Nimm und lies: Nachklapp zu Pro-Reli

Was das Ergebnis der Pro-Reli-Abstimmung betrifft, so stimme ich 100% Ronald Gläsers Kommentar in der online-JF zu, ...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

… und das wird wohl jeder tun, der noch alle Tas­sen im Schrank hat. Iones­cos Rhi­no­ze­ros­se las­sen mal wie­der grü­ßen. Nun aber ein paar Wor­te zum The­ma “Reli­gi­ons­un­ter­richt”, wobei mei­ne per­sön­li­che Erfah­rung auf mei­ne Schul­zeit in Öster­reich Anfang der Neun­zi­ger Jah­re zurückgeht.

Wie man sich nun genau so einen “Ethik”-Unterricht vor­zu­stel­len hat, weiß ich nicht, Tat­sa­che aller­dings ist, daß sich der Reli­gi­ons­un­ter­richt in der Pra­xis inzwi­schen ohne­hin längst im Ver­mit­teln von “ethi­schen” und sozia­len Wer­ten erschöpft, und die Leh­rer sind wohl in der Über­zahl lin­ke bzw. links­li­be­ra­le, gut­mensch­li­che, poli­tisch kor­rek­te und all­ge­mein recht arg­lo­se Gesel­len, men­ta­li­täts­mä­ßig irgend­wo zwi­schen Mut­ter Tere­sa, John Len­non und einem süd­ame­ri­ka­ni­schen Befrei­ungs­theo­lo­gen angesiedelt.

Zumin­dest in mei­ner Schul­zeit hat die­se schluffi­ge Zivil­die­ner- und Grün­wäh­ler­frak­ti­on deut­lich domi­niert, und deren Unter­richts­pra­xis war dahin­ge­hend, daß man den Reli-Unter­richt rei­nen Gewis­sens vor dem Herrn schwänz­te oder total­ver­wei­ger­te, ich erin­ne­re mich etwa an die Ankün­di­gung eines Leh­rers zu Jah­res­be­ginn:  “Es gibt drei Noten: eine ver­dien­te, geschenk­te und nach­ge­schmis­se­ne Eins.”

Ich bin mir tod­si­cher, daß im nun zwangs­au­fok­troy­ier­ten “Ethik-Unter­richt” vor­züg­lich “lin­ke” Wer­te als “ethisch” geprie­sen wer­den, was zu einer all­ge­mei­nen kul­tur­he­ge­mo­nia­len Stra­te­gie gehört, rech­te Wer­te als “unethisch” zu brand­mar­ken. Wer etwa gegen Mas­sen­ein­wan­de­rung ist, hat nicht nur unrecht, er ist auch noch böse, und “Rechts­sein” wird syn­onym mit einem vagen ethi­schen Defekt und Schwefelgeruch.

Nun ist aber Reli­gi­on an sich alles ande­re als das blo­ße Ver­mit­teln von ethi­schen Bana­li­tä­ten und Anlei­tun­gen zum Brav­sein. Als Jugend­li­cher war ich fas­zi­niert von Reli­gi­on, aber es war die mys­ti­sche, tie­fen­psy­cho­lo­gi­sche, irra­tio­na­le und ästhe­ti­sche Kom­po­nen­te, die mich hef­tig anzog, das “Hei­li­ge” und “Sakra­le”. Der Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­ler Rudolf Otto faß­te dies unter dem Begriff des “Numi­no­sen” zusam­men, des­sen Kom­po­nen­ten er als das “Schau­er­vol­le” (tre­men­dum), “Über­mäch­ti­ge” (majes­tas), “Ganz Ande­re” (mys­te­rio­sum) beschrieb.

All das fand ich eher in man­chen Fil­men von Paso­li­ni oder Carl Drey­er oder in der Musik von Arvo Pärt und den Lie­dern der Hil­de­gard von Bin­gen als im ster­bens­lang­wei­li­gen und krampf­haft auf “Aktua­li­tät” getrimm­ten (“in Afri­ka ster­ben sound­so­vie­le Mil­lio­nen Kin­der an Hun­ger, in Jugo­sla­wi­en gibt es Krieg und Gewalt”) Reli­gi­ons­un­ter­richt, und eher noch in einer dunk­len, küh­len goti­schen Kir­che vol­ler Rosen­kranz mur­meln­der Weib­lein, als in der öku­me­ni­schen Schul­mes­se in einer Art Turn­hal­le aus hel­lem Ike­a­holz mit knall­bun­tem, “modern” gemal­ten Kreuz­gang. Mei­ne Leh­re­rin fand die Hil­de­gard-von-Bin­gen-CD, die ich ihr lieh, nie­der­drü­ckend, sie war mehr eine Anhän­ge­rin einer dif­fu­sen Wohl­fühl-Reli­gio­si­tät und emp­fahl mir, mir im Thea­ter God­s­pell anzu­se­hen.

Irgend­wann ging ich dann im Rausch jugend­li­cher Ver­wir­rung und Sinn­su­che zwecks Inskrip­ti­on auf die katho­li­sche Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Wien, im Gothic-Look, um den Hals einen Rosen­kranz und mit einem selbst­ge­druck­ten T‑Shirt der von reli­giö­sen Obses­sio­nen heim­ge­such­ten Kult­band Cur­rent 93 ange­tan. Ich ergriff aber schon nach zehn Minu­ten panisch die Flucht, da dort neben zwei, drei Non­nen alles von die­sen bär­ti­gen, bie­de­ren, bril­len- und san­da­len­tra­gen­den Reli­gi­ons­leh­rer­ty­pen mit Acht­zi­ger-Jah­re-Sozia­li­sa­ti­on okku­piert war, die mir schon in der Schu­le ein Anathe­ma waren, Gestal­ten,  die aus­sa­hen, als ob sie jeden Moment die Klamp­fe zücken und “Kum­ba­ya My Lord” sin­gen woll­ten, oder einen zwin­gen, sich zum Lich­ter­marsch gegen Aus­län­der­feind­lich­keit einzureihen.

Wir leben in meta­phy­sisch stock­tau­ben, blin­den und unmu­si­ka­li­schen Zei­ten, es gibt wenig Sen­si­bi­li­tät für die­se Din­ge.  Dar­an kann und soll natür­lich auch der schöns­te Reli­gi­ons­un­ter­richt nichts ändern. Er könn­te aber etwas ande­res. Ich fra­ge mich ver­wun­dert, war­um kein Mensch weit und breit im Rah­men die­ser Pro-Reli-Dis­kus­si­on auf die nahe­lie­gends­te Idee gekom­men ist, das ein­zi­ge und für alle Par­tei­en – Gläu­bi­ge wie Athe­is­ten –  Sinn­vol­le zu tun, und ein Fach mit dem Namen, sagen wir, “Reli­gi­ons­kun­de” ein­zu­rich­ten, in dem ein soli­des Grund­wis­sen über Geschich­te, Dog­ma und Iko­no­gra­phie der Welt­re­li­gio­nen ver­mit­telt wird. Zusätz­lich soll­ten Grund­kennt­nis­se über die Reli­gio­nen der Anti­ke unter­rich­tet wer­den, die ja nicht weni­ger zu den Grund­la­gen des Abend­lan­des gehö­ren wie das Christentum.

Die Kennt­nis der Reli­gio­nen ist der Schlüs­sel schlecht­hin, die Kul­tu­ren, ihren Geist, ihre See­le, ihre Träu­me, ihre Angst und Hoff­nung, ihre Poli­tik und ihre Kunst zu ver­ste­hen.  Es ist erschre­ckend, wie weni­ge Men­schen heu­te eine Ahnung haben von die­sen ent­schei­den­den Din­gen, die ja über Jahr­tau­sen­de unser “mind-set” gebil­det haben, und selbst unse­rer durch­sä­ku­la­ri­sier­ten Zeit als Grund­la­ge die­nen. Und wie kann man ohne die­ses Wis­sen Phä­no­me­ne wie den auf­stre­ben­den Isla­mis­mus ver­ste­hen und ein­schät­zen? Selbst hart­nä­cki­gen roten Ossi-Athe­is­ten wird man ja wohl die­se All­ge­mein­bil­dung zumu­ten kön­nen, damit ihnen wenigs­tens halb­wegs klar wird, wor­an sie eigent­lich nicht glau­ben. Das wäre die sau­bers­te und sinn­volls­te Lösung, und man könn­te die­sen Unter­richt kon­se­quent lai­zis­tisch hal­ten, was aber auch heißt, daß die Schü­ler nicht mit links­ideo­lo­gi­schem Gemen­schel und ähn­li­chen Platt­hei­ten beläs­tigt werden.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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