Sezession
1. Oktober 2012

Linkes und rechtes Bauen

Gastbeitrag

50pdf der Druckfassung aus Sezession 50 / Oktober 2012

von Norbert Borrmann

Nichts prägt die menschliche Lebenswelt so stark wie die Architektur. Bereits ein flüchtiger Blick auf fremde oder vergangene Kulturen zeigt, wie stark die gebaute Umwelt das Besondere einer Kultur widerspiegelt.

Ägypten, Hellas, das Rom der Cäsaren, Byzanz, Babylon, das Reich der Inkas, Mekka, Venedig, Versailles, das Paris der Belle Epoque, das alte China oder das New York der Gegenwart – bei jedem dieser Namen steigen Bilder in uns auf, Bilder, die geprägt sind durch Architekturen. Architektur ist nie nur das Resultat reiner Zweckerfüllung oder der Suche nach der besten Form, sondern immer auch der Ausdruck einer besonderen Kultur und eines mit ihr verbundenen Lebensgefühls. Erst die gebaute Umwelt gibt jeder Kultur die prägnante Gestalt. Ändern sich die Lebensbedingungen, vollzieht sich ein Umsturz oder eine Kulturrevolution, dann ändert sich auch die Architektur und mit ihr das Gesicht unserer Umwelt. Hat sich aber erst eine Kultur und das mit ihr einhergehende Lebensgefühl durchgesetzt, so fällt die Architektur gemäß dieser Kultur aus – ohne daß der einzelne Baukünstler dabei unbedingt über die besonderen Werte seiner Kultur nachdenken müßte.

Da Architektur Ausdruck einer Kultur und einer mit dieser einhergehenden Weltwahrnehmung ist, handelt es sich auch bei den heftigen baukünstlerischen Auseinandersetzungen, wie sie insbesondere in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zwischen Moderne und Tradition geführt wurden, um mehr als nur um reine Formfragen. Es lassen sich hier unschwer weltanschauliche Zuordnungen machen. Tendierten die Vertreter der Tradition nach rechts, so die der Moderne nach links. Was sind aber die Grundkonstanten rechter und linker Weltsicht? Auf der rechten Seite lauten sie: Differenz, Konkretheit, die Suche nach den Fundamenten und zeitlosen Werten einer Gesellschaft sowie das Bestreben nach Verortung. Die linken Konstanten stellen demgegenüber eine weitgehende Umkehrung dar. Sie lauten: Egalität, Abstraktheit, »Fortschritt«, Ausblick nach Utopia, Entortung.

Diese gegensätzlichen Welthaltungen spiegeln sich in der Architektur wider. Da die Linke fortschrittsgläubig ist, hat linke Architektur mit der Vergangenheit gebrochen. Ihr Blick ist notwendig nach vorn, in eine Zukunft, genauer: in eine idealisierte, utopische Zukunft gerichtet. Moderne Architektur meidet deshalb im Regelfall sowohl historische Anleihen als auch regionale Bezüge. Sie kennt keine Grenzen und versteht sich als international. Nicht nur die Menschen sollen gleich sein, sondern auch ihre Behausungen. Die moderne Architektur ist ebenso entortet, wie auch das linke Utopia entortet ist – bedeutet Utopia doch Nirgendort, Nirgendheim, Nirgendwo. Da die Vergangenheit abgelehnt oder allenfalls als Vorbereitung auf die Zukunft gesehen wird, verzichtet die moderne Architektur in ihrer Sprache auch auf das Pathos der Überzeitlichkeit. Die »Ewigkeit« verträgt sich nicht mit dem Prinzip Fortschritt. Permanente Innovation wird gefordert. Moderne Architektur heißt daher Internationalismus und Fortschritt, Entortung und Beschleunigung (Abb. 1 und 8).

Ein Bauen, das einem rechten Weltgefühl erwächst, verkörpert von seiner Wesenheit her genau das Gegenteil: Verortung und Überzeitlichkeit. Dabei geht es keineswegs – wie im Historismus – um Stilkopie und leeres Epigonentum. Es geht vielmehr um die Herausarbeitung von Archetypen, in denen sowohl das jeweils Eigene, Regionale zum Ausdruck kommen soll (was naturgemäß zu einer erhöhten Vielfalt führt), als auch um das »Klassische«, das heißt die Zeiten und Moden Überdauernde (Abb. 2 und 7).

Allerdings hat der Kampf zwischen links und rechts in der Architektur einen Auslöser, der im 19. Jahrhundert und dem dort einsetzenden Industrialisierungsprozeß liegt: Seinen Anforderungen wurde geopfert, was sich zuvor jahrhundertelang kaum verändert hatte. Stadtmauern fielen, und in der Folge davon hat sich das ganze Land mehr und mehr in ein zerfasertes Geflecht von Wohnhäusern, Bürogebieten und Industrievierteln verwandelt. Gewachsener Stil wurde durch rasch wechselnde Moden ersetzt. Was neu entstand, disharmonierte immer häufiger mit der Landschaft und der kulturellen Überlieferung. Was einst harmonisch miteinander verbunden war, löste sich auf und »atomisierte« (Abb. 4 und 6).


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