Sezession
1. Dezember 2012

»Umstritten« – Drieu la Rochelle

Benedikt Kaiser

51pdf der Druckfassung aus Sezession 51 / Dezember 2012

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Der französische Schriftsteller Pierre Drieu la Rochelle wurde nun, exakt 67 Jahre nach seinem Freitod, in die renommierte Bibliothek der Pléiade aufgenommen. Dies gilt als postumer Ritterschlag und ist die Anerkennung des politischen Romanciers als Klassiker – eine Ehrbezeugung, die freilich nicht ohne kritische Nebengeräusche vonstatten ging. Kurz nach Bekanntgabe der Publikation einer entsprechenden Werkausgabe Drieu la Rochelles im zuständigen Traditionsverlag Gallimard titelte das auflagenstarke, links­orientierte Pariser Magazin Marianne abschätzig: »Un collabo au Panthéon«. Die Autorin des Artikels, die philosophisch versierte Kulturredakteurin Aude Lancelin, trägt Argumente gegen eine entsprechende Aufwertung Drieus zusammen.

Tatsächlich glaubte der stets in maßgeschneiderten englischen Designeranzügen gekleidete Dandy just im Faschismus jene Weltanschauung zu erkennen, die das morbide Frankreich der Dritten Republik, das, wie Drieu meinte, hoffnungslos der Dekadenz erlegen sei, heilen könne. Dieser Socialisme fasciste war für ihn aber nur ein Werkzeug für die größere Vision, die ihn zeitlebens bewegte und fatalerweise in die Politik trieb: die europäische Einheit. Der in den zwanziger Jahren den Radikalsozialisten nahe­stehende Denker schrieb Essays wie »Mesure de la France« und »Genève ou Moscou«, bevor er – durch die Pariser Straßenschlachten des Feb­ruars 1934 in Ekstase versetzt – zu seiner eigenen, dezidiert paneuropäischen Interpretation der faschistischen Ideologie kam. Diese Weltsicht, zeitweise verbunden mit einer schwärmerischen Fehldeutung des Nationalsozialismus und durch die konkrete historische Situation der erwarteten und rasch eingetroffenen französischen Niederlage evoziert, führte Drieu in die Kollaboration.

Von faschistischer Theoriebildung ist indes im nun aufgelegten Prestigeband wenig spürbar. Die vom Ernst-Jünger-Übersetzer Julien Hervier und drei weiteren Forschern kundig eingeleitete, kommentierte und durch eine Bibliographie abgerundete Textsammlung umfaßt zehn essentielle Romane und Novellen des tragisch gescheiterten Autors; nur die ironisierende Darstellung der Sehnsucht nach dem großen Retter, L’Homme à cheval (in der deutschen Fassung Der bolivianische Traum), wird vermißt.

Die neugedruckten Schriften sind zwar größtenteils – auch für den deutschen Leser – einzeln zugänglich, besitzen aber in dieser konzentrierten bibliophilen Zusammenstellung einen außerordentlichen Reiz. Überdies konnten die Herausgeber einige bis dato unveröffentlichte Textstücke ausfindig machen. Während es sich etwa bei der Novellensammlung La Comédie de Charleroi und dem Familienroman Verträumte Bourgeoisie lediglich um kurze Passagen handelt, werden den Lesern bei Drieus Hauptwerk Gilles (dt. Die Unzulänglichen) immerhin drei vom Autor einst selbst gestrichene Kapitel zugänglich gemacht.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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