125. Geburtstag T. S. Eliot

(Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012.)

von Till Kinzel

Der Dichter und Literatur-Nobelpreisträger (1948) absolvierte ein Studium der Philosophie in Harvard,...

 Gastbeitrag

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wo ihn u. a. Geor­ge San­ta­ya­na und Josiah Roy­ce beein­druck­ten, die bei­de stark von deut­scher Phi­lo­so­phie geprägt waren. Er ver­faß­te eine Dis­ser­ta­ti­on über den Idea­lis­ten F. H. Brad­ley, konn­te sie aber kriegs­be­dingt nicht mehr verteidigen.

Der gebür­ti­ge Ame­ri­ka­ner Eli­ot iden­ti­fi­zier­te sich nach sei­ner Über­sied­lung nach Euro­pa schnell mit Eng­land als geis­ti­ger Hei­mat und über­nahm den eng­li­schen Habi­tus in Klei­dung und Stil. Die­sem anti­sen­ti­men­ta­len Stil ent­sprach auch sei­ne Zurück­hal­tung, Per­sön­li­ches öffent­lich zu machen. Eli­ot prak­ti­zier­te den Stil des Gen­tle­man, der sich kor­rekt und sau­ber klei­de­te und, wie Her­bert Read bemerk­te, »weder im Den­ken noch im Erschei­nungs­bild jemals ein Bohe­mi­en war«. Damit mar­kier­te Eli­ot auch nach außen hin unmiß­ver­ständ­lich sei­ne Distanz zu allen For­men der stil­lo­sen Roman­tik, ins­be­son­de­re aber auch zur Bloo­ms­bu­ry-Group um Vir­gi­nia Woolf, die sich bekannt­lich ent­setzt über Eli­ots Hin­wen­dung zum Glau­ben äußerte.

Poli­tisch steht die von Eli­ot ent­wi­ckel­te Idee einer »christ­li­chen Gesell­schaft« in eini­ger Span­nung zur sozia­len und poli­ti­schen Pra­xis der west­li­chen Demo­kra­tien; für Eli­ot stell­te sich die Alter­na­ti­ve der Bil­dung einer neu­en christ­li­chen Kul­tur oder der Beja­hung einer paga­nen Kul­tur. Star­ke Impul­se für sein poli­ti­sches Den­ken im Sin­ne einer »klas­si­schen« Ori­en­tie­rung emp­fing Eli­ot durch die Lek­tü­re von Wer­ken Charles Mau­rras’ und T. E. Hul­mes, der als »kon­ser­va­ti­ver Revo­lu­tio­när aus Eng­land « (Peter Hoe­res) gilt. Im Gefol­ge sei­ner reli­giö­sen Ent­wick­lung und sei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit Dan­te kam er zu der Ein­sicht einer über­in­di­vi­du­el­len Qua­li­tät eines tra­di­tio­nel­len Glau­bens- und Moral­sys­tems. Die­ses bestehe als etwas, das vom ein­zel­nen unter­schie­den ist und von die­sem sogar ohne Glau­ben ver­stan­den und bejaht wer­den könne.

Eli­ots Ver­ständ­nis der Tra­di­ti­on im Bereich der Lite­ra­tur läßt sich auch auf die Gesell­schaft ins­ge­samt über­tra­gen: Tra­di­ti­on allein genügt nicht, weil die­se stän­dig erneu­ert wer­den muß; die krea­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit der Tra­di­ti­on braucht aber nach Eli­ot auch die Ori­en­tie­rung an dem, was er Ortho­do­xie nennt, also eine intel­lek­tu­ell anspruchs­vol­le Arti­ku­la­ti­on der Prin­zi­pi­en und Prak­ti­ken des rich­ti­gen Lebens und Den­kens. Eli­ots lite­ra­tur­ge­schicht­li­che Bedeu­tung beruht vor allem auf sei­ner Lyrik, die zu den kano­ni­schen Wer­ken der lite­ra­ri­schen Moder­ne gehört. Nach sei­ner reli­giö­sen Kri­se im Jahr 1925 wird der spi­ri­tu­el­le und gera­de­zu mys­ti­sche Aspekt sei­ner Dich­tung unüber­seh­bar, vor allem in Ash Wed­nes­day von 1930, und kul­mi­niert einer­seits in dem in Ver­sen abge­faß­ten theo­lo­gisch- poli­ti­schen His­to­ri­en­dra­ma Mur­der in the Cathe­dral (1935), das von Rudolf Alex­an­der Schrö­der ins Deut­sche über­tra­gen wur­de; ande­rer­seits in den Four Quar­tets, die man als Eli­ots Sum­me der dich­te­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit der reli­giö­sen und mys­ti­schen Erfah­rung sowie der phi­lo­so­phi­schen Tra­di­ti­on seit den Vor­so­kra­ti­kern ver­ste­hen kann.

Die Bedeu­tung Eli­ots für eine kon­ser­va­ti­ve Kul­tur­kri­tik könn­te im 21. Jahr­hun­dert deut­lich zuneh­men, so wie auch sei­ne Sta­tur als Dich­ter nach eini­gen Jah­ren der Ver­nach­läs­si­gung erstaun­lich unbe­schä­digt aus den teils poli­tisch kor­rek­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen her­vor­ging. T. S. Eli­ots Tex­te, ins­be­son­de­re sei­ne zahl­rei­chen Essays, sind immer noch nicht voll­stän­dig in einer Werk­aus­ga­be ediert. Es ist zu erwar­ten, daß mit der wei­te­ren Publi­ka­ti­on von Brief­wech­seln und vor allem einer – drin­gend nöti­gen – voll­stän­di­gen Aus­ga­be sei­ner Essays und kri­ti­schen Schrif­ten die säku­la­re Bedeu­tung Eli­ots unter­stri­chen wird. Er wird daher als wich­ti­ge Inspi­ra­ti­ons­quel­le für einen Kon­ser­va­tis­mus auf dem höchs­ten geis­ti­gen Niveau unver­zicht­bar blei­ben. Nicht zuletzt Kon­ser­va­ti­ve wie Rus­sell Kirk oder Roger Scrut­on grif­fen Eli­ots Gedan­ken der »per­ma­nent things«, der über­dau­ern­den Sachen, auf – jener »Sachen«, die über die Zeit hin­aus Gül­tig­keit haben und sicher­stel­len, daß eine Gesell­schaft Frie­den und Zusam­men­halt gewährt und dem ein­zel­nen die Mög­lich­keit gibt, sich zu einer wahr­haft mensch­li­chen Per­son zu bilden.

Schrif­ten: After Stran­ge Gods. A Pri­mer of Modern Here­sy, Lon­don 1934; Mord im Dom, Ber­lin 1946; Essays (Wer­ke in vier Bän­den, Bd. 2 [Essays I] und 3 [Essays II]), Frank­furt a. M. 1967; Gedich­te 1909–1962 (Wer­ke 4), Frank­furt a. M. 1988; The Varie­ties of Meta­phy­si­cal Poe­try, Lon­don 1993; Das öde Land, Über­set­zung Nor­bert Hum­melt, Frank­furt a. M. 2008; The Let­ters, 2 Bde. [I: 1898–1922; II: 1923–1928], Lon­don 2009.

Lite­ra­tur: Peter Ack­royd: T. S. Eli­ot. Eine Bio­gra­phie, Frank­furt a. M. 1988; Rus­sell Kirk: Eli­ot and His Age. T. S. Eli­ot and the Moral Ima­gi­na­ti­on in the Twen­tieth Cen­tu­ry, Wilming­ton 2008; Roger Koje­cky: T. S. Eliot’s Social Cri­ti­cism, Lon­don 1972; Ste­fan Pla­sa: Knots and Vor­ti­ces. T. S. Eli­ots und Ezra Pounds Dich­tungs­theo­rie zwi­schen Tra­di­ti­on und Inno­va­ti­on, Pader­born 2010; Wolf­gang Rieh­le: T. S. Eli­ot, Darm­stadt 1979; Roger Scrut­on: T. S. Eli­ot as Con­ser­va­ti­ve Men­tor, in: The Inter­col­le­gia­te Review (Herbst 2003/Frühling 2004); Hel­mut Viebrock/Armin Paul Frank (Hrsg.): Zur Aktua­li­tät T. S. Eli­ots. Zum 10. Todes­tag, Frank­furt a. M. 1975.

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