Identitäre Meditationen über Triest

Bei der Recherche für einen Beitrag zum geplanten "Ortslexikon" des Instituts für Staatspolitik fiel mir eine sehr schöne, zu Unrecht verschollen gegangene Anthologie über Triest in die Hände, der ich die Informationen für diesen Artikel entnehme.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

An dem Band “Tri­est Trst Tri­es­te” (Mödling/Wien 1992) hat unter ande­rem mein ehe­ma­li­ger grü­ner Geschichts­leh­rer aus Gym­na­si­al­zei­ten mit­ge­ar­bei­tet, an den ich recht gute Erin­ne­run­gen habe.

Er gehör­te zum durch­aus sym­pa­thi­schen Typus eines Grü­nen, den man heu­te lei­der nur mehr sel­ten fin­det. Sein bio­gra­phisch-fami­liä­rer Hin­ter­grund war recht aben­teu­er­lich, und er hat­te ein Flair von Glo­be­trot­ter­tum um sich, das er frei­lich auch bewußt kul­ti­vier­te. Beson­ders gern erzähl­te er von sei­nen kuli­na­ri­schen Ent­de­ckungs­rei­sen in sei­ner zwei­ten Hei­mat Ita­li­en, wo er stets auf der Suche nach sel­te­nen und exqui­si­ten Per­len abseits der tou­ris­ti­schen Tram­pel­pfa­de war.

Im Gegen­satz zu den heu­ti­gen “Diver­si­ty”-Nar­ren hat­te er eine ech­te Lie­be zur Viel­falt (man kann die­ses geschän­de­te Wort lei­der kaum mehr benut­zen) ins­be­son­de­re euro­päi­scher und medi­ter­ra­ner Kul­tu­ren. Er war Mit­glied in einer klei­nen Folk­lo­re-Band, die tra­di­tio­nel­le Volks­lie­der aus ganz Euro­pa sam­mel­te und deren Stil­ele­men­te in ihren eige­nen Songs zu recht anspre­chen­den Pot­pour­ris ver­misch­te.  Dabei lieb­te er auch alpi­ne und öster­rei­chi­sche Volks­mu­sik, mit einem gewich­ti­gen Vor­be­halt aller­dings: sie muß­te “authen­tisch” sein und nicht ver­seucht durch die Kom­mer­zent­ar­tun­gen des “Musi­kan­ten­stadl” und ähn­li­cher Frevel.

So war sei­ne “mul­ti­kul­tu­rel­le” Lei­den­schaft eng ver­wandt mit sei­ner kuli­na­ri­schen: sie hat­te etwas zu tun mit einer Sehn­sucht nach dem “Ech­ten”, Ande­ren, Boden­stän­di­gen, Unver­wäs­ser­ten, Vita­len, Urwüch­si­gen, Noch-nicht-Genorm­ten, noch nicht durch die Kon­sum­ge­sell­schaft platt- und banal- und schalgemachten.

Ich muß­te vie­le Jah­re spä­ter an mei­nen Geschich­te­l­eh­rer den­ken, als mir ein lis­ti­ger Apho­ris­mus von Gómez Dávi­la unterkam:

Die natio­na­lis­ti­sche Xeno­pho­bie bewahrt die Unver­sehrt­heit köst­li­cher Spei­sen für die, die weder Natio­na­lis­ten noch xeno­phob sind.

Das ist ein tra­gi­sches Dilem­ma, das lei­der kaum auf­zu­lö­sen ist: wenn eine Kul­tur oder Volks­grup­pe ihre Eigen­art bewah­ren will, muß sie sich bis zu einem gewis­sen Grad nach außen hin abgren­zen. Wenn sie aber nicht mehr imstan­de ist, bis zu einem gewis­sen Grad “durch­läs­sig” zu sein und frem­de Ein­flüs­se auf­zu­neh­men, dann sta­gniert und ver­stei­nert sie. Klei­ne­re India­ner­völ­ker, die kei­ne Mög­lich­keit des Anschlus­ses an eine grö­ße­re, stüt­zen­de Kul­tur oder Nati­on haben, sit­zen hier beson­ders in der Zwickmühle.

Ein “Muß” für die Grü­nen der Neun­zi­ger Jah­re (ob das heu­te auch noch so ist, weiß ich nicht), war die Lei­den­schaft für die Rech­te diver­ser Min­der­hei­ten in Öster­reich: Zigeu­ner, Kroa­ten im Bur­gen­land, Slo­we­nen in Kärn­ten – beson­ders letz­te­re lie­ßen sich treff­lich gegen das tra­di­tio­nell “blaue Gau” der FPÖ aus­spie­len. Hier spiel­ten natür­lich oft eher sinist­re natio­nal­psy­cho­lo­gi­sche Moti­ve eine Rol­le, ein nach­ge­hol­ter Sur­ro­gat-Anti­fa­schis­mus und eine Buße für die NS-Verbrechen.

Man konn­te sich für den “Volks­tums­kampf” (denn um etwas ande­res ging es schließ­lich nicht) der Slo­we­nen begeis­tern, zeig­te aber kei­ner­lei Inter­es­se etwa am Schick­sal der deut­schen Min­der­heit in Slo­we­ni­en, oder über­haupt der Ver­trie­be­nen des Welt­krie­ges aus Böh­men und Mäh­ren, Schle­si­en und Pom­mern, Sie­ben­bür­gen und Ost­preu­ßen. Denn deut­sches Volks­tum war eben “böse”, alles ande­re aber gut und unter­stüt­zens­wert. Immer­hin dach­te mein grü­ner Geschichts­leh­rer nicht so.

Sei­ne Fas­zi­na­ti­on für Tri­est hing eng mit sei­nen mul­ti­kul­tu­rel­len Nei­gun­gen zusam­men. Als typi­sche Grenz- und Kno­ten­punkt­stadt war und ist Tri­est eine ein­zig­ar­ti­ge Mischung aus roma­ni­schen, sla­wi­schen und ger­ma­ni­schen Ein­flüs­sen. Sie stand rund fünf­ein­halb Jahr­hun­der­te unter der Herr­schaft der Habs­bur­ger, die dort unver­kenn­ba­re Spu­ren hin­ter­las­sen haben. Gan­ze Stadt­vier­tel sind von the­re­sia­ni­schen und jose­fi­ni­schen Bau­ten geprägt, Dop­pel­ad­ler pran­gen noch auf vie­len Gebäu­den und zuwei­len wähnt man sich auf der Ring­stra­ße oder in Znaim und Buda­pest. Nur ein paar Kilo­me­ter aus­wärts fin­det sich das eigen­ar­ti­ge, mär­chen­haf­te Schloß Mira­ma­re, das für den spä­te­ren unglück­se­li­gen “Kai­ser von Mexi­ko” Maxi­mi­li­an erbaut wurde.

Auf dem nicht min­der roman­ti­schen Schloß Dui­no schrieb Rai­ner Maria Ril­ke sei­ne berühm­ten “Dui­ne­ser Ele­gi­en”.  Sowohl Ita­lo Sve­vo, der eigent­lich Aron Hec­tor Schmitz hieß, Autor des Jahr­hun­der­t­ro­mans “Zen­os Gewis­sen”, als auch der Jugend­be­we­gung-Jupi­ter Theo­dor Däub­ler wur­den in Tri­est gebo­ren und nach­hal­tig von der Stadt geprägt. Egon Schie­le mal­te hier Fischer­boo­te und Hafen­sze­ne­rien, Adal­bert Stif­ter erblick­te hier zum ers­ten Mal das Meer.

Däub­lers Freund Hans Blü­her schrieb in sei­ner Auto­bio­gra­phie “Wer­ke und Tage” (1920) über sei­ne ein­sa­men Jugend­wan­de­run­gen von Deutsch­land nach Ita­li­en, die ihn nach Tri­est, Vene­dig und Nea­pel führ­ten. Er gedach­te dar­in der “gro­ßen Züge der deut­schen Köni­ge und Kai­ser über die Alpen”, in denen er einen tie­fe­ren Drang als nach blo­ßer pro­fa­ner Beu­te­lust am Wer­ke sah:

Wer es je gespürt hat, wie scharf die Gren­ze zwi­schen der ger­ma­ni­schen und der ita­lie­ni­schen Land­schaft gezo­gen ist, wer je den Grat­zau­ber in sich auf­ge­nom­men hat, der einem ankommt, wenn man wie­der beginnt, berg­ab zu stei­gen, wer auch gewohnt ist, auf die Din­ge zu ach­ten, die Vege­ta­ti­on, ver­än­der­ter Ster­nen­him­mel, Boden­duft und sol­ches mehr bei einem Men­schen erwirk­ten, dem wird das ledig­lich Hin­zu­ge­kom­me­ne der öko­no­mi­schen Moti­vie­run­gen, beson­ders jener Zug­rich­tung Deutsch­land-Ita­li­en ohne wei­te­res klar.

Ich fühl­te mich jeden­falls durch­aus als Deut­scher und spür­te den Zug der Geschich­te mei­nes Vol­kes in mir, als es mich mit völ­lig unwi­der­steh­li­cher, gera­de­zu fana­ti­scher Gewalt nach dem Süden zog, nach jenem Süden, der mir immer uner­träg­lich war, des­sen Wald­lo­sig­keit eine Belei­di­gung mei­ner gan­zen Natur ent­hielt, des­sen Men­schen so durch­aus anders waren als ich: die­ser Süden, den ich jedes­mal mit einem schluch­zen­den Gefühl von Heim­weh nach den deut­schen Lan­den ver­ließ, den ich jedes Jahr abschwor mit den Wor­ten: “Es war das letz­te­mal!” – und der mich fünf Jah­re mit unaus­weich­ba­rer Bestän­dig­keit in sei­nen Bann zog. Es muß wohl das Schick­sal des deut­schen Men­schen sein.

Unter­wegs nach Tri­est war Blü­her auch bei den Slo­we­nen ein­ge­kehrt, die ihm als arm, “gütig” und got­tes­gläu­big erschie­nen. Nur eines ging ihm gegen den Strich:

Aber was mir an die­sem Vol­ke unterträg­lich war, das war die Ent­vo­ka­li­sie­rung der Spra­che. Wer in der Laut­welt der Anti­ke groß wur­de, dem klin­gen kon­so­nan­ten­rei­che Spra­chen bar­ba­risch, und so bekam ich eine immer mehr unbe­zwing­bar wer­den­de Sehn­sucht nach Ita­li­en, des­sen Spra­che mir ver­traut war und mei­nen latei­ni­schen Ohren wohltat.

James Joy­ce ver­brach­te in Tri­est sei­ne Jugend­jah­re, zur genau glei­chen Zeit, als Blü­her sei­ne Wan­de­run­gen unter­nahm. Joy­ce war zeit­le­bens ein frei­wil­li­ger iri­scher Exi­lant, und er war um so mehr Ire, umso mehr Exi­lant er war – dazu paßt eine Stadt, die auf ihre Wei­se eine selt­sa­me Lage im “Exil” hat, als über­wie­gend ita­lie­ni­sche Stadt, die fast gänz­lich von slo­we­ni­schem Hin­ter­land umman­telt ist.

Hil­de Spiel schrieb in 1980 in der Novel­le “Mir­ko und Fran­ca” über die “viel­ge­sich­ti­ge Stadt”:

Es gibt Tage und Orte, an denen Tri­est nur eine sei­ner Facet­ten her­vor­kehrt, nur vene­zia­nisch oder nur sla­wisch erscheint, nur öster­rei­chisch oder nur unga­risch, aber auch, unter gewis­sen Umstän­den, nur jüdisch, nur grie­chisch, levan­ti­nisch, oder sogar französisch (…).

Im Jahr 1910 zähl­te Tri­est etwa 225.000 Ein­woh­ner, dar­un­ter 120.000 Ita­lie­ner, 60.000 Slo­we­nen, 12.000 Deutsch-Öster­rei­cher, 2.500 Kroa­ten sowie 30.000 Aus­län­der aus aller Welt: Levan­ti­ner aller Art, Grie­chen, Arme­ni­er, Juden, Tür­ken, Eng­län­der oder Franzosen.

Die unwi­der­steh­li­che Anzie­hungs­kraft, die eine Stadt wie Tri­est auf mei­nen Leh­rer hat­te, liegt also auf der Hand. Der erwähn­te Sam­mel­band “Tri­es­te Trst Tri­est” zeich­net aller­dings nicht das Bild eines Idylls. Immer wie­der wird deut­lich, daß die Rei­ze und Span­nun­gen “mul­ti­kul­tu­rel­ler” Gebil­de nicht von­ein­an­der zu tren­nen sind, daß vor allem immer wie­der die Fra­ge auf­taucht, was sol­che Gebil­de über­da­chen und zu einer fried­li­chen und funk­tio­nie­ren­den Ein­heit fügen kann.

His­to­risch gese­hen ist es nun lei­der so, daß Demo­kra­tien für die­sen Zweck die denk­bar ungüns­tigs­ten Staats­for­men sind. In der Tat sind sie häu­fig Zer­falls­pro­duk­te grö­ße­rer Impe­ri­en, Anti­the­sen “mul­ti­kul­tu­rel­ler” Staats­for­men. Demo­kra­tie und Natio­na­lis­mus sind in der Neu­zeit eng ver­wo­ben gewesen.

Unbe­strit­ten ist, daß die wirt­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Glanz­zeit der Stadt in die Zeit der Habs­bur­ger-Herr­schaft fällt, ins­be­son­de­re in die drei Jahr­zehn­te vor dem 1. Welt­krieg, als Tri­est der leis­tungs­stärks­te Hafen des Mit­tel­meers war und sei­ne Bahn­li­ni­en bis nach Bom­bay gin­gen. In den Bei­trä­gen des Ban­des erscheint die k.uk.-Monarchie daher auch in einem über­wie­gend posi­ti­ven Licht.

Bis heu­te ist das “Image” der Öster­rei­cher in Tri­est rela­tiv posi­tiv besetzt. Die Iden­ti­tät der Stadt ist ohne die­se Prä­gung eben nicht denk­bar. Als ich sie mit zwölf Jah­ren zum ers­ten Mal besuch­te, bot mir ein gleich­alt­ri­ger ita­lie­ni­scher Jun­ge Ver­brü­de­rung an, als er erfuhr, woher ich kom­me. Das hat einen gro­ßen Ein­druck auf mich gemacht, und mir ein erha­be­nes und freu­di­ges “pan­eu­ro­päi­sches” Gefühl gegeben.

His­to­risch gese­hen war die Bezie­hung der Ita­lie­ner zu den Öster­rei­chern aber alles ande­re als har­mo­nisch. Öster­reich-Ungarn war der gro­ße Geg­ner in den heroi­schen Frei­heits­kämp­fen der Epo­che von Gari­bal­di und Cavour. Seit den 1840er Jah­ren war auch in Tri­est der “Irre­den­tis­mus” gewach­sen und seit 1866 gera­de­zu explo­diert. Wobei sich die ita­lie­ni­schen Natio­na­lis­ten in einer para­do­xen Lage befan­den, denn die Blü­te der Stadt ver­dank­te sich nun­mal der ver­haß­ten Habs­bur­ger Fremdherrschaft.

Der Tri­es­ter Schrift­stel­ler Sci­pio Sla­pa­ter beschrieb das Dilem­ma so: „Alles, was dem Han­del dient, bedeu­tet Ver­ge­wal­ti­gung der Ita­lia­ni­tà – und was die­se wirk­lich för­dert, scha­det jenem.“ Dazu paßt auch die iro­ni­sche Tat­sa­che, daß der gro­ße Mär­ty­rer der Natio­nal­be­we­gung, Gugliel­mo Ober­dan, als Wil­helm Ober­dank und Sohn einer deutsch­stäm­mi­gen Slo­we­nin und eines Öster­rei­chers gebo­ren wur­de. Ober­dan hat­te 1882 ver­sucht, Kai­ser Franz Joseph zu ermor­den. Sei­nen Hen­kern soll er noch hero­isch ent­ge­gen­ge­schrien haben: “Es lebe Ita­li­en! Es lebe das befrei­te Triest!”

Sla­ta­per selbst war ein glü­hen­der Bewun­de­rer Ober­d­ans und zunächst Anhän­ger der irre­den­tis­ti­schen Bewe­gung, obwohl er hal­ber Slo­we­ne war, und sich, wie er in einem Brief an sei­ne Frau bekann­te, als „Sla­we, Deut­scher und Ita­lie­ner“ zugleich sah. Vom Sla­wen habe er die “selt­sa­me Sehn­sucht”, den “Wunsch nach Neu­em, nach ver­las­se­nen Wäl­dern”, die “Sen­ti­men­ta­li­tät”, und “ein end­lo­ses Träu­men ohne Gren­zen”. Vom “deut­schen Blut” habe er die “esel­köp­fi­ge Stur­heit” und den “dik­ta­to­ri­schen Wil­len und Ton”, ein “Ver­lan­gen nach Herr­schaft und Kraft”: “Die­se Ele­men­te sind im ita­lie­ni­schen Blut verschmolzen.”

Zuwei­len erschien ihm sein sla­wi­sches Erbe noch mäch­ti­ger als sei­ne “Ita­lia­ni­tà”. In sei­nem Buch Mein Karst (1912) schrieb er:

Ich möch­te euch sagen: ich bin im Karst gebo­ren… ich möch­te euch sagen: ich bin in Kroa­ti­en gebo­ren… ich möch­te euch sagen: ich bin im mäh­ri­schen Tief­land geboren…

Dem­entspre­chend kri­ti­sier­te Sla­ta­per die anti-sla­wi­sche Stoß­rich­tung der Irre­den­tis­ten, wand­te sich schließ­lich über­haupt vom Natio­na­lis­mus ab und sozia­lis­ti­schen Ideen zu.  Er fiel 1915 in der 4. Ison­zo­schlacht als Frei­wil­li­ger auf ita­lie­ni­scher Sei­te. Er war erst 27 Jah­re alt.

Robert Musil beschrieb im “Mann ohne Eigen­schaf­ten” das illoya­le Ver­hal­ten der “Reichs­ita­lie­ner”, der Figur des Gra­fen Leins­dorf in den Mund gelegt: an Kai­sers Geburts­tag habe er kei­ne ein­zi­ge Fah­ne in ganz Tri­est gese­hen, aber am Tag des Geburts­tags des Königs von Ita­li­en lau­fe alle Welt mit Blu­men im Knopf­loch her­um. Und was die Slo­we­nen betrifft, so lägen sie sich zwar dau­ernd mit den Ita­lie­nern in den Haa­ren, aber soli­da­ri­sie­ren sich sofort mit ihnen, “sobald es heißt, daß wir germanisieren.”

Die Span­nun­gen zwi­schen den ita­lie­ni­schen Tri­es­ti­nern und den Öster­rei­chern schil­der­te auch Her­mann Bahr 1909 in sei­ner “Dal­ma­ti­ni­schen Rei­se”. Man mag dar­in auch das Mus­ter heu­ti­ger “Inte­gra­ti­ons­pro­ble­me” wie­der­erken­nen. Bahr glaub­te, das Pro­blem sei durch eine Art “Will­kom­mens­kul­tur” zu lösen:

Die Ita­lie­ner wol­len eine ita­lie­ni­sche Uni­ver­si­tät, um ihre Söh­ne aus­zu­bil­den, und sie wol­len sie in Tri­est, weil sie Tri­est nahe haben und weil ihre Söh­ne in frem­den Städ­ten unglück­lich sind. Nein, sagt die Regie­rung: sie wol­len sie, um Irre­den­tis­ten zu züch­ten! Wor­auf zu ant­wor­ten wäre: Irre­den­tis­ten züch­tet ihr, ihr, weil jeder öster­rei­chi­sche Ita­lie­ner ein Irre­den­tist sein wird, solan­ge er sich in Öster­reich fremd fühlt, weil jeder sich in Öster­reich fremd füh­len muß. Solan­ge man ihm miß­traut! Die Hei­mat des Men­schen ist dort, wo er sich bei sich zu Hau­se fühlt. Sorgt dafür!

Und fer­ner: eine bes­se­re Zucht von Irre­den­tis­ten als in Wien gibt es gar nicht. In Wien fühlt sich der ita­lie­ni­sche Stu­dent fremd, er ver­steht die Spra­che nicht, er ist von Feind­schaft umge­ben, nie­mand nimmt sich sei­ner an, Heim­weh quält ihn, so sitzt er den gan­zen Tag mit den ande­ren im Café bei­sam­men, um nun doch sei­ne Spra­che zu hören, und wenn er unter die­sen nun ein ein­zi­ger ist, den die Not oder die Sehn­sucht zum Irre­den­tis­ten macht, so sind es nach einem Monat alle; see­li­sche Kon­ta­gi­on nennt man das.

Und end­lich: Ihr treibt jeden Ita­lie­ner aus Öster­reich her­aus, dem ihr die Wahl stellt, ein Ita­lie­ner oder Öster­rei­cher zu sein! Es muß ihm mög­lich wer­den, als Ita­lie­ner ein Öster­rei­cher zu sein. Wie denn unser gan­zes öster­rei­chi­sches Pro­blem dies ist, daß es uns mög­lich wer­den muß, Öster­rei­cher deut­scher oder sla­wi­scher oder ita­lie­ni­scher Nati­on zu sein.

Ähn­li­che Pro­ble­me und Gedan­ken­gän­ge fin­den wir heu­te wie­der, mit einem gra­vie­ren­den Unter­schied: der heu­ti­ge Natio­nal­staat Öster­reich ist eben, auch wenn man es schon ver­ges­sen hat, “Deutsch-Öster­reich”, der kläg­li­che Rest auf eth­ni­scher Basis, der übrig­ge­blie­ben ist, nach­dem das Kai­ser­reich Öster­reich an den von Bahr benann­ten Pro­ble­men geschei­tert ist.

Schon allein dar­um ist Bahrs Rhe­to­rik der “Will­kom­mens­kul­tur” nicht auf heu­ti­ge Ver­hält­nis­se über­trag­bar. Wo er von “Öster­rei­chern” spricht, meint er nicht allein die  eth­ni­schen Deutsch-Öster­rei­cher. Was der Bogen der k.u.k.-Monarchie (letzt­end­lich) nicht geschafft hat, soll heu­te eben ein Rei­sepaß und ein Bekennt­nis zu “frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Grund­wer­ten” und “Men­schen­rech­ten” und ähn­li­chem bewerk­stel­li­gen. Es ist zu erwar­ten, daß das erst recht nicht funk­tio­nie­ren kann.

Wir sind hier auch mit­ten in der Atmo­sphä­re von Joseph Roths “Radetz­ky­marsch”. Leser des Romans wer­den sich noch an den “reak­tio­nä­ren”, trink­fes­ten pol­ni­schen Gra­fen Cho­j­ni­cki aus Gali­zi­en erin­nern, der gegen Natio­na­lis­ten, Sozia­lis­ten, pro­gres­si­ve Juden und sons­ti­ge Demo­kra­ten wet­tert, die die Mon­ar­chie in Stü­cke rei­ßen wol­len. Zugleich weiß er, daß die See­le des Rei­ches bereits gestor­ben ist und kei­ne Inte­gra­ti­ons­kraft mehr besitzt.

Joseph Roth, wie vie­le gali­zi­sche Juden glü­hend kai­ser­treu, hat­te die­se Welt des habs­bur­gi­schen Rei­ches geliebt. An ihrem Ver­lust ist er schließ­lich zugrun­de gegan­gen, als Hei­mat­lo­ser und Exi­lant. In der Tat ist wohl nie das Ide­al einer zugleich viel­ge­stal­ti­gen und zugleich ein­heit­lich gebün­del­ten Zivi­li­sa­ti­on so greif­bar nahe gewe­sen. So zumin­dest schien es man­chem Sproß der “Welt von Ges­tern” (wie Ste­fan Zweig for­mu­lier­te) im nost­al­gi­schen Rückblick.

Mir liegt etwa ein 1967 im katho­li­schen Wie­ner Herold-Ver­lag erschie­ne­nes  Bänd­chen vor, “Abge­sang auf eine gro­ße Zeit”, das von einem Mann mit dem unwahr­schein­li­chen Namen Otto Forst de Bat­ta­glia (1889–1965) ver­faßt wur­de. Es han­delt sich um einen See­len­ver­wand­ten des Gra­fen Cho­j­ni­cki: ein alt­ös­ter­rei­chi­scher Pole, aus Gali­zi­en stam­mend, in Wien gebo­ren, der den (ange­hei­ra­te­ten) Namen einer ita­lie­ni­schen Adels­fa­mi­lie trug. In dem Auf­satz “Öster­reich, ein Reich der Mit­te”, schreibt er:

Ost­i­sche, alpi­ne, mit­tel­mee­ri­sche, dina­ri­sche, nor­di­sche und sogar ein nicht über­seh­ba­rer Ein­schlag vor­der­asia­ti­scher, wes­ti­scher und mon­go­lo­ider Ras­se, sodann – nicht mehr auf­spür­ba­rer Vor­be­woh­ner zu ver­ges­sen – Illy­rer, Thra­ker, Ita­li­ker, Kel­ten, Römer samt dem Kalei­do­skop der unter deren Adlern in Vor-Öster­reich gar­ni­so­nie­ren­den Legio­nä­re, her­nach Ger­ma­nen und Sla­wen und wie­der Ger­ma­nen: das alles hat sich zu einem Gan­zen vermengt.

Und jeder Bestand­teil des Amal­gams steu­er­te etwas zu des­sen Eigen­art bei. Dar­an änder­te auch die sprach­li­che und kul­tu­rel­le Über­da­chung durch das Deutsch­tum nichts. Und dem sich auch star­ke, von hoher Kul­tur gesät­tig­te Ele­men­te ein­füg­ten, die spä­ter ins Land ein­ström­ten: Ita­lie­ner, Spa­ni­er, fran­zö­si­sche Emi­gran­ten, assi­mi­lier­te Juden und ande­re spo­ra­di­sche Ein­wan­de­rer aus allen Zonen, von Por­tu­gal und Irland bis Arme­ni­en und Hellas.

Und in einem Auf­satz über Joseph Roth schreibt Forst de Bat­ta­glia über des­sen Hei­mat­stadt Bro­dy in Gali­zi­en an der rus­sisch-öster­rei­chi­schen Grenze:

Es war weni­ger das deut­sche Wesen, am dem die sich Welt­leu­te Dün­ken­den hier zu gene­sen such­ten, denn das öster­rei­chi­sche, schwarz­gel­be, kai­ser­li­che, habs­bur­gi­sche, für das die deut­sche Spra­che ein ver­bin­den­des Glied zwi­schen einem Dut­zend Natio­nen bedeu­te­te und dem die deut­sche Kul­tur ein Kleid sein moch­te, in das gehüllt man Ein­laß in den vor­neh­men Kreis der euro­päi­schen Völ­ker­fa­mi­lie fand.

Heu­te ist davon wenig bis gar nichts mehr übrig. In ganz Tsche­chi­en kommt man heu­te allen­falls mit Eng­lisch durch, dafür lebt das Land tou­ris­tisch haupt­säch­lich vom Glanz der böh­misch-mäh­risch-habs­bur­gi­schen Zeit, unter wohl­fei­ler Ver­leug­nung und Ver­tu­schung des vor­wie­gend deut­schen Cha­rak­ters die­ser Kul­tur von Ges­tern, wovon ich mich neu­lich anläß­lich eines Besu­ches in Brünn wie­der über­zeu­gen konn­te. Das ist ein Gedan­ke, den ich auf Rei­sen durch Tsche­chi­en nie ganz abweh­ren kann: Da haben sie nun also end­lich ihren pope­li­gen, eth­nisch homo­ge­nen Natio­nal­gur­ken­staat, für den so viel Blut, vor allem der Sude­ten­deut­schen, geflos­sen ist. Und für was?

Das Kon­zept des demo­kra­ti­schen Natio­nal­staats im Sin­ne der “Selbst­be­stim­mung der Völ­ker” galt nach 1918 als die gro­ße Lösung der von Bahr bezeich­ne­ten Pro­ble­me. Sie waren in man­chen Län­dern aller­dings erst dann so rich­tig “gelöst”, als mit eth­ni­schen Säu­be­run­gen nach­ge­hol­fen wur­de – die trau­ri­ge Geschich­te der Tsche­cho­slo­wa­kei und Jugo­sla­wi­ens sind Bei­spie­le für eine sol­che Zuspitzung.

Auf dem Spiel­berg in Brünn, wo sich einst einer der größ­ten Ker­ker der Mon­ar­chie befand, ste­hen übri­gens heu­te noch Denk­mä­ler, die von Mus­so­li­nis Regime in den zwan­zi­ger Jah­ren gestif­tet wur­den: Erin­ne­run­gen an all die Mär­ty­rer des ita­lie­ni­schen Frei­heits­kamp­fes, die in der Fes­tung inhaf­tiert waren. Zur glei­chen Zeit unter­drück­ten und ita­lia­ni­sier­ten die Ita­lie­ner die Süd­ti­ro­ler, wäh­rend die Tsche­chen unter Masa­ryk und spä­ter Ben­esch eine ana­lo­ge Poli­tik wider die deut­sche Bevöl­ke­rungs­grup­pe in der Tschecho-Slo­wa­kei betrie­ben, die immer­hin 3 Mil­lio­nen Men­schen umfaß­te, nicht weni­ger als ein Vier­tel der Gesamtbevölkerung.

Eine ähn­li­che Poli­tik wie die Süd­ti­ro­ler beka­men die Tri­es­ti­ner Slo­we­nen ab 1919 zu spü­ren. Nun hat­ten die Irre­den­tis­ten end­lich bekom­men, was sie sich gewünscht hat­ten: ein ita­lie­ni­sches Tri­est, das frei­lich sei­ne Gel­tung als Welt­stadt ver­lo­ren hat­te. Aber die “Ita­lia­ni­tà” war in ihren Augen immer noch nicht umfas­send genug. Bereits 1920, zwei Jah­re vor dem Marsch nach Rom, setz­te natio­na­lis­tisch-faschis­ti­scher Ter­ror gegen slo­we­ni­sche Ein­rich­tun­gen ein; so wur­de im Som­mer des Jah­res das Kul­tur­zen­trum “Narod­ni dom” abge­brannt. Unter Mus­so­li­ni wur­de eine zum Teil äußerst bru­ta­le Ita­lia­ni­sie­rungs­po­li­tik betrieben.

Der Tri­es­ter Schrif­stel­ler Gia­ni Stu­pa­rich, ein Freund Sci­pio Sla­ta­pers und des­sen Kampf­ge­fähr­te an der Front (auch er, wie der Name ver­rät, von sla­wi­scher Her­kunft), protestierte:

Ist es rech­tens, die Fel­der, die Kir­chen die­ser Sla­wen heim­zu­su­chen und ihnen mit dem Revol­ver in der Hand zu befeh­len, nicht mehr auf sla­wisch zu lie­ben, zu den­ken und zu beten?

Das Dra­ma eska­lier­te im Lau­fe der fol­gen­den Jahr­zehn­te und füll­te am Ende des zwei­ten Welt­kriegs auch die Karst­höh­len bei Tri­est mit Mas­sen­grä­bern von Ita­lie­nern, Deut­schen und Kroa­ten. Man kann alles in allem nicht sagen, daß der Natio­na­lis­mus sei­nen schlech­ten Ruf unver­dient erhal­ten habe.

Den­noch will ich mit einem Plä­doy­er von Nicolás Gómez Dávi­la schließen:

Reden wir nicht schlecht über den Nationalismus.

Ohne die natio­na­lis­ti­sche Viru­lenz wür­de über Euro­pa und die Welt schon ein tech­ni­sches, ratio­na­les, uni­for­mes Impe­ri­um herrschen.

Rech­nen wir dem Natio­na­lis­mus min­des­tens zwei Jahr­hun­der­te geis­ti­ger Spon­ta­ni­tät, frei­en Aus­drucks der Volks­see­le, rei­cher his­to­ri­scher Man­nig­fal­tig­keit zum Ver­dienst an.

Der Natio­na­lis­mus war die letz­te Ver­kramp­fung des Indi­vi­du­ums ange­sichts des grau­en Todes, der sei­ner harrt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (7)

Couperinist

21. August 2013 16:46

Gab es nicht eine politische Leit-Ideologie, die die eigentliche Verursacherin des Leids gewesen ist, das Sie oben beschreiben und die als Klammer neben dem Nationalismus auch den Sozialismus umfaßte ? (Etatismus)

Martin

21. August 2013 22:31

@Couperinist,

wenn wir den im bewegenden Artikel von M.L. bereits ausführlich erwähnten Joseph Roth mit seinem Werk Radetzkymarsch zu Wort kommen lassen, so ist die Wurzel des Übels der Verlust des Glaubens an Gott und einer sich in der Monarchie zeigenden göttlichen Ordnung - alles andere, Nationalismus, Sozialismus oder beides zusammen, sind nur Symptome und Folgen der Gottlosigkeit.

Die von M.L. genannte Figur Chojnicki im eben genannten Roman sagt u.a. Folgendes:

Aber sie zerfällt bei lebendigem Leibe (Anmerkung: Gemeint ist hier die K.u.K. Monarchie). ... Die Zeit will uns nicht mehr! Diese Zeit will sich erst selbständige Nationalstaaten schaffen! Man glaubt nicht mehr an Gott. Die neue Religion ist der Nationalismus. Die Völker gehen nicht mehr in die Kirchen. Sie gehen in nationale Vereine. Die Monarchie, unsere Monarchie, ist gegründet auf Frömmigkeit: Auf den Glauben, dass Gott die Habsburger erwählt hat, über soundso viel christliche Völker zu regieren. Unser Kaiser ist ein weltlicher Bruder des Papstes, es ist Seine K.u.K. Apostolische Majestät, keine andere wie er apostolisch, keine andere Majestät in Europa so abhängig von der Gnade Gottes und vom Glauben der Völker an die Gnade Gottes. Der deutsche Kaiser regiert, wenn Gott ihn verlässt, immer noch; eventuell von der Gnade der Nation. Der Kaiser von Österreich-Ungarn darf nicht von Gott verlassen werden. Nun aber hat ihn Gott verlassen! (Joseph Roth, Radetzkymarsch)

Ich glaube, der Verlust der einigenden "Klammer" des Christentums hat Europa mehr geschadet und schadet ihm bis heute mehr, als alle Religionskriege in den Jahrhunderten zuvor.

Ein Fremder aus Elea

21. August 2013 22:56

Es war weniger das deutsche Wesen, am dem die sich Weltleute Dünkenden hier zu genesen suchten, denn das österreichische, schwarzgelbe, kaiserliche, habsburgische, für das die deutsche Sprache ein verbindendes Glied zwischen einem Dutzend Nationen bedeutete und dem die deutsche Kultur ein Kleid sein mochte, in das gehüllt man Einlaß in den vornehmen Kreis der europäischen Völkerfamilie fand.

Iwo, davon hat viel überlebt, auch gerade bei den Tschechen. Wahrscheinlich fehlt Ihnen da die Distanz, um das objektiv zu beurteilen, Herr Lichtmesz.

Selbstverständlich ist Österreich-Ungarn ein wichtiges Vorbild für Vielvölkerstaaten, und während die dortigen Vermischungen aufgehoben wurden, wurden andernorts, in sozusagen ererbtem Geiste, neue eingeführt, Österreich-Ungarn weltweit.

Was bei diesem Ansatz aber übersehen wird, ist, daß Identität nicht ausschließlich Theater ist. Es ist ja nicht weiter schwer, den Leuten unterschiedliche Sprachen und Trachten und Bräuche zu geben und sie dazu zu bringen, im Umgang mit einander in bestimmte Rolle zu schlüpfen, um ihnen so zu suggerieren, daß sie in ihrer Identität geachtet werden, denn solche Motive standen ja damals und heute wieder im Mittelpunkt, nur daß man sich so um das Leben drückt.

Wer wollte sich heute schon auf so eine Rolle reduzieren? Sicher ist die Verwendung solcher Rollen eleganter als einen Einheitsbrei zu erzeugen - und auch sicherer, - aber was in beiden Fällen dahinter steht, nämlich die Hoffnung auf eine harmonisch zusammenwirkende Welt unter einer geeinten Führung ist eine Riesendummheit.

"Oftmals ist die Hälfte mehr als das Ganze." (Griechisches Sprichwort laut Platon)

Wer seine Freiheit für seine Sicherheit aufgibt, endet desillusioniert und motivationslos. Die menschliche Natur ist, wie sie ist. Man kann zwar tun, was man will, aber nicht wollen, was man will.

Und deshalb kommt jeder gemeinschaftsstiftende Gedanke an seine Grenzen.

Aber natürlich haben wir heute überhaupt keinen gemeinschaftstiftenden Gedanken mehr, das wird auch mit jedem Jahr deutlicher werden. Ein einziges "Als ob", welches sich nicht um seine Grundlagen kümmert. Schlimme Sache, kann wahrscheinlich auch nicht effektiv umgekehrt werden, Vertrauen und Anspruch sind weg, die Asozialisierung moderner Gesellschaften verläuft recht erfolgreich, die letzten Verbliebenen mit sozialen Ansprüchen scheren sich um einen Haufen Inkompetenz.

Ist schon teuflisch, entspringt aber in Millionen Quellen, dieser Fluß.

Rainer Gebhardt

21. August 2013 22:57

Sternchen zu verteilen ist eigentlich nicht mein Fach. Aber ich mache gern eine Ausnahme: Der Artikel ist exzellent! Und wie nebenbei zeigt Lichtmesz wieder mal, was Sezessionist zu sein bedeutet: Man muß den Seiltanz beherrschen. Was bei dem Thema ein Akt auf dem Hochseil ist. Die Art, wie Lichtmesz über die Abgründe hinwegtänzelt, ist bewundernswert. Da muß man seine Nerven im Griff haben. Und schwindelfrei muß auch man sein – in der doppelten Bedeutung des Wortes. Klingt jetzt wie ein Eloge, na ja...egal, ich wollte es einfach mal gesagt haben.

Gruß an den Autor!
RG

P.S. Wen es interessiert: Zum Thema Seiltanz siehe Nietzsche: Zarathustra (Zarathustras Vorrede, 6)

Couperinist

22. August 2013 13:42

@Martin

Ja, das Wegbrechen der christlichen Klammer als Ursache ist fast schon Allgemeinkonsens, jedenfalls unter Konservativen. Ich glaube dennoch, daß der Erste Weltkrieg mit seiner umfassenden Militarisierung der europäischen Gesellschaften den Staat zum allmächtigen Regulativ in allen Bereichen erhoben hat.
Der Krieg hat ja vielleicht auch eine ganze Generation vom zivilen Leben entfremdet. Etatistische Bewegungen fanden in solchen Dauermarschierern natürlich ihre Rekruten

Dieser neuartige Nationalismus unterschied sich doch von demjenigen, der schon um 1800 entstanden war, darin, daß er in historisch Gewachsenes eingreifen sollte, staatlich-autoritär. Wie der Bolschewismus die Wirtschaft, sollte der Staatsnationalismus mit der Brechstange die ethnokulturelle Zusammensetzung bearbeiten.

War der Nationalismus des 19. Jahrhunderts von der demokratischen, bürgerlich-liberalen Bewegung nicht zu trennen, so war derjenige des 20. ausdrücklicher Gegner dieser.
Wenn man bedenkt, daß Stalin ständig irgendwelche Völker hin- und herschob, dann verschwimmen auch umso mehr die angeblich so großen Unterschiede zwischen den Totalitarismen des letzten Jahrhunderts.

Rainer Gebhardt

22. August 2013 18:10

Ich war dreimal in Triest, zu kurz, um den „Geist“ der Stadt zu erfassen. Als Tourist geht das ohnehin nicht. Aber ein melancholisches Gefühl beschleicht einen da schon. Die Vergangenheit weht einen immerzu an, und was modern sein soll, ist,wie überall auf der Welt, oft potthäßlich. Ich sage nur Aquilinia Stramare (ziemlich weit draußen), oder die Wohnbauten an der Via Carlo Combi, das Panorama Giustinelli (eine Luxusappertementanlage!) Man spürt, daß sich Jüngers Motto aus dem Abenteurlichen Herzen - „Das alles gibt es also“ – auch in Triest nur noch im Perfekt konjugieren läßt: Das alles gab es also.

Ich weiß nicht, ob man sich in Triest heute noch wie zu Zeiten eines Scipio Slataper darüber streitet, was „die Triestinität“ nun eigentlich ist oder sein könne. Und wenn ja, sind das womöglich nur noch Sonntagsnachmittagsentimentalitäten und man hat sich auch dort längst mit den Notwendigkeiten des Marktes abgefunden. Der Lackmustest ist da immer die Peripherie einer Stadt, dort spürt man, ob ihr Zentrum auseinanderfliegt, ob es noch der lebensweltliche Magnet ist, um den alles kreist. Aber (und wenn vielleicht nur studienhalber) als Modellfall einer empirisch nachweisbaren Vielvölkerei (Gemeinschaft will da noch nicht mal sagen) gibt Triest was her.

Und ja, Triest war Multikulturalität. Nur war sie dort keine Ideologie, man hat sie nicht gepredigt und den Leuten aufs Auge gedrückt. Und wenn man sie dort leben konnte, dann ging das nur, weil man sich gegen Égalité und Fraternité sträubte. Claudio Magris hat einmal gesagt, Triest suche seinen Daseinsgrund in nicht eingeebneten Gegensätzen. So wird es sein. Ob sie aber als Beispiel der Heterogenität und Widersprüchlichkeit begriffen werden kann, weil sie (wie Magris seltsamerweise meint) „bar eines zentralen Fundaments und einheitlicher Werte“ gewesen sei, ist zweifelhaft. Da kommt dann wieder die politisch korrekte Vielfaltsblödheit und der zwanghafte Drang ins Allgemeinmenschliche durch.

Triest ist trotz oder besser: wegen seines Grenzcharakters immer Zentrum gewesen. Und das nomadisierende K.U.K..-Vielvölkertum strebte dort immer ins Zentrum. Dieser beinahe physische Druck schuf mit Triest einen Edelstein. Eingefaßt von der christlichen Frömmigkeit der K.u.K. Apostolischen Majestät, poliert von der Geschäftigkeit slawischer, romanischer, germanischer, jüdischer Ethnien. In diesem Topf brodelte wirklich alles: nationale und nationalistische Leidenschaften, österreichische Mentalität, serbisch-orthodoxe Sturheit, askenasische und sefardische Bräuche und was weiß ich. Ich habe keine Ahnung wie sich die Bevölkerung heute zusammensetzt und wie sie sich zusammenrauft.

Wen die osteuropäische Literatur interessiert, tangiert nolens volens irgendwann das literarische Phänomen Triest. Das ist wie ein Transitraum. Zuweilen blüht dort ein seltsam leerer und beinahe Klischee gewordener Kosmopolitismus; wobei die Topografie der Stadt verantwortlich zu sein scheint für eine vor allem in der Literatur zur Schau getragene „Vaterlandslosigkeit“, mit der man der Globalelite hofiert und sich gleichzeitig die Aufmerksamkeit einer Gesellschaft sichert, die selber schon nicht mehr weiß wo es hingeht mit ihr. Es ist ein Kosmopolitismus, der wenig kostet, keine Nerven, keine Anstrengungen. Kosmopolitismus als clevere Marketingstrategie.
Wenn auch die Durchschnitts-Triestiner für eher für Kosmopolitismus plädieren als für die „Italianita“, hat das einen anderen Grund. Es ist ein Kosmopolitismus Habsburger Provinienz. „Das erste, was Sie begreifen müssen“ legen einem alte Triestaner ans Herz, „ist, dass wir hier nicht in Italien sind.“ Das ist nicht so dahin gesagt, sondern Hingebung an – nein, nicht an die Globalisierung, sondern an die Kultur Habsburgs.
(@ M. Lichtmesz: Sie berichtigen mich, wenn ich mich da täusche.)

M.L.: Sie wissen es wahrscheinlich besser... hoffen wir mal, dass das so ist. Vielen Dank für diesen ausführlichen und sehr interessanten Kommentar!

Martin Lichtmesz

23. August 2013 17:51

Bella ciao, ciao, ciao, grazie a tutti.

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