Sezession
12. Juli 2013

Die Herrschaft der Dinge

Ellen Kositza

welzerpdf der Druckfassung aus Sezession 54 / Juni 2013

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Diese Frage bohrt seit langem: Wo stehen wir, wo steht unser Volk, wenn es sagen würde, was es denkt; wenn nicht das gefühlte Joch der Sprachverbote es drückte?

Ein Bonmot bügelt die Frage hübsch glatt, wie Wäsche zwecks Zusammenfaltung: Das Volk steht nicht links und nicht rechts, es steht an der Wursttheke. Bei existentiellen Fragen sagt man, es gehe um die Wurst, die Rede geht gleichfalls von dem, der »die Brötchen verdienen« muß. Wurst und Brötchen, diese Metaphorik ist wenig geeignet, die must haves des Jahres 2013 zu spiegeln. Nicht, wer sich die Butter unterm Käse schwer leisten kann, sondern wer sich verschulden muß beim Kauf des Zweitsmartphones, gilt heute als bedürftig. Konsumkritik ist ein alter Hut. Konsumkritik ist halb retro (weil sie den aktuellen Zustand der materiellen Welt, die auf das Immerneue aus ist, hinterfragt) und halb anti-retro, weil die Gefühlslage der Retro-Freunde auf einem Lebensgefühl fußt, das Nachhaltigkeitsverdikte nicht nur nicht kannte, sondern die Sorglosigkeit (betreffs Ressourcenknappheit, Weltklima, Ausbeutung) vergangener Generationen hochleben läßt.

Zwei sehr zeitgenössisch markierte Autoren sind nun mit der aktuellen Lage des deutschen Konsumbürgers befaßt. Wir finden sie weder rechts noch links, und sie beäugen das Angebot der Wursttheke kritisch. Da ist zum einen Harald Welzer. Welzer mag einem erscheinen wie das omnipräsente Igelpaar aus der »Hase- und Igel«-Geschichte. Igel sind bekanntlich keineswegs die schnellsten, doch wo immer auch der Hase in seinem Geschwindigkeitsrausch die Zielmarkierung erreicht, da winkt gelassen einer der stachligen Gesellen hervor: »Ick bün all dor!« Welzer, Jahrgang 1959, hat in den vergangenen sechs, sieben Jahren massenweise Bücher geschrieben oder mitgeschrieben über »aktuelle Positionen zeitgenössischer Kunst«, über »hirnorganische Grundlagen«, über »Klimalügen« und über die »Verbesserung der Geisteswissenschaften«; viel beachtet wurde sein mit Sönke Neitzel herausgegebenes Buch Soldaten (2011), das die Abhörprotokolle deutscher Kriegsgefangener auswertete. Welzer kennt sich also aus, mit fast allem.

Er hat eine eigene Professur kreiert – Transformationsdesign –, er hat eine Stiftung namens »Futur zwei« ins Leben gerufen, die sich dem Nachhaltigkeitsgedanken verpflichtet weiß. Die entsprechende Netzseite befriedigt Spieltriebe und zeigt neckische Videoclips wie den mit der Schauspielerin Christiane Paul, die sich im Museum um die Entsorgung ihres Pappkaffeebechers sorgt und dazu einfach mal »den Harald« anruft. (Der bescheinigt Frau Paul sinngemäß, es sei okay, daß sie sich solche Gedanken mache.)

Welzers aktuelles Buch, besser: eine seiner Neuerscheinungen des Jahres 2013, steht nun beharrlich mit schreienden Großbuchstaben oben auf den Verkaufslisten: Selbst Denken. Anleitung zum Widerstand (Frankfurt a.M.: S. Fischer. 336 S., 19.99 € ), was ein wenig den Geruch wohlfeiler Wutbürgerei im Stile von Empört Euch! und ähnlich gängigen Basta-Tiraden verströmt. Dieser Welzer jedoch hat sich gewaschen, und wie! Einer, der die Wellen zu reiten versteht wie dieser Autor, zieht sich das Gewand des grantelnden Kulturpessimisten natürlich nicht an. Er besteigt den Tiger und liest dem Biest dabei die Leviten, tumultuarisch und eloquent, ein Cowboy beim Rodeo. Das hätte man nicht erwartet!

Freilich, Welzer ist ein »Öko«, er hat zuvörderst die Wachstumsideologie mit ihrer wuchernden Produktwelt im Blick, doch darf man die Schablone, die er zwecks Entzifferung von dessen Strickmuster auf den consumer citizen, den Konsumbürger, legt, getrost auf weitergefaßte Bereiche übertragen. Welzers Klage, daß wir mehr verbrauchen, als wir zu schöpfen imstande sind, ist nicht neu. Dem System seien die Vorraussetzungen abhanden gekommen, auf die es gebaut ist: eine Abwandlung der Böckenförde-Doktrin. Das »Stählerne Gehäuse der Hörigkeit«, als das noch Max Weber den Kapitalismus faßte, ist heute zu einer überaus smarten Zelle geworden: Wir haben uns freiwillig in die Gummiwände (vulgo »sozialen Netzwerke«) der Hörigkeit begeben; im Zeitalter von Facebook ist keine Gestapo oder Tscheka vonnöten.

Nicht nur, daß wir uns unaufgefordert durchschaubar, ortbar, mögbar gemacht haben, wir lassen uns umgekehrt auch intellektuell fremdversorgen. Der consumer citizen gestaltet nicht, er reagiert nur, er ist nicht souverän. Wo er ethisch und politisch korrekt konsumiert (Welzer spricht von der »begrünten Verschwendungskultur« und der »Irgendwas-für-Afrika-Industrie«), konsumiert er zusätzlich Moral und Ideologie. Diese Freiheit des Koofmichels »entspricht ungefähr der Freiheit des Nilpferdes im Zoo, sich lieber vom einen Wärter statt vom anderen füttern zu lassen.«


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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