Sezession
1. Dezember 2012

Ehrenrettung für einen Pastor

Gastbeitrag

51pdf der Druckfassung aus Sezession 51 / Dezember 2012

von Thorsten Hinz

Neugierig und voller Unschuld hatte der Zeitungsleser nach der Rezeption des Schriftstellers Wilhelm Raabe gefragt. Die Antwort von Marcel Reich-Ranicki war kurz, entschieden und haßerfüllt: Raabe sei in Vergessenheit geraten. Das verwundere ihn – Reich-Ranicki – gar nicht, denn Raabes Bücher hätten ihn – Reich-Ranicki – immer gelangweilt.

Bald würde sein – Raabes – Werk wohl aufhören, »Stoff sogar für kümmerliche Germanisten zu sein«. Sein populärster Roman sei zugleich sein »fragwürdigstes, wenn nicht widerlichstes Buch: der antisemitische Roman Der Hungerpastor«. Zwischendurch entschlüpfte Reich-Ranicki das Geständnis, Raabe »sei vielleicht noch heute ein überschätzter Romancier«. Also doch kein Vergessener! Der Großkritiker hatte lediglich seinen persönlichen Exterminierungswunsch geäußert.

Der 1831 geborene, 1910 verstorbene Wilhelm Raabe ist die Kontrast- und Komplementärfigur zum elf Jahre älteren Theodor Fontane. Dieser hatte mehrere Jahre als Korrespondent aus London berichtet. Das vergleichsweise provinzielle Preußen-Deutschland schilderte er aus der Sicht des urbanen Weltmannes. Raabe dagegen beschrieb die Welt aus der Perspektive der deutschen Provinz. Sein Blick ist weder sentimental noch romantisierend, sondern distanziert und ironisch. Er fällt auf eine ländlich-kleinstädtische Welt, die spätfeudal, patriarchalisch, voller Skurrilitäten und Anachronismen ist, wo jedoch nichts an die barbarischen Zustände erinnert, welche zur gleichen Zeit aus den ländlichen Gegenden Rußlands mitgeteilt werden.

So übel das Leben den Figuren auch mitspielt, meistens gibt es eine Instanz, die das Äußerste verhindert oder abmildert: die gutherzige Junkerwitwe, den lebensklugen Pfarrer, den nachsichtigen Staatsanwalt. In dieser Welt findet der Dorftrottel genauso sein Gnadenbrot wie das exilierte Adelsfräulein oder der zahnlose Chevalier, die letzten Überbleibsel des Ancien régimes. Die Welt mit ihren kleinteiligen Landfetzen, spitzgiebligen Gassen, ihren Fluchtwinkeln und Verstecken gerät langsam, aber sicher unter die Räder des Industriezeitalters. Die Donnersätze aus dem Kommunistischen Manifest über die Zerstörung der »feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse«, über die zerrissenen »buntscheckigen Feudalbande« und die Substitution »der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten« durch »die eine gewissenlose Handelsfreiheit« – Raabe hat sie auf die Lebenswirklichkeit übertragen. Deshalb gehört er zu den großen deutschen Realisten des 19. Jahrhunderts!

Doch Reich-Ranicki ging es ohnehin nicht um Literatur, sondern – wie fast immer, wenn der Begriff »antisemitisch« hervorgeholt wird – um Leidenschaften, um Deutungshoheit, um Macht. Die Deutungshoheit ergibt sich nicht aus dem besseren Argument. Entscheidend ist allein, wer über die formellen und informellen Mittel – vor allem über den Zugriff auf die Medien – verfügt, um festzulegen, welche Argumente und Redeweisen benutzt werden dürfen und welche nicht. Dafür ist Reich-Ranicki selber ein sprechendes Beispiel. Ungeniert nannte er im Jahr 2000 den Historiker Ernst Nolte eine »trübe, ja verächtliche Figur der Zeitgeschichte«. Als Martin Walser ihn 2002 im Roman Tod eines Kritikers als Literaturkritiker André Ehrl-König karikierte und auf seine Machtposition im Kulturbetrieb anspielte, brachte FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher umgehend den Antisemitismus-Vorwurf gegen Walser in Stellung. Allerdings verfügte Walser neben einzigartigen Verkaufszahlen auch über einen Ruf als Vergangenheitsbewältiger der ersten Stunde (»Unser Auschwitz«, 1965) und konnte den Frankfurter Anschwärzer zwingen beizudrehen. Dennoch geriet die Affäre zum Lehrstück, denn keine Handvoll deutscher Autoren verfügt außer Walser über die Mittel, um das einmal verhängte, tödliche Antisemitismus-Stigma erfolgreich von sich zu weisen.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.