Sezession
9. Juli 2013

In dubio pro Israel – Werner Sonne über bundesdeutsche Staatsräson

Gastbeitrag

sonne israel(Rezension aus Sezession 54 / Juni 2013)

von Sebastian Pella

»Jede Bundesregierung und jeder Bundeskanzler vor mir war der besonderen historischen Verantwortung für die Sicherheit Israels verpflichtet. Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt: Die Sicherheit Israels ist für mich als Bundeskanzlerin niemals verhandelbar.«

Diese von Angela Merkel 2008 im israelischen Parlament geäußerte Offenbarung steht am Beginn von Werner Sonnes Buch. Der langjährige Auslandskorrespondent und Studioleiter der ARD versucht hierin die Hintergründe deutsch-israelischer Beziehungen aufzuhellen und Beweggründe für das Handeln der maßgebenden Politiker aufzuzeigen. Ein Schlüsselmoment in Sonnes Darlegungen ist die für positiv befundene Tatsache, daß es eine Normalisierung der Beziehungen dieser Länder aufgrund der Historie nicht geben könne:

Alle deutschen Regierungschefs seit Adenauer haben sich damit auseinandergesetzt, alle haben auf ihre Weise eine Konstante deutscher Politik zu bestätigen gewußt: Wenn es um Israels Sicherheit geht, dann gelten andere Maßstäbe als im Umgang mit anderen Staaten.

Der Autor läßt auch keinen Zweifel daran, daß »ohne die milliardenschweren Wiedergutmachungszahlungen gleich zu Beginn der 50er Jahre und die ebenfalls noch in diesem Jahrzehnt begonnenen heimlichen deutschen Waffenlieferungen … der junge Staat der Juden vielleicht gar nicht überlebt« hätte. Und obgleich Sonne einen über Jahrzehnte gewachsenen »Erosionsprozeß, der die Distanz zu Israel und seiner Politik immer größer werden läßt«, diagnostiziert, muß er einräumen, dies beschränke sich auf die »Beziehungen zwischen den Zivilbevölkerungen« und mitnichten auf Politik und Diplomatie.

Auch »die Zusammenarbeit im Rüstungsbereich boomt, die Kooperation der Geheimdienste ist so eng wie eh und je, die Beziehungen zur Bundeswehr und zur Bundespolizei sind gut«, faßt Sonne das vielgestaltige Dogma von der Sicherheit Israels als Deutschlands Staatsräson zusammen. Das Buch schildert vielfach Bekanntes, doch stützt der Autor seine Darlegungen auf Gespräche mit Politikern, Diplomaten und hochrangigen Geheimdienstmitarbeitern aus beiden Staaten. Auch bestätigt die Schrift einige Details, die gewöhnlich als rechte Verschwörungstheorien abgetan werden und nunmehr Eingang in die massenmediale Diskussion finden könnten.

Beginnend bei dem von Konrad Adenauer 1953 mit Israel geschlossenen Wiedergutmachungsabkommen, schildert Sonne, wie Adenauer um Buße bemüht war und gleichzeitig die Rehabilitierung Deutschlands anstrebte, indem er immense Zahlungen an den jungen Staat Israel möglich machte. Ebenso wird dargestellt, wie oftmals Finanz- und Waffentransfers an Öffentlichkeit und Gesetz vorbei ermöglicht wurden: Franz Josef Strauß ließ die Israelis mit Waffen versorgen, die Bundesregierung beteiligte sich an der Finanzierung der israelischen Nuklearforschung, da das Auswärtige Amt 1965 erklärte, dies werde den »Eindruck auf das Weltjudentum nicht verfehlen«. Die militärische Hilfe für Israel erreichte ihren Höhepunkt nach dem Golfkrieg 1990/91. Ebenso stellt der ARD-Journalist dar, wie deutsche Technik die Schlagfertigkeit sowie Kampfkraft der israelischen Panzerwaffe drastisch erhöhte.

Insbesondere der Aufbau des Kommandos Spezialkräfte (KSK) in den 1990er Jahren wird in diesen Passagen in den Fokus gerückt und skizziert, wie die israelischen Erfahrungen der asymetrischen Kriegführung (Entführungen, Geiselnahmen, Terroranschläge) »Eingang in die Lehrpläne der Bundeswehr« fanden und andersherum die deutschen Grundsätze der Inneren Führung von den israelischen Streitkräften erörtert wurden. Aufschlußreich sind Sonnes Ausführungen über das Verhältnis des Bundesnachrichtendienstes (BND) zum israelischen Geheimdienst Mossad. »Der BND war und ist der verlängerte Arm der Bundesregierung, wenn es um die Sicherheit Israels geht«, hält er fest.

Die Staatsräson wird in dieser Darstellung beinahe zu einer Israel-Hörigkeit, die nur von dem unverfrorenen Vorgehen des Mossads gegenüber den deutschen Behörden übertroffen wird. So berichtet ein ehemaliger BND-Mitarbeiter, daß die Israelis »weder auf Hierarchien noch auf den deutschen Rechtsstaat« Rücksicht nähmen und sich der Mossad seit jeher »auf deutschem Boden ziemlich frei« bewegen könne, was bis zu Mordanschlägen auf deutsche Staatsbürger gehe. Ein Risiko gehe der Geheimdienst nicht ein, da »im Zweifelsfall … in Deutschland zugunsten Israels entschieden« werde.

Indem Sonne Fakten und Erkenntnisse aus seinen Gesprächen aneinanderreiht, wird dem Leser ein recht offenes Bild vermittelt, zu wessen Gunsten das Pendel in den deutsch-israelischen Beziehungen bis heute ausschlägt. Leider beläßt es der Autor bei der reinen Darstellung und versäumt es, eigene Analysen vorzunehmen und Schlußfolgerungen zu ziehen.

Werner Sonne: Staatsräson? Wie Deutschland für Israels Sicherheit haftet, Berlin: Propyläen 2013. 256 S., 19.99 €


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