Undeutlich deutsch: Nachrichten aus der Provinz

Man führt hier ja doch ein fast eremitisches Dasein. Nichts dagegen!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Schät­zungs­wei­se 320 Tage im Jahr rede ich allein mit den engs­ten Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen, dane­ben mit den Zie­gen, Hüh­nern und Enten. Zur Zeit abends, dann im stren­ge­ren Ton, auch mit den Schne­cken. Die sam­me­le ich mit bewähr­ten Lock­ru­fen ein, von den Rote-Bee­te-Blät­tern, von den Kür­bis­sen, dem Salat und den Engel­strom­pe­ten. Die­se eigent­lich unschö­nen Mons­ter­ge­wäch­se aus den Vor­gär­ten von Rei­hen­haus­sied­lun­gen haben sich zufäl­lig im Gar­ten aus­ge­brei­tet, mit­lei­dig habe ich sie an der Haus­wand aus­ge­pflanzt, dort, wo sonst nichts wach­sen will. Dann kom­men die Schne­cken in einen Eimer, Deckel drauf. Dort kön­nen sie in den fol­gen­den zehn Stun­den ihre schlei­mi­gen Sex­spiel­chen trei­ben, bis sie mor­gens aus­ge­schüt­tet und von den Enten­kü­ken freu­dig begrüßt wer­den. 27 von 28 Enten­kü­ken leben noch, das frechs­te hat sich ins Hüh­ner­ge­he­ge durch­ge­mo­gelt und ist dort zu Tode gepies­akt wor­den, trau­ri­ger Vorgang..

Mei­ne Außen­kon­tak­te sind also spär­lich. Sie häu­fen sich nur vor Weih­nach­ten und vor Som­mer­fe­ri­en­be­ginn. Dann näm­lich ste­hen die Klas­sen­ver­samm­lun­gen an, die Niko­laus­po­kal­wett­kämp­fe und die Kreis­ju­gend­sport­spie­le, die Zeug­nis­kon­fe­ren­zen und die Cel­lo- und Flö­ten­vor­spie­le. Da geh ich unter Leu­te, da träu­men mir nachts kon­fu­se Sachen. Ein paar völ­lig unzu­sam­men­hän­gen­de Eindrücke:

+ Unse­re Sechs­jäh­ri­ge hat öfters von einer Klas­sen­ka­me­ra­din erzählt, die über eine gigan­ti­sche Mons­ter-Hai-Samm­lung ver­fü­gen soll. Die­se Mons­ter Hai-Din­ger sind anschei­nend ziem­lich popu­lär gera­de. Nun führt die Klas­se ein hüb­sches Stück­chen zum Abschluß­fest auf, einen Afri­ka­ner­tanz. Jah­res­mot­to war näm­lich „Eine Welt“. Alle Schü­ler außer unse­rer Toch­ter (wir kamen lei­der etwas zu spät) haben ein dun­kel­braun geschmink­tes Gesicht. Ein wun­der­schö­ner Regen­tanz, rhyth­mus­be­tont, wird gesun­gen und getrom­melt. Die Kri­ti­sche-Weiß­seins-For­schung und ihr Black­fa­cing-Ver­dikt sind in der Pro­vinz noch nicht ange­kom­men. Ich klat­sche ehr­lich begeistert.
Mei­ne Toch­ter stellt mir die Freun­din mit den Mons­ter-Hai­en vor. Ich bin erstaunt. Ein zar­tes, lie­bes Blond­mäd­chen, rosa gewan­det. Aha!, den­ke ich, hier sorgt anschei­nend der Gen­der-Irr­sinn für erheb­li­che Kon­fu­sio­nen. Ein rich­ti­ges Mäd­chen-Mäd­chen, Nied­lich­keit pur. Der Main­stream ists, der sie so Zeug sam­meln läßt, sol­che Unge­tü­mer: Mons­ter­haie! Zufäl­lig hat die Süße, das stellt sich spä­ter raus, ein Expo­nat dabei. Es ist eine Art Bar­bie­pup­pe, gestalt­tech­nisch auf die Spit­ze getrie­ben. Das „Spiel­zeug“ nennt sich Mons­ter High und ist ein bil­li­ges, glot­zen­des Nütt­chen, eine Plas­tik­pup­pe mit Kul­ler­au­gen, Mini­rock und extre­men Stö­ckel­schu­hen. Auf dem Kopf necki­sche Teufelshörnchen.

+ Schul­fest bei den Gro­ßen. Mit­ge­lausch­te Satz­fet­zen: Eine auf­fal­lend hüb­sche Zehnt­kläß­le­rin schwärmt von „den Schwar­zen“. Fin­det, die sehen ein­fach durch­weg cool aus. Anmu­tig, vol­ler Wür­de. „Ich wär ja total gern eine Schwar­ze. Das All­er­min­des­te ist aber, daß ich mal von einem Schwar­zen ein Kind krieg. Stell ich mir total süß vor.“ Ich frag die Töch­ter: Was ist das denn so für ein Mädel? Sagt die eine: Sehr nett. Ziem­lich intel­li­gent. Immer vol­ler Ideen. Ent­geg­net die ande­re: Nett, ja, vor allem aber völ­lig naiv. Vor ein paar Mona­ten woll­te sie am liebs­ten eine Chi­ne­sin sein, min­des­tens aber ein chi­ne­si­sches Kind.

+ Abschluß­fest bei der Mitt­le­ren. Mei­ne Lieb­lings­klas­se, nur net­te Eltern. Gesprä­che übers Gärt­nern. Daß die­ses Jahr alles so spät dran sei. Daß die Karot­ten nicht kom­men, nir­gends. Daß die Kir­schen aber wurm­frei sein, was ich bestä­ti­ge. Wie­der fünf­zig Glä­ser ein­ge­macht, ein Höl­len­spaß! Ohne Kin­der und ohne die Not­wen­dig­keit, Zeit mit ihnen zu ver­brin­gen, wür­de ich, naja, viel­leicht zwei Glä­ser ein­ko­chen. Wenn über­haupt. Dann: „Aber das gan­ze ande­re Unge­zie­fer! Das ist die­ses Jahr unglaub­lich! Hat­ten wir frü­her nicht. Zu DDR-Zei­ten. Da gab´s das alles nicht. Kar­tof­fel­kä­fer, Kohl­flie­gen. Und Zecken. Die Hun­de sind voll davon. Und die Kat­zen. Gab´s alles nicht, damals.“ Ich hake nach: Es gab vor fünf­und­zwan­zig Jah­ren wirk­lich kei­ne Zecken? Lachen: „Ja, mal eine. Oder zwei. Im Jahr!“ Wie kann das sein? Es sei alles gründ­li­cher gewe­sen, damals. Die Böschun­gen abge­fa­ckelt, Kropp­zeuch nicht zuge­las­sen. Und von wegen, so´n biß­chen Stroh­feu­er im Herbst hät­te die Bio­lo­gie zer­sört. Ach wo. Hat alles funk­tio­niert, damals.

+ Kauf­hal­le, wenn man eh mal im Städt­chen ist. Scheue ich sonst, macht mich schlag­ar­tig depres­siv. Wenn, dann rich­tig, Ein­kaufs­wa­gen deut­lich über maxi­ma­ler Füll­hö­he. So, daß die Leu­te gucken und den Kopf schüt­teln, mich even­tu­ell für eine Extrem-Buli­mi­ke­rin hal­ten. Steht mir ja nicht auf der Stirn geschrie­ben, daß es hier­bei um die Ver­sor­gung eines Neun-Per­so­nen-Haus­halt geht. An der Kas­se hin­ter mir eine beträcht­li­che Schlan­ge. Im Geträn­ke­markt an der Kas­se vor mir zwei bul­li­ge Typen mit Glat­ze, von Kopf bis Fuß täto­wiert. Bei einer Eltern­ver­samm­lung neu­lich hat­te eine Dro­gen­prä­ven­ti­ons­da­me aus Hal­le kurz ein­ge­floch­ten, daß Quer­furt, unser Städt­chen also, ein noto­risch „rech­tes Nest“ sei. War mir in den ver­gan­ge­nen elf Jah­ren völ­lig entgangen.
Die zwei Män­ner also hie­ven mit ihren halb spe­cki­gen, halb mus­ku­lö­sen, jeden­falls stark ver­zier­ten Armen, zwei Bier­käs­ten „Zwer­gen­bräu“ auf den Tre­sen. Es ist die bil­ligs­te Sor­te, 5.99 pro Kas­ten, schmeckt aber pas­sa­bel. „Hier ham wer also zwee Käs­ten von dem Juden-Gebräu“, kom­men­tiert die Kas­sie­re­rin jovi­al. Die Män­ner lachen dröh­nend. Ah, man lacht hier also über eine anschei­nend jüdi­sche Braue­rei, so ord­ne ich den bizar­ren Vor­fall ein. Einer der Glatz­köp­fe öff­net den Geld­beu­tel, nein, kei­ne Part­ners­hip-Kar­te zum Punk­te­sam­meln, ein Schein wan­dert in die Kas­se der ulki­gen Ange­stell­ten, eine beleib­te Frau, viel­leicht Mit­te fünf­zig. Ich mache mir mei­ne Gedan­ken. Wie die eigent­lich drauf ist? Male mir kurz ihren Lebens­hin­ter­grund aus. Ob sie Mit­glied einer Par­tei ist? Ob sie viel­leicht einen Sohn im „Milieu“ hat? Wie sie sor­gen­los dazu kommt, eine der­art außer­ge­wöhn­li­che Bemer­kung an zwei augen­schein­lich Unbe­kann­te zu rich­ten? Als wenn es gar nichts wär´! Die Her­ren haben ihr Wech­sel­geld erhal­ten, da fragt der eine nach: „Aber wie ham se das eechent­lich jemeint, mit den Juden? Ist Zwer­gen­bräu denn wirk­lich jüdisch?“ Da lacht die Jute herz­lich: „ Ich hab jesacht: von dem juten Gebräu, Mensch!! So strikt hoch­deutsch sprech mer hier doch alle nich!“

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (28)

Carsten

15. Juli 2013 10:26

Herrliche Geschichten! Neulich las ich in der Lokalzeitung: "Gauleitung beschädigt!" Nach dem zweiten ungläubigen Hinsehen stand dort: Gasleitung beschädigt.

Hartschaumrolle

15. Juli 2013 10:52

"Mit Bier kann man sich nicht betrinken", stellte der alte Ernst Jünger fest. Stimmt! Ob es nun Zwergenbräu, Ur-Krostitzer oder Altenburger heißt; es ist immer dieselbe dumpfselige Brühe die nie trunken macht sondern müde.

Bundschuh

15. Juli 2013 11:03

Zwergenbräu Pilsener ist beim Bierclub sinniger Weise abgelegt unter "Haltung bewahren": https://www.bierclub.net/bier_207.htm

Hohenstaufer

15. Juli 2013 12:08

Liebe Ellen Kositza!

Sie müßten aus Ihrer Heimat doch auch das "hessische Genuschel" ausgiebig studiert haben, das noch phänomenalere Ausprägungen hervorbringt; genannt sei nur der "Näscha" (hochdeutsch: Neger).

Gruß!

Hesperiolus (Jever-Trinker)

15. Juli 2013 12:46

Ernst Jünger: "Das Bier wird vorgezogen in Ländern, Wo ehrbar-blond der Weizen reift, / Und stachlicht-keusch die Gerste sticht, / Wenn man sie noch so leise streift. (Hebbel)"
Wie Gerhard Nebel bemerkt, ist Bier "nach Luther das Schlafkissen des alten Mannes, es läßt uns die Bitterkeit des Hopfens genießen, die nach soviel süßlicher Verlogenheit des Kulturbetriebes wie die Wahrheit selbst schmeckt, und die nach soviel Umrißschwäche der in der Öffentlichkeit sichtbaren Akteure uns die Rarität eines kantigen Charakters bezeugt". Genau das richtige nach der abendlichen FAZ-Lektüre, also ganz im Gegenteil!

Hartschaumrolle

15. Juli 2013 13:32

Das pissige Gelb, die penetrante Kohlensäure machen mich trotz Zitaten nicht zum Bierfreund. Das müssen Sie akzeptieren. Ein gut-gezapftes Schwarzes ist in Ordnung. Dazu ein Zanderfilet. Wie abartig dagegen Oktoberfestspiele in München.

John Haase

15. Juli 2013 14:21

@ Carsten
Ich lese im Dezember gerne mal von Wehrmachtsstimmung und Wehrmachtsfesten. So wird man eben heutzutage konditioniert, man sieht überall Nazi.

Lisje Türelüre aus der Klappergasse

15. Juli 2013 15:03

@Hartschaumrolle
Hallo!
Über KÖSTRITZER lasse ich nichts kommen. Das gibt es sogar hier im tiefen Westen.

Rumpelstilzchen

15. Juli 2013 15:39

Undeutlich deutsch - Nachrichten aus der pfälzischen Provinz....

....und da war noch die pfälzische Oma, die zur blonden Freundin ihres Enkels sagte: "was für e arisch schee Mädsche".
Das Mädchen, der pfälzischen Sprache nicht mächtig, war entsetzt über die politisch unkorrekte Oma und verdächtigte sie des Rassismus.

Anmerkung: arisch bedeutet im pfälzischen lediglich arg, also:
Was für ein arg schönes Mädchen.
Und so kommt es immer wieder zu Mißverständnissen.

Ja, die Kirschen sind in diesem Jahr ohne Würmer und die Hortensien haben zahlreiche Blüten.
heute back' ich, morgen brau' ich....ach wie gut, dass niemand weiß...

Martin

15. Juli 2013 15:51

Das Wortspiel mit dem Dialektausdruck "jut" mit "Jud", ist spätestens seit Woody Allens "Stadtneurotiker" (1977) einer breiten Öffentlichkeit gut bekannt.

E.K.: Sie wollen mich bitte nicht einer "breiten Öffentlichkeit" zurechnen! Und die wortewechselnden junge Männer samt Kassiererin müssen Sie wohl auch rausrechnen aus der cineastisch gebildeten Mitte. "Einer breiten Öffentlichkeit gut bekannt", überhaupt, was heißt das schon? Ich könnte entgegenen: Die üblichen Kommaregeln sind ebenfalls einer breiten Öffentlichkeit bekannt...

Angesichts der derzeitigen politischen Lage in Deutschland und der Welt, dem Fallen der Masken, was das Verhältnis bspw. zu den USA betrifft, kann der "Meta-Politiker" zwar sagen, is ja jut, ham wa schon imma jewusst, aber ob Notizen aus der Provinz dann trotzdem das ist, was man von diesem, sich selbst als Anspruchsvoll

EK: Sooo anspruchsvoll nun auch nicht, daß wir´s als Attribut groß schreiben wollten...

gebenden Netztagebuchs (darf man "Blog" sagen?), welches in der letzten Zeit doch erstaunlich ruhig geblieben ist, erwarten darf, bleibt fraglich ...

Aber was soll´s: Gut und treffend geschrieben ist es allemal ... und vermutlich werden die lauteren Töne zu Aktuellerem noch folgen.

Hartschaumrolle

15. Juli 2013 16:01

Die Bierliebhaberei treibt sogar Sommelier-Blüten. Ein schäbiger "Job". Ein bisschen wie Immobilien zu vermakeln.

Reichsvogt

15. Juli 2013 17:22

Für Herrn Hartschaumrolle, den snobistisch anmutenden Bierverächter...

https://youtu.be/lnuf4Nnwz-A

Schnippedilderich

15. Juli 2013 19:21

Von Eremit zu Eremitin. Wenns Nacht wird auf meiner Höh, Aldebaran und
Beteigeuze milde leuchten, die Kreuzottern in ihren Nestern schlummern, Fledermäuse ihren munteren Flatterflug beginnen, eine Eule mit gefiederten Fängen am First meines Hüttleins philosophierend zumStrom hinunter blickt,Glühwürmchen wundersamen Zauber verschenken um ihr Gebüsch, auf dem Schemel ein irdener Krug Schlappeseppelbieres schäumt, dann läut' ich das Glöcklein zur Ruh, send ein Gebet gen Himmel, worin ich die Gottheit bitt', meinem lieben Deutschland Gunst zu erweisen, ist es doch in arger Not. Auch heute weden die lieblichen Geister der Nacht auf Glockschlag elfe wieder ihr munteres Stelldichein zum Festspiel der Finsternis beginnen. Schönberg wird leise von ferne seine Musik der verklärten Nacht spielen und eines ist ganz gewiß, der Humpen wird nicht leer sein ... Seinsfülle ... Mysterium des Unendlichen ... Ein Prosit der Endlichkeit ... Auf Dauer ertrüg's kein Übermensch!

ene

15. Juli 2013 19:47

Liebe Frau Kositza,

zu diesem und Verwandtem eine Lesenempfehlung - liegt bei mir zwar schon Jahre zurück, ich hatte das Buch zum Verschenken gekauft (und zuvor gelesen, versteht sich):

Gabriele Göttle, Deutsche Sitten

Manches wird Ihnen da vertraut vorkommen...wenn auch einiges, was Frau Göttle erlebte, ohne weiteres unter "monströs" einzuornen wäre...

Unke

15. Juli 2013 23:00

Ich weiss ja, dass Sie mit einigen Sachen provozieren wollen (kann ja gar nicht anders sein). Habe auch einmal herzlich gelacht (sage aber nicht wo).
.
Ansonsten stelle ich immer wieder fest, dass -ohne Geld- auf dem Land aufzuwachsen offenbar unabhängig von Zeitaltern und Gesellschaftssystemen ein charakteristisches Lebensgefühl mit sich bringt. Bei der Lektüre von Stephan Krawczyks* Autobiographie (ist schon ein paar Jährchen her) hatte ich, obwohl Wessi, das ein- oder andere Déja Vu.
.
Das Verrückte für mich persönlich ist, dass ich dem Stadtleben nicht viel abgewinnen kann. Man muss so verflucht viel Geld verdienen...
…um dann aufs Land ziehen zu können -- es ist zum wahnsinnig werden. (Richtig: es fehlt mir ein Geschäftsmodell zum Leben auf dem Land – es komme mir niemand mit „dann pendle halt!“).

* ja ich weiß, das ist ein links-naiver Gutmensch. Lasst Euch überraschen!

Martin

16. Juli 2013 07:40

Sehr geehrte Frau Kositza,

wie gut, dass wir noch unsere Rechtschreibregeln haben. Wenn man sich schon auf nichts mehr berufen kann, dann doch immer noch im Ernstfall auf diese ... . Das letzte, was der deutsche hat (ich schreibe deutsch immer in allen Varianten klein, da es nichts großes mehr hat), worüber er sich völlig Lager übergreifend noch einig ist, ist seine Rechtschreibung, auch wenn seit X- Reformen darüber niemand der breiten Öffentlichkeit mehr so richtig im Klaren ist. Wie gehen eigentlich die Datenfilter der NSA mit Tipp- und Rechtschreibfehlern um? Kann der Besuch einer schlechten Schule mit den daraus resultierenden Rechtschreibschwächen oder Legasthenie zukünftig gar ein evolutionärer politischer Vorteil sein? Oder wäre das Gegenteil der Vorteil? Wären falsches Schreiben oder richtiges Schreiben ein Mittel der Obstruktion? Fragen über Fragen ...

Leider gibt es das Zwergenbier nicht in meiner Gegend - Wir müssen preisbewusst auf den Marktriesen Oettinger zurückgreifen. Prost!

PS: Und bereits weit vor Woody Allen war jut und Jud ein ziemlich alter Hut ... (reimt sich sogar ...).

Carsten

16. Juli 2013 09:59

Gabriele Göttle, Deutsche Sitten

Das Buch ist übelste antideutsche, germanophobe Polemik und Dreckschleuderei. Es geht nur um das Niedermachen, Verächtlichmachen und in den Schmutz ziehen. Absolut furchtbar!

ene

16. Juli 2013 10:36

@ Unke

sollten Sie unter "auf dem Lande leben" etwa das Umland von Bad Homburg meinen, haben Sie gewiß recht.
Von Berlin aus betrachtet, stellt sich die Sache etwas anders dar: ich bin in den letzten Jahren immer wieder Leuten begegnet, die aus Kostengründen aufs Land gezogen sind; weil sie da etwa anstelle eines zu engen Ateliers in Berlin dort gleich ein riesiges zur Verfügung haben.
Oder nehmen Sie z.B. eine so schöne Stadt wie Schwerin oder eben die Umgebung von Naumburg: wenn Sie da 20 Minuten mit dem Rad fahren, befinden sie sich bereits dort, wo sich die Füchse gute Nacht sagen.
(Was mir so einfiel beim Lesen Ihres Beitrags...)

Inselbauer

16. Juli 2013 13:19

Liebe Frau Kositza, elegant ist die Wendung mit dem "Zuspätkommen", auf dass die Tochter nicht als Neger herumläuft (...) Die Plastik-Nutten haben sich bei unserer Kleinen ad Absurdum geführt, weil sie sich letztes Jahr mit der Tochter des libanesischen Botschafters (der hat Judenwitze drauf, ich sag's euch...) angefreundet hat und diese von den Urlauben immer orientalische Barbies mitgebracht hat: Barbie aus Saudi-Arabien ist Nüttchen unter schwarzem Küttchen! Ich gebe zu, da auch mal die Burka gelüftet zu haben.
Ansonsten: Tolle Alltagsgeschichten - ich werde auch manchmal angesprochen, wie ich es aushalte in Dahlem, da soll es ja so stockreaktionäre Bevölkerungsteile geben

ene

16. Juli 2013 14:09

@ Carsten

Da bin ich aber überrascht - kann das denn sein?
Ich erinnere mich an eine Geschichte, in der die Autorin in den Säcke einer Kleidersammlung guckte, um zu kommentieren, was ihre wohlsituierten Nachbarn (Studienräte) so alles wegwerfen. Das fand ich gut beobachtet .
Ferner an die Geschichte eines Chemikers, der durch unglückliche Lebensumstände zum Obdachlosen wurde. Kann ich mir ohne weiteres vorstellen. Und bei "monströs" dachte ich an jene Phantasien und Geschichten, die Masochisten der Autorin vortrugen, als sie sich als "Gesprächspartnerin" zu Verfügung stellte.
Inwiefern dies nun "germanophob" ist, erschließt sich mir nicht.
Nicht im Traum ist mir eingefallen, mich "angegriffen" zu fühlen.

Unke

16. Juli 2013 17:54

@ene
Bad Homburg und sein Umland ist Vororthölle aus dem Speckgürtel, vergleichbar z.B. mit Blankenese und Hamburch. Mit auf dem Lande hat das nichts zu tun.
Schwerin ist dagegen selbst schon „auf dem Lande“. Wie im gesamten Deutschland (mit Ausnahme der Rhein-Main-Neckar- Schiene sowie München und Hamburg) ist dort ökonomisch tote Hose. Das einzige was dort floriert sind Transfers oder Regierungsbedienstete (Schwerin z.B. als Landeshauptstadt), letztlich wird natürlich auch der Ministerpräsident von Meck-Pomm vom Soli bezahlt.

Also: irgendwie stelle ich mir das in Schwerin so vor, dass dort die Jobs vom Vater auf den Sohn vererbt werden, beide natürlich als Insider mit Stasivergangenheit… und die Outsider -die natürlich genau wissen, dass sie keine Chance haben- werden „rechtsradikal“. Oder so.
Wie auch immer, es hat immer seinen Grund wenn das Leben auf dem Lande so billig ist. Keine Ahnung, Beispiele für gewachsene und gesunde, fern jeglicher Verkehrshektik gelegenen Städtchen scheinen mir Lohr oder Karlstadt (beide am Main und ohne direkte Autobahnanbindung) zu sein.
Aber was tut man da, außer den Betrieb eines Altvorderen zu übernehmen?

ene

16. Juli 2013 21:49

@ Unke

Was man dort tut oder tun könnte, erfährt man, wenn man sich das alles mal aus der Nähe ansieht...so wie eine mir bekannte Frau, die gleich nach 89 hier in Berlin alles zusammengepackt hat, Laden aufgelöst, Wohnung ebenfalls, um in der Nähe von dem erwähnten Naumburg "auf dem Lande" eine historisch interessante, desolate Immobilie zu kaufen. Inzwischen ist das Haus restauriert, ihr Gewerbe floriert, ein passender Ehemann wurde auch gefunden. Ihr geht es sehr gut dort.

apollinaris

17. Juli 2013 00:27

Liebe Frau Kositza, ich kann mich noch gut erinnern, als ich nach einer schier endlosen 20 km-Fahrt über ortschafts- und menschenlose Landstraßen Anfang der 1990er Jahre die Kreisstadt Querfurt erreichte auf der verzweifelten Suche nach einer Tankstelle. Ich fand dann eine einzige Station - und die hatte geschlossen. Mit nachbarschaftlicher Hilfe für den versprengten Fremden wurde dann eine Zapfsäule von den aus den Feierabend herbeigeholten freundlichen Betreibern freigeschaltet - das werde ich nie vergessen.

Ein schönes, wundersam und bezaubernd einnehmendes einsames Fleckchen Deutschland dachte ich mir damals. Ich hoffe, seitdem gibt es mehr Tankmöglichkeiten; ich hoffe aber auch, dass sich ansonsten möglichst wenig am Charakter der Landschaft und der Leute dort verändert hat. Ihre Beiträge lassen dies erahnen und ich gerate ins Schwärmen und beneide Sie - und bedauere mich, dass ich nicht den Mut hatte und habe, mich auch dort seßhaft zu machen.

Unke

17. Juli 2013 00:35

@ene
Es gibt kein allgemein gültiges Rezept (sonst würde es jeder machen...), leider.
Manchmal denke ich mir: ist es nicht besser, die weitere Zukunft außerhalb D's zu planen?
Was die "westlichen" Nationen anbelangt so steht ihnen der Kontradieff- Winter bevor. Der Verschuldungsorgie der Altvorderen sei "Dank"! Dazu kommt eine dezidiert Eingeborenen- und Männerfeindliche Politik
==> "etwas Besseres als den Tod finden wir allemal!"

ene

17. Juli 2013 09:09

@ Unke

Ein Tip: Gehen Sie doch mal auf die Seite "Gutshaus Großjena, Kunsthandel und Ferienwohnungen" und sehen Sie dort um...
Und noch ein Tip: fahren Sie mal in die Gegend!
Besuchen Sie dann auch die Villa von Max Klinger, wobei leider ein Großteil seines Werkes "abhanden" gekommen ist, aber die Lage ist sehr schön, mit weitem Blick über das Land.
Alles Gute!

Rumpelstilzchen

17. Juli 2013 17:29

@ene

danke für den tip "Gutshaus Großjena",
Beim nächsten Besuch in dieser Ecke werde ich dort Rast machen.
Sieht wunderschön aus.

Unke

18. Juli 2013 13:51

Da muss ich noch einmal einhaken.
Die Frage ist doch was will der deutsche Staat von mir allein aufgrund der Tatsache, dass ich existiere. Und man stellt sehr schnell fest, dass man nicht Souverän, sondern Nutzvieh ist.
Also: so schön das Plätzchen auch sein mag, wenn die Kilowattstunde Strom 30 Cent (und künftig bedeutend mehr) kostet und das Dorf von turmhohen Windmühlen umzingelt ist (OK, dann ist das Plätzchen nicht mehr wirklich schön) und mir die Krankenversicherung 400 Euro im Monat abluchst…
…da nützt mir auch das idyllischste Plätzchen nichts, weil ich es mir nicht leisten kann.
Oder anders: da kann ich woanders für weniger Geld besser leben. Im Zeitalter des Internets kann man auch noch herausfinden wo!
Der unausweichliche Niedergang ist für jeden erfahrbar - es sei denn man ist Parlamentarier oder GEZ- Funker. Erstere mühen sich mit diesem ab und finanzieren die Bonzen, die dann dieses vorzeigen.
Anstatt sich aber gegenseitig zu helfen oder -wie heißt das schöne altlinke Wort doch gleich:- zu solidarisieren um der staatlichen Abzocke entgegenzutreten wird der Bock zum Gärtner gemacht und nach noch mehr Staat gerufen.
Dabei lässt sich als Nicht-Bonze nur durch kreative Arrangements in Würde überleben. So sind, beispielsweise, auf dem Dorf Geschäfte auf Gegenseitigkeit denkbar (und wohl auch nicht selten): ich mähe Deine Wiese, dafür bekomme ich Brennholz für den Winter (z.B.). Das Problem dabei: es ist nicht sonderlich effizient (warum wohl hat man Geld erfunden?). Jedoch ist das Etablieren einer Parallelökonomie (die den Staat draußen hält) strafbar. Da würden unserem Allgütigen, Allgewaltigen ja Steuern, Abgaben und Sozialversicherungsbeiträge verlustig gehen!

ene

19. Juli 2013 12:20

Unke

Sie sind hartnäckig!
Was Sie sagen, trifft zu. Was meinen Sie, was wir gesagt haben, als wir unsere letzte Stromrechnung sahen?? Lange kann das nicht mehr so weiter gehen, sonst stehen wir mit dem Rücken an der Wand; ich weiß nicht nur, ich erlebe auch, was Sie meinen.
Wie aber kommt man durch Leben, wenn man aufgrund aller Miseren nur sagen würde: "jetzt will ich das Schöne aber auch nicht mehr sehen?"
Deutschland ist ja nicht nur ein Gebilde, welches Steuern und Gebühren einzieht!

Ein Satz fällt mir da spontan ein (von D'Annunzio?):
La bellezza è sempre una tregua
Schönheit ist immer eine Atempause.

"woanders für weniger Geld besser leben" - kommt drauf an , worauf es Ihnen ankommt. Ich z.B. mag das mitteleuropäische Wetter - ewiger Sonnenschein und feuchtwarme Hitze wären mir schlichtweg ein Greuel. Mit anderen auf der Basis von 300 Notvokabeln händeringend zu kommunzieren, wäre auch nicht so mein Ding.
Und was man sonst noch so alles erleben kann, wenn man dahin zieht, "wo es billiger " aber auch sonst eben anders ist, da hätte ich einige Geschichten parat, die tragisch endeten, aber das sprengt hier den Rahmen.

Im übrigen würde ich lieber hierzulande für weniger Geld besser leben!

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