Kapparoth Deutschland?

von Heino Bosselmann

In seinem unterschätzten Reportagen-Roman „Kaputt“ erzählt Curzio Malaparte (1898 – 1957) eine Geschichte,...

 Gastbeitrag

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die er wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges in Jugo­sla­wi­en erfah­ren haben will, wäh­rend er sich mit einem SS-Mann unter­hielt, der auf dem jen­sei­ti­gen Donau­ufer Bel­grads dar­auf war­te­te, mit sei­ner Ein­heit den Fluß zu überqueren.Der, so Mala­par­te, habe ihm von einer schreck­li­chen Pro­be für SS-Rekru­ten der Leib­stan­dar­te erzählt: Die­se „müs­sen eine leben­de Kat­ze mit der lin­ken Hand am Rücken­fell packen, und zwar so, daß sie die Kral­len unbe­hin­dert zur Ver­tei­di­gung gebrau­chen kann, und mit der Rech­ten mit einem klei­nen Mes­ser der Kat­ze die Augen aushöhlen.“

Mala­par­te will die­se Geschich­te einer jun­gen Prin­zes­sin Lui­se von Preu­ßen, Enke­lin Kai­ser Wil­helms II., erzählt haben, eines trü­ge­risch schö­nen Som­mer­abends im trü­ge­risch fried­li­chen Ber­lin, in der Nähe des Liet­zen­sees. – Die Hohen­zol­lern-Dame reagiert scho­ckiert. Mala­par­te kommt auf den Sieg­fried-Mythos, ja sogar auf Chris­tus zu spre­chen und bie­tet dann eine eigen­wil­li­ge Inter­pre­ta­ti­on der geschil­der­ten Grau­sam­keit an:

„Sie ken­nen den Ursprung des Wor­tes ‚kaputt’? Es ist ein Wort, das vom hebräi­schen ‚kap­paroth’ kommt, wel­ches Opfer bedeu­tet. Die Kat­ze ist ein ‚Kap­paroth’, ist ein Opfer, ist die Umkeh­rung Sieg­frieds: Sie ist ein geop­fer­ter Sieg­fried, ein Sieg­fried als Ver­söh­nungs­ga­be. Es gibt einen Augen­blick, der immer wie­der­kehrt, in dem auch Sieg­fried, der ein­zi­ge, zur Kat­ze wird, zum Kap­paroth, zum Opfer wird, ‚kaputt’ wird: es ist der Augen­blick, in dem Sieg­fried sich dem Tode nähert, in dem Hagen-Himm­ler sich rüs­tet, ihm wie einer Kat­ze die Augen auszuhöhlen.“

Mala­par­tes Schluß­fol­ge­rung: „Das Schick­sal des deut­schen Vol­kes ist es, sich in ein Opfer­tier, in ein Kap­paroth, in ‚Kaputt’ zu ver­wan­deln. Der ver­bor­ge­ne Sinn sei­ner Geschich­te ist die­se sei­ne Meta­mor­pho­se von Sieg­fried zur Kat­ze. Sie dür­fen gewis­se Wahr­hei­ten nicht außer acht las­sen, Lui­se. Auch Sie müs­sen wis­sen, daß wir alle Sieg­fried sind, daß wir alle bestimmt sind, eines Tages zum Opfer­tier, zum Kap­paroth zu wer­den, ‚kaputt’ zu sein; daß wir des­we­gen Chris­ten sind, daß des­we­gen auch Sieg­fried Christ ist, auch Sieg­fried Kat­ze ist.“

Gut, es war heiß an jenem Tag, und Mala­par­te ist ein aus­wu­chern­der For­mu­lie­rer, der kom­pli­zier­ten, ja kryp­tisch anmu­ten­den Deu­tun­gen zuwei­len zuneigt. Sein Werk ist bel­le­tris­tisch, nicht doku­men­ta­risch. Eines aber muß man die­ser dras­ti­schen Para­bel und ihrer Deu­tung zuge­ste­hen: Sie ist ein­dring­lich. Sie ist es im Rück­blick und mit Wis­sen um den Fort­gang der Geschich­te; und sie ist es eben­so für die Gegenwart.

Die Deut­schen als Opfer? Sieht der größ­te Teil der Welt sicher gar nicht so. Nicht ein­mal die nach­ge­bo­re­nen Deut­schen selbst. Dabei ist gera­de der Täter nicht nur grund­sätz­lich eben­so Opfer – eine Plat­ti­tü­de! –, er ist gar dra­ma­ti­sches Opfer, indem er zur Schuld, die von eige­ner Last ist, als Addi­ti­on des Tra­gi­schen noch die Nie­der­la­ge zu tra­gen hat, die den Sie­ger zum gren­zen­lo­sen Durch­griff auf sei­ne Exis­tenz befugt. Die Opfer des “Welt­bür­ger­krie­ges” – die über­le­ben­den Polen, die Rus­sen, die Juden und all die vie­len ande­ren Natio­nen, Kul­tu­ren und Ein­zel­nen – konn­ten im fol­gen­den Frie­den wenigs­tens gewür­digt und erhöht wer­den. Dies ist jedem zu wün­schen, der durch ande­re gelit­ten hat! Nichts ande­res ent­las­tet. Und irgend­wann führt für eine mensch­li­che Lösung der Schuld am Ver­zei­hen kein Weg mehr vorbei.

Deutsch­land jedoch stand das nicht zu. Es galt in Gestalt sei­ner Nati­on als Super­tä­ter, dem kei­ne his­to­ri­sche Kom­ple­xi­tät – etwa im Sin­ne von Gesamt­zu­sam­men­hän­gen – als Mil­de­rungs­grund gewährt wur­de. Auch und gera­de dem Gesamt­volk nicht. Das Phä­no­men deut­scher Schuld soll­te Phä­no­men sui gene­ris blei­ben und gera­de nicht erklärt oder geklärt wer­den (kön­nen). Höchs­tens in dem Sin­ne, wie es Dani­el John Gold­ha­gen auf den Punkt brach­te: Die Deut­schen als Hit­lers wil­li­ge Voll­stre­cker. Das Nol­te-Wort vom „kau­sa­len Nexus“ wur­de im His­to­ri­ker­streit des­we­gen nicht nur im kon­kre­ten, von Nol­te selbst dar­ge­stell­ten Bezug ver­wor­fen, son­dern gene­rell: Es soll hin­sicht­lich deut­scher Schuld wesent­lich gar kei­nen Nexus geben kön­nen, denn nur mit die­sem Ver­dikt stellt sich die deut­sche Schuld – wie ander­seits davon aus­ge­hend der Holo­caust – als in ihrer Mons­tro­si­tät sin­gu­lär, ja unver­gleich­lich dar.

War mit Ver­sailles 1919 schon die „deut­sche Allein­schuld“ fest­ge­stellt, ein radi­ka­les Urteil, dem his­to­risch gewal­ti­ges Unheil folg­te, so erfolg­te 1945 die Zuschrei­bung, Deutsch­land wäre nahe­zu patho­lo­gisch unfä­hig zu jeg­li­cher Ein­sicht und Süh­ne – eine Beschä­mung über Nach­fol­ge­ge­nera­tio­nen hin­weg. Gewann Deutsch­land schließ­lich doch Sou­ve­rä­ni­tät, so nur inner­halb der Erlaub­nis­räu­me der sehr ver­schie­de­nen Sie­ger­mäch­te. Frag­wür­dig des­we­gen, weil der Beschäm­te sol­cher­art ech­ten Läu­te­run­gen kaum zugäng­lich ist. Er kann sie nur vor­spie­len oder rein erzie­he­risch etwas mit sich anstel­len las­sen. Qua­si the­ra­peu­tisch, im Maß­re­gel­voll­zug der Geschich­te. Daß auf der einen Sei­te das “Wirt­schafts­wun­der”, auf der ande­ren der “sozia­lis­ti­sche Auf­bau” die Ver­gan­gen­heit ver­dräng­ten – und ver­drän­gen soll­ten – paßt ins Bild.

Die „Unfä­hig­keit zu trau­ern“ mag auch daher rüh­ren, daß ech­te, also auf­rech­te und umfas­sen­de Trau­er – nicht zuletzt über die ver­schul­det oder unver­schul­det zu bekla­gen­den eige­nen Opfer – als sol­che per se ver­wehrt wird. All die Ver­lus­te der Ver­trei­bung – in den Augen der soge­nann­ten „Welt-Öffent­lich­keit“ in Anbe­tracht des Gesche­he­nen wohl das Wenigs­te für ein Mini­mum an Satis­fak­ti­on. Für das immer­hin gewähr­te Recht, doch irgend­wie wei­ter­be­stehen zu dür­fen. Dies vor allem aus prag­ma­ti­schen Grün­den, näm­lich aus den poli­tisch-stra­te­gi­schen Moti­ven der sich zer­strei­ten­den Sie­ger heraus.

Die Tei­lung der deut­schen Super-Täter-Nati­on als Ergeb­nis des neu­en Zwists der Super-Mäch­te stellt mit dem Kal­ten Krieg eine Beson­der­heit dar, in der Deut­sche gegen Deut­sche über die durch ihr Land ver­lau­fen­de Gren­ze der glo­ba­len Sys­te­me hin­weg einen Streit aus­fech­ten, der zuerst gar nicht der ihre, son­dern eher jener der Groß­mäch­te und deren ideo­lo­gi­scher Kon­struk­te ist. Tra­gisch, ja, zuwei­len auch unfrei­wil­lig komisch, indem deut­sche Poli­tik, so dar­in über­haupt frei, Unter­stel­lun­gen nach­re­det, die sich eigent­lich die jewei­li­gen Men­to­ren gegen­ein­an­der klar­zu­stel­len hat­ten. Die­se Sys­tem-Aus­ei­an­der­set­zung ver­deckt die eigent­lich zu leis­ten­de Arbeit am Ver­gan­ge­nen über Jahrzehnte!

Schließ­lich, größ­ten­teils uner­war­tet, die Ent­las­sung der Nati­on aus enge­rer Haf­tung. Um im Bild zu blei­ben: Offe­ner Voll­zug. Um so irri­tie­ren­der. Da ist sie wie­der, die preu­ßisch-blaue Flä­che in der Mit­te Euro­pas, his­to­risch weit­ge­hend ver­klei­nert, irrever­si­bel geschrumpft, dabei aber doch, wie fatal!, von immer noch immenser Kraft. Genau des­we­gen ent­wi­ckeln sich die vor­aus­ei­len­den deut­schen Ver­si­che­run­gen zu neu­ro­ti­scher Ein­dring­lich­keit, kor­re­spon­die­rend mit dem laten­ten Ver­dacht, die Deut­schen trü­gen als ein­zi­ge die Bru­ta­li­tät gegen­über den Nach­barn schon im natio­na­len Geno­typ. Der rela­ti­ve Reich­tum – wie jeder Reich­tum ethisch unver­dient! Gera­de des­we­gen bit­te soli­da­risch zu tei­len. Und gin­ge es zu Las­ten der eige­nen Kraft, so doch um so bes­ser, als Pro­phy­la­xe, bevor der Lüm­mel wie­der Pickel­hau­be oder Stahl­helm trägt. Wie es, mei­nen Ver­fech­ter anti­deut­scher Stim­mung, so sei­ne Art war.

 

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Kommentare (19)

Sara Tempel

14. August 2013 12:49

Welch´ interessanter Ansatz Deutschland als das Opfertier, Kapparoth, zu begreifen! Tatsachen sprechen für dieses Bild, vor allem die Bereitwilligkeit der deutschen Nation sich selbst abzuschaffen und in einer neuen Ordnung Europas und der Welt aufzugehen. Die drängende Frage, die sich mir dazu stellt: Wem nützt dieses unser Opfer?
Sollte es uns zu Nietzsches Übermenschen führen, würde ich dieses Schicksal meines deutschen Volkes froh begrüßen!

Leider scheint es aber eher die Macht der Dummheit zu beschleunigen. Ein Opfer für den Massenmenschen? Mit Ortags y Garzet sehe ich folgendes als Kennzeichen unserer Epoche "... nicht dass der gewöhnliche Mensch glaubt, er sei außerordentlich und nicht gewöhnlich, sondern. dass er das Recht auf Gewöhnlichkeit und die Gewöhnlichkeit als Recht proklamiert und durchsetzt." (Der Aufstand der Massen)

Inselbauer

14. August 2013 12:55

Zufällig habe ich eine Publikation gefunden, in der die Gespräche zwischen dem legendären Werner "Mucki" Pinzner und seiner Bewährungshelferin analysiert werden. Nach dem Versuch, als Hilfskellner Geld zu verdienen und eine kleinbürgerliche Idylle zu schaffen, hatte sich dieser Mann sehenden Auges über Jahre von seiner Frau und seinem Arbeitgeber bescheissen lassen; dann in maßloser "Empörung" einen Raubüberfall mit zwei Toten begangen. Nach neun Jahren Haft ließ sich der Mann als Freigänger von einem Österreicher zu Auftragsmorden überreden und erfüllte seine "Pflicht" mit großem Eifer.
Ich fürchte, die Engländer und die Amis sehen uns als Mucki Pinzners der Weltgeschichte, als Januskopf aus Mucki und seiner weltfremden Sozialarbeiterin. Und so unrecht haben sie nicht, aus ihrer Sicht.
Was würden wir machen, in "Freiheit"? Ich persönlich würde den Nato-Austritt durchführen, kräftig aufrüsten, das Finanzkapital zum Teufel jagen etc. Das übliche Programm. Man kann von den Gegnern nicht mehr erwarten, dass sie den Mucki frei herumlaufen lassen.

albert

14. August 2013 13:52

Das, Herr Bosselmann, ist meiner bescheidenen Meinung nach bisher Ihr bester Aufsatz (zumindest die ersten zwei Drittel, im letzten Teil gleiten Sie ab in den politischen Alltagskram, der in der Gesamtschau recht unwichtig ist, wie ich finde). Das Thema finde ich für den Fortbestand unseres Volkes eminent wichtig, es kommt viel zu kurz: die metaphysische Bedeutung unserer Niederlage 1945 und wie wir heute damit umgehen sollten, welche Konsequenz wir daraus ziehen sollten - nicht für den politischen Alltagskram, sondern im Hinblick auf unsere geschichtliche Existenz.

Damit in Verbindung steht auch die Gegenübersetzung "Deutscher vs. Ahasver": In dem Moment (1945/49), in dem dem Deutschen der Boden unter den Füßen genommen wird (durch das ortlose und entortende Grundgesetz), bekommt der seit 2000 Jahren ewig wandernde Jude "Heimatboden" unter die Füße (und zwar durch den Zionismus, der zumindest teilweise den deutschen BluBo-Mythos imitiert). Damit verschwindet der ewig wandernde Jude aus der Geschichte, während das Konzept des Bodens, der Heimat, der Verortung - ein oder besser: das urdeutsche Konzept - dem Deutschen verwehrt wird.

So kehrt sich 1945 der Dualismus um: der Deutsche wird entortet, der Jude wird verortet. Der Deutsche wird nun zu Ahasver. Die Tragik hierbei ist, daß der Jude sehr wohl ohne Ort leben kann, aber der Deutsche nicht.

Diesen Faden weiterzuspinnen - das ist m.E. die Aufgabe für deutsches Denken heutzutage...

albert

14. August 2013 14:03

Noch ein Gedanke zu "Kapparoth Deutschland":

Für bald 1000 Jahre lang erklärte man sich das Schicksal des heimatlosen, ewig wandernden Juden als das eines traurigen Beispiels: der Jude habe den Erlöser Jesus gemordet, und als Strafe für diese Tat sei der Jude aus seiner Heimat vertrieben worden und müsse nun durch die Welt ziehen - als Blutzeuge und Negativbeispiel für diejenigen, die Jesus nicht als den Erlöser anerkennen.

Vielleicht dient in metaphysischem Sinn Deutschland ähnlich als öffentliches Opfer - der Deutsche als heimatlos, als identitätslos, dem das Recht auf Boden abgesprochen wird - als Negativbeispiel für diejenigen, die ...

Vielleicht müssen die Bußrituale deshalb immer wieder wiederholt werden. Immer wieder muss der Deutsche neu ein Opfer sein, damit die anderen sehen, daß leiden muss, wer ...

Stevanovic

14. August 2013 17:23

Leider keine Zeit den Gedanken zu Ende zu bringen, ich wollte ihn nur in den Raum stellen, vielleicht liege ich daneben:

Die Vertreibung der Deutschen nach 45 war keine Strafe. Sie war notwendig für eine europäische Friedensstruktur. In dem Kontext auch die Vertreibungen von Ungarn, Polen, Rumänen, Serben, griechischen Slawen, Kroaten, Bulgaren, Türken… die Völker in der UdSSR kenne ich nicht mal alle. Genau genommen war recht viel Bewegung in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts, die letzte Vertreibung fand 1999 im Kosovo statt. Das Missverständnis ist die Interpretation, dies als Folge des 2. Weltkriegs zu sehen. Seit dem Zusammenbruch der europäischen Imperien gab und gibt es eine Tendenz der Homogenisierung. Die Vertreibungen waren ein Mittel dazu. Wenn wir ehrlich sind, herrscht jetzt auch (relative) Ruhe. Kroatien ist z. B. friedlich, weil die Serben fort sind. Vertreibung war in Europa ein probates Mittel, einen stabilen Frieden herzustellen. Ähnliches übrigens nach dem 30jährigen Krieg in der Konfessionsfrage.

Das wurde im Projekt „Zentrum gegen Vertreibungen“ richtig gesehen. Leider wurde der positive Aspekt der Vertreibung außer Acht gelassen; alles wurde in einen liberalen Betroffenheitskontext gestellt. Der erschließt sich nur im Zusammenhang mit Schuldthesen, die vom eigentlichen Kern ablenken: Vertreibung ist unmenschlich, aber legitim. Das passt nicht zu Aufklärung und verkündetem Menschenrecht, womit wir wieder bei der Schuld sind. Vertreibung ist eine Leiche im Keller, die auch im Haus des liberalen Westens stinkt. Menschen, die aus vernünftigen Gründen vertrieben wurden, wurde eingeredet, dies sei eine Strafe für ihr Handeln. Dadurch wurde das Opfer, das diese Menschen für unseren Frieden brachten, vollkommen entwertet. Es sollte nicht „Zentrum gegen Vertreibungen“ heißen, vielleicht würde ein gesamteuropäisches „Danke“ einfach reichen.

These: Die Vertreibungen sind die Folge der Nationalismus, der die europäischen Imperien zu Fall brachte (ein Beispiel die Vertreibung der Franzosen aus Algerien und das Ende des französischen Imperiums). Sie hätten auch stattgefunden, wenn man sich die NS wegdenkt. Die Deutschen sind die größte Gruppe, weil sie einfach zwei Kriege verloren haben. Die argumentative Verbindung mit dem Holocaust ist der Unfähigkeit des Westens geschuldet, als Hochburg des Humanismus zu etwas zu stehen, was notwendig, aber inhuman war.

Weil wir das alles nicht wahrhaben wollen, ehren wir die Vertriebenen nicht so, wie es ihnen zustehen sollte: Sie brachten Opfer für den Frieden. So wie das geteilte Deutschland.

Amerikafreund

14. August 2013 19:56

Ich verstehe, dass man sich damit beschäftigt, aber ich glaube, die Unterschiede zwischen den Nationen verschwimmen und werden immer unbedeutender. Die heutigen Narrative drehen sich um andere Fragen, z.B.: Bist du Trayvon Martin oder George Zimmermann? Bist du Weißer/Ostasiate/Hispanic/Südasiate – oder bist du Subsahara-Afrikaner? Die Probleme, vor denen Deutschland heute steht, unterscheiden sich in nichts von denen, vor denen Frankreich, England oder die USA standen. Wie sollte es auch sein: Die kommunikativen Praktiken, aus denen Narrative entstehen, sind in der Weltgesellschaft nun einmal international. Für jede Gruppe hat das heute bestimmende Narrativ ein eigenes Schicksal vorgesehen. Subsahara-Afrikaner gewinnen die demographische Zukunft. Nicht nur, dass Subsahara-Afrika, das in der bekannten Geschichte stets eine demographische (und auch sonstige) Nebenrolle spielten, innerhalb von zweihundert Jahren Asien in Sachen Bevölkerung überflügelt – Schwarze sind auch die natürlichen Erben von allem und jedem auf der Welt. So heißt es ja dann auch: Der erste schwarze Präsident der USA! Bald: Der erste schwarze James-Bond-Darsteller. Demnächst: Der erste schwarze Provinzgouverneur in China. Europäer sind die edlen weißen Ritter, deren Hauptfunktion es ist, den Schwarzen demographisch den Steigbügel zu halten, in Form von Entwicklungshilfe und Senkung der Kindersterblichkeit. Dazu können sie die extra Portion schwarzer Selbstbestätigung liefern, wenn die Heidi Klums dieser Welt sich nämlich den Balotellis dieser Welt hingeben. Ostasiaten sind dieses höchst verdächtige Grüppchen cleverer kleiner Kerlchen, das sich bislang noch der Beglückung durch Subsahara widersetzt. Und die Süddasiaten sind die lustigen Vögel die eh keinen interessieren. Bitte um Verzeihung, das war ziemlich weit weg vom Thema, aber worum es mir geht: Die schlachten um Identität, Privileg, Recht, Anspruch, Würde, Hoffnung etc. werden heute nicht mehr zwischen den europäischen Nationen geschlagen, sondern auf ganz anderen Feldern.

Heino Bosselmann

14. August 2013 20:41

Ich wurde von berufener Stelle zu Recht darauf hingewiesen, daß Malapartes Etymologie des Wortes "kaputt" nicht letztgültig Bestand haben muß. Nachvollziehbar. Es handelt sich bei der Vorlage nun mal um ein belletristisches Werk, nicht um linguistische Fachliteratur. Ich verweise zur Klärung auf ein gutes etymologisches Wörterbuch oder der Einfachheit halber auf diese Ressource. Dort wird die Herleitung aus dem Hebräischen – unter anderen Varianten – bestätigt.

Couperinist

14. August 2013 20:51

In Deutschland spiegelte sich im 20. Jahrhundert das Schicksal des europäischen Kontinents. Heute, wo wir im Alltag (und auch im Weltgeschehen) immer stärker konfrontiert werden mit Menschen aus fremden Kulturen und Religionen, die vor Energie und Willen strotzen, die Geschichte machen wollen, die Welt nach eigenen Prämissen gestalten, die nicht mehr beeindruckt sind vom Glanz des Westens, zeigt sich im Rückblick, dass der wahre Verlierer des letzten Jahrhunderts unser abendländisches Europa ist.

Ich würde auch nicht mal sagen, dass die Briten oder die Franzosen sich nicht im offenen Vollzug befänden und nicht ständig darauf bedacht wären, keine neo-imperialistischen, rassistischen Frechheiten zu begehen, also in irgendeiner Weise nationales Selbstbewusstsein zu zeigen. Alle Europäer müssen heute herzensgut sein, wiedergutmachen, an sie werden höchste moralische Standards gelegt, die, ohne Selbstaufgabe, kaum erfüllbar sind. Die Zeit von Versailles bis Karlshorst ist in eine gesamteuropäische Tragödie.

Irrlicht

14. August 2013 22:28

Ein typischer Bosselmann, ein Artikel, in dem alle Aussagen indirekte Zitate sind und der Autor selbst zu den aufgeworfenen Fragen nicht direkt Stellung bezieht (obwohl natürlich Rückschlüsse auf die psychologische Verfasstheit möglich sind). Um jenseits moralischer und sozialpsychologischer Überlegungen einen anderen Aspekt, den machtpolitischen, ins Spiel zu bringen: Die Zuschreibung von Schuld samt Geschichtsmetaphysik war (und ist) Teil der psychologischen Kriegsführung, die Einseitigkeit der Betrachtung (wer Opfer, wer Täter?) ist primär nicht eine Frage der Ereignisgeschichte, sondern der Interpretationshoheit. Eine genuin deutsche Perspektive war seit 1945 nicht mehr möglich.

Der Westernization der deutschen Konservativen/Rechten nach 1945 bei Übernahme von Ideologemen der französischen Neurechten - die Sezessionisten erscheinen gelegentlich als bloße Deutschlandabteilung der Nouvelle Droite -, neuerdings auch der angelsächsischen Rechten (Kurtagics, oder die Ausführungen des Amerikafreundes über die "Subsahara-Afrikaner"), stehen die beide Weltkriege entgegen, die innerhalb der "westlichen" Sphäre ausgetragen wurden und jeden Ansatz einer "westlichen", europiden Identität auf Dauer verunmöglichen. Ein Ende der weißen Herrschaft in den USA, z.B. eine Latino-Mehrheit, dürfte sich eher positiv auf das Verhältnis der USA zu Deutschland und Europa insgesamt auswirken.

Heinrich Brück

15. August 2013 01:16

"Die Menschen sind in ihrem Bewußtsein weit unter das Niveau
ihres Wissens gesunken." (Botho Strauß)
Opferkonferenz. - Kein Kommentar.
Die Fratze der Gottlosigkeit ist häßlich. Das kapitalistische Tier
ist vielleicht reich, aber es hat keine Ausstrahlung.
Ja, die Germanen lieben Ragnarök. Und noch mehr lieben sie
den Sonnenaufgang danach.
Im Christentum ist die Welt ein Jammertal der Tränen, und der
Himmel muß verdient werden, Ragnarök gibt es nicht, dafür aber
nur einmal am Ende der Zeiten das Jüngste Gericht.
Im vorkonziliaren Katholizismus konnte das germanische Heidentum
untergeordnet weiterbestehen (siehe Maibaumfeste, etc.), danach
nicht mehr in der Form.
Also, wenn ein Volk kaputt ist, muß es repariert werden.
Welche Religion?
Ernst Jünger wurde noch im hohen Alter katholisch, und Ernst Jünger
ist dem Einäugigen nicht nur einmal begegnet.
Welcher Streit findet in der deutschen Seele statt?
Die Theorie ist viel netter als die Praxis, besonders sprachlich, denn
in der Praxis haben sich die Gesetze nicht geändert.
Im Prinzip muß eine sehr alte Frage beantwortet werden: Wie kommt
der Mensch zur Liebe?
Und noch einmal: Welche Religion?
Warum fehlt den Dichtern die Sprache?
"Wir alle sind Wölfe des Urwaldes Ewigkeit." (Marina Zwetajewa)
Vor uns liegt die Ewigkeit.

Stil-Blüte

15. August 2013 04:05

Ein unglaublich anregender Beitrag, Herr Bosselmann!

Aber ist caput nicht viel tiefgreifender, zurück-/weitreichender, hochstehender als Malaparts Szenerie?

Diese Form der Opferung bei Malaparte, zelebriert an der Katze, hat in meinen Augen zu wenig Substanz, die für die Umkehrung, die Opferung Siegfrieds = Opferung Deutschlands - symbolisch, rituell über-tragbar wäre. Das ist reine Tierquälerei! Würde der Akt auch als 'Blendung' verstanden - die Katze als das Unbezähmbare, Triebhafte in uns, bekäme es einen grausamen, aber domestizierenden kathartischen Sinn einer 'Blendung'' (Ödipus).

Etymologie und Wirklichkeit von cap - sehr verkürzt - geht zurück auf die Hirnschale, die Calotte, aus der seit mythischen Urzeiten die Krieger das Blut des Feindes tranken bis sie zum Kelch der Eucharistie wurde, dem Siegerpo-kal im Sport vergleichbar. Varianten gibt es in allen Kulturen und Völkern, siehe scalp, scalp - eine Trophäe.

Zugleich ist caput (Kapotthütchen!) doppeldeutig und war immer auch ritueller und wirklicher Schutz (Kippa, Kapuze, Kapuziner). Interessant daran, die heutige Vermummung durch die vieldeutige Kapuzenkultur der Autonomen.

Dass der Kelch auch im Germanischen eine große Rolle spielt, wissen wir aus dem Mythos der Arthusrunde und der Suche nach dem 'Heiligen Gral' (Gral = Kelch)

Daß caput kaputt assoziiert, ist nicht zufällig und ein ständiger Anlass zur Reflexion über die Verwobenheit und Verworrenheit von Mensch und Geschichte, auch unserer deutschen. Siegfried geblendet? Gibt es vielleicht noch Parzival? Und vielleicht ist das Weibliche, mag es sich im Feminismus noch so sehr verirrt haben, doch das Wesentliche (im Sinne von Goethe)?

Sascha

15. August 2013 15:30

"Die Tragik hierbei ist, daß der Jude sehr wohl ohne Ort leben kann, aber der Deutsche nicht."

Kann er nicht? Ob in Siebenbürgen, oder an der Wolga, selbst noch umgesiedelt in Kasachstan, die Deutschen können durchaus auch ohne Ort im Sinne eines Nationalstaates leben. Man sollte auch nicht vergessen, dass die höchsten Zeiten deutscher (wie auch italienischer) Kultur die waren, wo sie ohne Nationalstaat lebten.

H. M. Richter

15. August 2013 15:51

Nicht zufällig widmete Friedrich Sieburg in "Die Lust am Untergang" Malapartes "Kaputt" gleich mehrere Kapitel.

"Das Buch "Kaputt" hat den Weg um die Welt gemacht, seitdem das Buch 1944 im Italienischen und bald darauf in den meisten Sprachen der Welt erschien. Es hat wesentlich dazu beigetragen, jene Morgenthau-Atmosphäre zu schaffen, die auch heute, unter veränderten Machtverhältnissen, noch nicht ganz aus der Welt verschwunden ist."

"Als "Kaputt" 1944 die uns entgegenstehende Welt literarisch eroberte, da trat das Buch als eine Sammlung von Dokumenten auf. Es wurden Tatsachen berichtet, an denen zu zweifeln damals nicht zweckmäßig war, und Malaparte war bei alledem dabei gewesen, hatte am Tisch aller Großen des Dritten Reiches gesessen und ihnen seine Meinung gesagt, hatte alles mit angesehen und überall rettend eingegriffen. Ein Teufelsjunge und nützlich! In der deutschen Übersetzung ist "Kaputt" plötzlich ein "Roman", man traut seinen Augen nicht, das Wort steht groß und deutlich unter dem Titel. Vom Dokument zum Roman, - ein langer Weg von 1944 bis ins Zeitalter der deutschen Integration."

Sieburg schließt seine Ausführungen mit:
"Mögen zornige Engel herniedersteigen, die uns unerbittliche, aber reine Spiegel vorhalten, - keine Malapartes! Die Wahrheit - und nicht das Buch "Kaputt" - wird uns freimachen."

Heino Bosselmann

15. August 2013 16:18

@ H. M. Richter: Ergiebiger Hinweis. Vielen Dank dafür!

Areopagitos

15. August 2013 16:21

Gerade der Deutsche musste doch immerfort mangels politischer Organisation auf andere Formen des Ortes zurückgreifen und ist vielleicht dem eigentümlichen Wesen seines Ortes näher gekommen als anderswo.
"Deutschland ist da, wo starke Herzen sind." sprach Ulrich von Hutten angesichts des chaotischen Alten Reiches.
Nachkrieg, Ernst von Salomon: "Deutschland brannte dunkel in verwegenen Hirnen. Deutschland war da, wo um es gerungen wurde..."

Vielleicht ist es einfach nur eine fatales Zusammenspiel durch die Zunahme der globalsierenden Kräfte der "Entortung", wie im Kaplakenbändchen "Der Verlust des Ortes" beschrieben...

Sara Tempel

15. August 2013 19:25

@Heinrich Brück
"Welche Religion?"
Mit Ihren Hinweisen auf die Tradition des Katholizismus verweisen Sie selbst auf den rechten, von unseren Ahnen geebneten, Weg zu einem guten Leben in unserer Kultur!
"Warum fehlt den Dichtern die Sprache?"
Als Autorin eines Romans kann ich Ihnen nicht widersprechen! Im Gegensatz zu vielen bekannten Schriftstellern der Gegenwart, die unter maßloser Selbstüberschätzung leiden, sah ich die wahren Dichter stets nur als unerreichbares Ideal vor mir. Herr Bosselmann und einige Blogteilnehmer verfügen immerhin über einen sich dem Ideal nähernden Stil. Voller Zweifel, fühle mich überwiegend so, wie Hugo von Hofmannsthal den Gemütszustand des Lord Chandos beschreibt (»Brief des Lord Chandos an Francis Bacon«). Warum schreibe ich noch?

@Stil-Blüte
"Würde der Akt auch als ‚Blendung‘ verstanden – die Katze als das Unbezähmbare, Triebhafte in uns, bekäme es einen grausamen, aber domestizierenden kathartischen Sinn einer ‚Blendung'‘ (Ödipus)."
Die Katze, im alten Ägypten eine Gottheit, stände Ihrer Interpretation nach für die Mutter Natur und es ginge demnach um die Domestizierung der chthonisch-dionysischen Natur durch den Geist des Apoll´. - Das Weibliche ist stark und direkt präsent; das Christentum wurde seiner Natur nicht gerecht, aber es kann nicht wesentlicher als das männliche Prinzip des göttlichen Geistes sein!
In der Geschichte des Malaparte gibt es eine Metamorphose des christlich-germanischen Siegfried zur dionysischen Natur der Katze, die er blendet. Ein Rückschritt zum Heidentum mit den grausamen Ritualen der Großen Mutter? Ein heidnischer Opfertod Deutschlands für die primitiven Völker?

In eigener Sache eine kleine Korrektur:
Die deutsche Nation wird sich selbst abzuschaffen und in einer neuen Ordnung Europas und der Welt unter- nicht "auf" gehen! Sie sieht sich, wie von den Siegern eingeimpft, als Täter und kennt keine Gnade mit sich selbst. Vielleicht wird man im Nachhinein - aus zeitlicher Distanz - ihre enormen Opfer erkennen.
Tatsächlich brachte das Opfer Deutschlands unserer Generation in Europa eine Weile Frieden, aber um welchen Preis?

Belsøe

16. August 2013 09:08

Was das grosse deutsche Opfer erst möglich macht, ist unter anderem die genussvolle Suche nach distanzierendem Begriff und höherer Einbettung für eine armselige, bewusst verrohende Quälerei.

W.Wagner

16. August 2013 16:27

Hierzu unbedingt empfehlenswert - wie auch schon in der letzten Sezession geschehen - : Hans-Christof Kraus: Versailles und die Folgen. Berlin 2013.

Julius

16. August 2013 19:02

Großartiger Beitrag, vielen Dank dafür! Wie immer auch die Kommentare höchst lesenswert.
Hochinteressanter Ansatz: Das deutsche Volk als Sühneopfer, Sündenbock, Kapores. Der Begriff des Ganzbrandopfers ist ja bereits anders besetzt. Das weltgeschichtlich entscheidende Verhältnis zweier Völker wird damit im Kern getroffen. (Die Herkunft des Wortes "kaputt" aus dem hebräischen "kaparôt" ist wohl zweifelhaft, aber im gegebenen Zusammenhang irrelevant.) Schuld und Sühne sind Kernfragen der Geschichtsmetaphysik.
Wie von albert oben dargelegt, gibt es nicht wenige Details dieser Gegensätzlichkeit ("Dualismus"), die im einzelnen zu nennen hier nicht der Ort ist. Es gibt zur Thematik (Kapores als Begriff der Geschichtsmetaphysik) ein äußerst interessantes Buch von B. Uschkujnik, dessen russischer Originaltitel übersetzt lautet: "Dem russischen Menschen eine Lehre - Paradoxie der Geschichte". Darin tritt u.a. der Zar als Kapores auf. Man könnte das leicht im Internet finden, ich muss aber davon abraten, weil es aufgrund eines Gerichtsbeschlusses der bundesweiten "Einziehung" unterliegt. Daher meine Warnung: Es handelt sich dem Urteil des Gerichtes zufolge um ein übles Machwerk, vor dem die Bevölkerung beschützt werden muss. Zum "Dualismus": Angesichts bestimmter Stellen im Pentateuch stellt sich die Frage, wer früher Ideen von der Herrschaft über die Völker der Erde und vom dadurch gerechtfertigten Völkermord propagiert hat. Dass das deutsche Volk (bzw. das Reich, dessen Träger ja primär seit ihrer Volkwerdung die Deutschen waren) ebenso wie die Juden im Zentrum der Geschichte steht (vgl dazu Friedrich Romig: Der Sinn der Geschichte) beweist übrigens auch der Umstand, dass nicht nur Deutschland, sondern Europa die Weltkriege verloren hat.

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