Sezession
21. August 2013

Identitäre Meditationen über Triest

Martin Lichtmesz / 7 Kommentare

TriesteBei der Recherche für einen Beitrag zum geplanten "Ortslexikon" des Instituts für Staatspolitik fiel mir eine sehr schöne, zu Unrecht verschollen gegangene Anthologie über Triest in die Hände, der ich die Informationen für diesen Artikel entnehme. An dem Band "Triest Trst Trieste" (Mödling/Wien 1992) hat unter anderem mein ehemaliger grüner Geschichtslehrer aus Gymnasialzeiten mitgearbeitet, an den ich recht gute Erinnerungen habe.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Er gehörte zum durchaus sympathischen Typus eines Grünen, den man heute leider nur mehr selten findet. Sein biographisch-familiärer Hintergrund war recht abenteuerlich, und er hatte ein Flair von Globetrottertum um sich, das er freilich auch bewußt kultivierte. Besonders gern erzählte er von seinen kulinarischen Entdeckungsreisen in seiner zweiten Heimat Italien, wo er stets auf der Suche nach seltenen und exquisiten Perlen abseits der touristischen Trampelpfade war.

Im Gegensatz zu den heutigen "Diversity"-Narren hatte er eine echte Liebe zur Vielfalt (man kann dieses geschändete Wort leider kaum mehr benutzen) insbesondere europäischer und mediterraner Kulturen. Er war Mitglied in einer kleinen Folklore-Band, die traditionelle Volkslieder aus ganz Europa sammelte und deren Stilelemente in ihren eigenen Songs zu recht ansprechenden Potpourris vermischte.  Dabei liebte er auch alpine und österreichische Volksmusik, mit einem gewichtigen Vorbehalt allerdings: sie mußte "authentisch" sein und nicht verseucht durch die Kommerzentartungen des "Musikantenstadl" und ähnlicher Frevel.

So war seine "multikulturelle" Leidenschaft eng verwandt mit seiner kulinarischen: sie hatte etwas zu tun mit einer Sehnsucht nach dem "Echten", Anderen, Bodenständigen, Unverwässerten, Vitalen, Urwüchsigen, Noch-nicht-Genormten, noch nicht durch die Konsumgesellschaft platt- und banal- und schalgemachten.

Ich mußte viele Jahre später an meinen Geschichtelehrer denken, als mir ein listiger Aphorismus von Gómez Dávila unterkam:

Die nationalistische Xenophobie bewahrt die Unversehrtheit köstlicher Speisen für die, die weder Nationalisten noch xenophob sind.

Das ist ein tragisches Dilemma, das leider kaum aufzulösen ist: wenn eine Kultur oder Volksgruppe ihre Eigenart bewahren will, muß sie sich bis zu einem gewissen Grad nach außen hin abgrenzen. Wenn sie aber nicht mehr imstande ist, bis zu einem gewissen Grad "durchlässig" zu sein und fremde Einflüsse aufzunehmen, dann stagniert und versteinert sie. Kleinere Indianervölker, die keine Möglichkeit des Anschlusses an eine größere, stützende Kultur oder Nation haben, sitzen hier besonders in der Zwickmühle.

Ein "Muß" für die Grünen der Neunziger Jahre (ob das heute auch noch so ist, weiß ich nicht), war die Leidenschaft für die Rechte diverser Minderheiten in Österreich: Zigeuner, Kroaten im Burgenland, Slowenen in Kärnten - besonders letztere ließen sich trefflich gegen das traditionell "blaue Gau" der FPÖ ausspielen. Hier spielten natürlich oft eher sinistre nationalpsychologische Motive eine Rolle, ein nachgeholter Surrogat-Antifaschismus und eine Buße für die NS-Verbrechen.

Man konnte sich für den "Volkstumskampf" (denn um etwas anderes ging es schließlich nicht) der Slowenen begeistern, zeigte aber keinerlei Interesse etwa am Schicksal der deutschen Minderheit in Slowenien, oder überhaupt der Vertriebenen des Weltkrieges aus Böhmen und Mähren, Schlesien und Pommern, Siebenbürgen und Ostpreußen. Denn deutsches Volkstum war eben "böse", alles andere aber gut und unterstützenswert. Immerhin dachte mein grüner Geschichtslehrer nicht so.

Seine Faszination für Triest hing eng mit seinen multikulturellen Neigungen zusammen. Als typische Grenz- und Knotenpunktstadt war und ist Triest eine einzigartige Mischung aus romanischen, slawischen und germanischen Einflüssen. Sie stand rund fünfeinhalb Jahrhunderte unter der Herrschaft der Habsburger, die dort unverkennbare Spuren hinterlassen haben. Ganze Stadtviertel sind von theresianischen und josefinischen Bauten geprägt, Doppeladler prangen noch auf vielen Gebäuden und zuweilen wähnt man sich auf der Ringstraße oder in Znaim und Budapest. Nur ein paar Kilometer auswärts findet sich das eigenartige, märchenhafte Schloß Miramare, das für den späteren unglückseligen "Kaiser von Mexiko" Maximilian erbaut wurde.

Auf dem nicht minder romantischen Schloß Duino schrieb Rainer Maria Rilke seine berühmten "Duineser Elegien".  Sowohl Italo Svevo, der eigentlich Aron Hector Schmitz hieß, Autor des Jahrhundertromans "Zenos Gewissen", als auch der Jugendbewegung-Jupiter Theodor Däubler wurden in Triest geboren und nachhaltig von der Stadt geprägt. Egon Schiele malte hier Fischerboote und Hafenszenerien, Adalbert Stifter erblickte hier zum ersten Mal das Meer.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (7)

Couperinist
21. August 2013 16:46

Gab es nicht eine politische Leit-Ideologie, die die eigentliche Verursacherin des Leids gewesen ist, das Sie oben beschreiben und die als Klammer neben dem Nationalismus auch den Sozialismus umfaßte ? (Etatismus)

Martin
21. August 2013 22:31

@Couperinist,

wenn wir den im bewegenden Artikel von M.L. bereits ausführlich erwähnten Joseph Roth mit seinem Werk Radetzkymarsch zu Wort kommen lassen, so ist die Wurzel des Übels der Verlust des Glaubens an Gott und einer sich in der Monarchie zeigenden göttlichen Ordnung - alles andere, Nationalismus, Sozialismus oder beides zusammen, sind nur Symptome und Folgen der Gottlosigkeit.

Die von M.L. genannte Figur Chojnicki im eben genannten Roman sagt u.a. Folgendes:

Aber sie zerfällt bei lebendigem Leibe (Anmerkung: Gemeint ist hier die K.u.K. Monarchie). ... Die Zeit will uns nicht mehr! Diese Zeit will sich erst selbständige Nationalstaaten schaffen! Man glaubt nicht mehr an Gott. Die neue Religion ist der Nationalismus. Die Völker gehen nicht mehr in die Kirchen. Sie gehen in nationale Vereine. Die Monarchie, unsere Monarchie, ist gegründet auf Frömmigkeit: Auf den Glauben, dass Gott die Habsburger erwählt hat, über soundso viel christliche Völker zu regieren. Unser Kaiser ist ein weltlicher Bruder des Papstes, es ist Seine K.u.K. Apostolische Majestät, keine andere wie er apostolisch, keine andere Majestät in Europa so abhängig von der Gnade Gottes und vom Glauben der Völker an die Gnade Gottes. Der deutsche Kaiser regiert, wenn Gott ihn verlässt, immer noch; eventuell von der Gnade der Nation. Der Kaiser von Österreich-Ungarn darf nicht von Gott verlassen werden. Nun aber hat ihn Gott verlassen! (Joseph Roth, Radetzkymarsch)

Ich glaube, der Verlust der einigenden "Klammer" des Christentums hat Europa mehr geschadet und schadet ihm bis heute mehr, als alle Religionskriege in den Jahrhunderten zuvor.

Ein Fremder aus Elea
21. August 2013 22:56

Es war weniger das deutsche Wesen, am dem die sich Weltleute Dünkenden hier zu genesen suchten, denn das österreichische, schwarzgelbe, kaiserliche, habsburgische, für das die deutsche Sprache ein verbindendes Glied zwischen einem Dutzend Nationen bedeutete und dem die deutsche Kultur ein Kleid sein mochte, in das gehüllt man Einlaß in den vornehmen Kreis der europäischen Völkerfamilie fand.

Iwo, davon hat viel überlebt, auch gerade bei den Tschechen. Wahrscheinlich fehlt Ihnen da die Distanz, um das objektiv zu beurteilen, Herr Lichtmesz.

Selbstverständlich ist Österreich-Ungarn ein wichtiges Vorbild für Vielvölkerstaaten, und während die dortigen Vermischungen aufgehoben wurden, wurden andernorts, in sozusagen ererbtem Geiste, neue eingeführt, Österreich-Ungarn weltweit.

Was bei diesem Ansatz aber übersehen wird, ist, daß Identität nicht ausschließlich Theater ist. Es ist ja nicht weiter schwer, den Leuten unterschiedliche Sprachen und Trachten und Bräuche zu geben und sie dazu zu bringen, im Umgang mit einander in bestimmte Rolle zu schlüpfen, um ihnen so zu suggerieren, daß sie in ihrer Identität geachtet werden, denn solche Motive standen ja damals und heute wieder im Mittelpunkt, nur daß man sich so um das Leben drückt.

Wer wollte sich heute schon auf so eine Rolle reduzieren? Sicher ist die Verwendung solcher Rollen eleganter als einen Einheitsbrei zu erzeugen - und auch sicherer, - aber was in beiden Fällen dahinter steht, nämlich die Hoffnung auf eine harmonisch zusammenwirkende Welt unter einer geeinten Führung ist eine Riesendummheit.

"Oftmals ist die Hälfte mehr als das Ganze." (Griechisches Sprichwort laut Platon)

Wer seine Freiheit für seine Sicherheit aufgibt, endet desillusioniert und motivationslos. Die menschliche Natur ist, wie sie ist. Man kann zwar tun, was man will, aber nicht wollen, was man will.

Und deshalb kommt jeder gemeinschaftsstiftende Gedanke an seine Grenzen.

Aber natürlich haben wir heute überhaupt keinen gemeinschaftstiftenden Gedanken mehr, das wird auch mit jedem Jahr deutlicher werden. Ein einziges "Als ob", welches sich nicht um seine Grundlagen kümmert. Schlimme Sache, kann wahrscheinlich auch nicht effektiv umgekehrt werden, Vertrauen und Anspruch sind weg, die Asozialisierung moderner Gesellschaften verläuft recht erfolgreich, die letzten Verbliebenen mit sozialen Ansprüchen scheren sich um einen Haufen Inkompetenz.

Ist schon teuflisch, entspringt aber in Millionen Quellen, dieser Fluß.

Rainer Gebhardt
21. August 2013 22:57

Sternchen zu verteilen ist eigentlich nicht mein Fach. Aber ich mache gern eine Ausnahme: Der Artikel ist exzellent! Und wie nebenbei zeigt Lichtmesz wieder mal, was Sezessionist zu sein bedeutet: Man muß den Seiltanz beherrschen. Was bei dem Thema ein Akt auf dem Hochseil ist. Die Art, wie Lichtmesz über die Abgründe hinwegtänzelt, ist bewundernswert. Da muß man seine Nerven im Griff haben. Und schwindelfrei muß auch man sein – in der doppelten Bedeutung des Wortes. Klingt jetzt wie ein Eloge, na ja...egal, ich wollte es einfach mal gesagt haben.

Gruß an den Autor!
RG

P.S. Wen es interessiert: Zum Thema Seiltanz siehe Nietzsche: Zarathustra (Zarathustras Vorrede, 6)

Couperinist
22. August 2013 13:42

@Martin

Ja, das Wegbrechen der christlichen Klammer als Ursache ist fast schon Allgemeinkonsens, jedenfalls unter Konservativen. Ich glaube dennoch, daß der Erste Weltkrieg mit seiner umfassenden Militarisierung der europäischen Gesellschaften den Staat zum allmächtigen Regulativ in allen Bereichen erhoben hat.
Der Krieg hat ja vielleicht auch eine ganze Generation vom zivilen Leben entfremdet. Etatistische Bewegungen fanden in solchen Dauermarschierern natürlich ihre Rekruten

Dieser neuartige Nationalismus unterschied sich doch von demjenigen, der schon um 1800 entstanden war, darin, daß er in historisch Gewachsenes eingreifen sollte, staatlich-autoritär. Wie der Bolschewismus die Wirtschaft, sollte der Staatsnationalismus mit der Brechstange die ethnokulturelle Zusammensetzung bearbeiten.

War der Nationalismus des 19. Jahrhunderts von der demokratischen, bürgerlich-liberalen Bewegung nicht zu trennen, so war derjenige des 20. ausdrücklicher Gegner dieser.
Wenn man bedenkt, daß Stalin ständig irgendwelche Völker hin- und herschob, dann verschwimmen auch umso mehr die angeblich so großen Unterschiede zwischen den Totalitarismen des letzten Jahrhunderts.

Rainer Gebhardt
22. August 2013 18:10

Ich war dreimal in Triest, zu kurz, um den „Geist“ der Stadt zu erfassen. Als Tourist geht das ohnehin nicht. Aber ein melancholisches Gefühl beschleicht einen da schon. Die Vergangenheit weht einen immerzu an, und was modern sein soll, ist,wie überall auf der Welt, oft potthäßlich. Ich sage nur Aquilinia Stramare (ziemlich weit draußen), oder die Wohnbauten an der Via Carlo Combi, das Panorama Giustinelli (eine Luxusappertementanlage!) Man spürt, daß sich Jüngers Motto aus dem Abenteurlichen Herzen - „Das alles gibt es also“ – auch in Triest nur noch im Perfekt konjugieren läßt: Das alles gab es also.

Ich weiß nicht, ob man sich in Triest heute noch wie zu Zeiten eines Scipio Slataper darüber streitet, was „die Triestinität“ nun eigentlich ist oder sein könne. Und wenn ja, sind das womöglich nur noch Sonntagsnachmittagsentimentalitäten und man hat sich auch dort längst mit den Notwendigkeiten des Marktes abgefunden. Der Lackmustest ist da immer die Peripherie einer Stadt, dort spürt man, ob ihr Zentrum auseinanderfliegt, ob es noch der lebensweltliche Magnet ist, um den alles kreist. Aber (und wenn vielleicht nur studienhalber) als Modellfall einer empirisch nachweisbaren Vielvölkerei (Gemeinschaft will da noch nicht mal sagen) gibt Triest was her.

Und ja, Triest war Multikulturalität. Nur war sie dort keine Ideologie, man hat sie nicht gepredigt und den Leuten aufs Auge gedrückt. Und wenn man sie dort leben konnte, dann ging das nur, weil man sich gegen Égalité und Fraternité sträubte. Claudio Magris hat einmal gesagt, Triest suche seinen Daseinsgrund in nicht eingeebneten Gegensätzen. So wird es sein. Ob sie aber als Beispiel der Heterogenität und Widersprüchlichkeit begriffen werden kann, weil sie (wie Magris seltsamerweise meint) „bar eines zentralen Fundaments und einheitlicher Werte“ gewesen sei, ist zweifelhaft. Da kommt dann wieder die politisch korrekte Vielfaltsblödheit und der zwanghafte Drang ins Allgemeinmenschliche durch.

Triest ist trotz oder besser: wegen seines Grenzcharakters immer Zentrum gewesen. Und das nomadisierende K.U.K..-Vielvölkertum strebte dort immer ins Zentrum. Dieser beinahe physische Druck schuf mit Triest einen Edelstein. Eingefaßt von der christlichen Frömmigkeit der K.u.K. Apostolischen Majestät, poliert von der Geschäftigkeit slawischer, romanischer, germanischer, jüdischer Ethnien. In diesem Topf brodelte wirklich alles: nationale und nationalistische Leidenschaften, österreichische Mentalität, serbisch-orthodoxe Sturheit, askenasische und sefardische Bräuche und was weiß ich. Ich habe keine Ahnung wie sich die Bevölkerung heute zusammensetzt und wie sie sich zusammenrauft.

Wen die osteuropäische Literatur interessiert, tangiert nolens volens irgendwann das literarische Phänomen Triest. Das ist wie ein Transitraum. Zuweilen blüht dort ein seltsam leerer und beinahe Klischee gewordener Kosmopolitismus; wobei die Topografie der Stadt verantwortlich zu sein scheint für eine vor allem in der Literatur zur Schau getragene „Vaterlandslosigkeit“, mit der man der Globalelite hofiert und sich gleichzeitig die Aufmerksamkeit einer Gesellschaft sichert, die selber schon nicht mehr weiß wo es hingeht mit ihr. Es ist ein Kosmopolitismus, der wenig kostet, keine Nerven, keine Anstrengungen. Kosmopolitismus als clevere Marketingstrategie.
Wenn auch die Durchschnitts-Triestiner für eher für Kosmopolitismus plädieren als für die „Italianita“, hat das einen anderen Grund. Es ist ein Kosmopolitismus Habsburger Provinienz. „Das erste, was Sie begreifen müssen“ legen einem alte Triestaner ans Herz, „ist, dass wir hier nicht in Italien sind.“ Das ist nicht so dahin gesagt, sondern Hingebung an – nein, nicht an die Globalisierung, sondern an die Kultur Habsburgs.
(@ M. Lichtmesz: Sie berichtigen mich, wenn ich mich da täusche.)

M.L.: Sie wissen es wahrscheinlich besser... hoffen wir mal, dass das so ist. Vielen Dank für diesen ausführlichen und sehr interessanten Kommentar!

Martin Lichtmesz
23. August 2013 17:51

Bella ciao, ciao, ciao, grazie a tutti.

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