Alte Kamellen I: 1983 – heißer Jahrhundertsommer

von Heino Bosselmann

Manches an jenem Jahr weckte utopische Ahnungen. Das Arpanet, Vorläufer des Internet, wurde mit TCP/IP fit gemacht, es gab den ersten Personal-Computer von IBM, sogar ein 800 Gramm schweres Funktelefon, das Motorola DynaTAC 8000X, für das der Begriff Handy noch nicht erfunden war. Alles im Westen, klar.

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Aber man leb­te noch ana­log, nicht digi­tal. Wich­tig blieb die Glot­ze. Ganz ter­res­trisch. West­sen­der und Ost­sen­der. In Far­be! Noch ein Jahr hin bis zum Pri­vat­fern­se­hen. Pri­vat klingt ja immer bes­ser. – Sonst noch was? Die Neu­wah­len zum Bun­des­tag führ­ten am 6. März zu einem ful­mi­nan­ten Sieg der CDU/CSU und zum Absturz der SPD. Kohl war zwar gekürt, für lan­ge, lan­ge Zeit; aller­dings saßen die Grü­nen jetzt im Par­la­ment. Voll­bär­tig und im Strick-Chic. Der „Stern“ bla­mier­te sich gran­di­os mit den Hit­ler-Tage­bü­chern, der „Spie­gel“ the­ma­ti­sier­te AIDS als „töd­li­che Seu­che“, und FDP-Graf Lambs­dorffs Immu­ni­tät wur­de im Zuge der Flick-Affä­re aufgehoben.

Ein nor­ma­les Jahr? Ziem­lich heiß! Der bis dahin hei­ßes­te Som­mer des Jahr­hun­derts. Dann sogar ein „hei­ßer Herbst“: Hun­der­tau­sen­de Leu­te gegen den NATO-Dop­pel­be­schluß im Bon­ner Hof­gar­ten, die größ­te Lat­sch­de­mo des sich eta­blie­ren­den links­al­ter­na­ti­ven Neu-Bür­ger­tums, des­sen Mas­sen­ak­tio­nen kul­tur­re­vo­lu­tio­när einen eige­nen Event-Cha­rak­ter gewin­nen. Risi­ko­frei, freud­voll, bunt. Und die poli­tisch außer Selbst­ver­ge­wis­se­run­gen zunächst nichts ändern: Am 22. Novem­ber beschließt der Bun­des­tag end­gül­tig die Sta­tio­nie­rung der neu­en Mit­tel­stre­cken­ra­ke­ten, die bis Mos­kau nur noch weni­ge Minu­ten brau­chen. Als Kom­pen­sa­ti­on des sowje­ti­schen Über­ge­wichts. Heißt es. Heißt es drü­ben wie­der anders. Man rech­net damals andau­ernd Trä­ger­sys­tem und nuklea­re Gefechts­köp­fe gegen­ein­an­der auf. Klar ist nur: Die haben sich in nur einem Jahr­zehnt verdoppelt.

Des­we­gen lie­gen wir 1982 NVA-Ein­be­ru­fe­nen hin­ter der Elbe öfter mal in den soge­nann­ten Unter­brin­gungs­räu­men und gra­ben uns ein. Weil wir lau­fend Alar­me absol­vie­ren, läuft alles rou­ti­niert, und wir ken­nen das Stück Welt im Grenz­ge­biet vor Hitzacker, wo wir im „Ernst­fall“ ins Gras bei­ßen sol­len. Wir lie­gen dort ins­be­son­de­re wäh­rend der NATO-Herbst­ma­nö­ver, suchen nach Funk­ver­bin­dung und koor­di­nie­ren die Hand­lun­gen mit den Mot-Schüt­zen- und Pan­zer­ver­bän­den der Sowjet­ar­mee. Im Gegen­satz zum „Geg­ner“ im Wes­ten kom­men wir aus unse­ren Ein­hei­ten nur alle paar Wochen kurz her­aus. Wir ken­nen es nicht anders. Wir war­ten, schrei­ben Brie­fe und hören „Neue Deut­sche Wel­le“: Peter Schil­ling: Major Tom. Nena: 99 Luft­bal­lons. Gei­er Sturz­flug: Brut­to­so­zi­al­pro­dukt. Von irgend­wo dröhnt stän­dig „Do You Real­ly want to Hurt Me” von „Cul­tu­re Club“, Robin Gibbs „Juliet“ und Rod Ste­warts „Baby Jane“. – Unse­re Freun­din­nen drau­ßen ste­hen auf Gaze­bos „I like Cho­pin“ und Paul Youngs „Come Back and Stay“.

Wir kom­men aber so schnell nicht zurück. Am 1. Sep­tem­ber schießt die sowje­ti­sche Luft­waf­fe bei Sacha­lin eine vom Kurs gekom­me­ne Boe­ing 747 der „Kore­an Air­lines“ ab. 269 Tote. Die Ner­ven lie­gen blank. Aber die Ner­ven lie­gen sowie­so blank. Ost und West gehen in die­sem Jahr offen­bar von einem mög­li­chen nuklea­ren Kon­flikt aus. Die Thron­re­de der Queen zum drit­ten und ver­mut­lich letz­ten der gro­ßen Krie­ge ist vor­be­rei­tet. NATO-Flot­ten­ver­bän­de kreu­zen ver­stärkt im Nord­at­lan­tik, der Ost­see und im Schwar­zen Meer. US-Bom­ber nähern sich extrem dicht dem sowje­ti­schen Luft­raum, um die Bereit­schaft zum Nukle­arschlag zu demons­trie­ren und die sowje­ti­sche Luft­ab­wehr zu tes­ten. Im März ’83 star­tet Ronald Rea­gan das SDI-Rake­ten­ab­wehr­pro­gramm. Der sowje­ti­sche KGB ist von west­li­chen Angriffs­plä­nen über­zeugt und mobi­li­siert sei­ne Resi­den­zen zur größ­ten Spio­na­ge­ope­ra­ti­on RJaN, die her­aus­fin­den soll, wie es wann los­ge­hen wird.

Bevor das zehn­tä­gi­ge NATO-Manö­ver „Able Archer 83“ (“Tüch­ti­ger Bogen­schüt­ze”) star­tet, das mit hohem Rea­li­täts­grad und der erst­ma­li­gen Ein­be­zie­hung poli­ti­scher Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten einen Atom­krieg simu­lie­ren soll, mel­det ein sowje­ti­sche Über­wa­chungs­zen­trum den Start ame­ri­ka­ni­scher Inter­kon­ti­nen­tal­ra­ke­ten, und es ist der Beson­nen­heit von Oberst­leut­nant Sta­nis­law Petrow in einem fünf­zig Kilo­me­ter süd­lich von Mos­kau gele­ge­nen Ser­puchow-15-Bun­ker zu ver­dan­ken, daß er in der Kom­man­do­zen­tra­le der Satel­li­ten­über­wa­chung die Signa­le als Falsch­alarm ein­stuft und so ein Infer­no selb­stän­dig han­delnd verhindert.

Wovon die Welt nichts weiß. Auch wir in den Kaser­nen nicht. Die gechill­ten lin­ken Demons­tran­ten drü­ben eben­so­we­nig. Wir regis­trie­ren nur die Span­nung, die Ner­vo­si­tät, den Druck. Der Ton ist rau, die Gefechts­aus­bil­dung hart. Wir ruhen im Polit­un­ter­richt aus, wo von “der letz­ten Klas­sen­schlacht unter den Bedin­gun­gen eines ther­mo-nuklea­ren Krie­ges” die Rede ist. Im schwü­len Som­mer sind wir ver­blüfft davon, daß unser Land unter Ver­mitt­lung von Franz Josef Strauß einen Mil­li­ar­den­kre­dit West­geld bekommt. Strauß wur­de uns im Peri­oden­sys­tem der West­po­li­ti­ker bis­her als der Erz­feind dar­ge­stellt. Weit, ganz weit rechts, fast schon drau­ßen, sozu­sa­gen außer­halb des Spek­trums. Alex­an­der Schalck-Golod­kow­ski, der den omi­nö­sen Kre­dit gemein­sam mit dem Bay­ern auf dem Gut des Groß­schläch­ters Josef März aus­han­del­te, ken­nen wir schon gar nicht. Wir ahnen nicht, daß die DDR wirt­schaft­lich wegen Aus­land­schul­den in der Klem­me ist und daß ihr sowie­so nur noch sechs Jah­re blei­ben. Weni­ger, viel weni­ger als Kohl. Die Erd­öl­prei­se waren explo­diert. Die UdSSR half nicht. Konn­te nicht, woll­te auch nicht. Sie brauch­te ihr Öl für die eige­nen Devi­sen und muß­te vor allem Getrei­de ein­füh­ren. Unse­re stell­ten über­dies wie­der auf Braun­koh­le um.

Wir erle­ben vor allem die Alar­me und gra­ben uns dann wie­der in den Unter­brin­gungs­räu­men ein, das Nach­rü­cken der Pan­zer erwar­tend. Um als ers­te den Schlag auf uns zu neh­men, wie es im Polit­un­ter­richt heißt. Was wir noch mit­be­kom­men: Plötz­lich wird am Zaun I der Gren­ze durch Pio­nier­ein­hei­ten die Anla­ge 500 abge­baut, jene Split­ter­mi­nen, die der Wes­ten Selbst­schuß­an­la­ge nennt. Eine der DDR-Gegen­leis­tun­gen für die Mil­li­ar­de, die Strauß im Wes­ten aller­dings übel­ge­nom­men wird. U. a. von Franz Hand­los und Ecke­hard Voigt, die die CSU des­we­gen ver­las­sen und mit Franz Schön­hu­ber „Die Repu­bli­ka­ner“ gründen.

Ste­hen wir jetzt also beim Klas­sen­feind in der Krei­de, sagt einer hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand und grinst: Eine Mil­li­ar­de! Man­no­mann! West! Wie wills­te denen das bloß zurück­zah­len? – Mann, mit lau­ter Expor­ten! Geht doch eh alles rüber! Jeden­falls das, was was taugt.  – Aber wenn die uns heu­te Geld pum­pen, wol­len sie uns ja wohl mor­gen nicht umle­gen, oder?, erwi­dert ein ande­rer. Ist doch wie im Kri­mi: Ver­dienst ja nix an einem, der nicht mehr ble­chen kann … – Ach was, winkt einer ab, ist alles Poli­tik. Machen die oben aus. Kommst du nicht ran. Geht alles irgend­wie zusam­men – der Zas­ter, die Rake­ten, der gan­ze Schiß vor­ein­an­der. Sehen wir mal bes­ser zu, daß wir uns selbst hier nichts versauen.

Mit­ten im hei­ßes­ten Som­mer des Kal­ten Krie­ges. Kei­ne Ahnung davon, daß das letz­te Kapi­tel begon­nen hat.

Der Strauß-Kre­dit kos­te­te den west­deut­schen Steu­er­zah­ler prak­tisch nichts. Und die DDR konn­te ihre Sal­den mit Devi­sen­län­dern durch gro­ße Anstren­gun­gen sogar wie­der ver­bes­sern. Zu bezah­len­de West­im­por­te wur­den für inves­ti­ve Zwe­cke genutzt. Es nütz­te ihr nichts. Wir waren, 1985 aus den Streit­kräf­ten ent­las­sen, froh über die Frie­dens­ver­hand­lun­gen zwi­schen Gor­bat­schow und Rea­gan. Als sich die Groß­mäch­te dann einig waren, fie­len die Gren­zen, so wie sie vor­her von ihnen auf­ge­rich­tet wurden.

Und eine Mil­li­ar­de? Was für ein beschei­de­nes Pöst­chen heutzutage …

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