Sezession
1. Juli 2013

Vertrieben bleibt vertrieben – ein Abgesang

Nils Wegner / 11 Kommentare

pawelkaIst das „Skandälchen“ um die Aufkündigung der Zusammenarbeit zwischen IfS und dem Bad Pyrmonter Ostheim der Landsmannschaft Ostpreußen (LO) noch präsent? Ich hoffe doch!

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Denn das derzeitige Possenspiel um die angeblich „revanchistische“ Rede Rudi Pawelkas, Vorsitzender der Landsmannschaft Schlesien (LS), ist nichts weiter als ein weiterer Auswuchs desselben unseligen Stammes – fast schon amüsant, daß auch diesmal eine Hauskündigung heraussprang.

Wir wurden und werden hier Zeugen der endgültigen Abräumung jener Vertriebenenorganisationen, die seit dem Ende des „Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ Anfang der 60er als einzige noch die Erinnerung an die verlorenen deutschen Gebiete aufrechterhalten. Und darüber hinaus – was wohl eher lehrreich sein dürfte – sehen wir, wie jahrzehntelanges Katzbuckeln und Distanzieren die entsprechenden politischen Akteure zwar einige Zeit zu amüsieren vermag, letztlich aber allenfalls eine Galgenfrist erkaufen kann.

Das Schema läßt sich sogar noch erweitern: Beide Landsmannschaften, die schlesische wie die ostpreußische, haben auf dem Altar der veröffentlichten Meinung ihre Jugendverbände geopfert – bereits zum Jahrtausendwechsel die LO; im vergangenen Jahr zog die LS dann nach (ich möchte betonen, daß die Überschrift des Artikels nicht von mir stammt). Nun kann man von Veranstaltungen wie dem Dresdner Trauermarsch halten, was man will. Was der seinerzeitige stellvertretende JLO-Vorsitzende Kai Pfürstinger mir zum Abschluß eines Interviews sagte, beweist sich just in diesen Tagen: „Die alten Landsmannschaften haben über Jahre ihre Jugend sträflich vernachlässigt. Das rächt sich jetzt in stark schwindenden Mitgliederzahlen und völliger Unfähigkeit, der damit verbundenen Selbstauflösung und Politikunfähigkeit entgegenzuwirken.“

Die „skandalösen“ Äußerungen Pawelkas fielen ja auch auf dem diesjährigen „Deutschlandtreffen“ in Hannover. Letztes Jahr gab es dieses „Deutschlandtreffen“ wohlgemerkt auch – allerdings um den Preis des Ausschlusses der Schlesischen Jugend aus der Mutterlandsmannschaft. Offenbar hat die niedersächsische, wie auch die Bundespolitik nun wohl die Geduld verloren. Sekundiert von entsprechenden Staatsmedienberichten, die selbstredend wissenschaftliche Forschungen anderer Stoßrichtung außer Acht lassen, wird nun mit großem Kaliber geschossen. Und wie derartige, mittlerweile routiniert ablaufende, zivilgesellschaftliche Liquidierungen enden, weiß man ja. Das einzig spannende dürfte wohl sein, ob es bis zum schmählichen Ende des Ganzen noch zu weiteren Verrenkungen und Peinlichkeiten von Seiten der sich windenden Verbändefunktionäre kommen wird.

Meine Großmutter wurde in Königsberg geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in der elterlichen Försterei bei Insterburg. Sie überlebte das Kriegsende als einzige Angehörige ihrer großen Familie, weil sie als BDM-Arbeitsmaid zur Betreuung eines ins „Kernreich“ fahrenden Lazarettzuges eingesetzt war. Es ist weißgott nicht so, daß mir die berechtigten Anliegen der Heimatvertriebenen nicht nahegingen – das nur noch widerliche Geplänkel der auf ihren Pfründen hockenden Funktionäre dient diesen Anliegen jedoch in keiner Weise. Erst recht nicht ein mit den Unionsparteien kungelnder BdV, der selbstverständlich voll und ganz vom parlamentarischen Klüngel überwuchert ist.

Zu Pawelkas Integrität kann man angesichts der Vorgänge des letzten Jahres geteilter Meinung sein. Seine nun inkriminierte Rede zielt aber in den ach so „bösen“ Passagen immerhin in die richtige Richtung: Entschuldigungen dürfen (nicht trotz, sondern gerade aufgrund aller Versöhnung) schon sein, ebenso wie eine Gleichbehandlung aller Vertriebenen. Mehr ist nicht gewollt, und mehr wäre wohl auch nicht drin. Dennoch hört die diversen fremden Interessen verschriebene Politik das nicht gern – obwohl es hier noch nicht einmal um millionenteure U-Boote geht.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (11)

Holzfäller
1. Juli 2013 09:14

Demographisch spielen die Vertriebenen bald gar keine Rolle mehr, deshalb werden sie auch von CDU/CSU wahlarithmetisch nicht mehr umgarnt wie vielleicht noch vor 25-30 Jahren. An deren Stelle tritt zunehmend Lumpenproletariat aus dem In- und Ausland. Ich selbst war einmal zu Pfingsten auf einem "Tag der Sudetendeutschen", das ganze Geschwafel von "Überwindung", "Zukunf und Frieden in einem vereinten Europa", "einer Brückenbauerfunktion zwischen den Ländern" etc., garniert mit frenetischem Applaus nach der mit hohlen Phrasen gespickten Rede eines CSU Politikers widerten mich schlichtweg an. Zudem möchte sich die Jugend für gewöhnlich auch aktiver einbringen als heitere Kaffeekränzchen zu organisieren die musikalisch mit Heino-Liedern begleitet werden. Faktisch haben die Vertriebenenverbände jeden Rückzieher im Bezug auf die Ostgebiete ohne Veto oder geringsten Widerspruch mitgetragen. Ihre fortschreitende Auflösung werde ich nicht bedauern.

Dieses aktuelle "Skandälchen" habe ich nicht weiters verfolgt, das ist ja nichteinmal alter Wein in neuen Schläuchen, hat sich Pawelka bereits von seinen absolut "inakzeptablen und deplatzierten" Äußerungen distanziert und ist im Staub gekrochen?

KW
1. Juli 2013 10:23

Alles, was unserem Volke nützt, ist Nazi. Der Pawlowsche Reflex. Argumente braucht man nicht. Es wird die Keule rausgeholt, na fein. Wir kriechen vor fremden Staaten im Staub, wir bedanken uns für die Vertreibung. Aber wir ist nicht das Volk, das sind unsere verachteten Funktionäre, erpreßt? Gekauft? Es müssen ganz widerliche Charaktere sein, die nach oben kriechen können, ohne Stolz, ohne Standpunkt.

Moritz Haberland
1. Juli 2013 10:32

Das mit den Vertriebenen hat genauso prima funktioniert, wie mit dem ganzen Nachkriegs-Volk.

Es gab Sozi-Vertriebene und Christdemokratisch-Vertriebene und ggf: Nazi-Vertriebene, die waren sehr still und kommunistische Vertriebene, die allerdings das Hohelied auf die "Oder-Neiße-Friedensgrenze" sangen.

Eine Gruppe schimpfte auf die anderen Gruppen, sie kannten keine Pommern, Schlesier, Sudetendeutsche und keine Ostpreußen mehr, sie kannten nur noch Parteien(!) und so wich der Heimatgedanke dem bundesdeutschen Staatsgedanken... und dem lieben Gelde.

Albert
1. Juli 2013 11:15

Ein sehr guter Artikel zu einem sehr traurigen und wichtigen Thema.

Es ist schon wirklich schlimm, richtig schlimm, was man hier mit den Vertriebenen macht. Darüber ärgere ich mich sehr. Nur haben die Vertriebenen es auch mit sich machen lassen. G.K. hat vor langer Zeit mal die Konservativen der BRD dafür angeklagt, während der fetten Jahre nicht für die dürren vorgesorgt zu haben. Das trifft auch für die Vertriebenen zu - sie haben kein Geld beiseitegeschafft und keine Strukturen geschaffen, die es erlauben, den Herrschenden auszuweichen.

Das rächt sich nun böse.

Was mir fehlt, Herr Wegner, ist eine Antwort auf die Fragen:
Was nun? Was tun?

Steffen
1. Juli 2013 13:46

In einigen Jahren kräht kein einziger Hahn mehr nach den Vertriebenen. Es ist ein Stück Geschichte, das nicht weitererzählt wird und im Schulunterricht nur am Rande Erwähnung findet. Dahingehend finde ich es eher ratsam, eine zukünftige Vertreibung der Deutschen aus gewissen Regionen unseres Landes in die Überlegungen einfließen zu lassen. Ich habe im letzten Jahr mehr als mir lieb ist von deutschen Mitbürgern erfahren, die quasi auf gepackten Koffern sitzen und ihre Quartiere in der Großstadt aufgeben wollen, selbstverständlich aufgrund ethnischer Spannungen - und daraus machen sie überhaupt keinen Hehl. Und anscheinend ist diese "freiwillige" Vertreibung schon im größeren Stil zu bemessen - zumindest aus meinem Erfahrungskreis. Wie wohl mein Großvater über diesen Text denken würde - so er denn noch am Leben wäre?

Martin
1. Juli 2013 14:16

sie haben kein Geld beiseitegeschafft und keine Strukturen geschaffen, die es erlauben, den Herrschenden auszuweichen.

Das mit dem Geld stimmt definitv nicht - ich weis das aus guter Quelle. Leider wird es eher für museale Zwecke eingesetzt ...

eulenfurz
1. Juli 2013 16:49

Angesichts des rasanten demographischen und kulturellen Niederganges der Deutschen gibt es keinen Bedarf nach Schlesien oder Pommern. Was wollte die BRD damit? Breslau mit Anatoliern bevölkern? Spanische Arbeitslose in Stettin ansiedeln?

Franz Schmidt
1. Juli 2013 21:16

Linus Kather hat schon 1964-65 in einem zweibändigen Werk alles gesagt. Sein Werk trägt den Titel "Die Entmachtung der Vertriebenen". Auch die Vertriebenen haben total versagt.

Gustav Grambauer
1. Juli 2013 21:50

Die Vetriebenenverbände: die NDPD der "BRD".

https://www.nadir.org/nadir/periodika/aib/archiv/75/14.php

Selbst die Parallelen zur Musealisierung fallen auf, wobei die Bolz, Homann und Dallman nur ein "Museum" für sich selbst erschaffen, haben - allerdings eines sehr mit Stil:

https://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/denkmalpflege_vor_ort/de/erkennen_erhalten/oeffentlich/haus_dt_handwerk.shtml

Doch halt: Unterschiede gibt es doch Ein NDPD-Funktionär hat in aller Geradlinigkeit die Interessen der Sowjetarmee vertreten. Krummheit war diesen Männern fremd, was sich in ihrem ungenierten reaktionären Habitus ausdrückte: militärisches Protokoll haben sie, zivil in schwere, außerordentlich gutsitzende Kammgarn-Anzüge vom Maßschneider gekleidet, selbst unter vier Augen gepflegt.

Vor dem Erleiden eines Schiffbruchs mit Würde wie Dávila sagt, oder sogar davor, in aufrechter Nibelungentreue unterzugehen (wie der NDPD-Vorsitzende Homann im Herbst 1989 angesichts der Krakeeler mit dem angeblich "Aufrechten Gang") sorgen die Vertriebenenverbände seit Jahrzehnten systematisch vor.

- G. G.

eulenfurz
2. Juli 2013 08:42

@Franz Schmidt
"Auch die Vertriebenen haben total versagt."

Sie haben nicht mehr und nicht weniger "versagt", als der Rest des Volkes. Es liegt doch wohl auf der Hand, daß die schon lange in Sindelfingen, Neugablonz oder Lübeck sozialisierte, gutsituierte Vertriebenenfamilie mit wenigen Nachkommen heute nicht den geringsten Bedarf verspürt, in eine pommersche Bauernkate oder ein Riesengebirgshäusel (zurück) zu kehren. Sie würde das eher als Strafe und Belastung empfinden, denn als Befreiung.

Kreuzweis
2. Juli 2013 13:27

"Angesichts des rasanten demographischen und kulturellen Niederganges der Deutschen gibt es keinen Bedarf nach Schlesien oder Pommern. Was wollte die BRD damit? Breslau mit Anatoliern bevölkern? Spanische Arbeitslose in Stettin ansiedeln?"

Sie bringen es auf den Punkt!
Betagte Verwandte von mir haben sich bald nach dem Mauerfall in OS für nen Appel und ein Ei eine Sommerfrische gekauft und genießen dort die warme Jahreszeit. Sie sagen, dort sind zwar Polen aber die meisten sehen aus wie wir, dafür gäbe es dort kaum Türken, Neger und sonstige Asylanten (gut, ein paar Zigeuner). Ruhe, Weite, Platz, Gelassenheit (Laub verbrennen, Auto waschen, ... interessiert keine Sau), Freiheiten, die man hier gar nicht mehr kennt.
Die Polen lehren uns Deutsche, wie verrückt viele unserer Landsleute bereits sind.

Von daher finde ich es tatsächlich besser, wenn die Polen (die Russen wären mir noch lieber) dort das Sagen haben. Die brdiotischen Oberlehrer und Gutmenschen hätten schon längst das Land überfremdet!

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