125. Geburtstag Carl Schmitt

(Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012.)

von Günter Maschke

Im Sommer 1945, kurz nach Kriegsende, schrieb Carl Schmitt das Gutachten Das internationalrechtliche Verbrechen des Angriffskrieges und der Grundsatz »Nullum crimen, nulla poena sine lege« (1994 veröffentlicht),...

 Gastbeitrag

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mit dem er die dama­li­gen For­de­run­gen zurück­wies, auch Indus­tri­el­le und Geschäfts­leu­te wegen der Betei­li­gung an die­sem Delikt anzu­kla­gen, und dabei auf­zeig­te, daß der Ver­such, Krie­ge und Aggres­sio­nen mit Stra­fen, Ver­bo­ten und Sank­tio­nen zu ver­hin­dern, nur dazu füh­ren kann, daß der Krieg per­ma­nent und der Frie­den unauf­find­bar wird.

Schmitt wur­de im Sep­tem­ber 1945 fest­ge­nom­men und zunächst für ein Jahr in Ber­lin inter­niert; es war beab­sich­tigt, ihn als Kriegs­ver­bre­cher anzu­kla­gen. Er hat sei­ne Erleb­nis­se und Refle­xio­nen wäh­rend die­ser Zeit in dem Buch Ex Cap­ti­vi­ta­te Salus (1950) geschil­dert; das Manu­skript wur­de aus dem Lager geschmug­gelt. Im März 1947 wur­de Schmitt wie­der­um fest­ge­nom­men und ins Nürn­ber­ger Jus­tiz­ge­fäng­nis ver­bracht, um von dem stell­ver­tre­ten­den Anklä­ger der Ver­ei­nig­ten Staa­ten beim Nürn­ber­ger Pro­zeß, Robert W. Kemp­ner, einem frü­he­ren Beam­ten des preu­ßi­schen Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums, ver­hört zu wer­den; Kemp­ner warf Schmitt »Betei­li­gung an der Vor­be­rei­tung eines Angriffs­krie­ges vor« (Ant­wor­ten in Nürn­berg, 2000). Im Mai 1947 ent­las­sen, ver­brach­te Schmitt noch eini­ge Zeit im Nürn­ber­ger Zeu­gen­haus und zog sich danach nach Plet­ten­berg zurück; eine Rück­kehr an die Uni­ver­si­tät war unmöglich.

Da Schmitt bis 1952 auf sei­ne Pen­si­on war­ten muß­te, war er auf die Unter­stüt­zung durch die Fami­lie und eini­ge enge­re Freun­de ange­wie­sen. Das wäh­rend die­ser schwie­ri­gen Zeit begon­ne­ne Spät­werk, in dem das Glos­sa­ri­um – Auf­zeich­nun­gen der Jah­re 1947–1951 (1991) einen beson­de­ren Rang ein­nimmt, ist intel­lek­tu­ell zwar oft glanz­voll und ohne Zwei­fel auch für sich bedeu­tend; man muß es aber wohl über­wie­gend als Ergän­zung, Kom­men­tie­rung, Erläu­te­rung und par­ti­ell blei­ben­de Wei­ter­füh­rung der bis 1945 ver­faß­ten Schrif­ten betrach­ten. Als Schmitt 1950 mit gleich vier Schrif­ten her­vor­trat, wur­de meist über­se­hen, daß es sich dabei, mit Aus­nah­me von Ex Cap­ti­vi­ta­te Salus, um Schrif­ten han­del­te, die 1945 abge­schlos­sen waren. Auch Der Nomos der Erde, unstrit­tig neben der Ver­fas­sungs­leh­re (1928) Schmitts Haupt­werk, war 1944, bis auf ganz unwe­sent­li­che Ergän­zun­gen, voll­endet, um dann, Jahr­zehn­te spä­ter, sei­ne unver­min­der­te Aktua­li­tät zu bewei­sen: daß es ohne Ortung kei­ne Ord­nung gibt und daß es im Völ­ker­recht nicht um die Dis­kri­mi­nie­rung des Krie­ges, son­dern nur dar­um gehen kann, den Krieg zu begren­zen und ein­zu­he­gen, um zum jeweils kon­kret mög­li­chen Frie­den zu gelangen.

Mit Poli­ti­sche Theo­lo­gie II (1970) nimmt Schmitt noch ein­mal die The­ma­tik von Poli­ti­sche Theo­lo­gie (1922) auf und ent­fes­selt damit eine noch andau­ern­de, inter­na­tio­na­le Dis­kus­si­on zu dem von ihm allen­falls skiz­zier­ten Pro­blem. Wir fin­den in Schmitts Spät­werk, neben den Bekräf­ti­gun­gen sei­ner frü­he­ren Schrif­ten, lite­ra­tur­ge­schicht­li­che Spa­zier­gän­ge (Ham­let oder Heku­ba, 1956) oder Ver­tie­fun­gen (Die Tyran­nei der Wer­te, 1960); wirk­lich neu­en Boden betritt Schmitt mit dem Gespräch über die Macht und den Zugang zum Macht­ha­ber (1954), – vor allem aber mit der Theo­rie des Par­ti­sa­nen (1963). Die­se Bemü­hung um eine Kon­kre­ti­sie­rung des Begriffs des Poli­ti­schen (um die es bei Schmitts bekann­tes­tem Text von 1927/1932 nicht all­zu gut bestellt war) reha­bi­li­tier­te zumin­dest auf einer mora­li­schen und welt­ge­schicht­li­chen Ebe­ne den bis­her fast außer­halb des Völ­ker­rechts situ­ier­ten Par­ti­sa­nen, wenn er sich für »Altar und Herd« schlug und nicht zum Agen­ten des Welt­bür­ger­kriegs, zum Kämp­fer für die Ein­heit der Welt, der kom­mu­nis­ti­schen Welt­re­vo­lu­ti­on und ähn­li­cher Groß- Abs­trak­tio­nen wur­de, die den Frie­den unauf­find­bar wer­den lassen.

Der ille­ga­le Par­ti­san konn­te das Niveau der Legi­ti­mi­tät errei­chen. Schmitts Spät­werk, das sich durch eine beträcht­li­che geis­ti­ge Distanz, ja durch Des­in­ter­es­se gegen­über dem neu­en deut­schen (West-)Staat aus­zeich­ne­te und 1983 mit dem Inter­view »Un giuris­ta davan­ti a se stes­so« des ita­lie­ni­schen Ver­fas­sungs­his­to­ri­kers Ful­co Lan­ches­ter ende­te, wur­de beglei­tet von einer unauf­hör­lich wach­sen­den, eher wuchern­den Sekun­där­li­te­ra­tur. Zäh­len wir in den Jah­ren 1921–1945 elf Bücher und 239 Auf­sät­ze zu Schmitt, so fin­den sich zwi­schen 1946 und 1985 acht­und­vier­zig Bücher und 537 Auf­sät­ze – von zahl­lo­sen Bezug­nah­men zu schwei­gen. Zu einem beträcht­li­chen Teil stammt die Lite­ra­tur nach 1945 nicht mehr von Juris­ten, son­dern von Phi­lo­so­phen, Sozio­lo­gen, Theo­lo­gen, Kul­tur­jour­na­lis­ten u. a., die dabei in oft belie­big schei­nen­der Wei­se an Schmitt anknüp­fen, so daß die samen­kap­sel­ar­ti­ge Frucht­bar­keit sei­nes Den­kens deut­lich wird.

Schmitt wird nun auch zuneh­mend par­ti­ell ge- und benutzt und muß sogar als Not­hel­fer der libe­ra­len Ver­fas­sung, der »wehr­haf­ten Demo­kra­tie« etc. die­nen; die Lieb­ha­ber einer pro­vi­so­ri­schen »Ver­fas­sung« (des Grund­ge­set­zes), die Schmitt stets scharf ablehn­te, rekur­rie­ren sogar auf sei­ne Argu­men­te zuguns­ten einer Erschwe­rung der Ver­fas­sungs­än­de­rung. Doch die Deu­tungs-Indus­trie zu Schmitt wur­de nach 1945 auch beglei­tet von einer Dif­fa­mie­rungs-Indus­trie, die mit oft ver­blüf­fen­der Kennt­nis­ar­mut die ewig glei­chen Vor­wür­fe repe­tier­te. Schmitt sei der »Kron­ju­rist des Füh­rers« gewe­sen, der »Toten­grä­ber der Wei­ma­rer Repu­blik«, der »schlimms­te aller Schreib­tisch­tä­ter «, der »Zuhäl­ter der Gewalt« etc. Immer­hin tru­gen auch die­se, kaum zu zäh­len­den Ver­fol­ger flei­ßig zu Schmitts Ruhm bei.

Schmitt, nicht frei von phi­lis­trö­ser Ängst­lich­keit und vom Wun­sche, beliebt zu sein, kränk­ten die­se Vor­wür­fe und das oft feind­se­li­ge Ver­hal­ten sei­ner Kol­le­gen über die Maßen. An zwei ent­schei­den­den Punk­ten gelang es ihm aber, den Ring der Ver­fe­mung zu durch­bre­chen. In den fünf­zi­ger bis zu den sieb­zi­ger Jah­ren war sein geis­ti­ger Ein­fluß in Fran­co-Spa­ni­en außer­or­dent­lich; weit­ge­hend wur­de er zu die­ser Zeit der Fix­punkt der poli­to­lo­gi­schen, ver­fas­sungs­theo­re­ti­schen wie auch der kul­tu­rel­len Debat­ten. Die außer­ge­wöhn­li­che Anre­gungs- und Auf­schlie­ßungs­kraft von Schmitts Den­ken zeig­te sich hier aufs schöns­te, so daß man von der äußers­ten Rech­ten, über die Falan­gis­ten, die Car­lis­ten, die libe­ra­len Mon­ar­chis­ten, die jun­gen Tech­no­kra­ten Fran­cos, bis hin zu des­sen erbit­ter­ten Fein­den sei­ne Posi­tio­nen und Begrif­fe auf­nahm, abwan­del­te oder umschmolz.

Spa­ni­en hat so, nach oder sogar neben Deutsch­land, die wich­tigs­ten Bei­trä­ge zur Deu­tung Schmitts geleis­tet und gelang­te dabei zu einer – für vie­le über­ra­schen­den – Plu­ra­li­tät der An-Sich­ten; seit den frü­hen sieb­zi­ger Jah­ren beleb­te sich auch das eher von der Lin­ken aus­ge­hen­de Inter­es­se an Schmitt in Ita­li­en und führ­te zu einer Rei­he bedeu­ten­der Inter­pre­ta­tio­nen. Auch in Deutsch­land, trotz des Getö­ses der Ver­fe­mung und des so uner­bitt­li­chen wie törich­ten Man­tra der Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung, wuchs Schmitts Ein­fluß damals. Zunächst war dies weni­ger ein offen sicht­ba­rer Ein­fluß; er fand nach der Art eines unter­ir­di­schen Wur­zel­stocks, eines immer umfang­rei­che­ren Rhi­zoms statt.

Bis zu sei­nem Tode schrieb Schmitt eini­ge tau­send, oft sehr umfang­rei­che Brie­fe (u. a. an Hans Bari­on, Ernst Jün­ger, Rein­hart Kosel­leck, Armin Moh­ler, Hans-Diet­rich San­der), in denen er sein Werk erläu­ter­te, das aktu­el­le Gesche­hen kom­men­tier­te, auf unge­zähl­te juri­di­sche, poli­ti­sche, phi­lo­so­phi­sche, lite­ra­ri­sche Fra­gen ein­ging. Er bewies, daß gegen­über einer kor­rum­pier­ten, die Fair­neß­re­geln des geis­ti­gen Umgangs ver­let­zen­den Öffent­lich­keit der pri­va­te Brief eine effek­ti­ve Waf­fe sein konn­te. Schmitt war ohne Zwei­fel einer der größ­ten Brief­schrei­ber des 20. Jahr­hun­derts. Doch neben dem rast­lo­sen Kor­re­spon­den­ten Schmitt gab es ab 1950 auch den Mann, der das geis­ti­ge Gespräch such­te und im Lau­fe von Jahr­zehn­ten mit Hun­der­ten von Deut­schen, Spa­ni­ern, Latein­ame­ri­ka­nern, Fran­zo­sen, Angel­sach­sen, Japa­nern, Ita­lie­nern u. a. sprach, stets zuhö­ren konn­te (»es muß nur inter­es­sant sein«) und dabei sein gro­ßes Talent bewies, mit­tels sei­ner Heb­am­men-Tech­nik auch Anders­den­ken­de zu för­dern und zu fordern.

Tat­säch­lich war es ein alter, kran­ker, dif­fa­mier­ter und macht­lo­ser Mann, der das »frucht­bars­te Zen­trum des deut­schen Geis­tes­le­bens nach 1945« (Nico­laus Som­bart) bil­de­te. Die Schmitt-Lite­ra­tur der Jah­re 1986–2009 umfaßt denn auch 355 Bücher und 1301 Auf­sät­ze: Carl Schmitt und kein Ende.

Schrif­ten: Das inter­na­tio­nal­recht­li­che Ver­bre­chen des Angriffs­krie­ges und der Grund­satz »Nullum cri­men, nul­la poe­na sine lege« [1945], Ber­lin 1994; Ex Cap­ti­vi­ta­te Salus. Erfah­run­gen der Zeit 1945/47, Köln 1950; Ant­wor­ten in Nürn­berg [1947], Ber­lin 2000; Glos­sa­ri­um. Auf­zeich­nun­gen der Jah­re 1947–1951, Ber­lin 1991; Der Nomos der Erde im Völ­ker­recht des Jus Publi­cum Euro­pae­um, Köln 1950; Die Lage der euro­päi­schen Rechts­wis­sen­schaft, Tübin­gen 1950; Dono­so Cor­tés in gesamt­eu­ro­päi­scher Inter­pre­ta­ti­on, Köln 1950; Gespräch über die Macht und den Zugang zum Macht­ha­ber, Pful­lin­gen 1954; Ham­let oder Heku­ba, Düs­sel­dorf 1956; Die Tyran­nei der Wer­te, Pri­vat­druck 1960; Theo­rie des Par­ti­sa­nen. Zwi­schen­be­mer­kung zum Begriff des Poli­ti­schen, Ber­lin 1963; Poli­ti­sche Theo­lo­gie II. Die Legen­de von der Erle­di­gung jeder Poli­ti­schen Theo­lo­gie, Ber­lin 1970.

Lite­ra­tur: Alain de Benoist: Carl Schmitt. Inter­na­tio­na­le Biblio­gra­phie der Pri­mär- und Sekun­där­li­te­ra­tur, Graz 2010; Dirk van Laak: Gesprä­che in der Sicher­heit des Schwei­gens. Carl Schmitt in der poli­ti­schen Geis­tes­ge­schich­te der frü­hen Bun­des­re­pu­blik, Ber­lin 1993. Thor von Wald­stein: Der Beu­te­wert des Staa­tes. Carl Schmitt und der Plu­ra­lis­mus, Graz 2008; Gün­ter Masch­ke: Der Tod des Carl Schmitt, erw. Ausg., Wien 2013.

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