Sezession
10. Oktober 2013

40. Todestag Ludwig von Mises

Gastbeitrag

9783935063562(Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012.)

von Jörg Guido Hülsmann

Von Mises hat die theoretische Nationalökonomie von Grund auf reformiert und sie zum Kernstück einer allgemeinen Theorie politischer Systeme gemacht.

Von Mises stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Das Elternhaus war gemäßigt religiös und politisch liberal, patriotisch, habsburgfreundlich und kulturell kosmopolitisch. Sein jüngerer Bruder Richard war ein bekannter Mathematiker, der später in Berlin und Harvard lehrte. Ludwig besuchte das Akademische Gymnasium in Wien und interessierte sich früh für Geschichte und Politik. Nach der Matura begann er das Studium an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Wiener Universität. Unter den Fittichen von Carl Grünberg (dem späteren Gründer des neo-marxistischen Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main) entwickelte er sich zunächst zu einem eifrigen Jünger der damals modernen »Historischen Schule« und glaubte an die Ersprießlichkeit staatlicher Interventionen.

Kurz vor Weihnachten 1903 begann eine wissenschaftliche und politische Neubesinnung, als er die Grundsätze der Volkswirtschaftslehre von Carl Menger studierte. Von Mises erkannte nun die große Bedeutung der ökonomischen Theorie für die historische Forschung und die politische Praxis. Statt weiter die Archive zu durchforsten, begann er die Lektüre der klassischen Nationalökonomen. Es war der Beginn des langen Weges, auf dem sich der junge Historizist und Etatist zu einem leidenschaftlichen Gegner des allmächtigen Staates wandelte. Seine geldtheoretische Habilitationsschrift von 1912 war ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg. Von Mises erläutert hier die Vorteile der Goldwährung und ihre Rolle als demokratisches Bollwerk gegen die Versuchung des Staates, seine Bürger auszuplündern. Er entwickelt hier auch seine berühmte Konjunkturtheorie, die die Krisen der kapitalistischen Wirtschaft auf die Inflation der Geldmenge durch den vom Staat privilegierten Bankenapparat zurückführt. Die angemessene Lösung des Problems der Wirtschaftskrisen sah er in der Abschaffung dieser Privilegien und in der Wiederherstellung völliger Freiheit in der Bankwirtschaft. Im Ersten Weltkrieg kämpfte von Mises fast zwei Jahre als Artillerieoffizier an der »Nordfront« gegen die Russen. Die übrige Zeit diente er in verschiedenen Wiener Stäben. Dort erlebte er den Schlamassel der Zentralplanwirtschaft, die im etatistischen Geiste der Zeit eingeführt wurde, um die Wehrbereitschaft zu stärken.

Noch während des Krieges machte er sich daran, den »Kriegssozialismus« ökonomisch zu sezieren. In seinem Werk Staat, Nation und Wirtschaft (1919) bewies er, daß die freie Konkurrenz gerade im Krieg unerläßlich sei. Jede planwirtschaftliche Ineffizienz mußte sich an der Front rächen. Ein paar Monate später gelang ihm sein wohl größter wissenschaftlicher Coup. In einem Aufsatz über »Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen« (1920) griff er die Sozialisten und Zentralplaner von einer völlig unerwarteten Seite an. Eine rationale Wirtschaftslenkung, so führte er aus, bedürfe eines Kriteriums, anhand dessen sie die Investitionsalternativen miteinander vergleichen könne. In der Marktwirtschaft wird dieses Problem durch eine in Geldpreisen geführte Rentabilitätsrechnung gelöst. Aber im Sozialismus ist das nicht möglich. Marktpreise setzen nämlich voraus, daß es zumindest zwei Eigentümer gibt, während der Sozialismus sich doch gerade dadurch auszeichnet, daß die Produktionsmittel nur einen Eigentümer haben können, nämlich das Kollektiv. Wenn es aber zur Bildung von Marktpreisen für Produktionsmittel nicht kommen kann, dann können auch keine Rentabilitäten berechnet werden. Die physisch heterogenen Investitionsalternativen können wirtschaftlich nicht miteinander verglichen werden, und eine rationale Wirtschaftsführung ist nicht möglich. Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel nimmt somit der Gesellschaft das einzige bekannte Mittel der rationalen Wirtschaftsführung. Sie überwindet nicht die vermeintliche »Anarchie des Marktes«, sondern begründet eine tatsächliche Anarchie (»geplantes Chaos«) der politischen Willkür.

Wenig später veröffentlichte von Mises Die Gemeinwirtschaft (1922), eine Abhandlung, in der er alle Spielarten des Sozialismus systematisch zerpflückte und auch eine neue Begründung der auf Privateigentum und Demokratie gegründeten liberalen Gesellschaft vorstellte. Seine Darlegungen hatten großen Einfluß auf eine ganze Generation junger Intellektueller, die zuvor mit dem Sozialismus geliebäugelt hatten. Friedrich August von Hayek, Wilhelm Röpke, Lionel Robbins und Eric Voegelin – um nur einige der bekannteren Köpfe zu nennen – begannen nun, sich für den Liberalismus zu interessieren. In den Zwischenkriegsjahren war von Mises eine unbestrittene Autorität auf dem Gebiet der Geld- und Währungspolitik. Seiner Überzeugungsarbeit war es u. a. zu verdanken, daß Österreich im Jahre 1922 der Zusammenbruch der Währung erspart blieb. Im Frühjahr 1934 bekam er eine Professur an der Hochschule des Völkerbundes in Genf angeboten. Dort blieb er bis 1940 und arbeitete an seinem Hauptwerk, Nationalökonomie (1940), das neun Jahre später in einer erweiterten amerikanischen Ausgabe – Human Action (1949) – erschien.


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