„Identitär Idé V“: Identität versus Globalisierung

Am 29. Juni fand in Stockholm zum fünften Mal der „Identitär Idé“-Kongreß statt, ausgerichtet vom „antimodernistischen“ Verlag Arktos.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Der Ver­net­zung und gegen­sei­ti­gen Inspi­ra­ti­on inner­halb der inter­na­tio­na­len, alter­na­ti­ven Rech­ten gewid­met, befaß­te sich das dies­jäh­ri­ge Tref­fen bei som­mer­li­cher Hit­ze inten­siv mit dem The­men­kom­plex der Glo­ba­li­sie­rung – und einer als Gegen­stoß zu voll­zie­hen­den, schär­fe­ren Beto­nung eth­nisch-kul­tu­rel­ler Identität.

Neben meh­re­ren Bücher­ti­schen, einer klei­nen Kunst­sek­ti­on und einem Wer­be­stand der rech­ten Wochen­zei­tung Nya Tider („Neue Zei­ten“) wur­de zu die­sem Zweck eine beacht­li­che Palet­te an Refe­ren­ten aufgefahren.

Den Anfang vor einem mit rund 120 Teil­neh­mern über­füll­ten Audi­to­ri­um mach­te der emi­ri­tier­te Pro­fes­sor der huma­nities (d. i. eine am Bil­dungs­ka­non des Renais­sance-Huma­nis­mus aus­ge­rich­te­te, ganz­heit­li­che „Wis­sen­schaft vom Men­schen“) am ame­ri­ka­ni­schen Eliza­beth­town Col­le­ge, Paul Gott­fried. Gott­fried, ein pro­fi­lier­ter Ver­tre­ter der poli­ti­schen Phi­lo­so­phie des Paläo­kon­ser­va­tis­mus, beleuch­te­te in sei­nem aus­führ­li­chen Vor­trag die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des (hier­zu­lan­de spä­tes­tens seit Anders Brei­vik bekann­ten) Schlag­worts „Kul­turm­ar­xis­mus“ im Kon­text der Frank­fur­ter Schu­le. In sei­nen jun­gen Jah­ren selbst ein Schü­ler Her­bert Mar­cu­ses, brach­te der Refe­rent dem Publi­kum nicht nur die dia­me­tra­len Gegen­sät­ze zwi­schen den Leh­ren des klas­si­schen Mar­xis­mus und der anti­staat­li­chen, revo­lu­tio­nä­ren Kul­tur­sub­ver­si­on der Frank­fur­ter Schu­le nahe, son­dern ver­moch­te auch mit etli­chen Anek­do­ten über die sei­ner­zei­ti­gen Prot­ago­nis­ten der soge­nann­ten „Kri­ti­schen Theo­rie“ zu unterhalten.

Einen dem­ge­gen­über brand­ak­tu­el­len Ein­blick in der­zei­ti­ge, geo­po­li­ti­sche Umwäl­zun­gen lie­fer­te der ZUERST!-Chef­re­dak­teur Manu­el Och­sen­rei­ter in sei­nem „Rei­se­be­richt“ aus dem syri­schen Bür­ger­kriegs­ge­biet. Als einer der weni­gen west­li­chen Jour­na­lis­ten, die zu einer Nah­be­richt­erstat­tung in das zer­ris­se­ne Land bereit waren, ver­moch­te er den gespann­ten Zuhö­rern anhand einer Viel­zahl pri­va­ter Foto­gra­fien und per­sön­li­cher Erleb­nis­se auf­zu­zei­gen, daß die offi­ziö­se Medi­en­li­nie zum Auf­stand gegen die Assad-Regie­rung größ­ten­teils absurd und rea­li­täts­fern sei – ob nun beab­sich­tigt, oder nicht. Einen nicht gerin­gen Teil nah­men dabei Dar­stel­lun­gen von sys­te­ma­ti­schen Angrif­fen auf Armee­kran­ken­häu­ser oder die mitt­ler­wei­le noto­risch gewor­de­nen Ent­haup­tun­gen angeb­li­cher „Regime-Kol­la­bo­ra­teu­re“ ein. Der­ar­ti­ge Vor­komm­nis­se lie­ßen die hier­zu­lan­de als „Frei­heits­kämp­fer“ ver­bräm­ten, isla­mis­ti­schen Auf­rüh­rer nicht eben als bei­spiel­haf­te Kämp­fer für Frei­heit und Demo­kra­tie daste­hen. Zumal die­se viel­fach, nach eige­ner Erfah­rung Och­sen­rei­ters, nicht ein­mal Ara­bisch sprä­chen – was der The­se, der Bür­ger­krieg sei durch aus dem Aus­land ein­ge­si­cker­te Pro­vo­ka­teu­re ent­facht wor­den, eini­ges Gewicht verleiht.

Im Anschluß stell­te der Anwalt Tobi­as Rid­der­strå­le, der auch als Mode­ra­tor durch die Ver­an­stal­tung führ­te, detail­liert das „selt­sa­me“ Vor­ge­hen der schwe­di­schen Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den gegen den Wiki­Leaks-Grün­der Juli­an Assan­ge vor. Aus­schließ­lich an belast­ba­ren Fak­ten ori­en­tiert und nicht geneigt, mög­li­che Moti­ve hin­ter den Ent­wick­lun­gen zu erör­tern, die Assan­ge in sei­nen nun­mehr über ein Jahr andau­ern­den, fak­ti­schen Haus­ar­rest in der ecua­do­ria­ni­schen Bot­schaft in Lon­don trie­ben, stell­te Rid­der­strå­le doch mit Bestimmt­heit fest, daß der Fall „nicht all­zu schmei­chel­haft“ für das schwe­di­sche Rechts­sys­tem sei („not par­ti­cu­lar­ly flat­te­ring to the Swe­dish legal sys­tem“). Auf ihn folg­te der 21jährige Wie­ner Mar­kus Wil­lin­ger mit einer zehn­mi­nü­ti­gen Pro­kla­ma­ti­on des Kamp­fes gegen die „68ers“, im Sin­ne sei­nes Bänd­chens „Die iden­ti­tä­re Generation“.

Den Fokus auf die erfolg­rei­che, fran­zö­si­sche Keim­zel­le der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung leg­te dann der Vor­trag Phil­ip­pe Var­dons, eines ihrer Begrün­der. Anhand genau­er Ana­ly­sen bis­he­ri­ger Aktio­nen sei­ner Grup­pe, ins­be­son­de­re der auf­se­hen­er­re­gen­den Moschee­be­set­zung in Poi­tiers im Okto­ber letz­ten Jah­res, stell­te Var­don gleich­sam die Erfolgs­kon­zep­te und Akti­ons­for­men des radi­kal-iden­ti­tä­ren fran­zö­si­schen Wider­stands (eben­falls im Inter­view mit der Sezes­si­on geschil­dert), wie auch die satu­rier­te Unzu­läng­lich­keit von Medi­en und Regie­rung im Hin­blick auf die Berück­sich­ti­gung des Volks­wil­lens vor und ern­te­te viel Applaus. Kaum ver­wun­der­lich, daß sich die Rein­schrift sei­nes Vor­trags als bis­her ein­zi­ger Bei­trag von der „Iden­ti­tär Idé“ denn auch bereits auf dem maß­geb­li­chen, eng­lisch­spra­chi­gen Dis­si­denz­por­tal Alter­na­ti­ve Right findet.

Nach einer län­ge­ren Pau­se, die die Teil­neh­mer mit Abend­essen, Gesprä­chen und dem Ver­tie­fen von Detail­fra­gen an die Refe­ren­ten aus­füll­ten, trat John Mor­gan ans Podi­um. Er stell­te den Zuhö­rern den Arkt­os-Ver­lag umfas­send vor, begin­nend von den Anfän­gen als Inte­gral Tra­di­ti­on bis hin zum gegen­wär­ti­gen Stand als weit­hin bekann­tes, alter­na­tiv-rech­tes Ver­lags­haus und Aus­rich­ter des „Iden­ti­tär Idé“-Kongresses. Nach etli­chen inter­es­sier­ten Fra­gen aus dem Audi­to­ri­um nutz­te dann noch der Arkt­os-Autor Lars Hol­ger Holm die Gele­gen­heit, sich und sein neu­es­tes Buch „Goti­sk“ vor­zu­stel­len; dar­in befaßt er sich inten­siv, teils auch in poe­ti­scher Form, mit geschicht­li­chen Über­lie­fe­run­gen rund um die Goten und ihren Füh­rer Theoderich.

Beschlos­sen wur­de der offi­zi­el­le Teil des Abends dann mit einem Auf­tritt des nor­we­gi­schen Neo­folk­pro­jekts „Sol­s­torm“, des­sen ruhi­ge, mini­ma­lis­ti­sche Akus­tik­mu­sik an die düs­te­re Viel­deu­tig­keit der klas­si­schen Neo­fol­kära gemahn­te und die Stim­mung der Zusam­men­kunft klang­lich zu ver­dich­ten ver­moch­te: eine Ahnung dräu­en­den Unheils, ein­her­ge­hend mit Unbeug­sam­keit und einem Ges­tus des Ausharrens.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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