115. Geburtstag Friedrich Georg Jünger

(Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012.)

von Adolph Przybyszewski

Bekanntheit erlangte Friedrich Georg Jünger vor allem durch sein Hauptwerk, Die Perfektion der Technik (1946), das als bedeutendes Manifest konservativer Ideologiekritik nach 1945 zu werten ist.

 Gastbeitrag

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Sein umfang­rei­ches essay­is­ti­sches, lyri­sches und erzäh­le­ri­sches Werk wur­de zwar in der frü­hen Bun­des­re­pu­blik durch zahl­rei­che Prei­se gewür­digt, infol­ge der kul­tur­po­li­ti­schen Macht­er­grei­fung links­li­be­ra­ler Eli­ten mit Hil­fe der feuil­le­to­nis­ti­schen Kol­la­bo­ra­ti­on Anfang der 1960er Jah­re aber zuneh­mend mar­gi­na­li­siert. Jün­gers Lebens- und Denk­weg hat­te ihn von einem natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­ren Akti­vis­mus in der Zwi­schen­kriegs­zeit zu einer an die Wur­zeln gehen­den kon­tem­pla­ti­ven Lage­ana­ly­se geführt: Die­se ent­wi­ckel­te er bereits unter dem Regime der natio­na­len Sozia­lis­ten, um sie in der Fol­ge­zeit bei­zu­be­hal­ten und wei­ter aus­zu­bau­en. Damit steht Jün­ger für eine typi­sche Ent­wick­lung vie­ler deut­scher Rechts­in­tel­lek­tu­el­ler die­ser Ära.

Aus dem geho­be­nen Mit­tel­stand des Kai­ser­reichs stam­mend und von die­sem geprägt, geriet der Ober­re­al­schü­ler 1916, zwei Jah­re spä­ter als sein älte­rer Bru­der Ernst Jün­ger, ohne Schul­ab­schluß in den Ers­ten Welt­krieg und wur­de bei nur kur­zem Front­ein­satz sogleich schwer ver­wun­det. Nach dem Krieg absol­vier­te er in Leip­zig ein Stu­di­um der Rech­te und Kame­ra­lis­tik als pro­mo­vier­ter Voll­ju­rist, prak­ti­zier­te dann jedoch nicht, son­dern betä­tig­te sich als radi­ka­ler poli­ti­scher Publi­zist und Schrift­stel­ler. Hier­in ist Jün­ger wie sein älte­rer Bru­der jenem revo­lu­tio­nä­ren Natio­na­lis­mus der ers­ten Jahr­hun­dert­hälf­te zuzu­rech­nen, der ohne Sys­te­ma­tik eine für die poli­ti­sche Rech­te cha­rak­te­ris­ti­sche rea­lis­ti­sche Anthro­po­lo­gie mit sozia­lis­ti­schen, also lin­ken Ansät­zen verband.

Dies kul­mi­nier­te in der Zusam­men­ar­beit mit dem von der radi­ka­li­sier­ten Sozi­al­de­mo­kra­tie her­kom­men­den Natio­nal­bol­sche­wis­ten Ernst Nie­kisch Anfang der 1930er Jah­re. Aus Jün­gers frü­her publi­zis­ti­scher Pha­se sind nur weni­ge Tex­te heu­te noch beach­tens­wert, dar­un­ter sei­ne letz­ten Essays in Nie­kischs Zeit­schrift Wider­stand und die Ein­lei­tung zu dem von Edmund Schultz her­aus­ge­ge­be­nen Foto­buch Das Gesicht der Demo­kra­tie (1931). Aus einer natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­ren Deu­tung der spä­ten Wei­ma­rer Repu­blik ent­wi­ckelt er dort exem­pla­risch eine schar­fe Kri­tik des Libe­ra­lis­mus als Fer­ment der Auf­lö­sung aller Din­ge, die aus der »Ver­nich­tung des Men­schen als Per­son und Per­sön­lich­keit« resul­tie­re. Auch das Pro­gramm und den Erfolg der NSDAP begriff Jün­ger als Phä­no­men der all­ge­mei­nen Demo­kra­ti­sie­rung und damit des Libe­ra­lis­mus, des­sen Ende er in revo­lu­tio­nä­rer Naher­war­tung schon vor Augen zu haben wähnte.

Nach­dem sich die natio­na­len Sozia­lis­ten 1933/34 indes zusei­ner Über­ra­schung durch­set­zen konn­ten, ent­hielt er sich künf­tig der offen poli­ti­schen Publi­zis­tik. Fried­rich Georg Jün­gers nun auf­blü­hen­de essay­is­ti­sche Refle­xi­on wand­te sich Mit­te der 1930er Jah­re dem Feld schön­geis­ti­ger Gegen­stän­de und kul­tu­rel­ler Grund­la­gen­fra­gen zu. 1939 schloß er die ers­te Fas­sung sei­ner Ideo­lo­gie­kri­tik der Tech­ni­sie­rung ab, die aber erst nach dem Zwei­ten Welt­krieg unter dem Titel Die Per­fek­ti­on der Tech­nik brei­ter rezi­piert wer­den konn­te. Sie hat­te u. a. auf Mar­tin Hei­deg­gers Tech­nik­phi­lo­so­phie erheb­li­chen Ein­fluß. Jün­gers in der Fol­ge wei­ter aus­ge­bau­te Schrift rief die ers­te gro­ße Debat­te über die Tech­ni­sie­rung der Lebens­welt in der Nach­kriegs­zeit her­vor, da hier die Tech­nik kon­se­quent »als Ord­nung sui gene­ris ins Blick­feld gerät, deren Ent­fal­tung zer­stö­re­ri­sche Kon­se­quen­zen hat« (Ste­fan Breu­er). Wenn nur noch eine von allen Bin­dun­gen gelös­te tech­ni­sche Ratio­na­li­tät das Dasein des Men­schen orga­ni­sie­re, wür­de, Jün­ger zufol­ge, »nichts im Wege ste­hen, die Hilf­lo­sen, die Kran­ken und die alten Leu­te tot­zu­schla­gen«. Damit ist sei­ne Tech­nik­stu­die als Ver­tie­fung und Aus­bau der älte­ren Libe­ra­lis­mus­kri­tik zu begrei­fen, die bean­sprucht, wirk­sa­me Struk­tu­ren frei­zu­le­gen, ohne sich auf ideo­lo­gi­sche Spie­gel­fech­te­rei­en ein­zu­las­sen. Jün­gers Ana­ly­se kennt also kei­ne fun­da­men­ta­len Brü­che zwi­schen Wei­ma­rer Repu­blik, Natio­nal­so­zia­lis­mus und Besat­zungs­re­gime oder demo­kra­ti­schen Fol­ge­re­pu­bli­ken, son­dern zielt viel­mehr auf die eska­lie­ren­de Logik des Uti­li­ta­ris­mus, die allen die­sen Sys­te­men zugrun­de liegt.

Wei­te­re Abhand­lun­gen sind fol­ge­rich­tig dem Zusam­men­hang von Spra­che und instru­men­tel­ler Ratio­na­li­tät (Spra­che und Den­ken, 1962) und einer kri­ti­schen Sich­tung der bio­lo­gi­schen Evo­lu­ti­ons­theo­rie (Die voll­kom­me­ne Schöp­fung, 1969) gewid­met. Mit dem Inge­nieur und Publi­zis­ten Max Him­mel­he­ber zusam­men zeich­ne­te Fried­rich Georg Jün­ger 1971 über­dies ver­ant­wort­lich als Grün­dungs­her­aus­ge­ber der Schei­de­we­ge, der ers­ten kon­se­quent fort­schritts­skep­tisch und öko­lo­gisch aus­ge­rich­te­ten Zeit­schrift in West­deutsch­land, wor­in er selbst eini­ge gewich­ti­ge Auf­sät­ze ver­öf­fent­lich­te. Ein zen­tra­les Poten­ti­al für see­li­sche und kul­tu­rel­le Erneue­run­gen erblick­te er in der arche­ty­pi­schen Macht des mythi­schen Den­kens (Grie­chi­sche Mythen, 1957), dar­in Wal­ter Fried­rich Otto fol­gend. Dem ent­sprach, daß sich Jün­ger seit sei­ner inten­si­ven Beschäf­ti­gung mit Höl­der­lin Ende der 1920er Jah­re dem Beruf des Dich­ters als schöp­fe­ri­schem Hüter von Spra­che und Schrift ver­pflich­tet sah. So hat­te er beson­ders in Gedich­ten sei­ne ihm wich­tigs­te Aus­drucks­form gefun­den, zu der nach dem Zwei­ten Welt­krieg auch die Erzähl­pro­sa hin­zu­trat. Jün­gers Essays zeich­net ein Stil beharr­li­chen und gründ­li­chen Beden­kens aus, das nach­voll­zo­gen wer­den will.

Sei­ne lyri­schen Arbei­ten wei­sen eine Ent­wick­lung von der Adap­ti­on klas­si­scher Vor­bil­der hin zum Spiel mit freie­ren For­men auf; die Erzähl­pro­sa, dar­un­ter zwei auto­bio­gra­phi­sche Bän­de und drei Roma­ne, greift immer wie­der The­men sei­ner Essays auf, ver­eint dies jedoch meist mühe­los mit den Vor­tei­len soli­der tra­di­tio­nel­ler Erzähl­kunst. Fried­rich Georg Jün­ger erfuhr in den letz­ten bei­den Jahr­zehn­ten als Klas­si­ker öko­lo­gi­schen Den­kens wie­der grö­ße­re Beach­tung, sein im enge­ren Sin­ne lite­ra­ri­sches Werk hin­ge­gen nicht.

Schrif­ten: Ein­lei­tung, in: Edmund Schultz (Hrsg.): Das Gesicht der Demo­kra­tie. Ein Bild­werk zur Geschich­te der deut­schen Nach­kriegs­zeit, Leip­zig 1931; Über die Gleich­heit, in: Wider­stand 9 (1934), Heft 4; Wahr­heit und Wirk­lich­keit, in: Wider­stand 9 (1934), Heft 5; E. T. A. Hoff­mann, in: Wider­stand 9 (1934), Heft 11; Nietz­sche, Frank­furt a. M. 1949; Die Per­fek­ti­on der Tech­nik, Frank­furt a. M. 1953; Die Spie­le. Ein Schlüs­sel zu ihrer Bedeu­tung, Frank­furt a. M. 1953; Gedächt­nis und Erin­ne­rung, Frank­furt a. M. 1957; Grie­chi­sche Mythen, Frank­furt a. M. 1957; Spra­che und Den­ken, Frank­furt a. M. 1962; Ori­ent und Okzi­dent. Essays,Frank­furt a. M. 1966; Die voll­kom­me­ne Schöp­fung. Natur oder Natur­wis­sen­schaft?, Frank­furt a. M. 1969; Wer­ke. 12 Bde., hrsg. v. Cit­ta Jün­ger, Stutt­gart 1978– 1987.

Lite­ra­tur: Ulrich Frösch­le: Fried­rich Georg Jün­ger (1898–1977). Kom­men­tier­tes Ver­zeich­nis sei­ner Schrif­ten, Marbach/Neckar 1998; ders.: Fried­rich Georg Jün­ger und der »radi­ka­le Geist«. Fall­stu­die zum lite­ra­ri­schen Radi­ka­lis­mus der Zwi­schen­kriegs­zeit, Dres­den 2008; Andre­as Gey­er: Fried­rich Georg Jün­ger. Werk und Leben, Wien/Leipzig 2007; Fred Sla­nitz: Wirt­schaft, Tech­nik, Mythos. Fried­rich Georg Jün­ger nach­den­ken, Würz­burg 2000.

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