Vertrieben bleibt vertrieben – ein Abgesang

Ist das „Skandälchen“ um die Aufkündigung der Zusammenarbeit zwischen IfS und dem Bad Pyrmonter Ostheim der Landsmannschaft Ostpreußen (LO) noch präsent? Ich hoffe doch!

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Denn das der­zei­ti­ge Pos­sen­spiel um die angeb­lich „revan­chis­ti­sche“ Rede Rudi Pawel­kas, Vor­sit­zen­der der Lands­mann­schaft Schle­si­en (LS), ist nichts wei­ter als ein wei­te­rer Aus­wuchs des­sel­ben unse­li­gen Stam­mes – fast schon amü­sant, daß auch dies­mal eine Haus­kün­di­gung heraussprang.

Wir wur­den und wer­den hier Zeu­gen der end­gül­ti­gen Abräu­mung jener Ver­trie­be­nen­or­ga­ni­sa­tio­nen, die seit dem Ende des „Bund der Hei­mat­ver­trie­be­nen und Ent­rech­te­ten“ Anfang der 60er als ein­zi­ge noch die Erin­ne­rung an die ver­lo­re­nen deut­schen Gebie­te auf­recht­erhal­ten. Und dar­über hin­aus – was wohl eher lehr­reich sein dürf­te – sehen wir, wie jahr­zehn­te­lan­ges Katz­bu­ckeln und Distan­zie­ren die ent­spre­chen­den poli­ti­schen Akteu­re zwar eini­ge Zeit zu amü­sie­ren ver­mag, letzt­lich aber allen­falls eine Gal­gen­frist erkau­fen kann.

Das Sche­ma läßt sich sogar noch erwei­tern: Bei­de Lands­mann­schaf­ten, die schle­si­sche wie die ost­preu­ßi­sche, haben auf dem Altar der ver­öf­fent­lich­ten Mei­nung ihre Jugend­ver­bän­de geop­fert – bereits zum Jahr­tau­send­wech­sel die LO; im ver­gan­ge­nen Jahr zog die LS dann nach (ich möch­te beto­nen, daß die Über­schrift des Arti­kels nicht von mir stammt). Nun kann man von Ver­an­stal­tun­gen wie dem Dresd­ner Trau­er­marsch hal­ten, was man will. Was der sei­ner­zei­ti­ge stell­ver­tre­ten­de JLO-Vor­sit­zen­de Kai Pfürst­in­ger mir zum Abschluß eines Inter­views sag­te, beweist sich just in die­sen Tagen: „Die alten Lands­mann­schaf­ten haben über Jah­re ihre Jugend sträf­lich ver­nach­läs­sigt. Das rächt sich jetzt in stark schwin­den­den Mit­glie­der­zah­len und völ­li­ger Unfä­hig­keit, der damit ver­bun­de­nen Selbst­auf­lö­sung und Poli­ti­kun­fä­hig­keit entgegenzuwirken.“

Die „skan­da­lö­sen“ Äuße­run­gen Pawel­kas fie­len ja auch auf dem dies­jäh­ri­gen „Deutsch­land­tref­fen“ in Han­no­ver. Letz­tes Jahr gab es die­ses „Deutsch­land­tref­fen“ wohl­ge­merkt auch – aller­dings um den Preis des Aus­schlus­ses der Schle­si­schen Jugend aus der Mut­ter­lands­mann­schaft. Offen­bar hat die nie­der­säch­si­sche, wie auch die Bun­des­po­li­tik nun wohl die Geduld ver­lo­ren. Sekun­diert von ent­spre­chen­den Staats­me­di­en­be­rich­ten, die selbst­re­dend wis­sen­schaft­li­che For­schun­gen ande­rer Stoß­rich­tung außer Acht las­sen, wird nun mit gro­ßem Kali­ber geschos­sen. Und wie der­ar­ti­ge, mitt­ler­wei­le rou­ti­niert ablau­fen­de, zivil­ge­sell­schaft­li­che Liqui­die­run­gen enden, weiß man ja. Das ein­zig span­nen­de dürf­te wohl sein, ob es bis zum schmäh­li­chen Ende des Gan­zen noch zu wei­te­ren Ver­ren­kun­gen und Pein­lich­kei­ten von Sei­ten der sich win­den­den Ver­bän­de­funk­tio­nä­re kom­men wird.

Mei­ne Groß­mutter wur­de in Königs­berg gebo­ren und ver­brach­te ihre Kind­heit und Jugend in der elter­li­chen Förs­te­rei bei Ins­ter­burg. Sie über­leb­te das Kriegs­en­de als ein­zi­ge Ange­hö­ri­ge ihrer gro­ßen Fami­lie, weil sie als BDM-Arbeits­maid zur Betreu­ung eines ins „Kern­reich“ fah­ren­den Laza­rett­zu­ges ein­ge­setzt war. Es ist weiß­gott nicht so, daß mir die berech­tig­ten Anlie­gen der Hei­mat­ver­trie­be­nen nicht nahe­gin­gen – das nur noch wider­li­che Geplän­kel der auf ihren Pfrün­den hocken­den Funk­tio­nä­re dient die­sen Anlie­gen jedoch in kei­ner Wei­se. Erst recht nicht ein mit den Uni­ons­par­tei­en kun­geln­der BdV, der selbst­ver­ständ­lich voll und ganz vom par­la­men­ta­ri­schen Klün­gel über­wu­chert ist.

Zu Pawel­kas Inte­gri­tät kann man ange­sichts der Vor­gän­ge des letz­ten Jah­res geteil­ter Mei­nung sein. Sei­ne nun inkri­mi­nier­te Rede zielt aber in den ach so „bösen“ Pas­sa­gen immer­hin in die rich­ti­ge Rich­tung: Ent­schul­di­gun­gen dür­fen (nicht trotz, son­dern gera­de auf­grund aller Ver­söh­nung) schon sein, eben­so wie eine Gleich­be­hand­lung aller Ver­trie­be­nen. Mehr ist nicht gewollt, und mehr wäre wohl auch nicht drin. Den­noch hört die diver­sen frem­den Inter­es­sen ver­schrie­be­ne Poli­tik das nicht gern – obwohl es hier noch nicht ein­mal um mil­lio­nen­teu­re U‑Boote geht.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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Kommentare (11)

Holzfäller

1. Juli 2013 09:14

Demographisch spielen die Vertriebenen bald gar keine Rolle mehr, deshalb werden sie auch von CDU/CSU wahlarithmetisch nicht mehr umgarnt wie vielleicht noch vor 25-30 Jahren. An deren Stelle tritt zunehmend Lumpenproletariat aus dem In- und Ausland. Ich selbst war einmal zu Pfingsten auf einem "Tag der Sudetendeutschen", das ganze Geschwafel von "Überwindung", "Zukunf und Frieden in einem vereinten Europa", "einer Brückenbauerfunktion zwischen den Ländern" etc., garniert mit frenetischem Applaus nach der mit hohlen Phrasen gespickten Rede eines CSU Politikers widerten mich schlichtweg an. Zudem möchte sich die Jugend für gewöhnlich auch aktiver einbringen als heitere Kaffeekränzchen zu organisieren die musikalisch mit Heino-Liedern begleitet werden. Faktisch haben die Vertriebenenverbände jeden Rückzieher im Bezug auf die Ostgebiete ohne Veto oder geringsten Widerspruch mitgetragen. Ihre fortschreitende Auflösung werde ich nicht bedauern.

Dieses aktuelle "Skandälchen" habe ich nicht weiters verfolgt, das ist ja nichteinmal alter Wein in neuen Schläuchen, hat sich Pawelka bereits von seinen absolut "inakzeptablen und deplatzierten" Äußerungen distanziert und ist im Staub gekrochen?

KW

1. Juli 2013 10:23

Alles, was unserem Volke nützt, ist Nazi. Der Pawlowsche Reflex. Argumente braucht man nicht. Es wird die Keule rausgeholt, na fein. Wir kriechen vor fremden Staaten im Staub, wir bedanken uns für die Vertreibung. Aber wir ist nicht das Volk, das sind unsere verachteten Funktionäre, erpreßt? Gekauft? Es müssen ganz widerliche Charaktere sein, die nach oben kriechen können, ohne Stolz, ohne Standpunkt.

Moritz Haberland

1. Juli 2013 10:32

Das mit den Vertriebenen hat genauso prima funktioniert, wie mit dem ganzen Nachkriegs-Volk.

Es gab Sozi-Vertriebene und Christdemokratisch-Vertriebene und ggf: Nazi-Vertriebene, die waren sehr still und kommunistische Vertriebene, die allerdings das Hohelied auf die "Oder-Neiße-Friedensgrenze" sangen.

Eine Gruppe schimpfte auf die anderen Gruppen, sie kannten keine Pommern, Schlesier, Sudetendeutsche und keine Ostpreußen mehr, sie kannten nur noch Parteien(!) und so wich der Heimatgedanke dem bundesdeutschen Staatsgedanken... und dem lieben Gelde.

Albert

1. Juli 2013 11:15

Ein sehr guter Artikel zu einem sehr traurigen und wichtigen Thema.

Es ist schon wirklich schlimm, richtig schlimm, was man hier mit den Vertriebenen macht. Darüber ärgere ich mich sehr. Nur haben die Vertriebenen es auch mit sich machen lassen. G.K. hat vor langer Zeit mal die Konservativen der BRD dafür angeklagt, während der fetten Jahre nicht für die dürren vorgesorgt zu haben. Das trifft auch für die Vertriebenen zu - sie haben kein Geld beiseitegeschafft und keine Strukturen geschaffen, die es erlauben, den Herrschenden auszuweichen.

Das rächt sich nun böse.

Was mir fehlt, Herr Wegner, ist eine Antwort auf die Fragen:
Was nun? Was tun?

Steffen

1. Juli 2013 13:46

In einigen Jahren kräht kein einziger Hahn mehr nach den Vertriebenen. Es ist ein Stück Geschichte, das nicht weitererzählt wird und im Schulunterricht nur am Rande Erwähnung findet. Dahingehend finde ich es eher ratsam, eine zukünftige Vertreibung der Deutschen aus gewissen Regionen unseres Landes in die Überlegungen einfließen zu lassen. Ich habe im letzten Jahr mehr als mir lieb ist von deutschen Mitbürgern erfahren, die quasi auf gepackten Koffern sitzen und ihre Quartiere in der Großstadt aufgeben wollen, selbstverständlich aufgrund ethnischer Spannungen - und daraus machen sie überhaupt keinen Hehl. Und anscheinend ist diese "freiwillige" Vertreibung schon im größeren Stil zu bemessen - zumindest aus meinem Erfahrungskreis. Wie wohl mein Großvater über diesen Text denken würde - so er denn noch am Leben wäre?

Martin

1. Juli 2013 14:16

sie haben kein Geld beiseitegeschafft und keine Strukturen geschaffen, die es erlauben, den Herrschenden auszuweichen.

Das mit dem Geld stimmt definitv nicht - ich weis das aus guter Quelle. Leider wird es eher für museale Zwecke eingesetzt ...

eulenfurz

1. Juli 2013 16:49

Angesichts des rasanten demographischen und kulturellen Niederganges der Deutschen gibt es keinen Bedarf nach Schlesien oder Pommern. Was wollte die BRD damit? Breslau mit Anatoliern bevölkern? Spanische Arbeitslose in Stettin ansiedeln?

Franz Schmidt

1. Juli 2013 21:16

Linus Kather hat schon 1964-65 in einem zweibändigen Werk alles gesagt. Sein Werk trägt den Titel "Die Entmachtung der Vertriebenen". Auch die Vertriebenen haben total versagt.

Gustav Grambauer

1. Juli 2013 21:50

Die Vetriebenenverbände: die NDPD der "BRD".

https://www.nadir.org/nadir/periodika/aib/archiv/75/14.php

Selbst die Parallelen zur Musealisierung fallen auf, wobei die Bolz, Homann und Dallman nur ein "Museum" für sich selbst erschaffen, haben - allerdings eines sehr mit Stil:

https://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/denkmalpflege_vor_ort/de/erkennen_erhalten/oeffentlich/haus_dt_handwerk.shtml

Doch halt: Unterschiede gibt es doch Ein NDPD-Funktionär hat in aller Geradlinigkeit die Interessen der Sowjetarmee vertreten. Krummheit war diesen Männern fremd, was sich in ihrem ungenierten reaktionären Habitus ausdrückte: militärisches Protokoll haben sie, zivil in schwere, außerordentlich gutsitzende Kammgarn-Anzüge vom Maßschneider gekleidet, selbst unter vier Augen gepflegt.

Vor dem Erleiden eines Schiffbruchs mit Würde wie Dávila sagt, oder sogar davor, in aufrechter Nibelungentreue unterzugehen (wie der NDPD-Vorsitzende Homann im Herbst 1989 angesichts der Krakeeler mit dem angeblich "Aufrechten Gang") sorgen die Vertriebenenverbände seit Jahrzehnten systematisch vor.

- G. G.

eulenfurz

2. Juli 2013 08:42

@Franz Schmidt
"Auch die Vertriebenen haben total versagt."

Sie haben nicht mehr und nicht weniger "versagt", als der Rest des Volkes. Es liegt doch wohl auf der Hand, daß die schon lange in Sindelfingen, Neugablonz oder Lübeck sozialisierte, gutsituierte Vertriebenenfamilie mit wenigen Nachkommen heute nicht den geringsten Bedarf verspürt, in eine pommersche Bauernkate oder ein Riesengebirgshäusel (zurück) zu kehren. Sie würde das eher als Strafe und Belastung empfinden, denn als Befreiung.

Kreuzweis

2. Juli 2013 13:27

"Angesichts des rasanten demographischen und kulturellen Niederganges der Deutschen gibt es keinen Bedarf nach Schlesien oder Pommern. Was wollte die BRD damit? Breslau mit Anatoliern bevölkern? Spanische Arbeitslose in Stettin ansiedeln?"

Sie bringen es auf den Punkt!
Betagte Verwandte von mir haben sich bald nach dem Mauerfall in OS für nen Appel und ein Ei eine Sommerfrische gekauft und genießen dort die warme Jahreszeit. Sie sagen, dort sind zwar Polen aber die meisten sehen aus wie wir, dafür gäbe es dort kaum Türken, Neger und sonstige Asylanten (gut, ein paar Zigeuner). Ruhe, Weite, Platz, Gelassenheit (Laub verbrennen, Auto waschen, ... interessiert keine Sau), Freiheiten, die man hier gar nicht mehr kennt.
Die Polen lehren uns Deutsche, wie verrückt viele unserer Landsleute bereits sind.

Von daher finde ich es tatsächlich besser, wenn die Polen (die Russen wären mir noch lieber) dort das Sagen haben. Die brdiotischen Oberlehrer und Gutmenschen hätten schon längst das Land überfremdet!

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