40. Todestag Ludwig von Mises

(Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012.)

von Jörg Guido Hülsmann

Von Mises hat die theoretische Nationalökonomie von Grund auf reformiert und sie zum Kernstück einer allgemeinen Theorie politischer Systeme gemacht.

 Gastbeitrag

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Von Mises stamm­te aus einer jüdi­schen Kauf­manns­fa­mi­lie. Das Eltern­haus war gemä­ßigt reli­gi­ös und poli­tisch libe­ral, patrio­tisch, habs­burg­freund­lich und kul­tu­rell kos­mo­po­li­tisch. Sein jün­ge­rer Bru­der Richard war ein bekann­ter Mathe­ma­ti­ker, der spä­ter in Ber­lin und Har­vard lehr­te. Lud­wig besuch­te das Aka­de­mi­sche Gym­na­si­um in Wien und inter­es­sier­te sich früh für Geschich­te und Poli­tik. Nach der Matu­ra begann er das Stu­di­um an der Rechts- und Staats­wis­sen­schaft­li­chen Fakul­tät der Wie­ner Uni­ver­si­tät. Unter den Fit­ti­chen von Carl Grün­berg (dem spä­te­ren Grün­der des neo-mar­xis­ti­schen Insti­tuts für Sozi­al­for­schung in Frank­furt am Main) ent­wi­ckel­te er sich zunächst zu einem eif­ri­gen Jün­ger der damals moder­nen »His­to­ri­schen Schu­le« und glaub­te an die Ersprieß­lich­keit staat­li­cher Interventionen.

Kurz vor Weih­nach­ten 1903 begann eine wis­sen­schaft­li­che und poli­ti­sche Neu­be­sin­nung, als er die Grund­sät­ze der Volks­wirt­schafts­leh­re von Carl Men­ger stu­dier­te. Von Mises erkann­te nun die gro­ße Bedeu­tung der öko­no­mi­schen Theo­rie für die his­to­ri­sche For­schung und die poli­ti­sche Pra­xis. Statt wei­ter die Archi­ve zu durch­fors­ten, begann er die Lek­tü­re der klas­si­schen Natio­nal­öko­no­men. Es war der Beginn des lan­gen Weges, auf dem sich der jun­ge His­to­ri­zist und Eta­tist zu einem lei­den­schaft­li­chen Geg­ner des all­mäch­ti­gen Staa­tes wan­del­te. Sei­ne geld­theo­re­ti­sche Habi­li­ta­ti­ons­schrift von 1912 war ein wich­ti­ger Mei­len­stein auf die­sem Weg. Von Mises erläu­tert hier die Vor­tei­le der Gold­wäh­rung und ihre Rol­le als demo­kra­ti­sches Boll­werk gegen die Ver­su­chung des Staa­tes, sei­ne Bür­ger aus­zu­plün­dern. Er ent­wi­ckelt hier auch sei­ne berühm­te Kon­junk­tur­theo­rie, die die Kri­sen der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft auf die Infla­ti­on der Geld­men­ge durch den vom Staat pri­vi­le­gier­ten Ban­ken­ap­pa­rat zurück­führt. Die ange­mes­se­ne Lösung des Pro­blems der Wirt­schafts­kri­sen sah er in der Abschaf­fung die­ser Pri­vi­le­gi­en und in der Wie­der­her­stel­lung völ­li­ger Frei­heit in der Bank­wirt­schaft. Im Ers­ten Welt­krieg kämpf­te von Mises fast zwei Jah­re als Artil­le­rie­of­fi­zier an der »Nord­front« gegen die Rus­sen. Die übri­ge Zeit dien­te er in ver­schie­de­nen Wie­ner Stä­ben. Dort erleb­te er den Schla­mas­sel der Zen­tral­plan­wirt­schaft, die im eta­tis­ti­schen Geis­te der Zeit ein­ge­führt wur­de, um die Wehr­be­reit­schaft zu stärken.

Noch wäh­rend des Krie­ges mach­te er sich dar­an, den »Kriegs­so­zia­lis­mus« öko­no­misch zu sezie­ren. In sei­nem Werk Staat, Nati­on und Wirt­schaft (1919) bewies er, daß die freie Kon­kur­renz gera­de im Krieg uner­läß­lich sei. Jede plan­wirt­schaft­li­che Inef­fi­zi­enz muß­te sich an der Front rächen. Ein paar Mona­te spä­ter gelang ihm sein wohl größ­ter wis­sen­schaft­li­cher Coup. In einem Auf­satz über »Die Wirt­schafts­rech­nung im sozia­lis­ti­schen Gemein­we­sen« (1920) griff er die Sozia­lis­ten und Zen­tral­pla­ner von einer völ­lig uner­war­te­ten Sei­te an. Eine ratio­na­le Wirt­schafts­len­kung, so führ­te er aus, bedür­fe eines Kri­te­ri­ums, anhand des­sen sie die Inves­ti­ti­ons­al­ter­na­ti­ven mit­ein­an­der ver­glei­chen kön­ne. In der Markt­wirt­schaft wird die­ses Pro­blem durch eine in Geld­prei­sen geführ­te Ren­ta­bi­li­täts­rech­nung gelöst. Aber im Sozia­lis­mus ist das nicht mög­lich. Markt­prei­se set­zen näm­lich vor­aus, daß es zumin­dest zwei Eigen­tü­mer gibt, wäh­rend der Sozia­lis­mus sich doch gera­de dadurch aus­zeich­net, daß die Pro­duk­ti­ons­mit­tel nur einen Eigen­tü­mer haben kön­nen, näm­lich das Kol­lek­tiv. Wenn es aber zur Bil­dung von Markt­prei­sen für Pro­duk­ti­ons­mit­tel nicht kom­men kann, dann kön­nen auch kei­ne Ren­ta­bi­li­tä­ten berech­net wer­den. Die phy­sisch hete­ro­ge­nen Inves­ti­ti­ons­al­ter­na­ti­ven kön­nen wirt­schaft­lich nicht mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den, und eine ratio­na­le Wirt­schafts­füh­rung ist nicht mög­lich. Die Ver­ge­sell­schaf­tung der Pro­duk­ti­ons­mit­tel nimmt somit der Gesell­schaft das ein­zi­ge bekann­te Mit­tel der ratio­na­len Wirt­schafts­füh­rung. Sie über­win­det nicht die ver­meint­li­che »Anar­chie des Mark­tes«, son­dern begrün­det eine tat­säch­li­che Anar­chie (»geplan­tes Cha­os«) der poli­ti­schen Willkür.

Wenig spä­ter ver­öf­fent­lich­te von Mises Die Gemein­wirt­schaft (1922), eine Abhand­lung, in der er alle Spiel­ar­ten des Sozia­lis­mus sys­te­ma­tisch zer­pflück­te und auch eine neue Begrün­dung der auf Pri­vat­ei­gen­tum und Demo­kra­tie gegrün­de­ten libe­ra­len Gesell­schaft vor­stell­te. Sei­ne Dar­le­gun­gen hat­ten gro­ßen Ein­fluß auf eine gan­ze Genera­ti­on jun­ger Intel­lek­tu­el­ler, die zuvor mit dem Sozia­lis­mus gelieb­äu­gelt hat­ten. Fried­rich August von Hayek, Wil­helm Röp­ke, Lio­nel Rob­bins und Eric Voe­ge­lin – um nur eini­ge der bekann­te­ren Köp­fe zu nen­nen – began­nen nun, sich für den Libe­ra­lis­mus zu inter­es­sie­ren. In den Zwi­schen­kriegs­jah­ren war von Mises eine unbe­strit­te­ne Auto­ri­tät auf dem Gebiet der Geld- und Wäh­rungs­po­li­tik. Sei­ner Über­zeu­gungs­ar­beit war es u. a. zu ver­dan­ken, daß Öster­reich im Jah­re 1922 der Zusam­men­bruch der Wäh­rung erspart blieb. Im Früh­jahr 1934 bekam er eine Pro­fes­sur an der Hoch­schu­le des Völ­ker­bun­des in Genf ange­bo­ten. Dort blieb er bis 1940 und arbei­te­te an sei­nem Haupt­werk, Natio­nal­öko­no­mie (1940), das neun Jah­re spä­ter in einer erwei­ter­ten ame­ri­ka­ni­schen Aus­ga­be – Human Action (1949) – erschien.

1940 faß­te er den Ent­schluß, in die USA zu emi­grie­ren, wo er im August 1940 ankam. Im Herbst 1945 erhielt von Mises, der im Gegen­satz zur herr­schen­den Mei­nung stand, ledig­lich eine pri­vat­fi­nan­zier­te Gast­pro­fes­sur an der New York Uni­ver­si­ty, deren »Gast« er dann wäh­rend der nächs­ten 24 Jah­re blei­ben soll­te. In sei­nem Semi­nar zog er eine Genera­ti­on von Intel­lek­tu­el­len her­an, die sei­ne Ideen bis in die Gegen­wart getra­gen haben, dar­un­ter Hans Senn­holz, Mur­ray Roth­bard, Ralph Rai­co und Geor­ge Reis­man. Sie ste­hen für einen fri­schen, radi­ka­len und intel­lek­tu­el­len Libe­ra­lis­mus, der sich deut­lich vom Neo­li­be­ra­lis­mus abhebt, wie er etwa in den Schrif­ten Hay­eks und Mil­ton Fried­mans ver­tre­ten wird. Der wach­sen­de geis­ti­ge Ein­fluß von Mises’ in unse­ren Tagen beruht auf der bereits erwähn­ten Schrift Human Action. Die­ses 900seitige Werk ist mit gutem Recht als das pro­ka­pi­ta­lis­ti­sche Gegen­stück zu Mar­xens Kapi­tal gefei­ert wor­den. Von Mises ana­ly­siert hier die Funk­ti­ons­wei­se der auf Pri­vat­ei­gen­tum, Arbeits­tei­lung und Geld­ge­brauch beru­hen­den kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft. Er zeigt, wie die­se Wirt­schaft letzt­lich von den Kon­su­men­ten gelenkt wird – die Unter­neh­mer sind nur die »Steu­er­män­ner«, die den Befeh­len der Konsumenten-»Kapitäne« gehor­chen. Der Staat hat die Rol­le eines Sicher­heits­pro­du­zen­ten, das heißt, er sorgt für die all­sei­ti­ge Beach­tung der Eigentumsrechte.

Von Mises weist nach, daß jede dar­über hin­aus­ge­hen­de Staats­tä­tig­keit kon­tra­pro­duk­tiv ist. Wirt­schafts­po­li­tik min­dert die Effi­zi­enz der Pro­duk­ti­on und somit die Güter­ver­sor­gung der Bür­ger. Den aller­größ­ten Scha­den ver­ur­sa­chen die heu­ti­gen Papier­wäh­run­gen, für die es kei­ne öko­no­mi­sche Berech­ti­gung gibt und die auch poli­tisch völ­lig unak­zep­ta­bel sind, zumin­dest aus frei­heit­li­cher Per­spek­ti­ve. Der gro­ße Apo­lo­get des Kapi­ta­lis­mus starb 1973 in der Haupt­stadt der Welt­wirt­schaft. Welt­li­che Güter hin­ter­ließ er nicht. Sei­ne Frau muß­te die Biblio­thek und die Kor­re­spon­denz ver­äu­ßern, um über die Run­den zu kom­men. Aber Lud­wig von Mises hin­ter­ließ ein gewal­ti­ges geis­ti­ges Erbe, von dem die freie Welt noch lan­ge zeh­ren wird und das fast vier­zig Jah­re nach sei­nem Tod eine gro­ße Zahl jun­ger For­scher inspiriert.

Schrif­ten: Theo­rie des Gel­des und der Umlaufs­mit­tel, Mün­chen ²1924; Staat, Nati­on und Wirt­schaft, Wien 1919; Die Gemein­wirt­schaft, Jena 1922; Libe­ra­lis­mus, Jena 1927; Kri­tik des Inter­ven­tio­nis­mus, Jena 1929; Natio­nal­öko­no­mie, Genf 1940; Die Büro­kra­tie, Sankt Augus­tin 1997 (engl.: 1944); Human Action, New Haven 1949; Theo­ry and Histo­ry, New Haven 1957; The Ulti­ma­te Foun­da­ti­on of Eco­no­mic Sci­ence, Prince­ton 1962; Vom Wert der bes­se­ren Ideen, Mün­chen 2008.

Lite­ra­tur: Roland Baa­der: Logik der Frei­heit. Ein Lud­wig-von-Mises-Bre­vier, Thun 2000; Jörg Gui­do Hüls­mann: Mises. The Last Knight of Libe­ra­lism, Auburn 2007.

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