5. Todestag Günter Rohrmoser

(Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012.)

von Harald Seubert

Günter Rohrmoser gehörte der legendären Schule von Joachim Ritter in Münster an. Er studierte in der für ihn kennzeichnenden Bandbreite zugleich Evangelische Theologie bei Carl Heinz Ratschow und Volkswirtschaftslehre bei Alfred Müller-Armack.

 Gastbeitrag

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In einem tur­bu­len­ten Pro­mo­ti­ons­ver­fah­ren, in dem Rit­ter und der Ger­ma­nist Ben­no von Wie­se auf die Höchst­no­te votier­ten, die Anglis­ten die Arbeit schei­tern las­sen woll­ten, wur­de er mit einer Stu­die über die Shake­speare-Rezep­ti­on in der deut­schen Geis­tes­ge­schich­te in Müns­ter pro­mo­viert. Sie führ­te die Gun­dolf­sche Shake­speare- Deu­tung auf den geschicht­li­chen Zei­ten­bruch der Epo­che Shake­speares zurück. Die Habi­li­ta­ti­on folg­te 1961 in Köln bei Lud­wig Land­gre­be mit einer Arbeit über den jun­gen Hegel. In ihr legt Rohr­mo­ser den Grund zu sei­ner lebens­lan­gen reli­gi­ons- und rechts­phi­lo­so­phi­schen Zeit­dia­gnos­tik, die auf Hegel rekur­riert. Mit Rit­ter ver­steht er Hegel als Den­ker der Frei­heit, der aber zugleich ihre dro­hen­de Selbst­zer­stö­rung reflek­tiert habe.

Rohr­mo­ser lehr­te zunächst als Pro­fes­sor an der Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le in Müns­ter und als Pri­vat­do­zent in Köln. Dort sind sei­ne mit gro­ßem rhe­to­ri­schem Schwung und weit­ge­hend frei gehal­te­nen Vor­le­sun­gen früh ein Magnet gewe­sen. Zeit­wei­se hat­te er an die 1 000 Hörer. Rohr­mo­ser nahm schon in den frü­hen sech­zi­ger Jah­ren die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Mar­xis­mus und der Kri­ti­schen Theo­rie offen­siv auf. Von Hegel her hat­te er einen Maß­stab, um die mar­xis­ti­sche und neo­mar­xis­ti­sche Theo­rie­bil­dung zu kon­ter­ka­rie­ren. Zunächst eher der SPD nahe­ste­hend, wur­de er, nach­dem sich eine Beru­fung nach Köln auch durch kol­le­gia­le Intri­gen des Köl­ner Ordi­na­ri­us Volk­mann-Schluck zer­schla­gen hat­te, 1976 durch den dama­li­gen baden-würt­tem­ber­gi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten, Hans Fil­bin­ger, als Ordi­na­ri­us für Sozi­al­phi­lo­so­phie an die Uni­ver­si­tät Hohen­heim beru­fen, wo er bis zu sei­nem Tode lehr­te und wo ihm, nach anfäng­li­chen Schwie­rig­kei­ten durch die ver­faß­te lin­ke Stu­den­ten­schaft, gera­de aus dem Stutt­gar­ter Bür­ger­tum eine gro­ße Hör­erge­mein­de zuwuchs.

Seit 1979 war Rohr­mo­ser Spi­ri­tus rec­tor bei der Begrün­dung des Stu­di­en­zen­trums Wei­kers­heim durch Hans Fil­bin­ger. Aus den zahl­rei­chen ein­fluß­rei­chen Vor­trä­gen und den Vor­le­sun­gen ent­stand ein beacht­li­ches Werk, das – ohne Ten­den­zen zur Reak­ti­on und in star­ker Abgren­zung gegen­über der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on – einen christ­li­chen Kon­ser­va­tis­mus für die Moder­ne begrün­den woll­te. Hegel, spä­ter auch Luther, waren dabei Rohr­mo­sers wich­tigs­te Gewährs­män­ner. Er nutz­te das gro­ße Erbe der Geis­tes­ge­schich­te und ihre Tra­di­tio­nen aber als einen Spie­gel, um die Ver­wer­fun­gen der Gegen­wart bes­ser zu erken­nen. Der epo­cha­le Streit zwi­schen Rechts- und Links­he­ge­lia­nern war ihm in der Fol­ge von Kojè­ve der Schlüs­sel für die ideo­lo­gi­schen Front­li­ni­en des 20. Jahr­hun­derts. Auch Carl Schmitts Leh­re vom Katechon­ten und der Hegel­sche Begriff eines sitt­li­chen Staa­tes, der die uni­ver­sa­le Frei­heit der moder­nen Welt aner­kennt, zugleich aber über­po­si­tiv die Tra­di­ti­ons­li­ni­en der Her­kunft recht­fer­tigt, waren für Rohr­mo­ser zen­tral. Im Sin­ne Hegels begriff er Phi­lo­so­phie als »ihre Zeit in Gedan­ken erfaßt«.

Rohr­mo­ser war davon über­zeugt, daß der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on von 1968 eine neue kon­ser­va­ti­ve Kul­tur­re­vo­lu­ti­on ent­ge­gen­zu­set­zen sei. Daß die »geis­ti­ge und mora­li­sche Wen­de «, die Hel­mut Kohl im Vor­feld der Bun­des­tags­wah­len 1983 in Aus­sicht gestellt hat­te, aus­blieb, wur­de für Rohr­mo­ser Indiz eines Deba­kels und der geis­ti­gen Lee­re der bür­ger­li­chen Par­tei­en. In die­ser Dia­gno­se soll­te er sich in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten wei­ter bestä­tigt sehen. Nach dem Ende des Ost­blocks erkann­te er scharf­sich­tig, daß der Libe­ra­lis­mus nicht (wie Fuku­ya­ma glau­ben machen woll­te) das »Ende der Geschich­te « bezeich­ne, son­dern im Zeit­al­ter sei­ner Durch­set­zung in sei­ne tiefs­te Kri­se kom­me. Dies war für Rohr­mo­ser Indiz des »Ernst­falls «. Beson­de­res Gewicht leg­te er nach 1989 auf die geis­ti­ge Zwie­spra­che zwi­schen Rus­sen und Deut­schen, in sei­nem Sin­ne: den »meta­phy­si­schen Völkern«.

Schrif­ten: Sub­jek­ti­vi­tät und Ver­ding­li­chung. Theo­lo­gie und Gesell­schaft im Den­ken des jun­gen Hegel, Güters­loh 1961; Das Elend der kri­ti­schen Theo­rie. Theo­dor W. Ador­no, Her­bert Mar­cu­se, Jür­gen Haber­mas, Frei­burg i. Br. 1970; Zäsur. Wan­del des Bewußt­seins, Stutt­gart 1980; Reli­gi­on und Poli­tik in der Kri­se der Moder­ne, Graz/Wien/Köln 1989; Der Ernst­fall. Zur Kri­se unse­rer libe­ra­len Repu­blik, Ber­lin 1994; Geis­ti­ge Wen­de. Christ­li­ches Den­ken als Fun­da­ment des Moder­nen Kon­ser­va­ti­vis­mus, Mün­chen 2000; Kul­tur­re­vo­lu­ti­on in Deutsch­land. Phi­lo­so­phi­sche Inter­pre­ta­tio­nen der geis­ti­gen Situa­ti­on unse­rer Zeit, hrsg. v. Harald Seu­bert, Grä­fel­fing 2008; Glau­be und Ver­nunft am Aus­gang der Moder­ne. Hegel und die Phi­lo­so­phie des Chris­ten­tums, mit einem Vor- u. Nach­wort hrsg. v. Harald Seu­bert, St. Otti­li­en 2009.

Lite­ra­tur: Phil­ipp Jenninger/Rolf W. Peter/Harald Seu­bert (Hrsg.): Tamen! Gegen den Strom. Gün­ter Rohr­mo­ser zum 80. Geburts­tag, Stutt­gart 2007.

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