Konzentrische Ordnung – Nachruf auf einen Stil

50pdf der Druckfassung aus Sezession 50 / Oktober 2012

von Thomas Bargatzky

In seiner Schrift Aussichten auf den Bürgerkrieg beschreibt Hans Magnus Enzensberger zwei höchst unterschiedliche Kulturstile, in denen sich das gegenseitige Mißverstehen manifestiert, das auch in globalisierten Zeiten zwischen Ost und West, Nord und Süd nicht überwunden ist, sondern in der Gegenwart sogar noch an Virulenz gewinnt.

 Gastbeitrag

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Die west­li­che uni­ver­sa­lis­ti­sche Moral als »die letz­te Zuflucht des Euro­zen­tris­mus« steht gegen die Inter­es­sen des Loka­len, Regio­na­len. Der west­li­che Uni­ver­sa­lis­mus erweist sich jedoch als mora­li­sche Fal­le: Wir haben die Men­schen­rech­te pro­kla­miert und das schlech­te Gewis­sen erfun­den, des­we­gen füh­len wir uns hilf­los in unse­rer Taten­lo­sig­keit, denn über­all ver­hun­gern Men­schen, erlei­den Mas­sa­ker, Ver­trei­bung und Ver­ge­wal­ti­gung. Die­ses Gefühl wird einen Men­schen in Außer­eu­ro­pa jedoch befrem­den. Frei nach Samu­el Hun­ting­ton mani­fes­tiert sich hier der wah­re »Zusam­men­prall der Kul­tu­ren«: Die welt­his­to­risch und anthro­po­lo­gisch ursprüng­li­che Ethik der »kon­zen­tri­schen Ord­nung« steht gegen das »Pri­mat des All­ge­mei­nen« (Trutz v. Tro­tha) in sei­ner für die heu­ti­ge Zeit typi­schen, über­spitz­ten und zer­stö­re­ri­schen Form.

His­to­risch-anthro­po­lo­gisch kann man das Kon­zept »kon­zen­tri­sche Ord­nung« etwa wie folgt begrün­den: Für Arbeit und Pro­duk­ti­on, für die Aneig­nung der Natur und ihre Umfor­mung zu lebens­dien­li­chen Zwe­cken in nicht­mo­der­nen Gesell­schaf­ten ist es unab­ding­ba­re Vor­aus­set­zung für das Indi­vi­du­um, einem Ver­band gemein­sam pro­du­zie­ren­der und kon­su­mie­ren­der Men­schen anzu­ge­hö­ren. Dies ist in der Regel der Ver­band, in den das Indi­vi­du­um hin­ein­ge­bo­ren oder ein­ge­glie­dert wur­de. Nur durch die­se Zuge­hö­rig­keit hat der ein­zel­ne Zugang zu den Pro­duk­ti­ons­mit­teln, zu denen auch Kennt­nis­se und sym­bo­li­sches Wis­sen zäh­len. Ein Karl Marx und Fried­rich Engels zuge­schrie­be­ner Satz bringt die­se Lage auf den Punkt: »Der wirk­li­che Reich­tum des Men­schen ist der Reich­tum sei­ner wirk­li­chen Beziehungen«.

Unter die­sen Bedin­gun­gen ent­fal­tet sich die Ethik der kon­zen­tri­schen Ord­nung. Das Han­deln ist bezie­hungs­ori­en­tiert und wird durch Ver­schwie­gen­heit, Dis­zi­plin, Loya­li­tät und Zurück­hal­tung regiert. Die Gesell­schaft funk­tio­niert auf der Grund­la­ge per­sön­li­cher Macht- und Kli­en­tel­be­zie­hun­gen, wobei die Rech­te des ein­zel­nen sich am Umfang sei­nes Ein­flus­ses aus­rich­ten. Ver­wand­ter, Freund, Gefolgs­mann – im Poly­the­is­mus umfas­sen sie auch die Ahnen und Gott­hei­ten in einem Netz der Stamm­baum­ver­wandt­schaft. Loya­li­tät gegen­über den Höher­ge­stell­ten ist zugleich Loya­li­tät den Gott­hei­ten gegen­über, von denen im Gegen­zug Pro­tek­ti­on, gute Ern­te, Segen und Frucht­bar­keit für Mensch und Tier, Erfolg und ande­res erwar­tet wer­den darf. Do ut des. Der Ethik­be­griff, der dem kon­zen­tri­schen Den­ken zugrun­de liegt, ist ein Begriff der Pflich­ten, die man gegen­über ande­ren hat, nicht etwa der Rech­te, die man ihnen gegen­über anmel­den könnte.

Die kon­zen­tri­sche Ord­nung der sozia­len Welt ist der inter­kul­tu­rel­le und his­to­ri­sche Nor­mal­fall. Nicht nur »tri­ba­le« Ver­hält­nis­se las­sen sich als kon­zen­trisch beschrei­ben, son­dern auch älte­re, auf per­so­na­len Bezie­hun­gen beru­hen­de Ord­nungs­mo­del­le wie Reich und Mon­ar­chie. Sie stel­len die Ein­heit durch die gemein­sa­me Bezie­hung der Mit­glie­der des poli­ti­schen Kör­pers zu einem Ober­haupt her. Die Ein­heit des poli­ti­schen Gemein­we­sens wur­de in Euro­pa bis in die Moder­ne reli­gi­ös durch den Schöp­fer und die Gott­kind­schaft aller Men­schen begrün­det und auf Erden durch den Mon­ar­chen dar­ge­stellt und umge­setzt. Auf die sprach­li­chen, kul­tu­rel­len und eth­ni­schen Eigen­hei­ten der Unter­ta­nen kommt es dabei nicht an – anders in den moder­nen natio­nal­staat­li­chen Gebilden.

Die kon­zen­tri­sche Ethik mani­fes­tiert sich durch stren­ges Beach­ten des Sta­tus, Förm­lich­keit, Selbst­be­herr­schung, Gast­freund­schaft, Bewah­rung der Ehre. Bis heu­te betrach­ten sich die Men­schen im nicht­mo­der­nen Außer­eu­ro­pa als Bewah­rer die­ser Tugen­den und damit als eigent­li­che Kul­tur­völ­ker. Euro­pä­er und Ame­ri­ka­ner gel­ten dage­gen nicht sel­ten als »pri­mi­tiv«, denn sie ver­hal­ten sich, von der War­te einer kon­zen­tri­schen Ethik aus gese­hen, oft wie uner­zo­ge­ne Kin­der, sie sind vul­gär, gie­rig, unbe­herrscht, »unkul­ti­viert«. Bei Kon­flik­ten inner­halb der Fami­li­en, Clans oder Stäm­me geht es fer­ner auch heu­te in der Regel nicht, wie oft in moder­nen west­li­chen Fami­li­en, um Fra­gen der Ideo­lo­gie oder des Glau­bens. Kon­fes­sio­nel­le Unter­schie­de sind eher Aus­druck bestehen­der inter­ner Kon­flik­te, als daß sie sol­che generieren.

Die Vor­stel­lung vom Pri­mat des All­ge­mei­nen in bezug auf Ethik und Poli­tik wur­de im Abend­land zum ers­ten­mal in Hel­las und Rom for­mu­liert. Das Adjek­tiv »poli­tisch« bringt dies zum Aus­druck, denn grie­chisch poli­ti­kós sowie das Sub­stan­tiv pólis – Stadt, Staat – bezie­hen sich ursprüng­lich auf die Bür­ger­schaft bzw. auf das die Staats­ver­wal­tung betref­fen­de Han­deln. Damit ist ein Han­deln gemeint, das dem öffent­li­chen Inter­es­se dient und dem Gemein­wohl gemäß ist. Die Bür­ger­schaft umfaß­te aller­dings nur einen Teil, wenn nicht sogar die Min­der­heit der Men­schen, die inner­halb der Gren­zen des Gemein­we­sens leb­ten. Ver­wandt­schaft­lich orga­ni­sier­te Grup­pen bestimm­ten nach wie vor das poli­ti­sche Gesche­hen. Erst im moder­nen Staat und Natio­nal­staat kam das Pri­mat des All­ge­mei­nen als für alle Bür­ger ver­bind­li­che ethi­sche Leit­vor­stel­lung voll zur Gel­tung. Welt­his­to­risch betrach­tet, so Trutz v. Tro­tha, kann man jedoch die moder­ne Vor­stel­lung vom Pri­mat des All­ge­mei­nen im staat­li­chen und öffent­li­chen Raum nur als »exo­tisch« bezeichnen.

Seit dem Zusam­men­bruch des Sowjet­im­pe­ri­ums rich­tet sich die Ethik des poli­ti­schen Han­delns bei west­lich gepräg­ten Eli­ten und Intel­lek­tu­el­len immer mehr auf ein All­ge­mei­nes, das jen­seits der Zwi­schen­in­stan­zen Fami­lie, Gemein­de, Nati­on und Staat liegt, durch die das Indi­vi­du­um erst Teil der Mensch­heit wird. In einer Rede vor den Ver­ein­ten Natio­nen pro­kla­mier­te Kofi Ann­an das Prin­zip der »indi­vi­du­al sov­er­eig­n­ty«, und Con­do­leez­za Rice, als Bera­te­rin des ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten für Natio­na­le Sicher­heit, plä­dier­te für die Ablö­sung des Prin­zips der staat­li­chen Sou­ve­rä­ni­tät, das seit dem West­fä­li­schen Frie­den die Bezie­hun­gen der Staa­ten zuein­an­der regelt. Das »Welt­rechts­prin­zip« soll fer­ner das natio­na­le Straf­recht bre­chen, mit fata­len Fol­gen für die staat­li­che Sou­ve­rä­ni­tät. Wer­te­ge­mein­schaft, Mensch­heit, Men­schen­rech­te, Welt­in­nen­po­li­tik, Zivil­ge­sell­schaft, Kli­ma­schutz – all die­se Schlag­wor­te bedeu­ten gera­de­zu eine Umkehr der Rich­tung kon­zen­tri­scher Loya­li­tät. Das Nahe, Loka­le, ist nicht mehr wich­tig, nur das All­ge­mei­ne zählt.

Kul­tur- und sozi­al­wis­sen­schaft­lich täti­ge Intel­lek­tu­el­le die­nen sich gele­gent­lich als Laut­ver­stär­ker den neu­en Pro­pa­gie­rern der »Einen Welt« an. Es scheint, als hät­ten sie ver­ges­sen, daß der Mensch sowohl sei­ner Kör­per­be­schaf­fen­heit als auch sei­ner geis­ti­gen Ver­an­la­gung nach nicht als Ein­zel­we­sen exis­tie­ren kann. Die Alteri­täts­ob­ses­si­on man­cher Eth­no­lo­gen hat sich heu­te das Indi­vi­du­um als Objekt aus­er­ko­ren, nicht mehr, wie ehe­dem, die ein­zel­ne »Kul­tur«: »Das Bas­teln am eige­nen Leben ist zur Kol­lek­ti­verfah­rung unse­rer west­li­chen (sic!) Welt gewor­den«, jubeln die bei­den Ver­kün­de­rin­nen Joana Brei­den­bach und Ina Zuk­rigl. »Die Nor­mal­bio­gra­phie wird zur Wahlbiographie«.

Den Men­schen an sich gibt es jedoch nicht. Men­schen, die ohne den Ein­fluß der Sit­ten und Gebräu­che einer bestimm­ten Ört­lich­keit leben, hat es nie­mals gege­ben, sol­che Men­schen kön­nen auch nicht exis­tie­ren. Kein Mensch, kei­ne mensch­li­che Grup­pe kann fer­ner die Tota­li­tät aller mög­li­chen Ver­hal­tens- und Orga­ni­sa­ti­ons­for­men ver­wirk­li­chen, son­dern immer nur Teil­men­gen davon. Oder, um Chris­toph Ant­wei­ler zu zitie­ren, einen Rea­lis­ten in der Zunft der zeit­ge­nös­si­schen Eth­no­lo­gie: »Von allen denk­ba­ren For­men kul­tu­rel­ler Viel­falt ist nur eine begrenz­te Anzahl fak­tisch ver­wirk­licht … das Spek­trum mensch­li­cher Viel­falt (ist) enorm, aber doch deut­lich klei­ner … als der ›eth­no­gra­phi­sche Hyperspace‹«.

Dar­aus resul­tiert aber die Not­wen­dig­keit der Gren­ze und damit auch die Unhin­ter­geh­bar­keit der kon­zen­tri­schen Ord­nung. Mensch­li­che Grup­pen müs­sen sich mit Not­wen­dig­keit von­ein­an­der abgren­zen, ja, ande­re aus­gren­zen – die­se Bot­schaft ist aus poli­ti­schen Grün­den heu­te uner­wünscht. Frei­lich gibt es kei­ne Grup­pe oder »Kul­tur« ohne bestimm­te Regeln, die­se Gren­zen mehr oder weni­ger offen zu hal­ten. Sie müs­sen durch­läs­sig sein, eine voll­kom­men abge­schot­te­te Grup­pe könn­te nicht über­le­ben, aber die Durch­läs­sig­keit muß eben auf bestimm­te Wei­se gere­gelt werden.

Der Über­gang der Moder­ne zur Post­mo­der­ne ist daher viel mehr als nur die Ablö­sung eines »Kul­tur­stils« durch einen ande­ren, er bedeu­tet die Infra­ge­stel­lung der Zwi­schen­in­stan­zen durch die Welt der Netz­wer­ke. Netz­wer­ke haben weder Zen­trum noch Peri­phe­rie, sie sind Sub­strat und Infra­struk­tur der öko­no­mi­schen Glo­ba­li­sie­rung. Unter der Ägi­de der Netz­wer­ke bil­det sich ein neu­er Typ gesell­schaft­li­cher Bezie­hun­gen her­aus: die »supra­na­tio­na­le Iden­ti­tät«. Die­se steht in Zusam­men­hang mit dem Her­auf­kom­men des »Welt­rechts­prin­zips«, durch das die Sou­ve­rä­ni­tät der Staa­ten unter­mi­niert wer­den soll. Im Namen des poli­ti­schen Pseu­do­my­thos der »Einen Welt« wer­den die natür­li­chen Unter­schie­de der Geschlech­ter geleug­net, die Fami­li­en sol­len zer­streut, die Natio­nen auf­ge­löst, die Kul­tu­ren und Reli­gio­nen zer­stört und Tra­di­tio­nen durch­ein­an­der­ge­wür­felt wer­den, bis alle Unter­schie­de aus­ge­löscht sind.

Die Ato­mi­sie­rung der Indi­vi­du­en nach dem »Sand­hau­fen­mo­dell« der Gesell­schaft soll vor­an­ge­trie­ben wer­den, um sie anschlie­ßend um so bes­ser in die von zen­tra­len Büro­kra­tien erson­ne­nen neu­en Struk­tu­ren der Sozi­al­tech­nik hin­ein­zu­be­frei­en. Das muß nicht unbe­dingt nach Plan gesche­hen – Ver­schwö­rungs­theo­rien sind sel­ten gute Rat­ge­ber. Aber die Fol­gen sind bereits zu erken­nen. Die neue »Reli­gi­on«, der sich ihre Hohen­pries­ter in Medi­en, Regie­run­gen und Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen wei­hen, ist der Öko­no­mis­mus, die »Reli­gi­on des Brut­to­in­lands­pro­duk­tes«. Sie ist ein Erbe einer aus dem Ruder gelau­fe­nen Auf­klä­rung, meint der kon­ser­va­ti­ve ame­ri­ka­ni­sche Publi­zist Patrick Buchanan.

Die­se »Welt ohne Gren­zen« ist das Kom­ple­ment des gren­zen­lo­sen Finanz­ka­pi­ta­lis­mus, der nach dem Ende der Sowjet­uni­on die Welt in sei­nen Bann schlägt. In ihr fühlt sich das »sou­ve­rä­ne Indi­vi­du­um« als »Welt­bür­ger« und Herr sei­ner Bio­gra­phie, dabei ist es den neu­en büro­kra­ti­schen Tota­li­ta­ris­men aus­ge­lie­fert. Die Ent­po­li­ti­sie­rung des Han­delns hat den­noch poli­ti­sche Fol­gen, da sie dem Macht­stre­ben der der­zeit »ein­zi­gen Welt­macht« den Weg ebnet. Zbi­gniew Brze­zinski hat die Kar­ten auf den Tisch gelegt, indem er Ame­ri­kas »glo­ba­les Ord­nungs­sys­tem« als eine Mischung aus sanf­ter und har­ter Macht beschrieb.

Stil ist die Form, in der Sub­stanz sich Aus­druck schafft. In kon­zen­tri­schen Ord­nun­gen ist die­se Sub­stanz über­in­di­vi­du­ell. Sie ver­weist auf Kul­tur als Dau­ern­des. Sie bin­det das Indi­vi­du­um in die mythi­sche Ver­gan­gen­heit ein, die durch die Clan­struk­tur in die Gegen­wart geholt wird, oder sie macht den Glau­ben­den zum Teil des mys­ti­schen Lei­bes Chris­ti. Auch die säku­la­re Moder­ne besaß noch Stil, solan­ge sie es ver­moch­te, dem Dasein des Bür­gers Sinn als Mit­glied sei­nes Staa­tes oder sei­ner Nati­on zu ver­lei­hen. Die Welt der gren­zen­lo­sen Aus­wei­tung des Pri­mats des All­ge­mei­nen auf die post­mo­der­nen Netz­wer­ke mit der ihr ent­spre­chen­den uni­ver­sa­lis­ti­schen Ethik ist dage­gen eine stil­lo­se Welt ohne Sub­stanz, in der die an ihrer Bio­gra­phie bas­teln­den Patch­work-Indi­vi­du­en – wie die Eloi in H.G. Wells’ Zeit­ma­schi­ne – zum Fut­ter von Mäch­ten wer­den, die sie nicht erkennen.

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