Sezession
1. Oktober 2012

Der Mann stutzt – Über Tanzbären und Zuchtbullen

Ellen Kositza

50pdf der Druckfassung aus Sezession 50 / Oktober 2012

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Neulich ein absurder Traum: Ich gelangte mit den Töchtern auf Kriegsgelände. Überall tote Männer. Sie lagen herum, seltsam lasziv aufeinandergeschichtet. Wir spürten kein Entsetzen, auch kein Mitgefühl, eher Ekel, wir hatten die Aufgabe, das Feld zu bereinigen. Versprengte Truppenteile oder Freischärler schreckten uns nicht. Wir merkten schnell: die posieren mit lächerlichen Waffen. Wir waren mit Fliegenklatschen bewaffnet und fühlten uns sicher. Alle Toten wiesen Einschußlöcher an der gleichen Stelle auf – an den Ohrläppchen. Dadurch, daß dort Haut fehlte, waren die Männer leichter, wir konnten sie wegtragen. Es waren Hunderte.

Nach dem Aufwachen war klar, woher der Traum rührte. Tags zuvor hatte uns in der Werkstatt ein Geselle abkassiert, und während des Vorgangs flüsterte meine Tochter: »Wenn ich durch das Ohrläppchen von dem Mann sehe, kann ich genau unser Auto erkennen!« Der Typ hatte keineswegs abgefahren gewirkt, sondern bieder und tüchtig. Zum Abschied hatte er uns ein Cockpit-Spray geschenkt, mit persönlicher Empfehlung. Damit würden wir den Innenraum unseres VW-Busses blitzblank kriegen. Er schwor auf das Zeug!

Die sogenannten Fleischtunnel, die das Ohrläppchenloch auf bis zu zweieinhalb Zentimeter dehnen und in einem breiten Milieu (Schüler, junge Arbeitslose, Handwerker, Arbeiter) heute eine Standardoption darstellen, sind eilig den Weg gegangen, den etwa knallbunte Strähnen im Frauenhaar in einer längeren zeitlichen Distanz zurückgelegt haben. Bis Mitte der achtziger Jahre griffen allein solche Gestalten zur Farbtube, die tief in Subkulturen verankert waren. Später zogen kesse Gymnasiastinnen oder andere Frauen auf Profilsuche nach: Weinrot und lila gesträhntes Haar ist mittlerweile eine gängige Wahl jenseits des Faschings. Elfjährige tragen es, Kirchentagsbesucherinnen, Bankangestellte, Hausfrauen. Derartigem gilt längst kein zweiter Blick mehr. Die Sache hatte Vorgänger. Ähnlich ging es mit dem Bikini, dem Minirock, dem Nasenpiercing. Oder, im weiteren Rückblick: dem taillenlosen Kleid der Reformbewegung oder der Frauenhose.

Die Geschichte der Frauenmode ist lang, vielfältig und voller Provokationen, die rasch den Status des Herausfordernden verloren und populär wurden. Frau schmückt sich, um zu gefallen. Oft: um Männern zu gefallen. Auch wenn die Geschichte des heute feministisch zum Trend hochgeschriebenen man repelling (Frauenmode, die Männer erwiesenermaßen gräßlich finden wie Haremshosen oder Schulterpolster) weiter zurückreicht als bis zur berüchtigten lila Latzhose, galt doch weitgehend: Frau putzt sich, pflegt die Oberfläche, drückt sich in der Kleidung aus. Die Frau repräsentierte Jahrtausende das modische und modisch weitaus volatilere Geschlecht.

Das Verdikt, daß »allein der Charakter zähle«, dürfte zwar weit häufiger von weiblichem Munde ausgesprochen worden sein, doch hat sich frau diese Formel selbst kaum je zu eigen gemacht. Sie schnürt sich, zwängt sich, richtet sich zu, ohne Rücksicht auf Zweckmäßigkeit und, bewahre!, Bequemlichkeit. Zupfen, bräunen, bleichen, ondulieren, vergrößern, verkleinern, entfernen: Wer schön sein will, muß leiden – und wann in der Menschheitsgeschichte litten je Männer, von höfischen und elitären Minderheitenphänomen abgesehen, unter Modediktaten? Paarungs- und Heiratsverhalten richtete sich kaum je nach der Schönheit des Mannes, umgekehrt wird ein Schuh draus.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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