Kerry Bolton: Revolution from Above

von Manfred Kleine-Hartlage

Jeder, der einmal versucht oder auch nur theoretisch erwogen hat, einen größeren geistig-politischen Umschwung herbeizuführen - von einer Revolution ganz zu schweigen -, weiß, daß dazu vor allem eines erforderlich ist: Geld.

 Gastbeitrag

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Geld bringt Jour­na­lis­ten dazu, bestimm­te The­men hoch- oder nie­der­zu­schrei­ben, Geld ver­an­laßt Pro­fes­so­ren, ihre Erkennt­nis­in­ter­es­sen denen ihrer Dritt­mit­tel­ge­ber anzu­pas­sen, Geld ermög­licht es, Zei­tun­gen und Fern­seh­sen­der zu kau­fen, mit Geld kann man Kur­se für Agi­ta­to­ren und sol­che, die es

wer­den wol­len, bezah­len, mit Geld eine Infra­struk­tur von “Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen” unter­hal­ten, und wenn all dies nicht reicht, kann man mit Geld Waf­fen kaufen.

Obwohl dies so offen­kun­dig ist, daß man es schon banal nen­nen muß, ist es zugleich ein Tabu­the­ma. Jeder weiß zwar, daß etwa die Bol­sche­wi­ki eine Orga­ni­sa­ti­on von “Berufs­re­vo­lu­tio­nä­ren” waren; und jeder, der dar­über nach­denkt, könn­te sich sagen, daß Berufs­re­vo­lu­tio­nä­re – wie alle ande­ren Berufs­tä­ti­gen auch – auf Arbeit­ge­ber oder Kun­den ange­wie­sen sind, die sie bezah­len. Und doch gilt die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on bis heu­te als das Werk eines gewis­sen Lenin, nicht etwa als das sei­ner Geld­ge­ber. Allen­falls gesteht man zu, daß die Mil­lio­nen­sum­men, die die deut­sche Regie­rung wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs zur Ver­fü­gung stell­te, eine gewis­se Rol­le gespielt haben mögen. Daß ent­spre­chen­de Sum­men aber schon lan­ge vor dem Ers­ten Welt­krieg an die Bol­sche­wis­ten und ande­re revo­lu­tio­nä­re Orga­ni­sa­tio­nen flos­sen, und daß sie kei­nes­wegs aus Deutsch­land stamm­ten, son­dern aus ame­ri­ka­ni­schen Finanz­krei­sen: Das ist zwar kein Geheim­nis, son­dern wohl­do­ku­men­tiert; im offi­ziö­sen Geschichts­bild kommt es aber nicht vor.

Dabei ist die Rus­si­sche Revo­lu­ti­on noch das­je­ni­ge The­ma, bei dem der kau­sa­le Zusam­men­hang zwi­schen den Inter­es­sen schwer­rei­cher Finan­ziers und der Ent­fes­se­lung der Revo­lu­ti­on am ehes­ten the­ma­ti­siert wer­den kann. Wer dage­gen fragt, war­um 1789 wie auf Kom­man­do in ganz Frank­reich Agi­ta­to­ren auf­tauch­ten, die ein gar nicht so unzu­frie­de­nes Volk auf­zu­het­zen ver­stan­den, sieht sich schnell als “Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker” abge­stem­pelt, und erst recht gilt dies für den, der den omi­nö­sen “Zeit­geist” hin­ter­fragt, der – man weiß nicht wie – seit rund hun­dert Jah­ren, spä­tes­tens aber seit dem Zwei­ten Welt­krieg, grund­sätz­lich nur von links zu wehen scheint.

Wie­der­um ist es nicht wirk­lich ein Geheim­nis, daß die­ser Zeit­geist kei­nes­wegs von selbst ent­stan­den ist, und es ist auch kein Geheim­nis, wer sei­ne Ent­ste­hung orga­ni­siert und finan­ziert hat: Die ver­ant­wort­li­chen Akteu­re rüh­men sich des­sen sogar und geben in ihren Ver­öf­fent­li­chun­gen detail­liert Aus­kunft dar­über. Und doch haben die­se all­ge­mein zugäng­li­chen Infor­ma­tio­nen kaum Ein­gang ins herr­schen­de poli­ti­sche Bewußt­sein gefunden.

In sei­nem Buch “Revo­lu­ti­on from Abo­ve”, das zur Zeit lei­der nur auf Eng­lisch ver­füg­bar ist, hat der neu­see­län­di­sche Autor Ker­ry Bol­ton die­se Infor­ma­tio­nen zusam­men­ge­tra­gen und zu einem theo­re­tisch über­zeu­gen­den und empi­risch unan­fecht­bar unter­mau­er­ten Gan­zen zusam­men­ge­fügt. Er weist über­zeu­gend – und dies aus­schließ­lich auf der Basis von Selbstzeug­nis­sen der ein­schlä­gi­gen Akteu­re! – nach, daß prak­tisch alle intel­lek­tu­el­len und poli­ti­schen Strö­mun­gen der Lin­ken im 20. Jahr­hun­dert, soweit sie nicht von der UdSSR finan­ziert wur­den, nur auf­grund der mil­li­ar­den­schwe­ren Unter­stüt­zung durch eine win­zi­ge Schicht von ame­ri­ka­ni­schen Super­rei­chen und deren Stif­tun­gen zum Zuge kom­men konn­ten. Zumin­dest hät­ten sie ohne die­se Unter­stüt­zung bei wei­tem nicht die Durch­schlags­kraft haben kön­nen, die sie haben.

Ein sol­cher Befund mag den­je­ni­gen über­ra­schen, der den Gegen­satz von Kapi­ta­lis­ten und Sozia­lis­ten immer noch für unüber­brück­bar hält. Tat­säch­lich war er das nie. Die Lin­ke leis­tet dem Kapi­tal viel­mehr gute Diens­te bei der Zer­stö­rung her­ge­brach­ter Struk­tu­ren, Bin­dun­gen und Wer­te. Sie pla­niert damit das Gelän­de, auf dem der glo­ba­le Kapi­ta­lis­mus errich­tet wird. Sie zer­stört rea­le, gewach­se­ne Soli­da­ri­tät im Namen einer fik­ti­ven und bloß ideo­lo­gisch pos­tu­lier­ten, und sie erzeugt damit die Gesell­schaft von ato­mi­sier­ten Ein­zel­nen, die auf ihre Rol­le als Pro­du­zen­ten und Kon­su­men­ten zurück­ge­wor­fen wer­den und als Mas­se so lenk­bar und nutz­bar sind wie eine Vieh­her­de. Das gilt für die rus­si­schen und chi­ne­si­schen Kom­mu­nis­ten, die eine tra­di­tio­nel­le agra­ri­sche Gesell­schaft ins Indus­trie­zeit­al­ter kata­pul­tier­ten und schließ­lich in den Welt­markt ein­ban­den; es gilt genau­so für die west­li­che Lin­ke mit ihrem Kampf gegen Nati­on, Tra­di­ti­on, Reli­gi­on und Familie.

Bol­tons Buch ist die pas­sen­de Ergän­zung zu mei­nen eige­nen Aus­füh­run­gen zu die­sem The­ma (in “Die libe­ra­le Gesell­schaft und ihr Ende”). Wo ich die Zusam­men­hän­ge abs­trakt ana­ly­sie­re, nennt er kon­kre­te Namen, Sum­men, Pro­fi­teu­re und Stra­te­gien. Stein­chen für Stein­chen ent­steht dabei das Mosa­ik einer lang­fris­ti­gen Stra­te­gie der ame­ri­ka­ni­schen Plu­to­kra­tie, die auf nicht mehr und nicht weni­ger hin­aus­läuft als auf eine Welt­re­vo­lu­ti­on – eben auf die Revo­lu­ti­on von oben, der das Buch sei­nen Titel verdankt.

Sol­che Bücher kön­nen auch ent­mu­ti­gen: Wie will man denn, so mag man­cher Leser fra­gen, einem Feind ent­ge­gen­tre­ten, der an allen Fron­ten unter Ein­satz schier unbe­grenz­ter Mit­tel auf dem Vor­marsch ist? Ist da nicht jeder Wider­stand von vorn­her­ein zumm Schei­tern verurteilt?

Ich selbst zie­he den umge­kehr­ten Schluß: Wenn der Feind Mil­li­ar­den­sum­men ein­setzt, dann des­halb, weil er es nötig hat. Wer gan­ze Völ­ker mit einem geschlos­se­nen Sys­tem von Lügen indok­tri­nie­ren muß, muß wesent­lich mehr inves­tie­ren als der, der es sich leis­ten kann, mit Wahr­hei­ten zu ope­rie­ren. Frei­lich recht­fer­tigt auch die­se Fest­stel­lung nicht eine in man­chen Krei­sen immer noch ver­brei­te­te nai­ve rech­te Sozi­al­ro­man­tik, die ohne pro­fes­sio­nel­le Struk­tu­ren aus­zu­kom­men glaubt, weil die Wahr­heit sich allein durch den Idea­lis­mus ihrer Ver­fech­ter durch­set­zen werde.

Ker­ry Bol­tons Buch ist inso­fern kein Anlaß zu Resi­gna­ti­on, wohl aber zu pro­duk­ti­ver Ernüch­te­rung: Wir kom­men mit weni­ger Geld aus als der Geg­ner, aber auch wir wer­den vie­le Mil­lio­nen Euro benö­ti­gen, um einen spür­ba­ren poli­ti­schen Effekt zu erzie­len. Es wird Zeit, daß die­se Ein­sicht sich unter den bes­ser betuch­ten Sym­pa­thi­san­ten der poli­ti­schen Rech­ten herumspricht.

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Kommentare (2)

Walter

17. September 2013 08:33

prägnanter und stichhaltiger Artikel. vielen dank für die ausgiebigen und konkreten Zusammenhänge über Kapitalismus und Sozialismus. so manchem würden solche aussagen im halse stecken bleiben, jedoch nur aufgrund ideologischer scheuklappen.

JeanJean

17. September 2013 10:07

Auch wenn ja gerade eine Kontroverse tobt, bei der Horowitz keine gute Figur abgibt und Horowitz natürlich ein Anhänger des Liberalismus ist, kann man das verlinkte video doch mit Gewinn ansehen. "The new Leviathan", Horowitz' Buch, befasst sich mit der Macht und Rolle der Stiftungen in der politischen Auseinandersetzung der USA.

https://www.youtube.com/watch?v=e6hMDtoMALk

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