengt­heit. Es kommt aller­dings noch ein Drit­tes ins Spiel: der Aspekt des Unab­ge­schlos­se­nen, ein auf den ers­ten Blick ziel­lo­ser Pro­zeß der Ver­än­de­rung, der sich zu ver­lie­ren droht und »irra­tio­nal« ist, kei­ne Begren­zung fin­det, auch kei­ne in dem bewuß­ten Akt des »ratio­na­len« Ein­hal­tens, das ande­ren Denk­sti­len so typisch ist.

Frap­pie­ren­der­wei­se haben der Fran­zo­se de Maist­re wie der Rus­se Dos­to­jew­ski als Ursa­che der dau­ern­den Umwäl­zungs­pro­zes­se in der Moder­ne die deut­sche Refor­ma­ti­on ange­se­hen. Ihnen erschien als unheim­li­cher Pro­zeß, was die ganz deut­sche Roman­tik als »orga­nisch« betrach­te­te, also als »leben­dig«, und was vor allem zu einer voll­stän­di­gen Erneue­rung des Ver­ständ­nis­ses von Geschich­te führ­te, die nicht län­ger als Nie­der­schlag anti­qua­ri­schen Inter­es­ses oder als Bei­spiel­samm­lung zu päd­ago­gi­schen Zwe­cken ver­stan­den wur­de, son­dern als ein Gan­zes, das sich sinn­voll ent­fal­tet, nicht nach stren­gen Geset­zen, aber doch Prin­zi­pi­en fol­gend, die der mensch­li­che Geist erfas­sen und – im letz­ten: künst­le­risch – nach­ge­stal­ten kann.

4.

Glau­ben – Es hat kaum etwas ande­res so nach­hal­tig auf das deut­sche Bewußt­sein gewirkt wie die­ser Sinn für das Geschicht­li­che. Ernst Tro­eltsch sprach sogar davon, daß er den letz­ten gro­ßen »Fort­schritt zu frei­er, per­sön­li­cher und indi­vi­du­el­ler Sitt­lich­keit« dar­stell­te. Die Beto­nung des Ethi­schen ist in die­sem Zusam­men­hang kein Zufall, sowe­nig wie die Inten­si­tät, mit der ver­sucht wur­de, die eben auch denk­ba­ren – nihi­lis­ti­schen – Fol­gen des His­to­ris­mus zu bän­di­gen. Damit sei auf einen letz­ten Aspekt hin­ge­wie­sen, um den es in die­sem Zusam­men­hang gehen muß. Gemeint ist die deut­sche Fröm­mig­keit. Die hat schon bewirkt, daß die Mis­si­on der Deut­schen ein ganz beson­ders schwie­ri­ger Akt war und daß sie, ein­mal Chris­ten gewor­den, den neu­en Glau­ben in ihrer Art beson­ders ernst nah­men, was auch dazu führ­te, daß sie nicht irgend­wel­che Ket­ze­rei­en her­vor­brach­ten wie ihre Mit­chris­ten, son­dern gleich eine neue Kir­che gründeten.

Für unse­ren Zusam­men­hang wich­ti­ger ist wei­ter die Fest­stel­lung vie­ler aus­län­di­scher Beob­ach­ter, die im 19. Jahr­hun­dert nach Deutsch­land kamen. Sie waren frap­piert über die reli­giö­se Ernst­haf­tig­keit. Nicht daß die Kir­chen­bin­dung noch die ursprüng­li­che Stär­ke gehabt hät­te oder der Volks­glau­be, der Bel­gi­en, Spa­ni­en oder Ita­li­en präg­te, ver­gleich­bar gewe­sen wäre. Gemeint war viel­mehr die Beob­ach­tung unter den Gebil­de­ten, daß sie »Reli­gio­si­tät« zu den wich­ti­gen Aspek­ten des Mensch-Seins rech­ne­ten, daß sie jeden­falls die ken­ne­ri­sche Skep­sis oder das Spöt­ti­sche zurück­wie­sen und daß der Deut­sche sogar dann, wenn er sich vom Glau­ben abwand­te, »die Göt­ter opfer­te in einem stren­ge­ren und lau­te­ren Sinn, als ehe­dem der Mythos Göt­ter opfer­te« (Leo­pold Zieg­ler). Man kann in dem Zusam­men­hang auch auf die Inten­si­tät der Welt­an­schau­ungs­pro­duk­ti­on der Deut­schen ver­wei­sen – es gibt wohl kei­ne Großideo­lo­gie, die nicht zuerst hier durch­dacht oder bis zur letz­ten Kon­se­quenz exer­ziert wur­de –, auch das ein Phä­no­men, das auf die Ernst­haf­tig­keit eines »theo­lo­gi­schen Vol­kes« (Ewald Hein­rich) verweist.

Die aktu­el­le Kla­ge über die Form­lo­sig­keit der Deut­schen will weder etwas vom Glau­ben der Deut­schen noch von ihrer Ursprungs­ver­haf­tung, ihrem Eigen­sinn oder ihrer Sen­si­bi­li­tät für das Wer­den wis­sen. Man will nicht in den Ver­dacht kom­men, nach Abhil­fe zu suchen, son­dern beschränkt sich dar­auf, den Deut­schen Anver­wand­lung zu emp­feh­len, Ver­west­li­chung, Ame­ri­ka­ni­sie­rung im Nor­mal­fall. Aus­ge­blen­det wer­den des­halb auch jene Pha­sen der deut­schen Geschich­te, in denen es zwei­fel­los gelang, etwas wie eine Form zu schaf­fen, eine Bän­di­gung zu bewir­ken. Das gilt für die Zeit der Otto­nen, aber mehr noch für die der Stau­fer, das gilt für die durch­prä­gen­de Kraft der Habs­bur­ger genau­so wie für Preu­ßen, das gilt im Künst­le­ri­schen sicher für das Werk des Naum­bur­ger Meis­ters wie für das Dürers, für die Lite­ra­tur der Klas­sik und die klas­si­sche Moder­ne, das gilt im Den­ke­ri­schen für Leib­niz wie für Kant oder Hegel.

Es gilt aber zuge­ge­be­ner­ma­ßen nicht in glei­cher Wei­se für die letz­ten Abschnit­te unse­rer Geschich­te. Schon im Wil­hel­mi­nis­mus gab es eine Beun­ru­hi­gung dar­über, ob es noch gelin­gen wer­de, den »deut­schen Typus der Zukunft« (Franz von Schmidt) zur Erschei­nung zu brin­gen. Und der letz­te Ver­such, dem nach­zu­hel­fen, im »gro­ßen Stil« (Gott­fried Benn), ist voll­stän­dig geschei­tert. Aber das besagt nichts gegen die Aktua­li­tät der seit­dem gestell­ten Auf­ga­be. Ganz im Gegenteil.

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