16. September 2013

5. Todestag Günter Rohrmoser

Gastbeitrag

9783935063562(Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012.)

von Harald Seubert

Günter Rohrmoser gehörte der legendären Schule von Joachim Ritter in Münster an. Er studierte in der für ihn kennzeichnenden Bandbreite zugleich Evangelische Theologie bei Carl Heinz Ratschow und Volkswirtschaftslehre bei Alfred Müller-Armack.

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In einem turbulenten Promotionsverfahren, in dem Ritter und der Germanist Benno von Wiese auf die Höchstnote votierten, die Anglisten die Arbeit scheitern lassen wollten, wurde er mit einer Studie über die Shakespeare-Rezeption in der deutschen Geistesgeschichte in Münster promoviert. Sie führte die Gundolfsche Shakespeare- Deutung auf den geschichtlichen Zeitenbruch der Epoche Shakespeares zurück. Die Habilitation folgte 1961 in Köln bei Ludwig Landgrebe mit einer Arbeit über den jungen Hegel. In ihr legt Rohrmoser den Grund zu seiner lebenslangen religions- und rechtsphilosophischen Zeitdiagnostik, die auf Hegel rekurriert. Mit Ritter versteht er Hegel als Denker der Freiheit, der aber zugleich ihre drohende Selbstzerstörung reflektiert habe.

Rohrmoser lehrte zunächst als Professor an der Pädagogischen Hochschule in Münster und als Privatdozent in Köln. Dort sind seine mit großem rhetorischem Schwung und weitgehend frei gehaltenen Vorlesungen früh ein Magnet gewesen. Zeitweise hatte er an die 1 000 Hörer. Rohrmoser nahm schon in den frühen sechziger Jahren die Auseinandersetzung mit dem Marxismus und der Kritischen Theorie offensiv auf. Von Hegel her hatte er einen Maßstab, um die marxistische und neomarxistische Theoriebildung zu konterkarieren. Zunächst eher der SPD nahestehend, wurde er, nachdem sich eine Berufung nach Köln auch durch kollegiale Intrigen des Kölner Ordinarius Volkmann-Schluck zerschlagen hatte, 1976 durch den damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten, Hans Filbinger, als Ordinarius für Sozialphilosophie an die Universität Hohenheim berufen, wo er bis zu seinem Tode lehrte und wo ihm, nach anfänglichen Schwierigkeiten durch die verfaßte linke Studentenschaft, gerade aus dem Stuttgarter Bürgertum eine große Hörergemeinde zuwuchs.

Seit 1979 war Rohrmoser Spiritus rector bei der Begründung des Studienzentrums Weikersheim durch Hans Filbinger. Aus den zahlreichen einflußreichen Vorträgen und den Vorlesungen entstand ein beachtliches Werk, das – ohne Tendenzen zur Reaktion und in starker Abgrenzung gegenüber der Konservativen Revolution – einen christlichen Konservatismus für die Moderne begründen wollte. Hegel, später auch Luther, waren dabei Rohrmosers wichtigste Gewährsmänner. Er nutzte das große Erbe der Geistesgeschichte und ihre Traditionen aber als einen Spiegel, um die Verwerfungen der Gegenwart besser zu erkennen. Der epochale Streit zwischen Rechts- und Linkshegelianern war ihm in der Folge von Kojève der Schlüssel für die ideologischen Frontlinien des 20. Jahrhunderts. Auch Carl Schmitts Lehre vom Katechonten und der Hegelsche Begriff eines sittlichen Staates, der die universale Freiheit der modernen Welt anerkennt, zugleich aber überpositiv die Traditionslinien der Herkunft rechtfertigt, waren für Rohrmoser zentral. Im Sinne Hegels begriff er Philosophie als »ihre Zeit in Gedanken erfaßt«.

Rohrmoser war davon überzeugt, daß der Kulturrevolution von 1968 eine neue konservative Kulturrevolution entgegenzusetzen sei. Daß die »geistige und moralische Wende «, die Helmut Kohl im Vorfeld der Bundestagswahlen 1983 in Aussicht gestellt hatte, ausblieb, wurde für Rohrmoser Indiz eines Debakels und der geistigen Leere der bürgerlichen Parteien. In dieser Diagnose sollte er sich in den folgenden Jahrzehnten weiter bestätigt sehen. Nach dem Ende des Ostblocks erkannte er scharfsichtig, daß der Liberalismus nicht (wie Fukuyama glauben machen wollte) das »Ende der Geschichte « bezeichne, sondern im Zeitalter seiner Durchsetzung in seine tiefste Krise komme. Dies war für Rohrmoser Indiz des »Ernstfalls «. Besonderes Gewicht legte er nach 1989 auf die geistige Zwiesprache zwischen Russen und Deutschen, in seinem Sinne: den »metaphysischen Völkern«.

Schriften: Subjektivität und Verdinglichung. Theologie und Gesellschaft im Denken des jungen Hegel, Gütersloh 1961; Das Elend der kritischen Theorie. Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Jürgen Habermas, Freiburg i. Br. 1970; Zäsur. Wandel des Bewußtseins, Stuttgart 1980; Religion und Politik in der Krise der Moderne, Graz/Wien/Köln 1989; Der Ernstfall. Zur Krise unserer liberalen Republik, Berlin 1994; Geistige Wende. Christliches Denken als Fundament des Modernen Konservativismus, München 2000; Kulturrevolution in Deutschland. Philosophische Interpretationen der geistigen Situation unserer Zeit, hrsg. v. Harald Seubert, Gräfelfing 2008; Glaube und Vernunft am Ausgang der Moderne. Hegel und die Philosophie des Christentums, mit einem Vor- u. Nachwort hrsg. v. Harald Seubert, St. Ottilien 2009.

Literatur: Philipp Jenninger/Rolf W. Peter/Harald Seubert (Hrsg.): Tamen! Gegen den Strom. Günter Rohrmoser zum 80. Geburtstag, Stuttgart 2007.


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