26. August 2013

Bei Nele Nomans – 1. September 1700

Gastbeitrag

Gulliver im ZwergenlandEs ist ja vor einigen Monaten eine Satire erschienen, verfaßt von einem auch uns nicht bekannten Autor: er hat Swifts Gulliver fortgeschrieben, oder besser: auf die heutigen Verhältnisse in Deutschland übertragen. Weils gerade gut paßt, bringen wir Auszüge aus einem Kapitel, in dem Gulliver über den Universitätsbetrieb aufgeklärt wird. Bestellen kann man das Buch hier.

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Lilliput erstaunt mich immer wieder und verändert so langsam mein früher äußerst naives Bild. Zu den größten Überraschungen gehört dabei Frau Nele Nomans, Professorin honoris causa im Fach Staatslehre der Universität Salwa. Ich lernte sie bei einem Open Day der Hochschule kennen. Wir hatten gleich einen Draht zueinander. Ich mochte ihre zuweilen hochsarkastische Art, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Und so lud ich sie noch zu Kaffee und Kuchen in den Ausländerclub ein.

Als ich sie fragte, durch welche wissenschaftliche Leistung sie ihre Berufung verdient habe, kam es knapp und schnörkellos:

„Jede Uni braucht Geld. Da ist man eben auch mal auf mich verfallen und hat mich sozusagen eingekauft.“

„Ja, aber …“

„Heute zählt zwar immer noch eine ellenlange Publikationsliste, die meist nur belegt, wie wenig jemand wirklich forscht. Aber wichtiger sind andere Schlüsselqualifikationen, vor allem die Fähigkeit, Fremdmittel herbeizuschaffen.“

„Und das konnten Sie?“

„So dachte man wohl. Und nicht mal ganz falsch. Denn ich besitze ein viel gefragtes Meinungsforschungsinstitut. Da kommt schon was rein. Lilliputs Politiker sind schließlich im Dauerwahlstress und wollen fast stündlich wissen, wie das Volk tatsächlich denkt. Sie selbst erfahren es in ihrer Parallelgesellschaft ja kaum. Nebenbei gesagt: interessiert es sie auch nur insoweit, um zu entscheiden, welche Angelegenheiten man besser offensiv, welche defensiv verfolgt.“

„Was heißt das?“

„Na ja, über welche Projekte man allgemein und offen abstimmen kann – eventuell sogar durch das ganze Volk – und welche eher im Geheimen an der Bevölkerung vorbei entschieden werden müssen.“

„Ein Beispiel?“

„Diskutieren und entscheiden darf das Volk etwa über den Bau eines umstrittenen Verkehrsknotenpunkts wie jetzt in Sturro oder ob ein Fluss umgeleitet werden soll, um einen Hafen zu verbreitern. Da lässt man die Leute so lange rumtoben, bis sich nach Jahrzehnten die Dinge durch neue Umstände erledigt haben oder einfach niemand mehr von den Alten in der Regierung ist, den man für frühere Äußerungen verantwortlich machen kann.“

„Und wo darf es nicht mitreden?“

„Zum Beispiel, ob wir irgendwo in der Welt ein bisschen Krieg führen sollen. Oder ob die Leute Lust haben, Lilliput vollkommen im Transtasmanischen Bund aufgehen zu lassen und mit ihren Privatvermögen dafür zu haften. Ganz zu schweigen von der Frage, wer von den Zugewanderten auf Dauer hier bleiben darf und wer nicht. Das alles weiß die Lilliput-Elite viel besser, und ihre Problemlösungen sind offenbar durchweg weiser.

Ja, es gibt sogar Entscheidungen, da trauen sich selbst unsere Volksvertreter nicht mehr ran und delegieren sie deshalb, klammheimlich und für ihre Wähler kaum bemerkt, an übergeordnete transtasmanische Kommissionen, die kraft höherer Einsicht und unbezweifelbarer Objektivität stets das Wohl der ganzen Menschheit im Blick haben. Deren zunehmende Unfehlbarkeit wächst übrigens in dem Maße, wie sie sich von den konkreten Problemen vor Ort entfernen. Ein geradezu zauberhaftes Prinzip.“

„Sie zweifeln daran?“

„Keine Spur!“ lachte sie. „Sonst gelte ich noch als Dextristin.“

„Zugegeben. So ein Verdacht ist hier allzu schnellstens ausgesprochen. Aber müssen wir nicht ständig vor solchen Umtrieben wachsam sein. Das hierzulande Progressive steht schließlich auf dem Spiel.“

„Lieber Herr Gulliver, glauben Sie wirklich, dass die Welt untergeht, wenn eine bestimmte Clique mal etwas Dampf unter ihren Gesäßen spürt? Und wie praktisch ist so ein Schreckgespenst für alle Regierenden! Wir alle gutbürgerlichen Lilliputzwerge wissen doch eigentlich über die ständig Gescholtenen aus erster Hand gar nichts. Die reputierlichen Zeitungen boykottieren sie, und auch von den Gesinnungsschutz-Agenten erfuhr man bislang nicht gerade Substanzreiches. Sicher ist nur eins: Wären sie wirklich so gefährlich, schrieben unsere Journalisten freundlicher über sie. Was wir wissen, verbreiteten Vor-‚Denker’ für die Masse. Auf sie kommt es an, kam es immer an. Auf die Wenigen im Besitz von Publikationsmitteln wie etwa Freda mit „IMAGO“. Die erklären dann anderen die Welt, genauer: ihre Welt bzw. die Welt, von der sie möchten, dass wir sie so sehen. Und ganz Lilliput folgt wie eine Schafsherde.“

„Ist das nicht ein wenig übertrieben?“

„Schauen Sie sich die Story an, die ich gestern in der ‚Generale’ gelesen habe. Natürlich irgendwo auf Seite 17 oder so. Derartige Peinlichkeiten bringen es schließlich nicht auf die Titelseite. Da hat ein – wie sich nachträglich herausstellte – entlaufener Irrenhäusler und ehemaliger Pfarrer in einem Bergdorf des Nordens über Wochen die Schlagzeilen diktiert. Er sah Baumformationen und Plantagenkulturen in Form von gigistischen Ordensburgen angelegt und informierte die Öffentlichkeit. Dies führte zu Rodungen auf Tausenden von Hektar. Sie werden jetzt wieder mühsam aufgeforstet, nachdem bekannt wurde, dass der gute Ex-Priester seit seiner Jugend an einem notorischen Sehfehler litt. Tausende, die damals am Ort waren, müssten dies eigentlich besser gesehen haben, aber sagten nichts. Im Gegenteil: Man meldete sogar weitere angebliche ‚Gigax-Baumgruppen’. Inzwischen sind wenigstens die sofort verhafteten Förster und Plantagenbesitzer wieder frei. Und da frage ich Sie, wo bleibt Ihr mündiges Volk?“

„Nun, nun, ein Bergdorf im Norden …“

„Solche Bergdörfer gibt es überall, auch in Mildendo. Und ihre Bewohner sind nicht nur ‚niederes Volk’ oder Hinterwäldler. Intellektuelle oder andere Vertreter des gutsituierten Wahlpöbels machen da keine Ausnahme.“

„Oha!“

„Sehen Sie die Bergkette am Horizont mit den drei Gipfeln im Zentrum? Von links nach rechts: Mount Giant, Mount Zwergli und Teufelshorn. Welcher ist der höchste?“

„Mount Giant natürlich, Das sieht doch ein Blinder.“

„Vermutlich selbst der. Nur unsere Teilnehmer am Staatslehre-Seminar sahen es nicht. Ich habe mir ein etwas makabres Experiment erlaubt. Und es passierte natürlich, was ich vorausgesagt hatte.“

„Was denn?“

„Ich habe fünf Leithammel – Pardon, in meinen Vorlesungen spreche ich stets von Opinion leaders – vorher gebeten, lauthals eine falsche Ansicht zu verkünden und sie pseudokritisch zu begründen im Sinne von: In früheren Zeiten hätte man in Teutanistan das Gigantische favorisiert und unter demagogischem Einfluss einen Berg eben größer gesehen, als er wirklich ist. Heute durchschauten wir das natürlich sofort und wüssten daher genau, dass nur ‚Zwergli’ der höchste sein kann. Und siehe da, jetzt ‚erkannte’ es auch die Mehrheit des Kurses, und die Minderheit druckste herum oder enthielt sich der Stimme.“

„Das ist ja grässlich“, entfuhr es mir. „Gibt’s das nur in Lilliput oder auch anderswo?“

„Prinzipiell überall. Nur eben hier im Extrem. Man hat in den letzten hundert Jahren ein bisschen viel an den Leuten herumerzogen. Sie wissen eigentlich gar nicht mehr, wer sie sind und was sie wirklich wollen. Sie trauen sich auch nicht recht und flehen geradezu danach, dass es ihnen einer sagt. Als Gigax Erfolg hatte, wollten viele natürlich groß und stark sein. Freiheit, eine eigene Meinung waren da nicht so wichtig. Als Gigax fiel, kam die große Leere. Man begriff sich selbst nicht mehr und wechselte flugs die Seiten. Nicht einmal nur aus Opportunismus, sondern schlicht, um wieder ein wenig geführt zu werden. Also konnte man nun nicht klein genug sein, um es dem Weltgeist recht zu machen. Mal sehen, was nächstens kommt.“

„Ja, aber so kann man doch nicht leben …“

„O doch, man gewöhnt sich daran. Vor allem, so lange man vermeintlich Böse zum Jagen hat, falls sie nicht allzu stark sind. Aber ich wollte eigentlich nur sagen: Es kommt zu allen Zeiten weniger aufs Volk an als auf die, die ihm vorsagen, wie es denken soll und was ihm angeblich bekommt. Eine Priesterkaste also, metaphysisch oder säkular.“

„Ist Lilliput denn eine Theokratie, wie ich neulich Leute habe flüstern hören?“

Frau Nomans lachte hell auf:

„Nein, Herr Gulliver, dieses Fass machen wir heute gewiss nicht mehr auf. Sie scheinen mir ohnehin für den Tag hinlänglich schockiert. Auch hab ich bald Vorlesung. Dafür muss ich das eben Gesagte noch ein wenig akademisch verklausulieren, d.h. weithin unverständlich machen. Sonst gelte ich als nicht ausreichend seriös oder komme gar wegen ketzerischer Rede auf den Index. Also, bis nächstes Mal!“

Und fort war sie.

 


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