110. Geburtstag Gerhard Nebel

9783935063562(Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012.)

Unmittelbar nach dem Kriegsende 1945, in den Jahren bis zur Gründung der Bundesrepublik, gehörte Gerhard Nebel zu den produktivsten und interessantesten Autoren, die nicht aus der Emigration zurückkehrten oder durch ihr Engagement im Dritten Reich diskreditiert waren, sondern erst jetzt an die Öffentlichkeit traten.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Nebel hat­te bis dahin einen recht wech­sel­vol­len Lebens­weg hin­ter sich. 1903 als Sohn eines Volks­schul­leh­rers in Des­sau gebo­ren, ver­lor er früh bei­de Eltern und leb­te seit 1918 bei sei­nem älte­ren Bru­der in Koblenz, wo er auch das Abitur ableg­te und sich kurz­zei­tig als Jour­na­list ver­such­te. Sein Stu­di­um der Phi­lo­so­phie und Alt­phi­lo­lo­gie, u. a. bei Mar­tin Hei­deg­ger und Karl Jas­pers, schloß er 1927 bei Ernst Hoff­mann in Hei­del­berg mit einer Dis­ser­ta­ti­on über Plo­tin ab. Anschlie­ßend war Nebel als Refe­ren­dar an Gym­na­si­en in Köln und Düs­sel­dorf und leg­te die bei­den Staats­exami­na ab. Von einer Ver­tre­tungs­stel­le wur­de er wegen sozia­lis­ti­scher Agi­ta­ti­on ent­las­sen und trat in die SPD ein, die er bald wie­der ver­ließ, um sich an der Grün­dung der mar­xis­ti­schen SAP zu betei­li­gen, der auch Wil­ly Brandt angehörte.

1933 ging er wie­der in den Schul­dienst, wo er bis zu sei­ner Ein­be­ru­fung 1941 blieb. Unter­bro­chen wur­de sein Leh­rer­da­sein durch eini­ge Aus­lands­auf­ent­hal­te (Nord- und Ost­afri­ka). Durch die Jün­ger-Lek­tü­re ange­regt, ent­stan­den seit 1936 ers­te schrift­stel­le­ri­sche Arbei­ten (Feu­er und Was­ser, 1939). Als Sol­dat wur­de er 1941 nach Paris ver­setzt und traf dort mit Ernst Jün­ger zusam­men. Regime­kri­ti­sche Bemer­kun­gen und sein Auf­satz »Auf dem Flie­ger­horst« (1942) führ­ten zu sei­ner Straf­ver­set­zung auf die Kanal­in­sel Ald­er­ney. Das Kriegs­en­de erleb­te er als Dol­met­scher in Ita­li­en. Nach dem Krieg schloß Nebel Freund­schaft mit Carl Schmitt, Ernst Jün­ger, Armin Moh­ler und Erhart Käs­t­ner und publi­zier­te neben zeit­kri­ti­schen Essays vor allem sei­ne Kriegs­ta­ge­bü­cher (ins­ge­samt 3 Bde., 1948–1950), die ihm viel Aner­ken­nung einbrachten.

Ein wei­te­rer Schwer­punkt die­ser Jah­re lag auf der Beschäf­ti­gung mit dem Werk Ernst Jün­gers, so daß Nebel vor allem als Jün­ger-Adept wahr­ge­nom­men wur­de. Das änder­te sich erst, als es 1951 zum Bruch mit Jün­ger kam und Nebel in sei­nen Büchern ande­re Akzen­te setz­te. Dabei spiel­te Nebels Hin­wen­dung zum Chris­ten­tum eine gro­ße Rol­le, die­zwar schon in der Kriegs­ge­fan­gen­schaft begon­nen hat­te, sich aber erst jetzt auf sein schrift­stel­le­ri­sches Schaf­fen aus­wirk­te. Beson­ders deut­lich wur­de das bei Nebels Ver­such, die grie­chi­sche Tra­gö­die vom christ­li­chen Glau­ben her zu deu­ten (Welt­angst und Göt­ter­zorn, 1951). Dazu bedien­te sich Nebel der Unter­schei­dung zwi­schen Rea­li­tät und Wirk­lich­keit, der zwar etwas Gewalt­sa­mes anhaf­tet, die aber ein wesent­li­ches Pro­blem kon­ser­va­ti­ven Han­delns, das sich in der Gegen­wart bewäh­ren muß, deut­lich macht. Wäh­rend die Rea­li­tät, die hand­greif­li­chen Din­ge, ver­än­der­bar ist und sein muß, ist die Wirk­lich­keit, als Wirk­be­reich Got­tes, davon aus­ge­nom­men. Ein Zeit­al­ter müs­se sich immer dar­an mes­sen las­sen, wel­ches Ver­hält­nis der bei­den Sphä­ren in ihm gilt. Die Schwie­rig­keit besteht in der jewei­li­gen Zuord­nung, die auch Nebel nicht immer über­zeu­gend gelun­gen ist.

Eben­so­wich­tig ist der Begriff des Ereig­nis­ses für Nebel. Das Ereig­nis rei­ße den Men­schen aus der Gegen­wart und sei die ein­zi­ge Mög­lich­keit, den Men­schen aus sei­ner Gegen­warts­ver­haf­tung zu befrei­en. Dafür sei eine Offen­heit von­nö­ten, der Mensch müs­se bereit sein, sich ergrei­fen zu las­sen. Nebel stell­te hier den Zusam­men­hang zwi­schen Gott und dem Schö­nen her und deu­te­te die grie­chi­sche Tra­gö­die als Vor­of­fen­ba­rung des christ­li­chen Got­tes. Im Zuge die­ser Annah­me hat er fast die gan­ze grie­chi­sche Geis­tes­ge­schich­te durch­mus­tert, von Homer und Pin­dar über die Tra­gö­die bis zu Sokra­tes und Pla­ton. Nebels Anlie­gen war dabei kein anti­qua­ri­sches, son­dern immer an der Fra­ge ori­en­tiert, wie eine Über­win­dung der Rea­li­tät in der Gegen­wart mög­lich sei. Die­sem Ziel dien­ten nicht zuletzt sei­ne zahl­rei­chen Rei­sen inner­halb Euro­pas und Nord­afri­kas. Sei­ne Rei­se­be­rich­te, die in Buch­form oder als Auf­satz (Nebel war regel­mä­ßi­ger Autor der Zeit­schrift Meri­an) erschie­nen und recht popu­lär waren, zeu­gen davon.

Nebel war ein kon­ser­va­ti­ver Den­ker, der weder einem Ver­lust nach­trau­er­te, noch eine gute alte Zeit her­auf­be­schwor. Sei­ne Kri­tik am Zeit­geist ist Aus­druck sei­ner Sor­ge um den Men­schen. Da er um des­sen Bedürf­tig­keit wuß­te, mach­te Nebel der tech­ni­schen Zivi­li­sa­ti­on den Anspruch auf Erlö­sung durch Fort­schritt strei­tig. Er ver­wies dar­auf, daß der Mensch die Ele­men­te, die Natur und die Land­schaft braucht, um er selbst zu sein. Aber auch dar­auf, daß der Mensch zwi­schen Gott und Welt steht und sich die­sem tra­gi­schen Ver­hält­nis nicht ent­zie­hen kann. Nebels blei­ben­de Bedeu­tung liegt in der wort­mäch­ti­gen Deut­lich­keit, mit der er auf die anti­no­mi­sche Situa­ti­on des Men­schen hin­wies. Daß Nebel spä­tes­tens seit den sech­zi­ger Jah­ren kaum noch öffent­lich wahr­ge­nom­men wur­de, liegt im sich immer extre­mer gebär­den­den Zeit­geist begrün­det, der Nebel nur im Glau­ben Hoff­nung schöp­fen ließ. Es gibt aber bis heu­te eine treue Leser­ge­mein­de Nebels, zu der u. a. Kurt Hüb­ner und Botho Strauß gehören.

Schrif­ten: Feu­er und Was­ser, Ham­burg 1939; Ernst Jün­ger. Aben­teu­er des Geis­tes, Wup­per­tal 1949; Unter Par­ti­sa­nen und Kreuz­fah­rern, Stutt­gart 1950; Welt­angst und Göt­ter­zorn. Eine Deu­tung der grie­chi­schen Tra­gö­die, Stutt­gart 1951; Das Ereig­nis des Schö­nen, Stutt­gart 1953; An den Säu­len des Hera­kles. Anda­lu­si­sche und marok­ka­ni­sche Begeg­nun­gen, Ham­burg 1957; Pin­dar und die Del­phik, Stutt­gart 1961; Hin­ter dem Wal­de. 16 Lek­tio­nen für Zeit­ge­nos­sen, Ham­burg 1964; Sprung von des Tigers Rücken, Stutt­gart 1970; Hamann, Stutt­gart 1973; »Alles Gefühl ist leib­lich«. Ein Stück Auto­bio­gra­phie, hrsg. v. Nico­lai Rie­del, Mar­bach am Neckar 2003.

Lite­ra­tur: Erik Leh­nert: Ger­hard Nebel. Wäch­ter des Nor­ma­ti­ven, Schnell­ro­da 2004.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.