Sezession
30. April 2009

Chemnitzer Freie Presse

Götz Kubitschek / 13 Kommentare

sichtbar-eingeschuchtertSachverhalte in denunziatorischer Absicht falsch darzustellen mag im politischen Geschäft gang und gäbe sein - für eine Zeitung ist es unangemessen. Heute hat die Chemnitzer Freie Presse einen Artikel gebracht, der sich zum einen mit der Protestaktion im Stadtparlament, zum anderen mit einer Buchpräsentation beschäftigt, die Felix Menzel und ich vorgestern in Chemnitz durchführten.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Von der Chemnitzer Freien Presse war kein Vertreter vor Ort. Die Informationen stammen aus zweiter Hand, und was Felix Menzel gestern selbst dem Journalisten Alexander Dinger am Telefon erzählen konnte, fand keine Aufnahme in den Text.

Lesen Sie also den Beitrag und dann das, was ich zu korrigieren habe: Wir müssen die Kulissen wegrücken, die das wirkliche Leben verdecken, und ich möchte grundsätzliches vorausschicken: Selbst ohne Verzerrung hätte es für die Chemnitzer Freie Presse genug Interessantes und - aus ihrer Sicht - Bedenkliches über den Vortragsabend zu berichten gegeben. Man kann ja als Organ jederzeit einen eher linken Blick auf das Geschehen werfen, und wenn ich mich einmal hineinversetze in einen Alexander Dinger etwa, dann hätte ich folgendes beobachten und beschreiben können:

- Etwa 65 Leute sind zur Buchpräsentation in einem Hörsaal der Chemnitzer Universität erschienen, davon waren geschätzt 25 von der Antifa und von linken Gruppen. Sie hatten rote und lila Luftballons dabei, die sie vor und während der Veranstaltung aufbliesen. Einige trugen Sonnenbrillen, um  nicht erkannt zu werden.
- Es gab keine Türsteher: Der Veranstalter, ein Student, stand an der Tür und begrüßte die Hörer.
- Von den übrigend Zuhörern waren rund 10 optisch als eher handfest "rechts" einzustufen. Dieser Anteil erhöhte sich während der ersten Viertelstunde des Vortrags: zwei Dreiergruppen aus dem Kameradschafts-Milieu drängten verspätet in den hinteren Teil des Raumes.
- Wir fotographierten ausgiebig. Manche Antifas drehten sich weg oder verdeckten ihre Gesichter.
- Der Veranstalter, ein Politologie-Student, sprach in seiner Begrüßung die Antifa direkt an, zeigte, daß er einige von den möglichen Störern kannte, forderte Ruhe und wies auf sein Hausrecht hin.
- Ich selbst stellte als Verleger meinen Autor Felix Menzel vor und forderte mit Hinweis auf die Universität als Ort eine gern heftige, jedoch gewaltlose Diskussion. Alles andere sei in den Räumen einer Universität völlig unangemessen.
- Danach trug Menzel in zwei Teilen seine Gedanken zu Medienritualen und zur Ikonisierung vor. Die Diskussion war lebhaft und kritisch, und die Antifa verließ in Gruppen bis auf einen Rest von vielleicht fünf Leuten vorzeitig den Raum.
- Irgendwann gegen Ende des Vortrags kamen zwei Polizeibeamte ziemlich polterig in den Raum, setzten sich für ein paar Minuten und zogen wieder ab. Gerufen worden waren sie nicht von uns, sondern von einer Studentin, "aus Angst", wie sie angab.
- Die Veranstaltung ging ruhig zu Ende.

Was war das? Ein Vortrag in wenigstens zu Anfang recht aufgeheizter Stimmung. Die Antifa hatte mehr vor, keine Frage, sie taxierte, was man wagen könnte. Interessant, daß es ruhig blieb, das wird an einer Mischung aus drei Gründen liegen: 1. Wir waren nicht eingeschüchtert, sondern verbal angriffslustig, 2. wir hätten ordentlich handfeste Unterstützung bekommen, 3. Menzels Vortrag war gut und brachte Punkte, die auch für linke Theoretiker hochinteressant sind: Massensteuerung durch Ikonisierung (bis hin zum Marktfetischismus nach Marx) war so ein Stichwort.

Als Journalist der Chemnitzer Freien Presse hätte ich auch auf zwei Dinge hingewiesen: daß es also Rechtsintellektuelle gibt, die man weder körperlich noch argumentativ eingeschüchtert kriegt, mit denen man also rechnen muß, sollte das Chemnitzer Beispiel Schule machen; und daß diese Leute ohne Sonnenbrille, sondern mit fotographierbarem Gesicht und mit vollem Namen ihre Sache vertreten, während im Publikum der "Gegner" gern inkognito blieb - ein Gegner übrigens, der dann einen Redner niederbrüllt, wenn er weiß, daß es für ihn dabei nicht dramatisch wird.