Denkstil, Zeitgeist, Weltanschauung

50pdf der Druckfassung aus Sezession 50 / Oktober 2012

Bei niemandem scheint der Stil so unwichtig zu sein wie bei einem Denker. Ihm geht es nicht um Äußerlichkeiten, nicht um Förmlichkeiten, sondern um Erkenntnis und Wahrheit.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Letz­te­re ist etwas Abso­lu­tes: Man kann sich ihr zwar mit ver­schie­de­nen Metho­den annä­hern (die sich gele­gent­lich gegen­sei­tig abspre­chen, die Wahr­heit erken­nen zu kön­nen), aber letzt­lich zählt nicht, in wel­cher Form das geschieht. Die Son­der­stel­lung des Den­kers hat etwas mit unse­rer Gewohn­heit zu tun, unter Stil etwas zu ver­ste­hen, das sich abbil­den läßt. Wir den­ken eben zuerst an einen Bau­stil, an den Stil eines bestimm­ten Malers oder auch an den Stil eines Schrift­stel­lers. Bei all dem ist ein Wie­der­erken­nungs­wert gegeben.

Wenn wir von einem Stil spre­chen, muß es Ele­men­te geben, die wir an einem schöp­fe­ri­schen Werk als wie­der­keh­rend und damit durch­ge­hend iden­ti­fi­zie­ren kön­nen – sei es eine bestimm­te Säu­len­form, die den dori­schen Stil aus­macht, eine Farb­lich­keit, die wir nur bei van Gogh fin­den, oder die mit­un­ter sehr lan­gen Sät­ze Tho­mas Manns.

Wir den­ken also zunächst an eine Kunst, die auf eine aus­ge­präg­te Art aus­ge­führt wur­de, so daß wir Gemein­sam­kei­ten wahr­neh­men kön­nen. Auf die­sem Weg las­sen sich dann auch Stil­epo­chen von­ein­an­der unter­schei­den. Dabei sind nicht allein die Äußer­lich­kei­ten ent­schei­dend. Sti­le sind immer Aus­druck einer bestimm­ten Welt­an­schau­ung, einer Sicht auf die Din­ge und damit auch Aus­druck des jewei­li­gen Zeit­geis­tes. Vor die­sem Hin­ter­grund wer­den die Tätig­kei­ten in einem bestimm­ten Stil aus­ge­führt, Stil­wech­sel fin­den statt. Ohne einen durch­ge­hen­den Stil gäbe es kei­nen Stil­bruch, der ja gera­de mit einem fort­wäh­ren­den Moment bricht. Inso­fern ist der Streit müßig, ob der Spitz­bo­gen der Gotik Aus­druck eines neu­en Lebens­ge­fühls (und Lebens­stils) war (der Hin­ga­be an Gott näm­lich) oder ein­fach eine Fol­ge sta­ti­scher Berech­nun­gen, die man vor­her nicht beherrscht hat­te. Der Zeit­geist sucht sich die ihm ent­spre­chen­de Form. Grund­sätz­lich gilt: Die Form soll­te dem Inhalt ange­mes­sen sein, dann ergibt es einen Stil, alles ande­re wäre stillos.

Wäh­rend wir das Wort Stil in allen mög­li­chen Zusam­men­hän­gen ver­wen­den, kommt uns das Wort Denk­stil unge­wohnt vor. Es fin­det in der All­tags­spra­che kei­ne Ver­wen­dung. Wenn es aber Schwimm­sti­le gibt, ­war­um soll es dann nicht Sti­le geben, die die wich­tigs­te Tätig­keit des Men­schen betref­fen? Ana­log zu den genann­ten Bei­spie­len müß­ten wir den Denk­stil einer Epo­che, eines Men­schen oder eine Grup­pe von Men­schen gegen ande­re abgren­zen kön­nen. Dazu müß­ten wie­der­keh­ren­de Ele­men­te aus­zu­ma­chen sein, die die Sti­le von­ein­an­der unterscheiden.

Wir ste­hen damit zumin­dest vor einem Pro­blem: Wo wer­den wir die­ses Den­kens hab­haft, das sich als Stil zeigt? Wo mani­fes­tiert sich der Denk­stil? Denn, was einer denkt, ist nicht unmit­tel­bar zugäng­lich, nicht zuletzt weil die Gedan­ken frei sind. Wir sind dar­auf ange­wie­sen, daß er sich in der Rede, im Gespräch oder in schrift­li­cher Form offen­bart. Auch der Schwimm­stil ist eine flüch­ti­ge Bewe­gung, die sich aber durch das Wie­der­keh­ren­de der Aus­füh­rung aus­zeich­net – eine Anschau­ung, die sich kaum auf das Den­ken über­tra­gen läßt, das sich ja nie nur in for­ma­len Metho­den, mit denen man immer wie­der an die unter­schied­lichs­ten Fra­gen her­an­geht, erschöpft. Pla­tons Den­ken kann man nur von Aris­to­te­les’ unter­schei­den, weil von bei­den schrift­li­che Zeug­nis­se vor­lie­gen. Bei­de unter­schei­den sich dabei nicht nur for­mal (Dia­log und Vor­le­sung), son­dern auch inhalt­lich, weil sie auf unter­schied­li­che Wei­se die Welt erschlie­ßen. Ob man des­halb von ver­schie­de­nen Denk­sti­len spre­chen kann, ist damit noch nicht gesagt. Immer­hin las­sen sich bei­de gemein­sam gut gegen die Epo­chen, die vor und nach ihnen lie­gen, abgrenzen.

Pro­ble­ma­tisch bleibt der Begriff Denk­stil auch, weil er in der deut­schen Geis­tes­ge­schich­te kei­ne lan­ge Tra­di­ti­on hat. Er kommt bei den Klas­si­kern nicht vor. Statt des­sen ist seit Ende des 18. Jahr­hun­derts das Wort »Denk­form« üblich, das die unter­schied­li­che Her­an­ge­hens­wei­se des Ver­stan­des an die Gegen­stän­de beschrei­ben soll­te. Hegel sah Denk­for­men »mit der Bil­dung einer Zeit und eines Vol­kes über­haupt gemein­schaft­lich« ver­bun­den, sah also ihre Zeit­ge­bun­den­heit. Hans Lei­se­gang unter­schied in den zwan­zi­ger Jah­ren fünf ver­schie­de­ne Denk­for­men, dar­un­ter die »Denk­form der Anti­no­mien« und die »eukli­disch-mathe­ma­ti­sche Denk­form«. Doch auch die­sem Ter­mi­nus fehlt die begriff­li­che Fas­sung. Viel­leicht hat nicht zuletzt des­halb Lud­wik Fleck den Ter­mi­nus Denk­stil eingeführt.

Fleck ver­wen­de­te ihn seit Anfang der drei­ßi­ger Jah­re und ver­öf­fent­lich­te 1935 das Buch Ent­ste­hung und Ent­wick­lung einer wis­sen­schaft­li­chen Tat­sa­che. Ein­füh­rung in die Leh­re vom Denk­stil und Denk­kol­lek­tiv. Obwohl Tho­mas S. Kuhn das Buch in sei­ner bekann­ten (und geis­tes­ver­wand­ten) Schrift Die Struk­tur wis­sen­schaft­li­cher Revo­lu­tio­nen (1962) erwähnt, wur­de es eigent­lich erst 1980 wie­der­ent­deckt. Dar­an sind nicht zuletzt die unmit­tel­ba­ren Umstän­de der Publi­ka­ti­on von 1935 schuld. Fleck war Lem­ber­ger Jude, der das Buch auf deutsch ver­öf­fent­lich­te, damit aber nur in Polen eine klei­ne Debat­te aus­lö­sen konn­te. Hin­zu kommt, daß Fleck als Mikro­bio­lo­ge sei­ne The­se, daß Denk­stil und Denk­kol­lek­tiv die ent­schei­den­den Momen­te für die Ent­ste­hung einer wis­sen­schaft­li­chen Tat­sa­che sind, mit den unge­wohn­ten Bei­spie­len sei­nes Fach­ge­bie­tes illus­trier­te. Kon­kret bedien­te er sich dazu der Ent­wick­lung des Syphi­lis­be­griffs: von der Lust­seu­che bis zur Ent­de­ckung des Erregers.

Er woll­te damit zei­gen, daß es kei­nen neu­tra­len Syphi­lis­be­griff gibt, an den man sich objek­tiv her­an­for­schen kön­ne, son­dern eine Rei­he von his­to­risch beding­ten Begrif­fen, die auf bestimm­ten, geis­ti­gen und mate­ri­el­len, Vor­aus­set­zun­gen beru­hen. Die Ent­wick­lung der soge­nann­ten Was­ser­mann-Reak­ti­on, einer Metho­de zur Dia­gnos­tik der Syphi­lis, dient Fleck als Nach­weis des Denk­kol­lek­tivs. Zum einen ent­de­cke nie­mand eine wis­sen­schaft­li­che Tat­sa­che ein­fach so, son­dern es sei immer ein gesell­schaft­li­cher Druck vor­han­den, der das Denk­kol­lek­tiv in Gang set­ze. Zum ande­ren stellt Fleck die Ten­denz her­aus, For­schungs­er­geb­nis­se im nach­hin­ein als logi­sche Fol­ge des Ansat­zes dar­zu­stel­len und so zu idea­li­sie­ren. Nach Mei­nung Flecks ent­steht eine wis­sen­schaft­li­che Tat­sa­che dage­gen auf­grund fal­scher Vor­aus­set­zun­gen durch viel »Irrun­gen und Wirrungen«.

Dem Denk­stil kommt dabei eine ent­schei­den­de Rol­le zu, denn eine wis­sen­schaft­li­che Ent­de­ckung ist bei Fleck Resul­tat eines sozia­len Gesche­hens. Ihre Über­zeu­gun­gen haben die Wis­sen­schaft­ler gemein­sam, sie bestim­men das Vor­ge­hen und damit auch das Ergeb­nis des For­schens. Es lie­ge immer ein »gerich­te­tes Wahr­neh­men« vor, mit ande­ren Wor­ten ein Denk­stil, eine durch Tra­di­ti­on, Erzie­hung und Gewöh­nung her­vor­ge­ru­fe­ne Bereit­schaft für stil­ge­mä­ßes, damit gerich­te­tes und begrenz­tes Han­deln und Emp­fin­den. Ein Denk­stil zeich­ne sich durch inne­re Geschlos­sen­heit und Behar­rungs­ten­denz, aber auch Leben­dig­keit aus, die es dem Stil in einem gewis­sen Rah­men ermög­licht, neue Erkennt­nis­se zu inte­grie­ren und so den Stil zu ergän­zen und umzuformen.

Kon­kret kann sich der Denk­stil gegen­über Neue­run­gen auf ver­schie­de­ne Art ver­hal­ten: Wider­spruch wird als undenk­bar abge­wie­sen, nicht Stil­ge­mä­ßes wird über­se­hen, es wird ver­schwie­gen, obwohl es bekannt ist. Schließ­lich gibt es die Mög­lich­keit, einen bestehen­den Wider­spruch als nur schein­ba­ren aus­zu­wei­sen oder die­sen gar als Beleg für den eige­nen Stand­punkt zu benut­zen. Daher müs­sen neue Ent­de­ckun­gen im Sin­ne des herr­schen­den Denk­stils vor­ge­bracht wer­den, wenn sie inte­griert wer­den sol­len. Wor­auf Fleck hin­aus­will, ist deut­lich: Es gibt kein vor­aus­set­zungs­lo­ses Beob­ach­ten, son­dern nur ein denk­s­til­ge­bun­des, das uns ent­spre­chen­de Ergeb­nis­se prä­sen­tiert. Wahr­heit bedeu­tet dann etwas Rela­ti­ves, ist einem stil­ge­mä­ßen Denk­zwang geschul­det. Zwi­schen zwei Denk­kol­lek­ti­ven kann es kei­ne gemein­sa­me Wahr­heit geben. Was wir in einem Stil wis­sen, neh­men wir nicht not­wen­dig in den nächs­ten mit. Wis­sen­schaft­li­cher Fort­schritt ist also mit Ver­lus­ten verbunden.

Auch wenn Fleck von Erwei­te­rung und Umwand­lung eines Denk­stils spricht, bleibt undeut­lich, wie ein Stil­wan­del erfol­gen soll. Immer­hin geht er davon aus, daß es eine stil­mä­ßi­ge Bin­dung aller Begrif­fe einer Epo­che gibt, so daß nie­mand sei­ne Begrif­fe frei wäh­len kann. Begrif­fe ande­rer Epo­chen blei­ben unver­ständ­lich; ob sie wahr sind, bleibt unbe­stimm­bar. Laut Fleck kön­nen gan­ze Epo­chen in einem Denk­zwang leben und Anders­den­ken­de als Ver­bre­cher ver­fol­gen. Das ände­re sich erst, wenn sich die Stim­mung wand­le. Die Stim­mung ist daher ein Schlüs­sel­wort für die Denk­stil­leh­re von Fleck. Als Bei­spiel führt er die intel­lek­tu­el­le Stim­mung des moder­nen natur­wis­sen­schaft­li­chen Den­kens an, die sich klar von einer mythi­schen Stim­mung abgren­zen las­se. Gegen die­se moder­ne Stim­mung will Fleck ange­hen, wenn er sie wie folgt cha­rak­te­ri­siert: Sie ver­ehrt das Ide­al objek­ti­ver Wahr­heit und glaubt, daß die­ses Ide­al in Zukunft erreicht wer­den kann. Dazu pro­pa­giert sie Auf­op­fe­rung für die­ses Ide­al und treibt Hero­en­kult mit den wis­sen­schaft­li­chen Vor­kämp­fern. Das alles hält Fleck für falsch.

Kon­se­quent zu Ende gedacht, müß­te sich erst die Stim­mung ändern, damit Fleck mit sei­nem neu­en Denk­stil Erfolg haben könn­te. Da er ins­ge­heim natür­lich den­noch hofft, die erkennt­nis­theo­re­ti­sche Vor­macht­stel­lung des Wie­ner Krei­ses zu bre­chen, muß er von ihm rezi­piert wer­den. Daher ver­mei­det er in sei­nem Buch Begrif­fe wie Zeit­geist und Welt­an­schau­ung, die in die­sem Zusam­men­hang eini­ges zur Erhel­lung bei­tra­gen könn­ten. Hin­zu kommt, daß Flecks Den­ken ganz von sei­nem eige­nen Stil, dem klei­nen Labor­kol­lek­tiv, geprägt ist und er sich von die­ser Vor­stel­lung nicht lösen kann. Daß das Denk­kol­lek­tiv sich seit Flecks Zei­ten zu einem auch in den ande­ren Fächern übli­chen For­schungs­vor­ge­hen ent­wi­ckelt hat, macht sein Buch für unse­re Zeit fruchtbar.

Die Vor­lie­be Flecks für das Denk­kol­lek­tiv ver­stellt jedoch das Pro­blem, das sich bei der Stil­fra­ge vor allem für den ein­zel­nen ergibt. Nach der klas­si­schen Stu­die von Hein­rich Wölf­f­lin kön­nen wir in der Kunst den indi­vi­du­el­len Stil eines Künst­lers in Bezug zum Stil der Schu­le, des Lan­des, der Ras­se und dem Zeit­stil set­zen. Aus ihnen ergibt sich das kon­kre­te Werk und damit der Stil eines Künst­lers. Hier sind Welt­an­schau­ung und Zeit­geist inte­griert. Für den Denk­stil bleibt pro­ble­ma­tisch, ob es ein Neben­ein­an­der von ver­schie­de­nen Denk­sti­len geben kann oder ob das Epo­chen­ge­bun­de­ne eines Stils der ent­schei­den­de Punkt ist. Gibt es nur eine Abfol­ge von mythi­schem und wis­sen­schaft­li­chem Denk­stil, oder exis­tie­ren bei­de neben­ein­an­der? Kann es ange­sichts eines bestimm­ten Zeit­geis­tes eine lin­ken und einen rech­ten Denk­stil geben? Fleck führt den Begriff des »Sei­ten­ste­hers« ein, wenn er jeman­den meint, der sich abseits des herr­schen­den Denk­stils stellt und einen völ­lig ande­ren Ansatz ver­tritt. Was bei Fleck als skur­ri­ler Außen­sei­ter erscheint, kann aber auch ein Regen­pfei­fer oder Seis­mo­graph sein, der mehr weiß als sei­ne denk­s­til­ge­bun­de­nen Zeitgenossen.

Die­ser Den­ker bringt alles mit, was es für einen Denk­stil braucht, er ist unter­scheid­bar vom ande­ren Stil. Egal wor­auf sich der lin­ke und der rech­te Stil bezie­hen, die Ergeb­nis­se wer­den unter­scheid­bar sein, weil Rech­te und Lin­ke eben von ver­schie­de­nen Kol­lek­ti­ven und Tra­di­tio­nen und damit Vor­an­nah­men aus­ge­hen. Ist der Mensch gut oder schlecht, ist die Welt voll­end­bar oder nicht? Für die kon­kre­te wis­sen­schaft­li­che For­schung mag sich das merk­wür­dig anhö­ren, war­um soll­te sich die Erfor­schung der Bazil­len von der Welt­an­schau­ung des For­schers beein­flus­sen las­sen? Daß es dort nicht anders ist, zei­gen die Großideo­lo­gien des 20. Jahr­hun­derts, die For­schung in ihrem Sin­ne aus­zu­rich­ten wuß­ten und damit letzt­end­lich nichts ande­res als einen Denk­stil kre­ierten. Daß sie dies gegen das herr­schen­de libe­ra­le Sys­tem taten, stellt wie­der die Fra­ge nach den Bedin­gun­gen eines sol­chen Stil­bruchs in den Raum?

Stil hat, im Gegen­satz zur Sti­li­sie­rung, eine inne­re Stim­mig­keit, die zu einer Stil-Ganz­heit führt: Sie ist mehr als die Sum­me ein­zel­ner Momen­te. Inso­fern kön­nen wir Fleck etwas sys­te­ma­ti­sie­ren, wenn wir die Über­la­ge­run­gen beto­nen: Es gibt den Zeit­geist einer Epo­che, nach Fleck die »Stim­mung«. Und es gibt die Welt­an­schau­un­gen, die nie­mals nur von einem ver­tre­ten wer­den, son­dern bei denen sich Grund­mus­ter her­aus­stel­len las­sen. Welt­an­schau­li­che Gemein­schaf­ten fin­den sich unter die­ser Prä­mis­se zusam­men. Bei einem Denk­kol­lek­tiv ist das anders.

Hier ent­schei­det der Gegen­stand des Inter­es­ses, der zur Bil­dung des Kol­lek­tivs führt (nicht ohne auf die Welt­an­schau­ung zu ach­ten). Die indi­vi­du­el­le Prä­gung des ein­zel­nen wird dann über sei­ne Stel­lung in die­sem Sys­tem ent­schei­den. Wenn wir das auf die Gegen­wart anwen­den, wer­den wir das alles wie­der­fin­den: den Zeit­geist, der dem Gleich­heits­pos­tu­lat folgt und dem ein­zel­nen mög­lichst kei­nen Ord­nungs­rah­men mehr geben möch­te, dem Fort­schritts­glau­ben, der nur inso­fern gebro­chen ist, als daß man ihn mora­lisch zu hegen ver­sucht. Ob es sich um Fra­gen des Kli­ma­wan­dels, des Wirt­schafts­sys­tems oder des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus han­delt: bei allen wich­ti­gen The­men gibt es eine herr­schen­de Auf­fas­sung, die fest ver­an­kert ist, die tra­diert wird, die man nicht unge­straft hin­ter­fragt und die in den jewei­li­gen Unter­su­chun­gen die erwar­te­ten Ergeb­nis­se zuta­ge fördert.

Den­noch gibt es ein Unbe­ha­gen, das in der Wirk­lich­keits­wahr­neh­mung des ein­zel­nen begrün­det ist. Daß die­ser Wider­spruch nicht zur Gel­tung kommt, hat wie­der­um mit dem Zeit­geist zu tun, der der Abs­trak­ti­on ins­ge­heim und gegen jede Erfah­rung zuge­steht, daß sie die Wirk­lich­keit umfas­sen­der erklärt als die kon­kre­te Anschau­ung inner­halb der jewei­li­gen Lebens­welt. Dem hat natur­ge­mäß der ein­zel­ne, der das anders sieht, nicht viel ent­ge­gen­zu­set­zen, schon allein weil er gegen die Sprach­re­ge­lung des herr­schen­den Denk­stils ver­stößt. Mit die­sem Unbe­ha­gen ist nicht nur der sprich­wört­li­che Mann auf der Stra­ße gemeint, son­dern auch der Den­ker, der weiß, war­um sei­ne Auf­fas­sung nicht zur Gel­tung kommt. Der rich­ti­ge Gedan­ke nützt nichts, wenn die Zeit dafür nicht reif ist.

Die Ver­gan­gen­heit hat gezeigt, daß es ein nutz­lo­ses, wenn­gleich unter­halt­sa­mes Unter­fan­gen ist, die Geschich­te nach Geset­zen abzu­su­chen, um den kai­ros zu bestim­men, an dem der neue Stil die Macht über­nimmt. Der Stil tritt dadurch nicht eher in die Are­na, der Über­gang fin­det jeweils sei­ne eige­ne Form, wie Hui­zin­ga und Kosel­leck gezeigt haben.

Was uns Fleck leh­ren soll­te, ist nicht nur der Blick auf die Zufäl­lig­kei­ten einer­seits und die macht­be­stimm­te Steue­rung des Den­kens ande­rer­seits, son­dern vor allem das Moment der inne­ren Geschlos­sen­heit, das einen Denk­stil aus­macht. Die­se Geschlos­sen­heit hängt wie­der­um an eini­gen nicht ver­han­del­ba­ren Über­zeu­gun­gen, auf die sich der rech­te Denk­stil zurück­füh­ren läßt. Die kon­kre­te poli­ti­sche Welt­an­schau­ung bleibt dabei ein sekun­dä­res Moment, wenn sich das Den­ken eines ein­zel­nen oder einer Grup­pe dar­auf zurück­füh­ren läßt, daß es den Ernst­fall immer mit­denkt. Inso­fern ist der Stil für das Den­ken von nicht zu unter­schät­zen­der Bedeu­tung, wenn es in der Welt etwas bewir­ken will.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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