Sezession
9. Oktober 2013

Die Besserer

Gastbeitrag / 11 Kommentare

Archevon Heino Bosselmann

Mit seinen Diskriminierungsverboten und Gleichstellungsbeauftragungen versteht sich die Bundesrepublik in vielfacher Hinsicht als barrierefreies Land. Abgesehen von den ohnehin verklärten skandinavischen Staaten und deren Kapitalismus mit sozialistischem Antlitz, dürfte es kaum ein Land mit so glockenheller Gerechtigkeitsrhetorik geben wie das unsere.

Keine politische Selbstdarstellung kommt mehr ohne das Ventilieren von Bekenntnissen zu Toleranz, Integration, Inklusion, Bildungsgerechtigkeit, Transparenz aus. Mittlerweile etablieren sich diese Worthülsen und Stereotype so hartnäckig wie früher ideologische Floskeln, die in ähnlicher Weise „Grundvereinbarungen“ beschworen, welche kaum jemand je vereinbart hatte.

Offenbar existiert von Partei- bis Kirchentagen ein Konsens, der sich sicher darin ist, das Land und die Welt mit Beschlußlagen verbessern zu können. Vielleicht ist dies der Tradition Hegelscher Rechtsphilosophie geschuldet. Die politische Klasse hat damit begonnen, sich das an der Historie geläuterte Deutschland als eine Ganztagsschule vorzustellen, in der – bei richtiger Anleitung – endlich alle gleich sind, kurioserweise gerade in deren betonter Verschiedenheit, einerlei, mit welchen Voraussetzungen sie eintreten.

Nein, schon falsch! Es sollen gar keine unterschiedlichen Voraussetzungen gelten. Schon deswegen steht jede Forderung, die sich über die Garantie von Rechten hinaus noch auf Pflichten zu verweisen wagt – vor allem auf jene, selbst Initiative zu zeigen – schon im üblen Verdacht einer allzu drastischen Diskriminierung. Diskriminieren heißt unterscheiden. Nur das nicht! Von daher, so der intendierte Vorwurf, ist’s nicht mehr weit zur Selektion! Gleiches Recht für alle, dieser urliberale Grundsatz, genügt nicht mehr. Vielmehr soll es lust- und freudvoll zugehen und bitte alles sehr einvernehmlich geschehen. Jeder wird dort abgeholt, wo er steht, gerade wenn er null Bock darauf hat. Keine Bedingungen stellen, sondern bitte alles dientleistend zureichen und dann als Verdienst des Betreuten ausweisen. – Positiv denken! Bitte keine Negativdiskussionen! Das WIR entscheidet! Defizite? Darf es nicht geben! Also Lernbehinderte raus aus der Sonderbetreuung, denn das klingt beinahe wie Sonderbehandlung . Und hinein ins Gymnasium! Selbstverständlich! Es gibt einfühlsame Förderangebote, und die egoistischen Hochleister mögen doch bitte mal zurückstecken!

Mag es sein, daß hier gesellschaftspsychologisch ein geradezu freudianisch anmutender ambivalenter Vorgang des Verschiebens erfolgt? Pumpt man mittels Sprechblasen um so mehr Wärme ins System, weil es im Wirtschaftlichen und Sozialen kälter wird, ja die Republik in ihrer ökonomischen Versachlichung wie von Kühlrippen durchzogen wirkt? Gerade weil immer weniger zur Reproduktion des bloßen Funktionierens gebraucht werden, sollen alle wenigstens als sehr, sehr wichtig gelten, selbst wenn ihnen nicht mehr bleibt, als sich von Junk-Food und Junk-TV zu nähren? - Ist dort, wo Exklusion zunimmt, Inklusion das Zauberwort für unbewußt ersehnte Kompensation?


 Gastbeitrag

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Kommentare (11)

Meyer
9. Oktober 2013 14:38

"Offenbar existiert von Partei- bis Kirchentagen ein Konsens, der sich sicher darin ist, das Land und die Welt mit Beschlußlagen verbessern zu können. " - Das hat Bismarck bezüglich des preußischen Landtags auch bereits festgestellt. Vor 150 Jahren, deswegen: "Blut und Eisen". Das trifft auch heute.

Stil-Blüte
9. Oktober 2013 15:18

Lieber Herr Bosselmann,
sehr bedauerlich, daß Sie eine neue Baustelle eröffnen, ohne Ihre vorherige Baustelle ausreichend vor einem schönen Gebäude, wenigstens zu einem Richtfest versammeln.

Manchmal wäre es gut, wenn wir Ältere uns an Jüngeren orientierten, beispielhaft Herr Lichtmesz. Wie er letzhin in seinem Beitrag auf jeden Einwand geduldig, überlegt, wenn es sein mußte, scharfzüngig, eingegangen ist, davon könnten wir uns eine Scheibe abschneiden.

In einer Sache möchte ich Ihnen Genüge tun: Sich in einen Flüchtling hineinversetzen. Diese Mentalität zur Kenntnis zu nehmen, ist wichtig, um adäquat zu handeln. Wäre Edgar Reitz' neuer Film für Ihre Argumentation eher dienlich gewesen?

Axel Wahlder
9. Oktober 2013 16:04

@„Europa“ ist so ein Begriff, mehr noch „Mehr Europa!“ :

an dieser Stelle habe ich nichts dagegen. Alle unsere Nachbarn, mit denen wir fusionieren würden, stehen deutlich besser da, was gesellschaftlichen Diskurs anbelangt. Man denke an Polen, wo derart xenokratische Schizophrenia nie zustande gekommen wäre!

Heino Bosselmann
9. Oktober 2013 17:52

@Stilblüte: 1.) Herrn Lichtmesz gehört meine ganze Wertschätzung. Ich bin sein treuer Leser. 2.) Mitunter fehlt mir leider wirklich die Zeit, auf Beiträge einzugehen, da ich allerlei zeitintensiven – wenngleich wenig einträglichen – Vorhaben nachgehe. Aber ich lese sehr konzentriert alles; und wenn ich zurückgelehnt über die Möglichkeit verfüge, antworte ich aufmerksam. 3.) Stichwort Baustelle: Tasächlich gehöre ich als schlimmer Skeptiker – auch mir selbst und meinen Wahrnehmungen gegenüber – nicht zu jenen souveränen Autoren, die sich ihrer Sache letztgültig sicher sind. Mitunter bleibt ein Stück offen, ja mag sogar der schöne Schlußstein fehlen. Hier und da kann das inhaltlich sicher von Nachteil sein, woanders läßt es hoffentlich der Debatte Raum. Und: Den neuen Film von Reitz habe ich noch nicht gesehen. – Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

Ein Fremder aus Elea
9. Oktober 2013 20:09

Hab' heute Räuber Hotzenplotz gesehen, mit Klocke und Co., die Moral von der Geschicht war ganz offensichtlich: Mach' deinen Kram, gleicht sich schon alles aus, nimm's nicht schwer, wirst schon sehen. Die gute Magd.

Hatte ich nicht so in Erinnerung. Aber immerhin, vielleicht sowas wie ein subversiver Beharrungswille.

Kinderserien und -filme sind ganz interessant. Man nimmt stets den Typus des Jugendlichen, der gerade "in" ist, und versetzt ihn dann, so man die gestalterische Freiheit dazu hat, in eine Welt, wie man sie sich für die nähere Zukunft vorstellt.

Ich hätte Lust einen Beitrag "Rocky Beach - Topanga oder Rellingen?" zu schreiben, aber das läßt sich medial schwer bewerkstelligen, jeder muß schon selbst mit Google Street View durch die Straßen Topangas "fahren", um sich einen Begriff von diesem Gegenstand zu verschaffen. In Rellingen fehlt er, aber man kann ja Bilder vom Arkadienhof in Rellingen suchen. Da gibt's 'nen Springbrunnen, 'nen Supermarkt und die Eisdiele an der Abzweigung nach Tangstedt ist auch nicht weit davon entfernt.

Die Atmosphäre insgesamt bei den "Drei ??? Kids" ist ziemlich Agenda 21, die Leute schon ziemlich verarmt, man hängt im Stadtzentrum ab und fährt Fahrrad. Man ist nicht mehr so PC, aber akzeptiert doch alles, was PC ist, geradezu ehrfürchtig, wie vormals feine Leute.

'ne Nummer kleiner, sich das Leben nicht verleiden lassen, ruhig bleiben. Das ist wahrscheinlich der Tenor der deutschen Gesellschaft insgesamt.

Wie gesagt, läßt mich mit zwiespältigen Gefühlen zurück. Als persönlicher Ratschlag ja nicht schlecht, als politisches Programm untauglich oder gar gefährlich, da es der weiteren Konzentration des Kapitals Vorschub leistet. Gleichheit erreicht man nicht durch Bescheidenheit, sondern durch ihr Gegenteil.

ene
10. Oktober 2013 12:07

Lieber Herr Bosselmann,

ich nehme mir hier (ausnahmsweise!) die gleiche Freiheit wie "Stil-Blüte" und springe noch mal zurück ins vorige Spielfeld.

Da war ein Satz von ihnen: die Häme der Westmedien über Ihre Landsleute hätten Sie rational verstehen können. Sehen Sie, da habe ich mich damals geschämt. Vom Westen aus. Weil ich dachte: "Ihr Klugscheißer!"

Als ich studierte (an einer als links geltenden Uni, was im Rückblick betrachtet auch viel Gutes hatte), studierte mit mir auch eine Klassenkameradin zwei geisteswissenachftliche Fächer, ihr Vater war Bauarbeiter. Und dann kam sie in das Hauptseminar eines ultralinken Profs. Und sagte eines Tages zu mir diesen Satz: "Weißt du, die Kommilitonen dort verbrauchen im Monat so viel für ihr Auto wie ich für meinen ganzen Lebensunterhalt. Wenn ich mal richtig zu Geld komme, werde ich auch Kommunistin."

Diese Art von Salonlinken kenne ich in- und auswenig. Im Studium erlebt und (noch interessanter) dann später die Entwicklung gesehen. Und von denen kam damals die Häme in den Westmedien. Die fanden die DDR als "Alternative" toll- vor allem deshalb, weil sie damit konkret nichts zu tun zu haben brauchten. Für die Realität hätten sie sich bedankt.

Axel Wahlder
10. Oktober 2013 15:56

Die fanden die DDR als „Alternative“ toll- vor allem deshalb, weil sie damit konkret nichts zu tun zu haben brauchten.:

Und ob! In DDR gab es weder Feminismus noch Islamkonferenz, und die jugendlichen Schläger wurden nicht mit Sozialstunden "bestraft", sondern nach Torgau geschickt – in diesem nahezu komplett arischem Gebiet. Geschweige denn Umgang mit den Sozialschmarotzern. Die DDR war ja fast schon ultrarechts! Die Wessi-Kommies würden am selben Tage Weite suchen, wenn sie dorthin geraten wären.

Stevanovic
11. Oktober 2013 17:00

Das mit der Inklusion ist so eine Sache. Meine Mädels haben eine Sprachentwicklungsstörung. Entgegen der Angebote der Beratungen habe ich sie nicht auf eine Regelschule geschickt, sondern auf eine Förderschule, eine spezialisierte Sprachheilschule. Mit der bin ich zufrieden, die Lehrer sind engagiert. Jetzt, zur 5. Klasse, werde ich Sie auf eine Gesamtschule einschreiben. Warum? Weil durch die Inklusion und den forcierten Übertritt der Schüler, mittlerweile die Kinder, die alle möglichen Probleme und auch ein Sprachproblem haben, in der Mehrheit sind. Im Grunde möchte ich das nicht. Durch die Inklusion habe ich die Befürchtung, dass meine Mädels dann "Der Doofe Rest" sind (entschuldigen Sie den Kalauer, ging eher gegen die Vorstellung der Mitforisti aus dem vorherigen Beitrag). Sie werden ab dem nächsten Jahr einem überforderten Lehrer gegenübersitzen, der, bei aller Liebe, auf die verschiedenen Facetten seiner Schüler nicht eingehen kann. Durch dieses System werden gerade die problematischen Schüler mit Bedarf an konkreter Förderung benachteiligt, die starken Schüler werden sich durchsetzen, aber nicht gefordert werden. Wenn wir von individueller Förderung sprechen, sollten wir doch erst einmal die Gruppen selektieren, die wir dann gezielt unterstützen können. Für die Entwicklung der Kinder wäre es sicher eher ein Vorteil unter Gleichen zu sein, gerade in Hinblick auf Selbstbewusstsein, als „was ganz Besonderes“ auf der Regelschule. Inklusion zerstört die guten Ansätze, die zur Professionalisierung der Förderschulen gemacht wurden und setzt die Kinder einer Umgebung aus, an der sie entweder scheitern, bevor sie Selbstbewusstsein aufgebaut haben, oder man biegt die Umgebung so lange, bis sie für andere Kinder keinen Sinn macht. Inklusion ist das genaue Gegenteil von individueller Förderung und ist ein Alptraum für jene, die nicht den Titel, sondern die beste Förderung für ihre Kinder, die es ohnehin nicht leicht haben, wollen.

Stevanovic
11. Oktober 2013 17:15

@ene

Damals war ich Anhänger der autonomen Antifa. Die Enttäuschung der Linken im Westen entstand dadurch, dass für 5 Minuten der Eindruck entstand, dass die Bürger der DDR tatsächlich die Möglichkeit hätten, befreit von Partei und frei von Kapital, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen und ihren Weg, vielleicht einen dritten, zu gehen. Die verstanden unter drittem Weg eher ein drittes Auto, was ich den Menschen als Sohn von Migranten nicht wirklich verübeln kann. Es ging nicht um den Untergang eines Staates (den man eh nicht kannte und mit dessen Militarismus man sich niemals angefreundet hätte), es ging um diese 5 Minuten Geschichte, in denen alles möglich erschien. Als klar war, dass eine Mehrheit den schnellen Beitritt will, hatten viele West-Linke den Eindruck, dass da von den Ossis eine historische Chance vergeben wurde. Persönlich nehme ich das niemandem übel; ich hätte wahrscheinlich genauso gehandelt, aber letztlich kam es so – das Leben ist jetzt alternativlos.

ene
11. Oktober 2013 20:20

@ Stevanovic

Die ahnungslosen West-Linken: von einer Französin, verheiratet mit einem Deutschen (Familie aus Halle) , germanophil, hörte ich damals die Worte: "Denen müßte man allen mal den Hintern versohlen!"
Den Blick "von außen" auf unsere Zustände habe ich oft als wirklich heilsam empfunden.

Ihre Gedanken über Inkluson teile ich ganz und gar. Übrigens hatte Gustave Flaubert als Kind auch eine Sprachentwicklungsstörung. Er hinkte erheblich hinterher. Wie und wodurch es sich besserte, weiß ich jetzt nicht. Aber gebessert hat es sich: Einer der ganz Großen der französischen Sprache! - Dies nebenbei.

Sara Tempel
12. Oktober 2013 19:19

"Keine politische Selbstdarstellung kommt mehr ohne das Ventilieren von Bekenntnissen zu Toleranz, Integration, Inklusion, Bildungsgerechtigkeit, Transparenz aus."
Wir müssen erleben, wohin ein dauerndes "Verschlimmbessern" unserer Politiker im Namen der Bildungsgerechtigkeit unser Bildungssystem führt. Durch die übertriebenen Bemühungen um Migranten hat sich der Unterricht auf deren Niveau eingestellt. Lehrpläne bzw. Inhalte sind auf "political correctness" getrimmt und zwingen die Lehrer immer stärker in Reihe zu marschieren. Symptomatisch erscheint mir der geringe Stellenwert, der dem Geschichtsunterricht noch zugebilligt wird. Da die alte Qualität eines Gymnasiums, das meine Generation bis Mitte der 70er Jahre noch genießen durfte, endgültig verloren ist, bleibt nur noch der Ausweg über Privatschulen, wie er in anderen kapitalistischen Ländern bereits bewährt hat. Dann werden unsere linken Politiker letztlich das Gegenteil von dem erreichen, was sie proklamieren: noch größere Auswahl, in Abhängigkeit vom Geldbeutel der Eltern. - Gefährliche Folgen sind bald durch die massive Verbreitung von U3-Kita-Betreuungseinrichtungen, die den Krippen in der Ex-DDR nicht das Wasser reichen können, zu erwarten. Wie können verantwortungs-bewusste Eltern ihre Kinder in der -für ihre Intelligenz wichtigsten- Entwicklungsphase dort verblöden lassen?

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