90. Todestag Vilfredo Pareto

9783935063562(Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012.)

von Rainer Waßner

In die Ideen des Fortschritts, der Nützlichkeit und der aufgeklärten Vernunft hineingewachsen, durch seine wissenschaftliche Laufbahn zu ihrem Verfechter prädestiniert, wandelte sich Pareto zu einem ihrer mächtigsten Entzauberer. Lange vergessen, ist er seit etwa 1950 in Italien und Frankreich ein neu bedachter Autor; die Rezeption in Deutschland bleibt dagegen bis heute dürftig, seine Texte sind in nur wenigen Auszügen zugänglich, seine Etikettierung als »Klassiker der Soziologie « ist ganz formell gehalten.

 Gastbeitrag

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Pare­to stu­dier­te am Poly­tech­ni­kum in Turin (1869 Inge­nieur­ex­amen). Danach übte er für zwei Jahr­zehn­te sei­nen Beruf in lei­ten­den Stel­lun­gen bei Eisen­bahn­ge­sell­schaf­ten in Rom und Flo­renz aus. In die­ser ers­ten Pha­se des neu­en König­reichs Ita­li­en ver­trat Pare­to anfäng­lich ultra­li­be­ra­le Posi­tio­nen, publi­zis­tisch und in diver­sen Ver­ei­ni­gun­gen. Als er 1882 mit einer Kan­di­da­tur für das ita­lie­ni­sche Par­la­ment schei­ter­te, war sei­ne demo­kra­tisch-huma­ni­tä­re wie natio­na­le Begeis­te­rung jedoch bereits unter dem Ein­druck der ein­hei­mi­schen poli­ti­schen Ent­wick­lung der Ernüch­te­rung gewi­chen. Fort­an wid­me­te er sich aus­schließ­lich sei­nen volks­wirt­schaft­li­chen Stu­di­en, wel­che die mathe­ma­tisch aus­ge­rich­te­te Grenz­nut­zen­schu­le mit­be­grün­de­ten (bis heu­te gilt sein Theo­rem des »Pare­to-Opti­mum« in der Wohlfahrtsökonomie).

Uner­war­tet erhielt er 1893 ein Lehr­amt für Poli­ti­sche Öko­no­mie an der Uni­ver­si­tät Lau­sanne. Bin­nen kur­zem begann Pare­to, die Model­le der rei­nen Öko­no­mie sozi­al­wis­sen­schaft­lich zu kom­plet­tie­ren, es brauch­te aber noch bis 1916, ehe er sein Opus magnum vor­leg­ten konn­te, den Trat­ta­to, ein laby­rin­thi­sches Rie­sen­werk von 1 700 Sei­ten, womit er sich einen gewis­sen Zeit­ruhm erwarb. An den poli­ti­schen Vor­gän­gen in sei­ner Hei­mat nahm Pare­to zu die­sem Zeit­punkt wesent­lich beob­ach­tend teil; das gilt auch für den Auf­stieg des Faschis­mus, den er mit einem gewis­sen Wohl­wol­len ver­folg­te, ohne daß er – auf Grund sei­nes frü­hen Todes – des­sen Ent­fal­tung noch ana­ly­sie­ren und beur­tei­len konn­te. Wie in der Öko­no­mie fragt Pare­to nach Bedin­gun­gen sozia­len Gleich­ge­wichts, ver­wei­gert sich hin­ge­gen dem dort übli­chen Ver­weis auf den Nut­zen von Tausch­be­zie­hun­gen. Zu sehr hat­te sich ihm durch per­sön­li­che Erfah­rung und his­to­ri­sche Stu­di­en auf­ge­drängt, daß sich Men­schen mehr­heit­lich nicht von ratio­na­len Zweck- Mit­tel-Erwä­gun­gen lei­ten las­sen. Dem­zu­fol­ge kon­zen­triert er sich auf »nicht-logi­sche « Hand­lun­gen, die er auf regel­mä­ßi­ge Abläu­fe hin prüft und in einem kom­ple­xen Kate­go­rien­sche­ma verarbeitet.

Letz­tes Movens mensch­li­cher Akti­vi­tät sind Gefühls- und Gemüts­kräf­te, irra­tio­na­le Impul­se, die sich dem Beob­ach­ter frei­lich nur in ihren Mani­fes­ta­tio­nen zei­gen: Die »Deri­va­te« sind die objek­tiv fest­stell­ba­ren Hand­lungs­ket­ten; die »Deri­va­tio­nen « ihre (logisch daher­kom­men­den, ratio­nal klin­gen­den) Recht­fer­ti­gun­gen, die Sinn­stra­te­gien sei­tens der Betei­lig­ten oder Inter­pre­ten; die »Resi­du­en« die psy­chisch kon­stan­ten, aber meist unbe­wuß­ten, gewohn­heits­mä­ßi­gen, ratio­nal nicht inten­dier­ten Antriebs­kräf­te. (So ent­spricht z. B. dem Resi­du­um »Bezie­hung zwi­schen Leben­den und Toten« ein Hand­lungs­typ »Toten­eh­rung und ‑erschei­nung«, der in die Gleich­för­mig­kei­ten von »Begräb­nis­ri­ten, Toten­kul­ten und Tele­pa­thie« mündet.)

Beson­de­rer Auf­merk­sam­keit wert sind ihm die inno­vie­ren­den und die kon­so­li­die­ren­den Gestal­tungs- und Wil­lens­kräf­te der Gesellschaft.Derivate, Deri­va­tio­nen und Resi­du­en – der Che­mie ent­nom­me­ne Begrif­fe – sind gemein­sam mit ratio­na­len Inter­es­sen die vier Ele­men­te, deren inter­de­pen­den­tes Wech­sel­spiel eine labi­le sozia­le Balan­ce her­stellt und für deren Zusam­men­wir­ken Pare­to eine Über­fül­le an his­to­risch-ver­glei­chen­dem Mate­ri­al illus­tra­tiv her­an­zieht. In ein­drucks­vol­ler Dar­stel­lung son­dert er die inva­ri­an­ten, vor­re­fle­xi­ven Moti­ve der Akteu­re von ihren varia­blen, his­to­risch zufäl­li­gen sym­bo­li­schen Reprä­sen­ta­tio­nen. Dabei ermit­telt er auch eine Rei­he von his­to­ri­schen Rhyth­men (ähn­lich wie in den öko­no­mi­schen Kon­junk­tur­zy­klen), etwa die des per­ma­nen­ten Aus­tauschs der herr­schen­den Eli­ten. Die Deri­va­tio­nen umfas­sen alle Ideen, Reli­gio­nen, Theo­rien, »Ismen«, Legi­ti­mi­täts­dis­kur­se und Leh­ren (von den Zehn Gebo­ten über den kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv bis zur Idee der Volks­sou­ve­rä­ni­tät), die Kol­lek­ti­ve zu einem bestim­men Han­deln ver­an­las­sen, indem sie bei den zugrun­de­lie­gen­den nichtra­tio­na­len Impul­sen einen Reso­nanz­bo­den fin­den bzw. ihnen Aus­druck verleihen.

Die herr­schen­den Klas­sen bedie­nen sich dazu rhe­to­ri­scher Figu­ren – Pare­to nennt sie zuwei­len Dem­ago­gien –, die ihre Ambi­tio­nen teils ver­ber­gen sol­len oder ihnen spon­tan-über­zeugt, als Gesin­nung, auf­ge­stülpt wer­den. Pare­tos Skep­sis gegen­über einem Hand­lungs­mo­dell nach Regeln der Ver­nunft – es vom Kopf auf die Füße stel­len, wäre auch sein Wahl­spruch gewe­sen – bedeu­tet im Kern, daß sich jede Gesell­schaft aus letz­ten Wert­ent­schei­dun­gen kon­sti­tu­iert und sie sich immer irgend­ei­ner Art von Ratio­na­li­sie­rung in Form von Reli­gi­on oder Welt­an­schau­ung zu ihrer Ver­deut­li­chung oder Ver­schleie­rung bedie­nen wird und bedie­nen muß. Damit wäre auch die Auf­ga­be einer heu­ti­gen Sozi­al­wis­sen­schaft, die beherr­schen­den Mei­nun­gen (sprich: Deri­va­tio­nen) ihrer ver­ba­len Mas­ken zu ent­klei­den und sie in ihren tat­säch­lich wirk­mäch­ti­gen Zusam­men­hang mit (nicht­lo­gi­schen) Bedürf­nis­sen, Inten­tio­nen und Bestre­bun­gen ein­zu­stel­len und nur von daher ihre Leis­tung für sozia­le Sta­bi­li­tät und Wan­del zu attestieren.

Schrif­ten: Trat­ta­to di socio­lo­gia gene­ra­le [1916], Tori­no 1988 (Aus­zü­ge in deut­scher Spra­che bei Gott­fried Eis­er­mann: Vilf­re­do Pare­tos Sys­tem der all­ge­mei­nen Sozio­lo­gie. Ein­lei­tung, Tex­te und Anmer­kun­gen, Stutt­gart 1962); Aus­ge­wähl­te Schrif­ten, hrsg. v. Car­lo Mon­gar­di­ni, Wies­ba­den 2007.

Lite­ra­tur: Mau­ri­zio Bach: Jen­seits des ratio­na­len Han­delns. Zur Sozio­lo­gie Vilf­re­do Pare­tos, Wies­ba­den 2004; Gott­fried Eis­er­mann: Vilf­re­do Pare­to. Ein Klas­si­ker der Sozio­lo­gie, Tübin­gen 1987; Arnold Geh­len: Vilf­re­do Pare­to und sei­ne »neue Wis­sen­schaft« [1941], in: ders.: Gesamt­aus­ga­be, Bd. 4, Frank­furt a. M. 1983; Piet Tom­mis­sen: Vilf­re­do Pare­to, in: Dirk Käs­ler (Hrsg.): Klas­si­ker des sozio­lo­gi­schen Den­kens, Bd. 1, Mün­chen 1976.

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