Sezession
10. Juli 2013

Kenneth Minogue zum Überstaat und seinen Sklaven

Gastbeitrag

f0a5fd52ad(Rezension aus Sezession 54 / Juni 2013)

von Felix Dirsch

Nehmen wir an, ein Hotelbesitzer verwehrte einem homosexuellen Paar den Zutritt zu seiner Einrichtung. Was wäre die Folge? Er müßte wegen des Verstoßes gegen Antidiskriminierungsverordnungen Schadensersatz leisten. Lehnt er hingegen den Zutritt des Vorsitzenden einer allgemein als rechtsextrem eingestuften Partei ab, so darf er weithin mit Beifall rechnen.

Ein Zufall? Wohl kaum. Kenneth Minogue, Emeritus für Politikwissenschaft an der renommierten London School of Economics, skizziert einige Hintergründe des oben erwähnten Falles. Ein zentrales Kapitel beschäftigt sich mit dem Projekt der Egalisierung in den Staaten der westlichen Welt. Anhand diverser Beispiele kann er zeigen, daß der Kampf gegen Diskriminierung in seinem Kern den Versuch offenbart, die Natur des Menschen zu ändern. Hintergrund ist die Moral des Gutmenschentums. Unterscheidung ist dann erlaubt, wenn es gilt, Böse auszugrenzen. Sie ist dann schlecht, wenn sie die heute nicht selten privilegierten, pauschal als fördernswert erachteten Minderheiten (Migranten, sexuell Andersorientierte, auch Frauen werden oft dazugezählt) in ihren Bestrebungen einschränkt. So lassen sich häufig Tendenzen in Richtung einer »Tyrannei der Minderheiten« feststellen.

Besonders auffällig waren diese Entwicklungen in der deutschen Diskussion der letzten Monate, als einige Gegner der Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Verbindungen mit der traditionellen Ehe in den Medien nicht nur üble Verleumdungen ertragen mußten, sondern in einem markanten Fall sogar ein Lehrauftrag an einer Hochschule entzogen wurde. Auch die anderen Passagen des britischen Gelehrten, etwa über den Zusammenhang von Individualismus, Christentum und moralischer Lebensführung sind studierenswert. Manche These ist kaum haltbar. Es ist, anders als von Minogue dargestellt, nicht plausibel, dem Individualismus nur noch eine kurze Lebensdauer zu prognostizieren.

Gleichfalls werden bekannte Entwicklungen wie der Zusammenhang von Befreiung und verstärkter Forderung nach staatlichen Wohltaten dargelegt. Besonders hervorzuheben ist der letzte Teil der Erörterungen, der das Politisch-Moralische als »erhabenes Projekt zur Schaffung einer besseren Welt« beleuchtet. Hier beschreibt der Verfasser den neuen »Weg der Knechtschaft« (Friedrich von Hayek) durch ein immer dichteres Regelwerk, das die Bevölkerung auf den Pfad des Guten führen will, freilich so, daß man zuweilen den Furor jakobinischen Tugendterrors wahrnimmt.

Die Stärke der Studie Minogues, so ist abschließend zu urteilen, liegt darin, daß sie das auf abstrakte, mitunter freilich zu abstrakte, Art und Weise herausstellt, was der aufmerksame Betrachter des Zeitgeschehens Tag für Tag konkret wahrnimmt. Ein Beispiel ist die schon länger andauernde Debatte über gesetzliche Frauenquoten in Aufsichtsräten – eine Diskussion, die für den weitaus größten Teil der Frauen völlig irrelevant und lebensfremd ist. Weil der Autor aus angelsächsischer Sicht argumentiert, ist es für den deutschen Leser etwas irritierend, daß ihm kaum konkrete Beispiele im Text präsentiert werden, die für ihn zu einem Aha-Erlebnis führen könnten.

Kenneth Minogue: Die demokratische Sklavenmentalität. Wie der Überstaat die Alltagsmoral zerstört. Mit einem Vorwort von Barry Maley. Aus dem Englischen von Siegfried Kohlhammer, Waltrop/Leipzig: Manuscriptum 2013. 459 S., 34.80 €


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