29. August 2013

Scherbenlese – eine destruktive Vorarbeit

Gastbeitrag / 36 Kommentare

Kleine-Hartlage-Einband_kleinAuch das neue Buch von Manfred Kleine-Hartage - Die liberale Gesellschaft und ihr Ende. Über den Selbstmord eines Systems - scheint sein Leser-Publikum gefunden zu haben: Seit Erscheinen des Buches (und das ist gerade einmal fünf Wochen her) haben wir 1500 Exemplare verkauft, ein Ende ist nicht abzusehen (die Auflage steigern kann man hier). Wir veröffentlichen nun auch im Netz "EmKaHas" Einführung in sein Thema, die er für die 55. Sezession veröffentlichte.

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  • Sezession
Es fällt schwer, sich im eigenen Land nicht fremd zu fühlen, und paradoxerweise fühlt man sich um so fremder, je mehr man sich mit diesem Land, seinem Volk, seiner Kultur und Geschichte identifiziert. Das Gefühl von Fremdheit hat zwar auch mit der massenhaften Anwesenheit von Fremden zu tun – vor allem aber damit, daß man an der Masse der Deutschen vorbeiredet, wenn man eine Position rechts von dieser Masse vertritt.

Unsere Mitbürger verstehen uns um so weniger, je gebildeter sie sind. Dies ist frappierend, denn normalerweise beinhaltet Bildung die Fähigkeit, auch solche Meinungen zu verstehen, die man selbst nicht teilt. Eine Verständigung zwischen einem Rechten und einem Linken oder auch nur Liberalen ist schwieriger zu erzielen als zwischen einem Eskimo und einem Buschmann: Letztere wissen wenigstens, daß sie unterschiedliche Sprachen sprechen. Deutsche unterschiedlicher politischer Richtungen benutzen dieselben Wörter, meinen aber jeweils etwas völlig anderes damit.

Rechte verstehen Worte wie »Vielfalt« oder »demographischer Wandel« bestenfalls als Euphemismen, schlimmstenfalls als Drohungen. Umgekehrt wirken die ihnen entsprechenden rechten Vokabeln, »Überfremdung« und »Volkstod«, auf einen Liberalen mindestens befremdlich und verdächtig. Die Rechte kann sich nicht verständlich machen, weil innerhalb der meinungsbildenden Eliten westlicher Gesellschaften über politische und gesellschaftliche Fragen praktisch nur noch in Begriffen gesprochen wird, die aus liberaler und sozialistischer Tradition stammen. Die Verdrängung der Rechten aus diesen Eliten vollzog sich in einem jahrzehntelangen, schleichenden Prozeß, bei dem gezielte Personalpolitik eine ebenso große Rolle spielte wie die Tatsache, daß der Sieg einer liberalen und einer kommunistischen Macht im Zweiten Weltkrieg politische Fakten geschaffen hatte, deren normative Kraft tief in die Gesellschaft hineinreichte, im Westen übrigens mehr als im Osten.

Durch den Wegfall des konservativen Gegengewichts zu liberaler und sozialistischer Ideologie verdichteten sich deren gemeinsame Grundannahmen, das heißt das aufklärerische Paradigma, zu einer Metaideologie, die bestimmt, was überhaupt als ideologisch akzeptabel gilt. Die Leitgedanken dieses Paradigmas sind zu Selbstverständlichkeiten geworden: Den meisten Menschen, sogar solchen, die sich als »Konservative« verstehen, ist nicht bewußt, daß ihr politisches Denken auf Prämissen basiert, die ideologische Konstrukte darstellen und nicht nur hinterfragbar, sondern auch buchstäblich frag-würdig sind.

Zu diesen unbewußten Prämissen, ohne die die vorherrschenden linken und liberalen Ideen in der Luft hängen würden, gehören die miteinander zusammenhängenden Vorstellungen:

  • Gesellschaft sei von Menschen gemacht und daher willkürlich veränderbar,
  • voraufklärerische Wertorientierungen seien gegenüber rational abgeleiteten minderwertig,
  • demgemäß sei der gesunde Menschenverstand, in dem sich die evolutionär bewährten Lösungen des grundlegenden Bestandsproblems von Gesellschaft verdichten, ideologisch fundierten Gesellschaftskonzeptionen a priori unterlegen, weswegen er auch die Domäne des »Stammtischs« sei,
  • gesellschaftliche Strukturen seien repressiv und daher zu verwerfen, sofern sie nicht ein Maximum an individuellem und kollektivem Gestaltungsspielraum gewährten (also praktisch immer, sofern es sich überhaupt um Strukturen handelt),
  • eine Natur des Menschen, die der Verwirklichung emanzipatorischer Ideale entgegenstünde, existiere nicht,
  • Fortschritt bestehe in der Befreiung von vorgefundenen Bindungen,
  • die Geschichte kenne mithin ein Ziel, mindestens aber eine Richtung – womit durch die Hintertür eben doch wieder eine »Natur« des Menschen postuliert wird, nämlich eine utopiekompatible –,
  • wer diese Natur nicht habe und an traditionellen Wertorientierungen festhalte, sei daher pervers,
  • wer gegen den »Fortschritt« sei, sei dies nicht aus Einsicht in bestimmte objektive Zusammenhänge, sondern aus dem bösen Willen, den »Fortschritt« zu behindern,
  • die Alternative zum jeweiligen Stand der Zivilisation sei nicht der Rückfall in die Barbarei, sondern der Fortschritt zum Paradies,
  • und unwahr sei nicht, was der empirischen Wirklichkeit, sondern was diesen Axiomen widerspreche, deren »Wahrheit« sich durch die Verwirklichung einer auf ihnen beruhenden Gesellschaft erweisen werde.

Eine solche Ideologie negiert von vornherein den Wert vorgefundener, also nicht bewußt erfundener und rational konzipierter Orientierungen, insbesondere die Bindungen an Familie, Volk, Tradition, Religion und überlieferte Autorität. Politisches Denken auf solcher Grundlage kann gar nicht anders, als ein Programm der Destruktion hervorzubringen, dem nach und nach die elementaren Grundlagen der Gesellschaft zum Opfer fallen. Zwar zitieren auch liberale Autoren bisweilen noch das Böcken­förde-Diktum, wonach der liberale Staat von Voraussetzungen lebe, die er selbst nicht garantieren könne, aber sie durchschauen seine Tragweite nicht. Insbesondere ist ihnen meist nicht klar, daß die Zerstörung von Bindungen gleichbedeutend ist mit der Zerstörung der Voraussetzungen der Freiheit, und daß die Zersplitterung, die Atomisierung der Gesellschaft Probleme erzeugt, die dann zunehmend nur mit repressiven, am Ende totalitären, in jedem Falle aber illiberalen Mitteln unter Kontrolle gehalten werden können.

Die aufklärerische Idee, wonach die Geschichte eine Richtung kenne, hat insofern und aus denselben Gründen einen wahren Kern, als auch die physikalische Welt eine immanente Richtung kennt, nämlich die Richtung zunehmender Entropie, das heißt zunehmender Strukturlosigkeit. In demselben Sinne, wie physikalische Systeme auf die Dauer nur durch Energiezufuhr von außen stabil gehalten werden können, fordern die durch Aufklärung in Gang gesetzten sozialen Zersetzungsprozesse autoritäre »Lösungen« heraus, bei denen die schwindende Eigenstabilität des Systems durch gewaltsame Stabilisierung von außen und oben ersetzt wird. Nicht die Freiheit als solche, wohl aber eine aus ideologischen Gründen immer weiter getriebene Liberalisierung ebnet den Weg zur Knechtschaft.

Die Kernannahmen dieser Metaideologie werden kaum jemals als solche explizit propagiert. Die meinungsbildenden Eliten streuen sie ins Volk, indem sie bis weit in die Populärkultur hinein jede erdenkliche politische und gesellschaftliche Frage unter Gesichtspunkten behandeln, die die Gültigkeit dieser Annahmen implizit voraussetzen. Dadurch, daß sie nicht thematisiert werden, sondern als Voraussetzungen gelten, werden sie zu Selbstverständlichkeiten. Der herrschende Diskurs entwickelt aus diesen falschen Prämissen ein immer engmaschigeres Netz von falschen, einander aber zirkulär bestätigenden Wirklichkeitsbeschreibungen, und die Gesellschaft, die sich in diesem Netz aus irrealen Annahmen verfängt, verliert dadurch zunehmend ihre Fähigkeit, Probleme zu lösen.

Der politischen Rechten, die einen Gegendiskurs zu etablieren sucht, fehlt aufgrund ihrer sozialen und politischen Marginalisierung der kulturelle Resonanzboden, der ihren Themen Plausibilität und Respektabilität verleihen würde. Sie macht es sich aber auch selbst schwer, indem sie sich in traditionellen, meist mehr oder weniger religiös fundierten Begriffen artikuliert, die sie selbst für unmittelbar einleuchtend und daher nicht weiter begründungsbedürftig hält. Eine darauf aufbauende Argumentationsstrategie verfängt zwar dort, wo immer noch der gesunde Menschenverstand herrscht, das heißt in den Teilen der Gesellschaft, in denen das gleichsam instinktive Wissen um die Grundlagen der politischen Ordnung und der Gesellschaft noch intakt ist. Dies sind aber gerade nicht die Eliten.

Gegenüber diesen Eliten, denen solche Begriffe eben nicht mehr einleuchten, ist die traditionelle Sprache der Rechten unangemessen. Die Kommunikationsstörung ist programmiert. Der etablierte »Konservatismus«, namentlich der Unionsparteien, sucht in dieser Situation sein Heil darin, einen Gegendiskurs gar nicht mehr zu versuchen und Kritik an linker und liberaler Ideologie überhaupt nicht mehr als grundsätzliche, sondern bloß noch als relativierende Kritik zu üben, die darauf abzielt, das Zerstörungswerk der Linken zwar zu bremsen, aber nicht mehr zu verhindern.

Andere Teile des konservativen bis rechten Spektrums bevorzugen den Rückzug ins juste milieu der Rechtgläubigen und Gleichgesinnten, in die Wagenburg der gemeinsamen Trotzhaltung, ins Kartell des gegenseitigen Schulterklopfens, und ergehen sich dort entweder im Gejammer von Verlierern oder in illusionärem Autismus, bis die Zeit endgültig über sie hinweggeht.

Wenn aber die Diagnose richtig ist, daß unsere Kommunikationsprobleme vor allem darin ihre Ursache haben, daß weite Teile der Gesellschaft eine falsche Ideologie als Selbstverständlichkeit verinnerlicht haben; wenn wir ferner bedenken, daß der Gegensatz zwischen dieser Ideologie und der Wirklichkeit für jedermann wahrnehmbar ist, daß die herrschenden Eliten deswegen immer mehr zur Repression greifen müssen, und daß sich darin ihre Achillesferse offenbart – dann ist die Schlußfolgerung unabweisbar, daß ein rechter Gegendiskurs polemisch gegen diese falsche Ideologie, ihre Implikationen und die sie vertretenden politischen Kräfte geführt werden muß.

Es genügt nicht, auf den eigenen ewigen Wahrheiten zu beharren und der Gegenseite die Unfairneß ihrer Methoden vorzuwerfen. Es genügt auch nicht, ihre aus der Utopie abgeleiteten Wahrheitsansprüche einfach (also letztlich durch Ignorieren) zu negieren, man muß sie dialektisch negieren: Man muß die feindliche Ideologie kompromißlos und bis in ihre Fundamente hinein kritisieren, indem man zeigt, daß und warum die herrschende Metaideologie, sofern die Gesellschaft sich von ihr leiten läßt, mit Notwendigkeit nicht etwa eine bloß unvollkommene Version der von ihr postulierten Ziele verwirklicht, sondern deren Gegenteil. Erst auf der Basis dieser notwendig destruktiven Vorarbeit (bei der man allerdings die sichtbare Realität zum Verbündeten hat) können die eigenen Themen und Begriffe wieder Plausibilität gewinnen. Gerade für den, der sich strategisch in der Defensive befindet, gilt das Prinzip, daß Angriff die beste Verteidigung ist.

An dieser Stelle sei nicht unterschlagen, daß eine solche Strategie der Rechten in ein Dilemma führt: Die Bindung an Gott, das Volk, das Vaterland, überhaupt an traditionelle Werte verliert an normativer Kraft in dem Maße, wie sie nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als Ergebnis der Kritik an einem Gegenentwurf, als Kritik der Kritik, als Aufklärung über die Folgen der Aufklärung bejaht wird. Was aufgrund eines Arguments bejaht wird, kann potentiell immer auch verneint werden, während das Selbstverständliche gar nicht erst bejaht werden muß. Kritik ist dialektische Negation, das heißt, sie enthält in sich auch das Negierte.

Die »Wagenburg-Konservativen« haben insofern instinktiv einen wichtigen Gesichtspunkt erfaßt: Eine Gesellschaft, die auf der Basis rechter Kritik an aufklärerischer Ideologie rekonstituiert wird, gleicht einem aus Scherben wieder zusammengeklebten Tongefäß, das naturgemäß nicht dieselbe Stabilität wie das unversehrte Original haben kann. Daß man eine zerbrochene Gesellschaft genausowenig in den Zustand der Unversehrtheit zurückversetzen kann wie eine zerbrochene Vase, ist freilich kein Argument, sie nicht wenigstens wieder zusammenzukleben.

(Manfred Kleine-Hartlage: Die liberale Gesellschaft und ihr Ende, Verlag Antaios, Schnellroda 2013, hier erwerben)

 


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Kommentare (36)

Kai Hammermeister
29. August 2013 22:40

"Falsche Ideologie", "herrschende Eliten", "dialektisch negieren", "herrschende Metaideologie", "normative Kraft"...Herr Kleine-Hartlage, ist nicht vielleicht dieses Soziologendeutsch bereits ein Eingeständnis, daß der Rechten mittlerweile eine eigene Sprache völlig abhanden gekommen ist, um ihre Anliegen auszudrücken?

Vielleicht sollte man sich weniger mit der (trügerischen) Widerlegung linker Positionen aufhalten und stattdessen einem kreativen Impuls nachspüren, der genuin Eigenes und stolz aus der Tradition Gerettetes an die Stelle dieses unschönen Jargons und der darin abgehandelten Probleme setzen kann.

[Als ich die folgenden Zeilen schrieb, dachte ich just an Leute, die so argumentieren wie Sie:

Andere Teile des konservativen bis rechten Spektrums bevorzugen den Rückzug ins juste milieu der Rechtgläubigen und Gleichgesinnten, in die Wagenburg der gemeinsamen Trotzhaltung, ins Kartell des gegenseitigen Schulterklopfens, und ergehen sich dort entweder im Gejammer von Verlierern oder in illusionärem Autismus, bis die Zeit endgültig über sie hinweggeht.

MKH]

JensN.
29. August 2013 23:29

Herr Kleine- Hartlage sprach von Gebildeten, die uns in der Regel noch schlechter verstehen, als eventuell einfacher gestrickte Menschen. Nun, ich würde diese Mitbürger nicht unbedingt als "gebildet" bezeichnen, sondern eher als intellektuell verzogen. Denn ihr ganzes Wissen, ihre gesamte Bildung basieren auf Einseitigkeit und krankhaftem Selbsthass. Jemand mit einer formal hohen schulischen Bildung kann trotzdem wirklichkeitsfremd sein. Gerade unter den heutigen Besserverdienern finden sich z.B. prozentual viele Grünen- Wähler wieder, die - fernab der Wirklichkeit - von einem multikulturellen Utopia träumen und uns Nationale (oder von mir aus Rechte) als Bestie in Menschengestalt sehen, ohne Mitgefühl und frei von menschlichen Regungen. Gerade diese vermeintlich Gebildeten bewegen sich in einem gesellschaftlichen Umfeld, wo es im wahrsten Sinne des Wortes noch gutbürgerlich zu geht. Schicke Wohngegend, Kinder auf Privatschulen, sämtliche Wege werden mit dem Auto erledigt, also keine nächtlichen Bahnfahrten und als Nachbarn höchstens mal der griechische Allgemeinmediziner und keine siebenköpfige Kurdenfamilie. Und weil es "uns" ja so gut geht, haben wir die moralische Pflicht zu teilen. In Wahrheit aber meinen sie sich selbst und denken anderen gehe es eben so gut. Das, in Verbindung mit dem bereits angesprochenen anerzogenen Selbsthass, ergibt dieses ekelhafte Gebräu an moralinsauren Weltverbesserungswünschen.

Abgesehen davon wurde von unseren marxistischen Menscheitsfreunden der Frankfurter Schule eben ganze Arbeit geleistet. Die Irrlehre, die dort verbreitet wurde, gehörte mit zum wichtigsten Mittel der Umerziehung (das es die gibt sind wir uns ja hoffentlich einig). Die wichtigsten Personen der Franfurter Schule waren:

Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Leo Löwenthal, Herbert Marcuse, Ernst Bloch, Erich Fromm, Walter Benjamin und Friedrich Pollock.

Wer sich die Mühe macht und sich den "Hintergrund" dieser Personen anschaut, wird auf Anhieb eine Gemeinsamkeit feststellen. Aber das überlasse ich natürlich jedem selbst, dies herauszufinden.

Luise Werner
30. August 2013 07:34

Sehr geehrter Herr Kleine-Hartlage,
Ihr neues Buch habe ich als hervorragende Zusammenfassung dessen gelesen, was ich schon immer diffus dachte und fühlte. Schon als Jugendliche (in der DDR unter derer Propanda) war mir die Ordnung immer als der herbeigeführte Zustand, die Unordnung stets als der Normalfall vorgekommen. Der Frieden war eine zivilisatorische Leistung, nicht die Entsprechung der menschlichen Natur; ebenso wie die Akzeptanz des Anderen, des anders Aussehenden immer eine Überwindung war und nicht die Selbstverständlichkeit.
So gesehen habe ich Ihr Buch mit Freude gelesen. Hier oder da hätte ich gern mit Ihnen diskutiert, am meisten dort, wo sie die Aufklärung aufs Korn nehmen und über die Segnungen eines voraufgeklärten Zustands schreiben. Ja, auch da würde wohl die menschliche Natur überfordert werden; der Aufklärung fähig, sie aber bewusst unterlassend.
Was fehlt, was fehlen muss, ist das Aufzeigen einer Alternative. Dies wird die Aufgabe der Zukunft.
Ich will nicht vom "Zu-Ende-Denken" reden, aber nach langem Nachdenken fällt mir keine allzu erstrebenswerte Alternative zu Rechtsstaat, Säkularität und Demokratie ein. Es sind Formen der Ordnung, mit denen wir Mitteleuropäer umzugehen verstehen und deren Unvollkommenheiten wir beachten können; WIR können dies trotz Böckenförde-Diktum.
So platt es klingen mag, aber so gesehen kommt die Gefährdung vor allem mit der Einwanderung. Die Einwanderung aus anderen Kulturen muss das zentrale Thema der Rechten bleiben, so unbequem das sein mag. Homo-Ehe, Genderwahn etc. kann man auch alles thematisieren, aber die Einwanderungspolitik muss das äußerste Schwergewicht sein.

Ein Fremder aus Elea
30. August 2013 08:59

- Gesellschaft sei von Menschen gemacht und daher willkürlich veränderbar

In dieser Radikalität ist das wahrscheinlich nicht Konsens.

- voraufklärerische Wertorientierungen seien gegenüber rational abgeleiteten minderwertig

Es wäre höchst merkwürdig, wenn das auch nur einer glauben würde, schließlich hat man die voraufklärerischen Institutionen und internationalen Steuerungsmechanismen recht getreu kopiert (Medien als Priester, Universitäten zur Gleichschaltung, außernationale Finanzmacht zum Zwecke wirtschaftlicher Sanktion, Vereinte Nationen statt Konklave usw.) und also hält man die voraufklärerische Zeit ganz offensichtlich nicht für irrational.

- demgemäß sei der gesunde Menschenverstand, in dem sich die evolutionär bewährten Lösungen des grundlegenden Bestandsproblems von Gesellschaft verdichten, ideologisch fundierten Gesellschaftskonzeptionen a priori unterlegen, weswegen er auch die Domäne des »Stammtischs« sei

Wiederum, ich glaube, die meisten Leute halten Sprichwörter sehr wohl für wahr: "Wie's in den Wald hineinschallt, so schallt's auch wieder hinaus", "Was ich selber denk und tu, das trau ich auch den andern zu", "Kleinvieh macht auch Mist", "Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte", "Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil", "Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste", "Steter Tropfen höhlt den Stein"...

...hoppla! Letzteres ist sogar das politische Programm einer gewissen "Fabian Society".

- gesellschaftliche Strukturen seien repressiv und daher zu verwerfen, sofern sie nicht ein Maximum an individuellem und kollektivem Gestaltungsspielraum gewährten (also praktisch immer, sofern es sich überhaupt um Strukturen handelt)

Naja, das ist die Funktion von Strukturen, daß sie Handlungsfähigkeit schaffen, also wird gegen diesen Punkt wohl kaum einer was einwenden können. Ich meine, wozu gibt es Generäle, Oberste, Hauptmänner, Leutnants, Feldwebel und Gruppenführer? Doch nur, um einen kollektiven Gestaltungsspielraum zu schaffen...

- eine Natur des Menschen, die der Verwirklichung emanzipatorischer Ideale entgegenstünde, existiere nicht

Hmm, ja das ist wohl das Herz des Wahnsinns.

- Fortschritt bestehe in der Befreiung von vorgefundenen Bindungen

In sofern Fortschritt Bewegung ist, muß er das auch... Die Frage wäre, was an ihre Stelle tritt.

- die Geschichte kenne mithin ein Ziel, mindestens aber eine Richtung – womit durch die Hintertür eben doch wieder eine »Natur« des Menschen postuliert wird, nämlich eine utopiekompatible –

Sicher, die Offenbarung des Johannes. Das ist keine neue Sache, sondern die Fortführung des universitären Gedankens... uni = eins, versus = gerichtet... universal = gleichgerichtet, uniform = Gleichform, Universitätsuniform = Gleichrichtungsgleichform.

- wer diese Natur nicht habe und an traditionellen Wertorientierungen festhalte, sei daher pervers

Oder ein schlechter Christ... diesbezüglich auch nichts neues.

- wer gegen den »Fortschritt« sei, sei dies nicht aus Einsicht in bestimmte objektive Zusammenhänge, sondern aus dem bösen Willen, den »Fortschritt« zu behindern

Ja, das universale Programm ist ethisch aufgeladen... und war es immer.

- die Alternative zum jeweiligen Stand der Zivilisation sei nicht der Rückfall in die Barbarei, sondern der Fortschritt zum Paradies

Nein, kaum einer glaubt wohl, daß das die einzige Alternative ist.

- und unwahr sei nicht, was der empirischen Wirklichkeit, sondern was diesen Axiomen widerspreche, deren »Wahrheit« sich durch die Verwirklichung einer auf ihnen beruhenden Gesellschaft erweisen werde.

Nun ja, das ist wahrscheinlich eine Definition von dogmatisch und die Begründung dafür, warum Galileo widerrufen mußte...

Rumpelstilchen
30. August 2013 09:35

Die infinitesimale Beschreibung unserer zerfallenden liberalen Gesellschaft.
Wow. Besser geht kaum.
Die Folge: eine große Sprachlosigkeit und Sprachverwirrung.
Scheinbarer Verlust der Identität.
Nur das Bild vom zusammengeklebten Tongefäß gefällt mit nicht, das wäre ja nur eine Restauration.

Besser gefällt mir das Bild vom Kaleidoskop.
Der Zerfall eines bunten Bildes ist kein Desaster, sondern birgt die Verheißung eines neuen, schöneren Mosaiks. Welches aus denselben Glasteilchen besteht.
Im Moment zerfällt ein altes Mosaik, aber es ist keine Destruktion, sondern ein natürlicher Prozeß. Wir meinen nur, wir dekonstruieren.
Aber es ist viel besser. Das alte Bild gefällt nun wirklich keinem mehr.
Es darf gerüttelt werden.

identitär (rüttel, rüttel) wird zur Identität ( neues Mosaik, wow)

Geistesgeschichtliche Erkenntnis:
Es gibt keine nichtideologische Linke, links ist immer eine Ideologie, eine konstruierte Scheinwelt, eine Ersatzreligion.
Daraus folgt eine zweite Aufklärung. Die rechte Aufklärung.
Es gibt zwar auch eine ideologische Rechte, aber:
Vor allem: Es gibt eine nichtideologische Rechte.
Deren Zeit ist gekommen.

Bundschuh
30. August 2013 10:45

Man sollte sich nicht auf die Interpretation der Aufklärung durch Linke verlassen!!! Wer sagt denn, das Aufklärung links ist? Hier werden nur die Folgen des heute (Schlechtigkeit) gesehen und der Aufklärung (das Grundübel) zugeschrieben. So einfach geht das aber nicht.
1. Ist denn sicher, dass alles besser wäre, nur weil es keinen Buchdruck gäbe und die Messe noch auf Latein gelesen würde, während kaum einer von uns etwas davon verstünden?
2. Die meisten Aufklärer waren keineswegs nach heutigem Verständnis links-liberal, mir fehlt insoweit eine Auswertung der Primärquellen. Die Aufklärung ist nicht mit Lessings Nathan der Weise gleichzusetzen. Ebensogut könnte man die heutige Linke in 100 Jahren mit Thilo Sarazzin identifizieren. Einzelne im eigenen Lager strittige Personen machen noch nicht das Wesen einer Strömung aus: Kant mit seinem Eintreten für die Todesstrafe; Voltaire ein überzeugter Antiislamist und Monarchist; Benjamin Franklin als Rassist. Ich interpretiere Euch die Aufklärung in ein paar Stunden Arbeit an die rechte Stelle, dort wo sie herkommt.

Aufklärung ist eine Art zu Denken, die mir selbst die Macht zubilligt mich meines eigenen Verstandes zu bedienen. Im Ansatz ist das eine naturwissenschaftliche Denkweise, die für Geisteswissenschaftler nicht immer einfach nachvollziehbar ist. Hinter die Aufklärung in diesem Sinne gibt es aber kein zurück mehr, für die, welche Verstand haben - ansonsten dürfte man auch nicht im Internet sitzen und eben jetzt gerade solches tun.

Heinrich Brück
30. August 2013 15:27

Das konservative Minimum sitzt im Bibliothekszimmer, Madame
Cordhose liegt im Schlafzimmer, und der Michel muß sich
entscheiden. Nur der linke HAL würde fragen: Was soll das
bedeuten?
Eine Ideologie ist nicht nur schlecht, denn sie ist nicht
reformierbar (Gorbatschow hat es lustigerweise mit dem
Kommunismus versucht, hat nicht funktioniert). Also entweder
mit der Ideologie draufgehen, oder neu beginnen (womit nicht
jeder einverstanden sein kann).
Eine Sache verstehe ich nicht so ganz, warum diese Probleme
der Linken mit den Rechten, denn netter als die Rechten kann
man doch gar nicht sein. Die Linken sollten die Sezession
abonnieren.
Alle anderen Gedanken zu diesem BRD-System, in dem Kinder
in der Schule mit Sex traktiert werden, auch ins Krankenhaus
gebracht werden müssen, oder zurück in die Klasse gezerrt
werden, die Eltern im Gefängnis landen wenn sie dieselbigen
schützen wollen, sind möglicherweise justiziabel.
Das Buch von Kleine-Hartlage ist superb. Schickt es an die
deutschen Kardinäle, am besten mit einer
Widmung. Und wo sind die Identitären jetzt mit ihren
Clownerien, jedenfalls könnten sie es Merkel und Co. an den
Kopf werfen, sollte eine friedliche Übergabe nicht möglich
sein, oder darf jetzt nicht provoziert werden, schließlich
haben wir Wahlkampf?
Die Geduld verträgt wohl keine Werbung...

Christoph Nahr
30. August 2013 18:35

Bundschuh spricht einen wichtigen Punkt an. Das Verhältnis der Sezessions-Rechten zu Naturwissenschaft und Technik ist in der Tat stark klärungsbedürftig, insbesondere wenn man wie etliche Autoren und Kommentatoren hier das Christentum als selbstverständlich ansieht.

In Amerika, wo konservative Christen recht stark präsent sind, streicht man Evolution aus Schulbüchern, wie auch in frommen islamischen Ländern. Medizinische Embryonalforschung wird behindert, und extremere Christen verweigern Schutzimpfungen. Hier im deutschen Rechtsnetz sehe ich gelegentlich Dörfler-Utopien, die da genau dazupassen und sich wohl als theokratisches technikfeindliches Neumittelalter beschreiben lassen.

Wenn man annimmt, daß Aufklärung und Liberalismus in letzter Konsequenz böse sind, naiver Bibelglaube hingegen gut, dann ist es in der Tat nicht leicht zu sehen, wie man diese Konsequenz vermeiden will. Oder will man es gar nicht? Will man sich wie die Öko- und Genderlinken vielleicht nur selektiv einiger Wissenschaftsergebnisse bedienen, die einem in den Kram passen, und den Rest abschaffen? Für diejenigen, die sich weiterhin ihres eigenen Verstandes frei bedienen wollen, ist das keine akzeptable Zielsetzung.

Shuca
30. August 2013 21:47

"- Fortschritt bestehe in der Befreiung von vorgefundenen Bindungen"
Ich übersetze es. Die Zerschlagung aller Gebote Gottes. Ihr werdet Kröten auf Händen über die Straße tragen und ungeborenene Kinder bis kurz vorm Kreissal abtreiben.
Stimmts oder stimmt es nicht?
Per Mariam ad Christum.

Theosebeios
30. August 2013 22:48

Ein schöner Appetithappen ist diese Scherbenlese. Macht auf das ganze Werk neugierig, wenngleich ich zunächst durch den Titel abgeschreckt wurde. Prognosen auf ein "Ende" (also richtig 'aus und vorbei') müssen mit vielen Unterstellungen arbeiten, die wir mit der "sichtbaren Realität", die in der Tat unser "Verbündeter" sein sollte, nicht hinreichend stützen können. (Meist ungewollte) "soziale Zersetzungsprozesse", die "autoritäre Lösungen" fördern, ja. Ob diese aber zu einem "Ende" nach unserem Verständnis führen oder die "liberale Gesellschaft" mit hässlichen eingebrannten Flecken sehr lange fortexistieren wird, wissen wir letztlich nicht, weil uns die Zukunft auf absehbare Zeit leider verschlossen bleibt.

Es gefällt mir, dass MKH den "rechten Gegendiskurs polemisch gegen diese falsche Ideologie" führen und sie "bis in ihre Fundamente hinein kritisieren" will. Der Einwand von HAMMERMEISTER verunsichert mich: "die trügerische Widerlegung linker Positionen ..." Ein Alptraum kehrt wieder. Da stehst du und hast die "linken Positionen" widerlegt. Aber es interessiert keinen. Man ignoriert das einfach. In eine Fachzeitschrift bekommst du deinen Beitrag nicht. Dann machst du's auf ganz subtile Weise, aber das versteht keiner. Sarkasmus ggü den "zirkulär bestätigenden Wirklichkeitsbeschreibungen" findet man befremdlich. ("Whose side are you on, hä?" [Beinahe-Zitat eines bekannten Soziologen])
Draußen 'in der Welt' wirst du (als zunächst Unverdächtiger) ein paar Mal gehört, dann folgt rasch das erste Kopfschütteln, dann naht bereits die Hexe Stigmatisierung mit großen Schritten. (Auch so ein Jargonausdruck, HAMMERMEISTER! Und ein schreiender Widerspruch in der Verwendung. Im Kampf gegen rechtes Denken wird heftig stigmatisiert, während Stigmatisierung eigentlich 'grundsätzlich' schlecht ist. Warum haben sich viele Soziologen vom Labeling-Ansatz entfernt? Weil sie ihn nicht auf "die Rechten" anwenden lassen wollen. Und damit prahlt auch noch einer!)

Verscheuchen wir den Alptraum. MKH hat recht. Eröffnen wir den rechten Gegendiskurs. Fressen wir uns kompromisslos durch die Berge der feindlichen Ideologie. (Berge ... Heißt nicht so ein Lovecraft-Titel ...? Berge des Wahnsinns? Schon deswegen muss der Gottesglaube zurückkehren.)

Joseph von Sternberg
30. August 2013 22:56

@ Christoph Nahr:

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, daß man in Deutschland wie in den frommen transatlantischen Ländern die Evolution bereits aus den Sozialwissenschaften gestrichen hat?

Thomas Wagner
30. August 2013 23:28

"Den meisten Menschen, sogar solchen, die sich als Konservative verstehen, ist nicht bewusst, dass ihr politisches Denken auf Praemissen basiert, die ideologische Konstrukte darstellen...."

"Die meinungsbildenden Eliten streuen sie ins Volk, indem sie bis weit in die Populaerkultur hinein jede erdenkliche politische und gesellschaftliche Frage unter den Gesichtspunkten behandeln, die die Gueltigkeit dieser Annahmen implizit voraussetzen".

Hervorragend analysiert! Das ist der Stoff aus dem totale, geradezu unheimliche Macht konstruiert wird. Die Menschen werden in einer Art geistigen Sklaverei gehalten, d.h. ihnen wird die Faehigkeit genommen sich ihres Geistes unabhaengig von den ideologischen Praemissen des herrschenden Systems zu bedienen. Da dies, wie Manfred Kleine-Hartlage ausfuehrt, auch noch weitgehend unbewusst ablaeuft, kommen erst gar keine konkurrierenden kritischen Gedanken auf, was wiederum die Herrschaft der vorgegebenen Denkschablonen noch wirkungsmaechtiger gestaltet.
Ein solchermassen in die Koepfe und Seelen der Menschen eingesickertes System aktiv durch eine Gegenideologie erfolgreich zu bekaempfen, ist meiner Meinung nach nicht moeglich. Es muss zuvor an seinen eigenen Widerspruechen und dem Wegfall seiner materiellen Basis zugrunde gehen, also wie im eingangs erwaehnten Buchtitel, "Selbstmord" begehen.

Simon Kollöffel
30. August 2013 23:28

Sehr geehrter Herr Kleine-Hartlage,

vorab ein Wort des Dankes: Sehr, sehr viel habe ich schon von Ihnen lernen können! Sie arbeiten mit feinem Besteck die Differenzen heraus und begründen so das eine mal genausogut eine Verurteilung, wie das andere mal den verbindend-versöhnenden Standpunkt.

Ihren obigen Text las ich wie gewohnt mit Gewinn, und dann, nach ein paar Minuten fühlte ich doch den Wunsch, Ihnen mitzuteilen, was mir Ihr Grundirrtum zu sein scheint.

Das traditionelle Gesellschaft ist im Wesentlichen gewachsen, nicht ausgedacht und dann verwirklicht worden. Richtig,- kein kluger Kopf widerspricht hier! Und warum unterstellen Sie ausdrücklich, die vor unser aller Augen vor sich gehenden Umwälzungen seien nun aber erst ausgedacht worden, bevor man sich an die Verwirklichung macht(e)?

Alle bisherige Geschichte sei zwingend naturwüchsig verlaufen, meinte Marx, und auch die kapitalistische Gesellschaft entwickele sich so. Gewiß, die Menschen machten ihre Geschichte bewußt, aber was dabei herauskomme, entwickele sich hinter ihrem Rücken. Die herrschenden Gedanken seien die Gedanken der Herrschenden und zwar so lange, wie diese Gesellschaft ihr Menschenmaterial noch ernähren könne. Erst im revolutionären Umbruch haben jene Gedanken die Chance, sich zu verbreiten, die nicht die der Herrschenden seien. Selbst der Umbruch und die mit ihm zusammenhängenden neuen Gedanken seien noch naturwüchsig. Gesellschaft könne erst dann von (den) Menschen aus freien Stücken gemacht werden, meinte Marx, wenn sie sich die ganze alte Scheiße vom Hals geschafft hätten ... so etwa drückte er sich aus.
Dann erst beträte man das Reich der Freiheit.

Marx war der erste Systemtheoretiker der Wissenschaftsgeschichte. Ich folge seiner Darstellung im Wesentlichen, habe mich irgendwann aber seines utopischen Traumes entledigt, die Menscheit könne einmal in einer Form leben, daß allgemein gemacht wird, was man sich zuvor ausgedacht hat. [So idealistisch war Marx dann nämlich schon auch, daß er eine Welt angestrebt hat, in der der Geist regiert. Der Materialist Marx wollte für dieses Ziel das Terrain erkunden. Und je länger er das getan hat, um so weniger konnte er noch angeben, wie man von hier nach da kommt.]

Zurück! Was sollte die heute Herrschenden befähigen oder auch motivieren, etwas anderes zu tun, als nach Möglichkeit ihre Macht und ihren Reichtum nach Maßgabe ihrer Mittel zu hegen und zu vermehren? Die dabei angewandten Mittel revolutionieren die Gesellschaft in einem fort, und - auch wenn man sich hier selbstverständlich klare Ziele setzt - es kommt irgendetwas dabei heraus. Die Sache entscheidet sich wieder hinter dem Rücken der Akteure. Manches klappt, manches nicht,- auch für die oberen 10 000. Viel Freiheit haben die auch nicht: An die Grundrechenarten des Geldes und die Möglichkeiten des Militärs sind auch sie gebunden.

Wenn die sich die Vereinigten Staaten von Europa und und und ausdenken, dann weil sie sich davon Vorteile versprechen, nicht aber wegen Humanismusflausen. Wenn europäische Eliten dabei möglicherweise den US-Eliten zu Kreuze kriechen, dann weil sie es für gewinnbringender halten; nix da mit Menschheitsbeglückungsstuß in den entscheidenden Köpfen. Das läuft auch diesmal wieder ... naturwüchsig. Daß die Mietmäuler der Herrschenden dazu die schöne Litanei des Humanismus singen, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Man darf diese Leute nicht überschätzen: Manche glauben selber ganz feste daran, die meisten wenigstens ein wenig.

Dem armen Marx entschwand je länger er forschte, das revolutionäre Subjekt immer mehr. Hatte er als junger Mann als Voluntarist angefangen - er war ein heißblütiger Empörer - , so entwickelte er sich immer mehr zum Deterministen: man wartet schreibend und schimpfend ab. Also: der Voluntarist ist überwunden, macht aber immer wieder auf sich aufmerksam.

Sehr geehrter Herr Kleine-Hartlage! Sie belieben also den Gegner voluntaristisch verfahren zu sehen, damit auch "unsere Partei" die voluntaristische Hoffnung haben darf, etwas auszurichten, so man sich nur anstrengt? Es ist natürlich belämmert, erkennen zu müssen, daß man dazu einen Menschen bräuchte, der sich erst Gedanken und dann Geschichte macht. Für die Ideologen der gegnerischen Partei genügt es vollkommen, diesen humanistischen Kitsch an Alles dranzuschmieren, was so auf der Agenda steht, denn der Zug der Geschichte rollt sowieso.

Sie haben recht: Die Gesellschaft wird ihrer bisherigen Festigkeit in einem nicht dagewesenen Maße beraubt. Ach, weniger pathetisch: Sie verliert jede gewohnte Festigkeit. Aber auch das wird eine Gesellschaft sein: Der Mensch ist anpassungsfähig wie eine Ratte. Sie sehen es doch.

Ich wünsche Ihnen, das gute Gefühl zu genießen, das Gute zu wollen und zu versuchen. Das ist kein schlechtes Leben.

Simon Kollöffel

von_der_marwitz
31. August 2013 00:28

Eine der besten Analysen der Gegenwart, Gratulation. Die sezession ist wirklich auf einem beachtlichen Niveau angekommen - Kleine-Hartlage, Kubitschek, Bosselmann und Weißmann und Lichtmesz stehen dafür ein. Mal mit dem Degen (Kubitschek) und mal mit dem Florett (die anderen genannten), aber immer mit Herzblut und zur Sache.
Natürlich geht es manchen schon mal zu akademisch zu. Doch
wann gab es das schon: eine deutsche Rechte, die selbstkritisch ist und dabei auch noch dialektisch denkt? Wir müssen durch einen Prozess durch, den die Linke mit der Frankfurter Schule vor etwa 50 Jahren durchgemacht hat. Dass Adorno und Benjamin aber auch Foucault etc. heute von grünen Wohlstandsbürgern im Staatsdienst oder den Medien als sakrosankte Widerstandsikonen verehrt werden, spricht vielleicht gegen die Verlogenheit der Verhältnisse, nicht aber gegen die Autoren. Dabei warne ich davor, das Bild der Linken neidgesteuert auf diesen Typus zu reduzieren, denn es gibt immer noch genügend Linke, denen man aufrichtigen Respekt nicht versagen kann.
Nicht für oder wider Aufklärung und Reaktion, PI oder sezession, Religion oder Säkularismus, Israel oder Palästina, sondern eben die "Dialektik der Aufklärung", deren konsequente Fortführung in einen reflektierten, dabei nicht weniger radikalen Konservatismus münden wird.
Wir können zwar auf dem Erbe der Konservativen Revolution aufbauen, doch besteht heute natürlich eine ganz andere Ausgangslage als in den 20-er Jahren. Dazwischen liegen 80 Jahre, in denen sich die von Kleine-Hartlage genannte Metaideologie durchgesetzt hat. Der Weg, den er als doppelte Negation dieser herrschenden Ideologie beschrieben hat, wird kein leichter sein... Er lässt, einaml eingschlagen, aber auch das Lagerdenken kollabieren, mistet gewaltig aus und lässt einen mal wieder das Hochgefühl freien Denkens erleben: Der Geist steht rechts (aber natürlich nicht nur).

Irrlicht
31. August 2013 06:12

@MKH
In Bezug auf Ihren Kommentar zu Kai Hammermeister: Glauben Sie ernsthaft, Ihre Texte werden außerhalb des "Juste milieu der Rechtgläubigen und Gleichgesinnten", der neurechten Szene, auch nur zur Kenntnis genommen? Ihr Buch habe ich bislang nicht gelesen - meine Leseliste ist recht lang -, wenn es aber im gleichen Stil wie der Artikel gehalten ist, dürfte die angestrebte Widerlegung tatsächlich trügerisch sein: Auf welche theoretischen Gebäude/Schulen beziehen Sie sich konkret? Auf die Modernitätstheorien amerikanischer Soziologen aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, mit prägendem Einfluss auf die frühen Historiker der Bundesrepublik? Die "alte" oder "neue" Frankfurter Schule? Die Poststrukturalisten? Oder die angelsächsischen Cultural studies?

Einige dieser Schulen sind dezidiert irrationalistisch, sehen die Aufklärun kritisch und stehen Rationalitätskonzeptionen grundsätzlich ablehnend gegenüber. Ihre Liste der "Prämissen, ohne die die vorherrschenden linken und liberalen Ideen in der Luft hängen würden" trifft in der Gesamtheit auf keine diese Schulen zu, so dass die Gefahr besteht, einen Strohmann gebastelt zu haben, der dann - unter dem Applaus des neurechten Milieus - dekonstruiert wird.

[Diese Prämissen liegen allen genannten Schulen zugrunde, zumindest implizit. Und ich bekomme regelmäßig Post von gewendeten Linken, die sich ausdrücklich bei mir dafür bedanken, dass ich ihnen mit meinen Büchern die Augen geöffnet hätte. MKH]

Christoph Nahr
31. August 2013 10:32

@Joseph von Sternberg: Natürlich hat die linke Ersatzreligion ihre eigene Anti-Wissenschaft etabliert, und das habe ich auch angesprochen. Was ich wissen will ist, ob die traditionell-religiöse Rechte grundsätzlich genausowenig mit Naturwissenschaft am Hut hat wie die moderne Linke. Dieser Frage weicht man rechterseits systematisch aus, wie auch Sie mit Ihrer Gegenfrage, und der empirische Befund stimmt nicht zuversichtlich.

Jan
31. August 2013 11:13

@Simon Kollöffel:

Eben. Wer die Geschichte aus der Zeit vor der Christianisierung und die Geschichte der Christianisierung, die ja im Grunde noch bis heute erfolgt, nicht kennt, der kann auch nicht vollständig verstehen, warum die Gesellschaft so ist, wie sie ist und dementsprechend nur bedingt die "richtigen" Lösungsansätze herausarbeiten. Wobei es zu dieser Zeit wie auch zu 1933-1945 eine offizielle und eine inoffizielle Geschichtsschreibung und daher gerade für Rechte noch sehr viel zu entdecken gibt... ;-)

Rumpelstilzchen
31. August 2013 12:25

@Christoph Nahr

Bundschuh spricht einen wichtigen Punkt an. Das Verhältnis der Sezessions-Rechten zu Naturwissenschaft und Technik ist in der Tat stark klärungsbedürftig, insbesondere wenn man wie etliche Autoren und Kommentatoren hier das Christentum als selbstverständlich ansieht.
In Amerika, wo konservative Christen recht stark präsent sind, streicht man Evolution aus Schulbüchern, wie auch in frommen islamischen Ländern.

Das Verhältnis Naturwissenschaft/Religion dürfte im aufgeklärten 21. Jhd. kein Problem mehr sein.
Dass in den Foren der Sezession immer mal wieder der "Materialismusstreit" ausbricht , führe ich auf die verschiedenen Sozialisierungshintergründe zurück.
Ich vermute mal , dass einige Mitforisten den ML-Unterricht in der DDR durchlaufen haben und entsprechend antichristlich/ bzw, atheistisch sozialisiert wurden. Man möge mir Resonanz geben.
Entsprechend skeptisch beäugt man die rechten Christen.
Fakt ist, dass schon im Materialismusstreit des 19. Jhds. die bibl. Schöpfungsgeschichte als vereinbar mit naturwissenschaftlichem Denken angesehen wurde.
Der amerikanische christl. Fundamentalismus hat eine eigene Entstehungsgeschichte.
Es gibt also kein zurück hinter die Aufklärung, sondern eine neue alte Frage muß gestellt werden: nicht Freiheit wovon, sondern Freiheit wozu.

Rumpelstilzchen
31. August 2013 16:53

Für alle Sezessionisten, für die das Christentum nicht so selbstverständlich ist:

https://www.metacafe.com/watch/8603403/torfrock_rollos_taufe/

Waldgänger
31. August 2013 20:09

@ Kai Hammermeister

Ich glaube, dass es gerade ein besonderer Vorteil und eine besondere Stärke von Herrn Kleine-Hartlage ist, dass er auch die Sprache des Gegners beherrscht.

Denn angesichts der von ihm erwähnten Verständigungssprobleme zwischen Linken und Liberalen auf der einen Seite und Konservativen auf der anderen Seite kann man den Gegner überhaupt nur dann irritieren und vor anderen in die Defensive bringen, wenn der Gegner die Argumente sprachlich kapiert.

............................

@ Simon Kollöffel

Ihre Gedanken sind für meine Begriffe eine wichtige Ergänzung. Es ist natürlich richtig, dass der aktuelle Umwandlungsprozess keineswegs nur durch jene Metaideologie bestimmt ist.
Vieles sind ganz schlicht und ergreifend die Interessen der wirtschaftlich Mächtigen!

Allerdings wird diese Metaideologie auch von ihnen, den Mächtigen, benutzt oder besser gesagt: instrumentalisiert, und zwar zur Verschleierung eigener Absichten.
Die Linken als die nützlichen Idioten des Großen Geldes hängen dieser Metaideologie natürlich noch weit mehr an und dies auch - im Gegensatz zu den Mächtigen - aus innerer Überzeugung.

Insgesamt möchte ich allerdings Kleine-Hartlage folgen und die Bekämpfung und Widerlegung dieser Metaideologie als absolut unverzichtbar bezeichnen. Auch, wenn die Erfolge zunächst begrenzt bleiben.

Es können und werden Zeiten kommen, in denen mehr und mehr Leute merken, dass der Kaiser nackt ist!

Theosebeios
31. August 2013 20:17

@ von_der_marwitz

Beachten Sie doch freundlicherweise das Motto, unter dem die von Ihnen so sehr gelobten Personen hier und wahrscheinlich doch auch andernorts schreiben. Englisch zwar, aber doch unmissverständlich.
Nichts für ungut, aber ich fühle mich bei soviel Verständnis für Linke, also für Leute, die uns über Kimme und Korn betrachten, immer recht unbehaglich.

Irrlicht
31. August 2013 22:14

@MKH
Und die Behauptung, ihre Liste der "Prämissen" unterliege tatsächlich diesen Schulen, belegen Sie in ihrem Buch, z.B. in Bezug auf den zweiten Punkt?

"voraufklärerische Wertorientierungen seien gegenüber rational abgeleiteten minderwertig"

Sowohl die Protagonisten der "alten" Frankfurter Schule als auch die Postmodernen kritisieren den modernen, aus der Aufklärung abgeleiteten Vernunftbebriff. Im ersten Fall ist es die "instrumentelle Vernunft", die in der "Dialektik der Aufklärung" in das Fadenkreuz der Kritik gerät, im zweiten Fall wird, z.B. von Paul Feyerabend, selbst den Naturwissenschaften eine rationale Grundlage abgesprochen. Sie werden, wie alles andere, einschließlich Wertorientierungen, als "soziale Konstrukte" betrachtet. Und die Cultural studies gefallen sich darin, "vormodernen", außereuropäischen Gesellschaftssystemen mindestens eine Gleichwertigkeit zur europäischen Moderne zu attestieren.

von_der_marwitz
1. September 2013 00:45

@Theosebeios

Ich kann Ihre Bedenken sehr gut verstehen, doch mir geht es um den kühlen Kopf, den ich für einen rechten Vorzug gegenüber der linken Attitüde moralischer Überheblichkeit halte. Wir befinden uns in einer Situation, die nichts mehr mit dem Lagerdenken der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu tun hat. Dies führt auch in diesem Forum stets zu erheblichen Irritationen und bedarf eines geschärften Sensoriums.
Zur Linken: Die Auseinandersetzung mit dem Gegner führt zwangsläufig zur Frage nach der eigenen Identität (Schmitt: "Der Feind ist die eigene Frage als Gestalt"). Sehen wir in der Linken eine übermächtige, moralisch verkommene Truppe, die mit Hilfe der PC an den Schalthebeln der Macht sitzt, bringen wir uns um Differenzierungsmöglichkeiten. Aufgebaut wird ein Popanz, der entweder eine hysterische oder eine larmoyante Reaktion erlaubt.
So wie gewisse Antifa-Kreise nicht ohne den hässlichen Nazi auskommen, scheinen rechte Kreise nicht ohne das Bild des verlogenen Linken auszukommen, der Multikulti predigt, seine eigenen Kinder aber in die teure Privatschule schickt.

Franz Schmidt
1. September 2013 10:05

Die Bücher von MKH sind alle gut geeignet, die geistig etwas regere Bevölkerung aufzuklären.

Vielleicht sollte man sich mehr mit der Praxis beschäftigen. Ich kann nur jedem empfehlen, z.B. bei AfD-Versammlungen Bücher von Antaios mitzunehmen. Testen Sie es! Meine Erfahrungen sind hier erstaunlich positiv. Es gibt dort genug neue, potentielle Interessenten, die von der Existenz von Sezession und Antaios noch nie etwas gehört haben, aber offen und neugierig sind.

Es ist richtig, daß die meisten Antaios-Bücher im eigenen Milieu zirkulieren. Die Bücher von MKH jedoch haben es geschafft, auch in andere Kreise zu dringen.

Obwohl es wirtschaftlich kaum vertretbar ist, sollte man hier auch Amazon nicht vergessen. Da surfen unzählige Leute, die nur so und auch nur dort an unsere Bücher kommen. Positive Rezensionen helfen bei der Kaufentscheidung. Ich selbst bestelle übrigens alle Bücher direkt bei Antaios.

Waldgänger
1. September 2013 13:53

Sehr geehrter Herr Kleine-Hartlage

Ich stimme Ihrer Argumentation und Vorgehensweise vollkommen zu, möchte aber noch einige Anmerkungen machen.

Der Gegendiskurs und die Angriffe auf die linksliberale Metaideologie setzen natürlich voraus, dass der Gesprächspartner und Gegner, überhaupt noch zur Rationalität fähig ist, dass er an einer rationalen Wahrheitsfindung interessiert ist, dass er Widersprüche und Logik nicht ignoriert - und eben nicht nur auf seine emotional-irrationale Vision fixiert ist.

Für meine Begriffe ist es heute schwieriger als früher mit Linken rational zu diskutieren, weil sich die irrationale, ja quasireligiöse Komponente von "Linkssein" verstärkt hat.

Wenn es so ist - und ich sehe dafür starke Anhaltspunkte - dann erschwert das unser Anliegen beträchtlich.
Wie in bei religiös Gläubigen (z.B. Zeugen Jehovas) erstirbt die Debatte. Gegenargumente werden nicht mehr als Gegenargumente wahrgenommen, sondern als Angriff, als Provokation, als Bosheit, als Ketzerei.

Der Linke ist zum Linksgläubigen, zum Gläubigen einer säkularen Quasireligion (ohne Gott) geworden.
Diese Quasireligion nenne ich „Linksreligion“.

....

Nun geht mein Gedankengang aber weiter und darüber hinaus. Seit jeher gab es in den verschiedenen menschlichen Gesellschaften und Kulturen eine offizielle Religion, die mit Billigung der Eliten(!) Seelenheil, Orientierung und Werte versprach. Dabei ist es egal, ob man hier den Islam oder den Katholizismus der frühen Neuzeit betrachtet.

Inwieweit diese Religion nun tatsächlich zum Heil führte, ist eine andere Sache …
Aus Sicht der Mächtigen war sie aber praktisch, weil sie die Gläubigen von irdischen Problemen und den Machtkämpfen der Großen ablenkte und die Energien auf vergleichsweise harmlose oder gar nützliche Ziele lenkte. Nicht zuletzt deshalb hat Marx die Religionen ja ganz pauschal als „Opium fürs Volk“ kritisiert. Sie dienten seiner Meinung nach zur Ablenkung von den wahren Problemen.

Könnte man die heutige Linksreligion nicht als die aktuelle Variante so einer „Opium-fürs-volk-religion“ sehen?! Aus Sicht der wirklich Mächtigen, aus Sicht des Großen Geldes ist sie nach dem Niedergang des Christentums ungefährlich und nützlich. Die Bedrohung der Mächtigen ist nur eine scheinbare, denn die Machtverhältnisse sind zu eindeutig. So fürchtet man im Milieu der Bilderberger die Linken in etwa so sehr wie ein reicher Graf in der früher Neuzeit die Kirche fürchtete, obwohl die Franziskaner Armut predigten.

Und je mehr sich die linksliberale Metaideologie des Fortschritts, der Gleichheit, der Offenheit usw. nun von nüchterner Rationalität entfernt – desto besser! So ruhen die Gläubigen doch noch fester im Schoß ihres Glaubens, sind noch weniger irritierbar durch rationale Argumente – und sind die auch unduldsamer gegenüber Ketzern.
So muss man sich selbst (als Vertreter der wirklich Mächtigen) noch nicht mal die Finger schmutzig machen. Es gibt schon genug fanatisierte Gläubige, die als „Antifa“ auch zu Drecksarbeit bereit sind.

Carsten
1. September 2013 17:36

»Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn,
mein Volk aber hat keine Einsicht.«
(Jes 1,3)

Rumpelstilzchen
1. September 2013 17:52

@Waldgänger

Religion wird heute zumeist mit Glaubensbekenntnis ( confessio) gleichgesetzt. Die Linksreligion kann man in diesem Sinne als Glaubensbekenntnis verstehen.

Dagegen leitet sich Religion vom lateinischen "religio" ab, was
Rück-bindung bedeutet. Dahinter steht die Vorstellung, dass wir eine Verbindung zu etwas aufgegeben haben und uns rück-binden müssen.

Die beste Beschreibung des Linken als Pseudoreligion findet sich m. E. bei
Nikolai Berdjajew : "Wahrheit und Lüge des Kommunismus".

Shuca
1. September 2013 18:08

"Nicht zuletzt deshalb hat Marx die Religionen ja ganz pauschal als „Opium fürs Volk“ kritisiert. Sie dienten seiner Meinung nach zur Ablenkung von den wahren Problemen."
Karl Marx wußte das Gott existiert. Aber er hat ihn gehaßt.
"Was, was! Ich stech', stech' ohne Fehle
Blutschwarz den Säbel in deine Seele,
Gott kennt sie nicht, Gott acht't nicht die Kunst,
die stieß in den Kopf aus Höllendurst,
Bis das Hirn vernarrt, bis das Herz verwandelt,
Die hab ich lebendig vom Schwarzen erhandelt!
Der schlägt mir den Takt, der kreidet die Zeichen . . . "

„So hab ich den Himmel verscherzt,
ich weiß es genau.
Meine Seele, die einst Gott gehörte,
ist nun für die Hölle bestimmt."
Ganz so locker war der Begründer des wissenschaftlichen Paradieses auf Erden eigentlich nicht. Er hatte wohl Probleme.
Per Mariam ad Christum.

Theosebeios
1. September 2013 20:49

@ von der Marwitz

Ich meine doch nicht den "verlogenen Linken", sondern den "aufrechten", den also, der mich beruflich vernichten und meine Familie ins soziale Abseits drängen will, weil er in mir das Wirken des Leibhaftigen sieht.

Sehen Sie, wer wie ich zu einer Zeit an der Uni war, als man sich noch gut ohne Feminismus, aber nicht ohne MEW ff in einem soz. Seminar bewegen konnte, kann leicht auf den Gedanken kommen, dass etwa die Hälfte der Kommentatoren hier irgendwie mal links waren. WALDGÄNGER ist wohl kein echter Renegat, der täte Marx nicht falsch zitieren ( nichts für ungut, ich mag Ihre Kommentare!), aber MKH hat sich lange im linken Lager aufgehalten. Merkt man. Kommentator KOLLÖFFEL hat seinen Marx gewiss nicht nur in einem Proseminar aufgesogen. Das stört alles nicht, es nützt uns.

Den "aufrechten Linken" , in dem ich nicht das Böse sehe und den ich als Kollege toleriere, lasse ich mir jedoch nicht als Verbündeten einreden.

Simon Kollöffel
1. September 2013 21:41

@ Waldgänger
1.) Ihre Frage, ob der linke Gegner überhaupt noch rationalen (Gegen-)Argumenten gegenüber offen sein kann, möchte ich mit einem treffenden Wort zu beantworten versuchen:
Jede Lüge wird so lange geglaubt, wie sie nutzt.

2.) Will sagen: Wenn die Unwahrheit in Bezug auf die eigene Stellung in der Welt nützlich ist, wird sie von den Meisten geglaubt. Lediglich ein paar Wenige müssen (bewußt) lügen, um die Unwahrheit zu sagen.
Gegen die derzeitige Einrichtung der Welt zu sein, ist heute und hier für die meisten nicht nützlich, denn ein Umsturz steht nicht vor der Tür, und man handelt sich damit nur Schwierigkeiten ein. Also haben auch die, die stets die Zeche zahlen müssen, ein Interesse daran, die Dinge nicht tiefer zu durchdenken, sondern daran, bei den gängigen falschen Ansichten zu bleiben. Und genau darum nannte Marx die Religion "Opium des Volkes"!
Die Trugbilder tun einfach gut und dienen dem eignen Vorankommen.
Das Schmalhirn Lenin verballhornte das zu "Opium für's Volk",- damit die uralte These vom Priesterbetrug an den Massen wieder aufwärmend.

Natürlich gibt es auch den bewußten Betrug! Aber: Würde kein Bedürfnis nach den verkündeten falschen, interessegeleiteten Welterklärungen bestehen, würden sie nicht geglaubt,- weder von den Massen, noch von einem mehr oder weniger großen Teil der Verkündenden selbst.

Falsche, interessegeleitete Welterklärungen nannte Marx übrigens "Ideologie". Erst der Ideologe Stalin verwandte diesen Begriff wertneutral, und so gab es dann "ihre Ideologie" und "unsere". Selbstredend hatte Stalin an dieser Bedeutungsänderung der Begriffe wieder ein leitendes Interesse. Er wollte seinen Kurs der wissenschaftlichen Debatte und Entscheidungsfindung so weit es ging entheben und teilte einfach in rückschrittlich/reaktionär=falsch und fortschrittlich/progressiv=richtig. Stalin, und wie er die Welt sah ...

Waldgänger, in allem Weiteren ich folge Ihnen vollständig in dem, was Sie über die Linke sagen.

3.) Ich zitiere Sie:
"Es können und werden Zeiten kommen, in denen mehr und mehr Leute merken, dass der Kaiser nackt ist!" Das hoffe ich auch,- aber: Ich zitiere MKH:
"Wenn aber die Diagnose richtig ist, daß unsere Kommunikationsprobleme vor allem darin ihre Ursache haben, daß weite Teile der Gesellschaft eine falsche Ideologie als Selbstverständlichkeit verinnerlicht haben; wenn wir ferner bedenken, daß der Gegensatz zwischen dieser Ideologie und der Wirklichkeit für jedermann wahrnehmbar ist, daß die herrschenden Eliten deswegen immer mehr zur Repression greifen müssen ( )". Wenn Lenin das gesagt hätte, hätte man es durchgehen lassen können. Heute aber rühren "unsere Kommunikationsprobleme" schlicht daher, daß der Masse der Leute die geglaubte Unwahrheit noch im großen und ganzen nützlich ist. Die herrschenden Eliten müssen noch keineswegs zu immer mehr Repression greifen. - Ich erinnere mich noch mit Grausen an gleichlautende Verlautbarungen linksextremer Grüppchen in den 70er Jahren. Dieses Hoffen auf den immer gerade jetzt erwachenden Riesen "jedermann", auf den sich gerade jetzt erwachenden Tölpel Volk, der gerade dabei ist, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben, höre ich auch verdächtig oft bei dem fleißigen und tapferen Stürzenberger. Allein, die Wirklichkeit - sie ist nicht so.

@ Irrlicht
Ihrer Ansicht, die Linke und das liberale Lager hätten sich keineswegs zur Gänze auf Rationalität verpflichtet, pflichte ich bei. Die Postmoderne mit ihrem "anything goes" hat hier Vieles beeinflußt,- das ist eben ein Aspekt der Dialektik der Aufklärung (im Sinne Adornos) auf ideologischem Gebiet: Die Überhöhung der Freiheitsansprüche des Individuums hat eine epidemische Ausbreitung derjenigen Geisteshaltung hervorgebracht, die nahelegt, sich vor Nichts und Niemandem mehr (rational nachvollziehbar) rechtfertigen zu müssen.

@ Manfred Kleine-Hartlage
Systemkritik und Ideologiekritik sind die beiden Felder der Auseinandersetzung. Eine Bewegung, die etwas will, sollte immer Beides betreiben.
Die Ideologiekritik ( also die Abarbeitung an falschen Erklärungen des Gegners ) wird freilich viel erst erreichen, wenn es für große Teile der Gesellschaft nicht mehr nachteilig ist, sich aus dem gesellschaftlichen Konsens zu verabschieden. Die Systemkritik erfolgt dagegen durch Aufgreifen geschädigter Interessen von Gesellschaftsteilen und führt sie in den Kampf für ihre Interessen. Sie kann an den Beunruhigungen und Empörungen der Leute anknüpfen und hier Etappenziele angeben, anzielen und erreichen. Gegen ideologisches Sperrfeuer der Gegenseite muss gleichzeitig die Ideologiekritik antreten. Doch die Ideologiekritik vermag gar nichts, wenn die Systemkritik keinen nennenswerten Schwung bekommt.
Ob aber die Masse dem Opium oder dem opferreichen Aufbruch den Vorzug gibt, haben wir nicht in der Hand. Nein- auch nicht, wenn wir uns die Beine ausreißen! Auch das Heldentum hat sein Maß. Auf akademisch heißt Übermut Voluntarismus

godeysen
1. September 2013 22:30

Ein grundsätzliches Kontra in einem speziellen, aber sehr zentralen Punkt:
Der Konservatismus muss aufhören, sich den Schuh der "Vor-aufklärerischen" im Gegensatz zu einer "rationalen" Orientierung anzuziehen.
Wir können heute sehr präzise darlegen, dass Kernforderungen der Konservativen, namentlich
a) Achtung vor ethnokulturellen Grenzen und ethnischen Differenzen
b) Rücksicht auf naturgegebene Geschlechterdifferenz
c) Erhalt der Familie,
salopp gesagt: generell eine artgerechte Haltung des Homo sapiens, biowissenschaftlich stabil begründet sind. Ich verweise dazu immer wieder gerne auf I. Eibl-Eibesfeldt und auf die modernen amerikanischen Evolutionspsychologen, für diesen Zirkel hier vielleicht auch auf A. Vonderach. Grundsätzliche Überlegung und Argumentationshilfe: Die Erkenntnisse der evolutionären Anthropologie, also einer Biowissenschaft, lassen sich nicht durch irrationale Ideologiekonstrukte ersetzen. Damit wäre der Spieß (bei entsprechend sicherer Argumentation) schnell umgedreht: Voraufklärerisch ist das Beharren auf unbelegbare Glaubenssätze (Gender Studies, Multikulturalismus), aufklärerisch ist die Orientierung an den Daten der Evolutionsbiologie. Gut, möglicherweise muss da mancher Konservative, der kreationistischen Ideen anhängt, über seinen Schatten springen.

von_der_marwitz
1. September 2013 23:34

@Theosebeios et al.

Touché! Ich finde Ihre Beobachtungen ziemlich brisant, denn sie enthalten eine grosse Tragweite. Offenbar sind die Renegaten - solange sie nicht einfach verbittert sind - ein entscheidendes Reservoir für eine theoriefähige Rechte. Ich bin zwar kein Renegat, habe aber durch die Lektüre "linker" Theoretiker meinen Horizont erheblich erweitert und reflexhafte Abwehrhaltungen abgebaut.
Offenbar sind einige der hiesigen Kommentatoren ebenfalls durch ein solches "Säurebad der Kritik" gegangen. Damit haben sie persönlich einen Prozess vollzogen, den MKH gesamtgesellschaftlich am Werke sieht: Nennen wir ihn (Auto)Destruktion der herrschenden Ideologie. Da die herrschende Metaideologie heute linksliberal geprägt ist, handelt es sich dabei um die vordringliche Aufgabe der Rechten. So weit, so gut.
Dieser nihilistische Ansatz kommt nun aber in Konflikt mit den eigentlichen rechten Grundüberzeugungen der Trias von Gott, Staat und Vaterland. Diese müssen dann irgendwie dezisionistisch gesetzt werden, um das entstandene Vakuum zu füllen. An diesem Punkt entsteht das Dilemma der Rechten, das ja schon für die Konservative Revolution galt. Auch in Kleine-Hartlages Analyse ist die Frage nach dem qualitativen Umschlag der wunde Punkt. Sollte dies etwa an der Herkunft der Methode liegen?

Waldgänger
2. September 2013 08:46

@ Rumpelstilzchen

Ich stimme Ihnen im Hinblick auf "Religion" natürlich vollständig zu!

Daher bemühte ich mich auch, durch Verwendung des Wortes "Quasireligion" eine Unterscheidung zu echten Religionen reinzubringen, die tatsächlich eine Rückbindung an das Göttliche ermöglichen.

Ein Fremder aus Elea
2. September 2013 09:42

Herr Kollöffel.

Also haben auch die, die stets die Zeche zahlen müssen, ein Interesse daran, die Dinge nicht tiefer zu durchdenken, sondern daran, bei den gängigen falschen Ansichten zu bleiben.

Falsche Ansichten? Otto Normalbürger stützt sich persönlich nur auf die Ansichten, von welchen er sicher weiß, daß sie stimmen. Andere Ansichten mag er kennen, sie sind ihm aber letztlich herzlich egal.

In Gestaltungsfragen gibt es auch kein "richtig" und "falsch". "Richtig" und "falsch" gibt es in Sachfragen, also in den Dingen, an welchen wir nichts ändern können. Wenn wir etwas gestalten können, so ist es unsere Entscheidung, welche wir nur vor uns selbst verantworten, mit anderen Worten gibt es da nur "richtig für mich" und "falsch für mich".

Was das von Ihnen angesprochene Marx'sche Sujet betrifft, so liegen auf Seiten der ausgebeuteten Massen keine falschen Ansichten vor, sondern schlicht Zweifel und Uneinigkeit.

Man kann die Leute nicht zu Dingen zwingen, an welchen sie keinen Anteil nehmen, sei es, weil sie sie nicht verstehen oder weil sie sie nicht wollen, ohne daß die Leute sich innerlich widersetzen. Und es ist doch keine falsche Ansicht, wenn sie meinen, daß ihre Ausbeutung ihnen noch die beste Art der innerlichen Widersetzung ermöglicht.

Denn darauf läuft es hinaus. Es ist eine Strategie, für welche sie sich entscheiden, und auch keine dumme.

Schließlich ist der Ausgebeutete aufgrund seiner Arbeitserfahrungen besser in der Lage einen Systemkollaps zu überleben als der Ausbeuter. Und evolutionär gesehen haben Menschen nur etwas davon, auf Systeme zu setzen, welche auf sie zugeschnitten sind. Ist das nicht Fall, ist eine mürrische Grundeinstellung eher günstig, weil sie einen nicht gänzlich von dem abschneidet, wovon man etwas versteht.

Das sehe ich überall. Werden die gesellschaftlichen Spielregeln als fremd angesehen, reagieren die Menschen mit Subversion.

Auf diese Fragen gibt es keine Antworten, kein "richtig" und "falsch". Es gibt stets nur die Dominanz einer Organisationsform gegenüber anderen. Man könnte auch sagen, daß halt entweder Fußball oder Eishockey Volkssport ist, aber nicht beide zusammen, und es Leute gibt, denen das eine lieber wäre, weil sie es besser spielen als das andere, und Leute, denen das andere lieber wäre.

Und dann verschieben sich halt durch die Umstände der Geschichte hin und wieder die Gewichte.

Theosebeios
2. September 2013 11:36

@von_der_marwitz

„Sollte dies etwa an der Herkunft der Methode liegen?“

Auweia, Sie fragen mich harmlosen und tief im „System“ und in der „Ideologie“ verwickelten Zeitgenossen? Möglich. Habe bislang noch nichts gelesen, was das Gefühl hätte aufkommen lassen, die vor unseren Augen stattfindende Entwicklung, eben die Realität, sei begriffen. Und ohne dieses Gefühl nutzt nun einmal das beste Argument nichts.

Für Renegaten könnte ein Aphorismus von Schiller hilfreich sein, falls sie ihn noch nicht selbst als geboten betrachtet haben:

„Zwei Jahrzehnte kostest du mir,
zehn Jahre verlor ich dich zu begreifen,
und zehn mich zu befreien von dir.“

(Ob er ernst gemeint war, sei dahingestellt ...)

Doch lassen wir, dies auch als Appell an die scharfen Kritiker hier, MKH Gerechtigkeit widerfahren. Vor allem, wenn man ihn noch nicht gelesen hat. Sonst verhalten wir uns wie Kanzlerin Merkel zu Thilo Sarrazin :-)

Waldgänger
2. September 2013 17:41

@ Theosebeios
Manchmal reicht es zum "Renegaten" zu werden, dass man sich seines eigenen Verstandes bedient.
Mit Ihrer Vermutung zu meiner Person haben Sie teilweise Recht. Anders gesagt: Man kann in Jugendjahren irgendwo mitmachen, weil es "angesagt" ist, später, zum Selbstdenken gelangt, sich aber immer mehr von für richtig Gehaltenem lösen.

@ von_der_marwitz

Stimme Ihnen zu. Die arrogante und unintellektuelle Art und Weise, wie das linksliberale Lager agiert, muss bei wachen Geistern - die es überall gibt - zu Irritation und Distanzierung führen.

Ein wichtiges Beispiel dafür ist meines Erachtens Jürgen Elsässer. Früher schier unerträglich, später schillernd-unklar, heute mit seinem Compact-Magazin eine interessante und nützliche Größe:

https://www.compact-magazin.com/

Insofern halte ich es auch für nicht sinnvoll, wenn das konservative Lager hier Berührungsängste zeigen würde oder sich zu sehr auf die "eigene Sprache" und eigene Traditionen (z.B. Burschenschaften) fixierte.

Man kann eigene Haltungen sehr wohl modernisieren, muss es auch.
Eine Verhaftetsein an Äußerlichkeiten(!) konservativer Kultur und Lebensart bringt nichts. Die Vergangenheit ist vorbei.

Man kann die Zukunft nur gewinnen - oder zumindest etwas mitgestalten - wenn man sich - bei aller Beharrlichkeit in der Sache(!) - von manchem verabschiedet und manches Neue annimmt.
Ansonsten erinnere ich an jenes berühmte Zitat aus Lampedusas Roman "Der Leopard" !

Auch die konservativen Revolutionäre von 1930 unterschieden sich in Lebensart, Gestus usw. deutlich von den Konservativen des 20. Jahrhunderts.

In der gegenwärtigen Defensivsituation ist Offenheit gegenüber interessierten, gegenüberüber nachdenklich Gewordenen sehr wichtig!
Daher habe uich auch weiter oben die Kritik von @ Kai Hammermeister an der modernen Sprache Kleine-Hartlages zurückgewiesen.
Übrigens eine schöne Formulierung: "(Auto)Destruktion der herrschenden Ideologie"

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