10. Todestag Armin Mohlers

(Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012.)

von Karlheinz Weißmann

Mohler wurde als Sohn eines Eisenbahnbeamten in Basel geboren und wuchs in der Sicherheit der schweizerischen Mittelschicht auf. Angeregt durch einen Freund – den späteren Maler Hugo Weber – entwickelte er früh ein lebhaftes Interesse an bildender Kunst.

 Gastbeitrag

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Nach dem Abitur nahm er des­halb 1939 ein Stu­di­um der Kunst­ge­schich­te auf und kam in nähe­re Ver­bin­dung zu den links­in­tel­lek­tu­el­len Zir­keln der Stadt, die sich um den Lei­ter des Bas­ler Kunst­mu­se­ums Georg Schmidt gesam­melt hatten.

1941 wur­de Moh­ler zum Mili­tär­dienst ein­ge­zo­gen. Zu dem Zeit­punkt begann sich bei ihm eine gewis­se ideo­lo­gi­sche Neu­ori­en­tie­rung abzu­zeich­nen: weg von Mar­xis­mus und Psy­cho­ana­ly­se, hin zu den Ideen der spä­ter von ihm so apo­stro­phier­ten „Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on“. Vor­erst glau­be Moh­ler, daß die­se ihre Rea­li­sie­rung in Gestalt des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land gefun­den habe. Infol­ge­des­sen über­schritt er in der Nacht vom 8. auf den 9. Febru­ar 1942 ille­gal die Gren­ze und mel­de­te sich frei­wil­lig zur Waffen-SS.

Die Begeg­nung mit den Rea­li­tä­ten des „Kom­mis­sar­staats“ ernüch­ter­ten ihn aber rasch. Moh­ler zog sei­ne Mel­dung zurück und ging ledig­lich zum Stu­di­um nach Ber­lin. Im Dezem­ber kehr­te er in die Schweiz zurück, muß­te sich wegen „ille­ga­len Grenz­über­tritts“ und ande­rer Delik­te vor einem Mili­tär­ge­richt ver­ant­wor­ten. Das Urteil lau­te­te auf ein Jahr im „mili­tä­ri­schen Straf­voll­zug“ (soge­nann­te „Fes­tungs­haft“). Nach einem anschlie­ßen­den Sana­to­ri­um­s­auf­ent­halt kehr­te Moh­ler nach Basel zurück, imma­tri­ku­lier­te sich wie­der, wech­sel­te aller­dings zum Haupt­fach Phi­lo­so­phie, um die Mög­lich­keit zu haben, aus sei­ner „Bio­gra­phie eine Dis­ser­ta­ti­on zu machen“.

Mit einer Arbeit über die rechts­in­tel­lek­tu­el­len Bewe­gun­gen des Zwi­schen­kriegs, die er unter dem Begriff der „Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on“ zusam­men­faß­te, wur­de Moh­ler 1949 bei Her­man Schma­len­bach und Karl Jas­pers zum Dr. phil. pro­mo­viert. Kurz dar­auf ver­ließ er die Schweiz end­gül­tig und trat eine Stel­le als Sekre­tär bei Ernst Jün­ger an. Neben der Bezie­hung zu Carl Schmitt war vor allem die zu Jün­ger für Moh­ler prä­gend. Das hat­te in ers­ter Linie mit sei­ner „nomi­na­lis­ti­schen“ Welt­auf­fas­sung zu tun, die sich in der Abwen­dung von der Lin­ken aus­ge­bil­det hat­te und der­zu­fol­ge es kei­ne Uni­ver­sa­li­en gibt – für Moh­ler: „All­ge­mein­hei­ten“ – son­dern nur Beson­de­res, das heißt Phä­no­me­ne, deren Bedeut­sam­keit von den Men­schen fest­ge­legt wird.

Mit die­sem Kon­zept, das auch auf Ein­flüs­se Scho­pen­hau­ers und Nietz­sches ver­weist, hat­te Moh­ler eine Son­der­stel­lung unter den Kon­ser­va­ti­ven der Nach­kriegs­zeit inne. Es spiel­te selbst­ver­ständ­lich auch sei­ne expli­zi­te Ableh­nung des Chris­ten­tums eine Rol­le, aber wich­ti­ger war noch die kon­se­quen­te Wei­ge­rung, an die Restau­rier­bar­keit frü­he­rer Grö­ßen (Chris­ten­tum, Abend­land, Bür­ger­tum) zu glau­ben. Die­se Gegen­warts­ori­en­tie­rung erklärt wei­ter, war­um Moh­ler sich in den Jah­ren sei­nes Frank­reichs­auf­ent­halts (1953–1961) als Kor­re­spon­dent der schwei­ze­ri­schen Tat und der deut­schen Zeit inten­siv mit dem Gaul­lis­mus beschäf­tig­te, den er als Modell einer „neu­en Rech­ten“ betrachtete.

Sei­ne Ver­su­che, nach­dem er wie­der in der Bun­des­re­pu­blik leb­te, einen „deut­schen Gaul­lis­mus“ zu eta­blie­ren, schei­ter­ten aller­dings samt und son­ders: das hat­te nicht nur mit dem Feh­len einer geeig­ne­ten Füh­rungs­per­son zu tun – der in Aus­sicht genom­me­ne Franz-Josef Strauß erwies sich als unge­eig­net -, son­dern auch mit der Wei­ge­rung der Deut­schen, einen an Schmitt ori­en­tier­ten, mit­hin rea­lis­ti­schen, Poli­tik­be­griff zu akzeptieren.

In den sech­zi­ger Jah­ren hat Moh­ler in meh­re­ren Anläu­fen ver­sucht, sei­ne „Poli­tik“ vor­zu­stel­len, zuerst mit einem Auf­riß in Was die Deut­schen fürch­ten (1965), dann mit meh­re­ren Büchern, die sich mit Fehl­ent­wick­lun­gen aus­ein­an­der­setz­ten: Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung (1968), Sex und Poli­tik (1972) sowie Der Traum vom Natur­pa­ra­dies (1978). Obwohl eini­ge die­ser Bän­de hohe Auf­la­gen erreich­ten, blieb ihre Wirk­sam­keit begrenzt. Das hat­te vor allem mit dem säku­la­ren Links­trend zu tun, der sich gegen jeden Wider­stand von rechts durch­setz­te. Moh­ler hat sich trotz­dem weder zurück­ge­zo­gen noch die Sei­ten gewech­selt. Letz­te­res wäre ihm auch schwer gefal­len, da er auf Grund des Skan­dals um sei­ne (sehr kurz­fris­ti­ge und anony­me) Tätig­keit für die Natio­nal-Zei­tung in den ton­an­ge­ben­den Krei­sen als bête noi­re galt.

Der kon­se­quen­ten Ver­fe­mung stand nur sei­ne sehr erfolg­rei­che Tätig­keit als Sekre­tär, dann als Geschäfts­füh­rer der Carl Fried­rich von Sie­mens-Stif­tung gegen­über, die er nach sei­ner Rück­kehr aus Frank­reich 1961 auf­ge­nom­men hat­te. Unter Moh­lers Lei­tung wur­de das Haus zu einer der pro­fi­lier­tes­ten Insti­tu­tio­nen die­ser Art. Sein Brot­be­ruf ließ Moh­ler indes noch genü­gend Zeit, um wei­ter jour­na­lis­tisch tätig zu sein. Da ihm die grö­ße­ren Ver­la­ge und Foren ver­schlos­sen waren, betei­lig­te er sich aktiv am Auf­bau einer unab­hän­gi­gen kon­ser­va­ti­ven Publi­zis­tik. Wich­tig war für ihn vor allem die von sei­nem Freund Cas­par von Schrenck-Not­zing gegrün­de­te Zeit­schrift Cri­ticón, zu deren pro­mi­nen­tes­ten Mit­ar­bei­tern er zähl­te. Dane­ben stand eine fort­lau­fen­de wis­sen­schaft­li­che Tätig­keit, die sich nicht nur in der ste­ten Erwei­te­rung der ers­ten Fas­sung der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on nie­der­schlug, son­dern auch in der Ver­öf­fent­li­chung meh­re­rer gro­ßer Essays, unter denen Der faschis­ti­sche Stil (1973) und Welt­an­schau­un­gen der rech­ten poli­ti­schen Grup­pie­run­gen (1980) her­vor­ge­ho­ben seien.

Grund für einen gewis­sen Opti­mis­mus in (meta-)politischer Hin­sicht sah Moh­ler nach 1968 nur noch zwei Mal: ange­sichts der Ach­tungs­er­fol­ge der Nou­vel­le Droi­te (1979) in Frank­reich und nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung (1989/90). Er muß­te aller­dings schließ­lich zuge­ben, daß die „Welt­herr­schaft des Libe­ra­lis­mus“ fürs ers­te eta­bliert war und die Stun­de der „neu­en Rech­ten“ erst schla­gen wer­de, wenn die „Jahr­hun­der­te der Lan­ge­wei­le“ im post his­toire beginnen.

Schrif­ten: Die Kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on in Deutsch­land 1918–1932. Grund­riß ihrer Welt­an­schau­un­gen, Stutt­gart 1950. [Zwei­te Fas­sung: Darm­stadt 1972; drit­te Fas­sung: Nach­druck der zwei­ten und Ergän­zungs­band, Darm­stadt 1989]; Die fran­zö­si­sche Rech­te, Mün­chen 1958; Was die Deut­schen fürch­ten. Angst vor der Poli­tik, Angst vor der Geschich­te, Angst vor der Macht, Stutt­gart 1965; Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung. Von der Läu­te­rung zur Mani­pu­la­ti­on, Stutt­gart 1968 [Zwei­te Auf­la­ge: Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung oder Wie man den Krieg noch­mals ver­liert, Kre­feld 1980. Drit­te, stark erwei­ter­te Auf­la­ge: Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung, Kre­feld 1981]; Sex und Poli­tik, Frei­burg i. Br. 1972; Von rechts gese­hen, Stutt­gart-Deger­loch 1974; Ten­denz­wen­de für Fort­ge­schrit­te­ne, Mün­chen 1978; Wider die All-Gemein­hei­ten, Kre­feld 1981; Der Nasen­ring. Im Dickicht der Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung, Essen 1989 [Zwei­te Fas­sung: Der Nasen­ring. Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung vor und nach dem Fall der Mau­er, Mün­chen 1991]; Libe­ra­len­be­schimp­fung. Drei poli­ti­sche Trak­ta­te, Essen 1990; Geor­ges Sorel. Erz­va­ter der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on, Bad Vil­bel 2000.

Lite­ra­tur: Karl­heinz Weiß­mann: Armin Moh­ler. Eine poli­ti­sche Bio­gra­phie, Schnell­ro­da 2011; ders.: Biblio­gra­phie Armin Moh­ler, in: ders., Ellen Kositza und Götz Kubit­schek (Hrsg.): Lau­ter drit­te Wege. Armin Moh­ler zum 80. Geburts­tag, Bad Vil­bel 2000, S. 39–96.

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