Sezession
1. Oktober 2012

Denkstil, Zeitgeist, Weltanschauung

Erik Lehnert

50pdf der Druckfassung aus Sezession 50 / Oktober 2012

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Bei niemandem scheint der Stil so unwichtig zu sein wie bei einem Denker. Ihm geht es nicht um Äußerlichkeiten, nicht um Förmlichkeiten, sondern um Erkenntnis und Wahrheit.

Letztere ist etwas Absolutes: Man kann sich ihr zwar mit verschiedenen Methoden annähern (die sich gelegentlich gegenseitig absprechen, die Wahrheit erkennen zu können), aber letztlich zählt nicht, in welcher Form das geschieht. Die Sonderstellung des Denkers hat etwas mit unserer Gewohnheit zu tun, unter Stil etwas zu verstehen, das sich abbilden läßt. Wir denken eben zuerst an einen Baustil, an den Stil eines bestimmten Malers oder auch an den Stil eines Schriftstellers. Bei all dem ist ein Wiedererkennungswert gegeben.

Wenn wir von einem Stil sprechen, muß es Elemente geben, die wir an einem schöpferischen Werk als wiederkehrend und damit durchgehend identifizieren können – sei es eine bestimmte Säulenform, die den dorischen Stil ausmacht, eine Farblichkeit, die wir nur bei van Gogh finden, oder die mitunter sehr langen Sätze Thomas Manns.

Wir denken also zunächst an eine Kunst, die auf eine ausgeprägte Art ausgeführt wurde, so daß wir Gemeinsamkeiten wahrnehmen können. Auf diesem Weg lassen sich dann auch Stilepochen voneinander unterscheiden. Dabei sind nicht allein die Äußerlichkeiten entscheidend. Stile sind immer Ausdruck einer bestimmten Weltanschauung, einer Sicht auf die Dinge und damit auch Ausdruck des jeweiligen Zeitgeistes. Vor diesem Hintergrund werden die Tätigkeiten in einem bestimmten Stil ausgeführt, Stilwechsel finden statt. Ohne einen durchgehenden Stil gäbe es keinen Stilbruch, der ja gerade mit einem fortwährenden Moment bricht. Insofern ist der Streit müßig, ob der Spitzbogen der Gotik Ausdruck eines neuen Lebensgefühls (und Lebensstils) war (der Hingabe an Gott nämlich) oder einfach eine Folge statischer Berechnungen, die man vorher nicht beherrscht hatte. Der Zeitgeist sucht sich die ihm entsprechende Form. Grundsätzlich gilt: Die Form sollte dem Inhalt angemessen sein, dann ergibt es einen Stil, alles andere wäre stillos.

Während wir das Wort Stil in allen möglichen Zusammenhängen verwenden, kommt uns das Wort Denkstil ungewohnt vor. Es findet in der Alltagssprache keine Verwendung. Wenn es aber Schwimmstile gibt, ­warum soll es dann nicht Stile geben, die die wichtigste Tätigkeit des Menschen betreffen? Analog zu den genannten Beispielen müßten wir den Denkstil einer Epoche, eines Menschen oder eine Gruppe von Menschen gegen andere abgrenzen können. Dazu müßten wiederkehrende Elemente auszumachen sein, die die Stile voneinander unterscheiden.

Wir stehen damit zumindest vor einem Problem: Wo werden wir dieses Denkens habhaft, das sich als Stil zeigt? Wo manifestiert sich der Denkstil? Denn, was einer denkt, ist nicht unmittelbar zugänglich, nicht zuletzt weil die Gedanken frei sind. Wir sind darauf angewiesen, daß er sich in der Rede, im Gespräch oder in schriftlicher Form offenbart. Auch der Schwimmstil ist eine flüchtige Bewegung, die sich aber durch das Wiederkehrende der Ausführung auszeichnet – eine Anschauung, die sich kaum auf das Denken übertragen läßt, das sich ja nie nur in formalen Methoden, mit denen man immer wieder an die unterschiedlichsten Fragen herangeht, erschöpft. Platons Denken kann man nur von Aristoteles’ unterscheiden, weil von beiden schriftliche Zeugnisse vorliegen. Beide unterscheiden sich dabei nicht nur formal (Dialog und Vorlesung), sondern auch inhaltlich, weil sie auf unterschiedliche Weise die Welt erschließen. Ob man deshalb von verschiedenen Denkstilen sprechen kann, ist damit noch nicht gesagt. Immerhin lassen sich beide gemeinsam gut gegen die Epochen, die vor und nach ihnen liegen, abgrenzen.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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