Sezession
1. Dezember 2012

»Ich möchte nicht niederknien« – Ein Gespräch mit Arno Surminski

Gastbeitrag

51pdf der Druckfassung aus Sezession 51 / Dezember 2012

von Benjamin Jahn Zschocke

Arno Surminski hat wie kein zweiter Schicksal und Leiden der Ostpreußen beschrieben. Sein bedeutendster Roman, der autobiographische Bestseller Jokehnen, wurde 1987 mit Armin Mueller-Stahl verfilmt. Mit seiner Novelle Die Vogelwelt von Auschwitz regte er 2008 eine Debatte über den literarischen Umgang mit deutscher Schuld an. Der heute 79jährige lebt mit seiner Frau in Hamburg.

Sezession: Herr Surminski, Sie werden gern als »Autor der Versöhnung« bezeichnet. Wie stehen Sie dazu?

Surminski: Ich möchte nicht, daß meine Bücher in die Abteilung »Versöhnungskitsch« eingeordnet werden. Ich bin nicht für dauerndes Umarmen, sondern dafür, die Fakten auf den Tisch zu legen und dann gemeinsam an der Zukunft zu arbeiten. So habe ich es in meinen Büchern immer gehalten.

Sezession: Und »Vergebung« – im christlichen Sinne?

Surminski: Solche Worte unterstellen immer: »Du bist der Kleinere, der Schuldige. Ich verzeihe dir, ich vergebe dir …« Damit wird der eine heruntergedrückt, der andere erhöht. So möchte ich das nicht. Ich möchte die Fakten hinnehmen, so, wie sie sind, daraus aber keine weiteren Vorwürfe oder gar Ansprüche ableiten. Vor allem aber: Ich möchte nicht niederknien. Ich kann nur auf Augenhöhe verhandeln. Außerdem tut es mir leid, daß Millionen Menschen so sinnlos im Straßengraben verendet sind. Es geht darum, das Vergessen aufzuhalten. Erschüttert hat mich diesen Sommer bei einer Lesung vor russischen Studenten in Kaliningrad, daß die weder etwas mit Treblinka, Auschwitz, dem Gulag oder mit Workuta anfangen konnten!

Sezession: Zu Erika Steinbach vom Bund der Vertriebenen scheinen Sie kein gutes Verhältnis zu haben.

Surminski: Ich bin mit Frau Steinbach der Meinung, daß man alles genau beschreibt und festhält, aber das darf niemals verknüpft werden mit irgendwelchen Ansprüchen auf Entschädigung oder Rückgabe, das wäre friedensgefährdend! Sie hat da einen bösen Schnitzer gemacht, indem sie das geplante Zentrum am Anfang »Zentrum gegen Vertreibung« nannte. Das hat mich sofort gestört, weil sie aus dem großen Korb des Schreckens nur die Vertreibung herausgezogen hat – nicht die Flucht, nicht die Massenvergewaltigungen, nicht die Massendeportationen der Deutschen. Für sie zählte nur die Vertreibung, also die eigentumsrechtliche Frage, die von Haus und Hof.

Sezession: Also ist »Vertreibung« genau wie »Versöhnung« ein ungenauer Begriff?

Surminski: Ja, denn bei allem Schrecken war die Vertreibung das harmloseste Geschehen. Es gab Hunderttausende, die froh waren, »vertrieben« zu werden – denken Sie mal an die Bewohner von Königsberg, die 1948 endlich nach Deutschland durften. Die werden auch als »Vertriebene« gewertet, obwohl sie durch ihre Vertreibung von einem furchtbaren Leben befreit wurden. Das gilt auch für viele in Masuren. Ich wäre vermutlich auch nicht durch den Winter 1945/46 gekommen, hätte man mich damals nicht in den Zug nach Deutschland gesteckt. »Vertreibung« greift deshalb für das Gesamtphänomen viel zu kurz, doch Steinbach hat diesen Begriff so fest installiert – das ist heute leider nicht mehr aufzulösen.


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