Sezession
3. August 2013

5. Todestag Alexander Solschenizyn

Gastbeitrag

9783935063562(Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012.)

von Thorsten Hinz

Kein anderer Dichter des 20. Jahrhunderts hat eine vergleichbare politische Wirkung entfaltet wie der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn.

Der Romancier, Erzähler, Lyriker und Essayist stammte aus einer armen Familie. Er studierte Mathematik und Philosophie in Rostow am Don. Im Zweiten Weltkrieg war er Batteriechef einer Artillerieeinheit. Er nahm an der Eroberung Ostpreußens teil und wurde dort Zeuge der Greuel, welche die Rote Armee an der deutschen Zivilbevölkerung verübte. Sie fanden Eingang in den Gedichtband Ostpreußische Nächte (1976) und in die Erzählung Schwenkitten ’45 (2004). Im Februar 1945 wurde Solschenizyn von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet, weil er – zu dem Zeitpunkt noch ein überzeugter Kommunist – in Privatbriefen Kritik an Stalin geübt hatte. Er wurde zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt, aus der er 1953 in die »ewige Verbannung« nach Kasachstan entlassen wurde.

Nach seiner Rehabilitierung 1957 durfte er als Lehrer arbeiten. 1962 erschien sein Kurzroman Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch, der den gewöhnlichen Tagesablauf in einem sowjetischen Zwangsarbeitslager schildert. Die Publikation fiel in die sogenannte Tauwetter-Periode, die Parteichef Nikita Chruschtschow mit der Enthüllung Stalinscher Verbrechen auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 eingeleitet hatte. Im Unterschied zu den meisten seiner Kollegen war Solschenizyn nicht bereit, den Massenterror als eine von einem einzelnen verursachte Verletzung sozialistischer Normen zu bagatellisieren. Er sah in ihm ein genuines und unvermeidliches Merkmal des kommunistischen Systems und wurde zu einer Galionsfigur der inneren Opposition.

Seine folgenden Werke – darunter die Romane Im ersten Kreis (1968, erschienen auch unter dem Titel: Der erste Kreis der Hölle) und Krebsstation (1968) – durften in der Sowjetunion nicht mehr erscheinen und wurden daher im Ausland erstveröffentlicht. 1970 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Sein berühmtestes Buch, Der Archipel GULAG (1974), zählt zu den Klassikern der dokumentarischen Literatur und bietet ein ebenso umfassendes wie detailliertes Panorama des sowjetischen Staatsterrors zwischen 1918 und 1956. Solschenizyn löste damit eine große Erschütterung in der westlichen Welt einschließlich der politischen Linken und selbst der kommunistischen Parteien aus. In der Bundesrepublik allerdings war die Wirkung vergleichsweise gering.

1974 durfte der Autor – u. a. dank dem Einsatz von Heinrich Böll – die Sowjetunion verlassen. Über die Bundesrepublik und die Schweiz ging er in die USA. Der Exilant sorgte im Westen bald für Irritationen, weil er sich der Instrumentalisierung durch linke und liberale Diskurse verweigerte und die westliche Lebensweise als dekadent und materialistisch kritisierte. Er fand sich Zwischen zwei Mühlsteinen (2005) wieder, dem sowjetischen Geheimdienst und der öffentlichen Meinung im Westen. In der DDR erschien der Roman Der Gaukler des Schriftstellers Harry Thürk, der Solschenizyn als eine Marionette des amerikanischen Geheimdienstes denunziert. In den USA widmete er sich dem noch in der Sowjetunion begonnenen und ursprünglich auf 20 Bände angelegten Romanzyklus Das rote Rad (in deutscher Übersetzung sind drei Bände erschienen: August vierzehn, November sechzehn, März siebzehn), der ein Porträt der russischen Gesellschaft vor, während und nach der Oktoberrevolution liefern sollte. 1991 brach er das unvollendete Projekt ab.


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