Warum José Manuel Barroso unsere Kinder glücklich macht

barrosoErziehungsbücher haben Konjunktur. Seit über einem Jahr besetzt der (grob gesagt: konservativ einzustufende) Psychologe Michael Winterhoff (Warum unsere Kinder Tyrannen werden) hartnäckig die obersten Plätze der Sachbuch-Hitlisten. Autoren, die vehement gegen seine hierarchischen Eltern-Kind-Modelle argumentieren, rangieren weit dahinter.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Die Sache ein­fach lau­fen zu las­sen und auf Insti­tu­tio­nen oder die „heim­li­chen Erzie­her”, also die Medi­en­welt zu set­zen – das funk­tio­niert heu­te nur als Glücks­spiel. Mal geht’s gut, häu­fig nicht.

Ganz grund­sätz­lich haben sich Eltern die Fra­ge zu stel­len, in wel­cher Posi­ti­on sie ihre Kin­der sehen wol­len: Vor­ne dran? Als unauf­fäl­li­ge Mit­ma­cher? Oder als jun­ge Kri­ti­sche, die im Zwei­fels­fall selbst­be­wußt aus der Rei­he tan­zen? Und: Wie wäre letz­te­res denk­bar für einen, sagen wir, Sie­ben­jäh­ri­gen? Eine Ent­schei­dung mit viel­fäl­ti­gen Impli­ka­tio­nen – man könn­te ein Buch damit füllen.

Wir hät­ten beiw­spiels­wei­se wir gern, daß unse­re Kin­der Erwach­se­nen grund­sätz­lich respekt­voll begeg­nen. Mit die­sem klei­nen Erzie­hungs­ziel sind wir bereits geschei­tert. Wie schwie­rig ist es, „Auto­ri­tä­ten” als sol­che zu behan­deln, wenn deren Auf­tre­ten, die Klei­dung, die Spra­che sie offen­kun­dig dis­kre­di­tiert! Das beginnt bei ein paar Leh­rern, die immer wie­der durch Blö­dig­kei­ten, durch juve­ni­le Anbie­de­rung, durch absur­de „Lern­an­ge­bo­te” auf­fal­len. Eini­ge Zeit lang ver­sucht man als Eltern den Spott der Kin­der, die sol­che Maschen längst durch­schau­en, abzu­weh­ren. Irgend­wann gibt man auf und ertappt sich beim Mitwitzeln.

Wer etwa ein Lud­wig-Uhland-Gedicht als Rap auf­sa­gen läßt – wel­chen Kom­men­tar hat der wohl am hei­mi­schen Küchen­tisch ver­dient? Zustim­mung, Abwä­gung, Bestür­zung oder mil­den Spott? So (die Bei­spie­le sind zahl­reich…) sind unse­re Kin­der zu Spöt­tern gewor­den. Nicht gera­de eine begrü­ßens­wer­te Hal­tung für ein Kind, wenig zuträg­lich für die see­li­sche Entwicklung.

Gera­de ist José Manu­el Bar­ro­so dran, der Prä­si­dent der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on. Wie Bar­ro­so poli­tisch ein­zu­schät­zen ist, ist unse­ren Kin­dern egal. Jeden­falls nen­nen sie ihn eng­lisch „Dschousie”, auch wenn sie belehrt wor­den, daß er „Chos­see” aus­zu­spre­chen und ohne­hin eher mir dem Nach­na­men zu benen­nen ist.

Und so kam’s: An unse­re ältes­ten Töch­tern, elf- und zwölf­jäh­rig, wur­de gera­de der Schü­ler­ka­len­der („Gut infor­miert, cle­ver ent­schei­den”) ver­teilt, den die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on her­aus­ge­ge­ben hat. Er beginnt erst im August, die Töch­ter haben aber bereits ihre Daten ein­ge­tra­gen, Feri­en­ter­mi­ne mar­kiert – und, wiß­be­gie­rig, wie sie sind, den umfäng­li­chen redak­tio­nel­len EU-Auf­klä­rungs­teil durchgelesen.

Der beinhal­tet Wis­sens­wer­tes dar­über, „wie die EU genau funk­tio­niert”, eine nach Län­dern dif­fe­ren­zier­te Tabel­le mit dem CO2-Aus­stoß pro Person/Jahr, den Hin­weis, daß man nie ohne Helm rad­fah­ren soll, und was los ist, wenn man geni­ta­len Aus­fluß oder Schmer­zen beim Sex hat.

In sei­nem Gruß­wort begrün­det Jose M. Bar­ro­so den Kalen­der damit, daß den lie­ben Schü­le­rin­nen und Schü­lern „Instru­men­te an die Hand gege­ben” wer­den sol­len, „mit denen Sie die Glo­ba­li­sie­rung nicht nur über­ste­hen, son­dern gestal­ten kön­nen, und zwar nach Ihren eige­nen, gemein­sa­men, euro­päi­schen Wer­ten.” Frap­pie­rend war für unse­re Töch­ter, wie die­ser Euro­pa-Gott sich hier abbil­den ließ: Mit coo­ler Base­ball-Kap­pe, locke­rem Hemd unter Som­mer­him­mel – wie ein Dschousie halt, und kei­nes­falls wie ein José.

Schon komisch, wel­che Klei­nig­kei­ten Kin­der­her­zen erfreu­en kön­nen! Seit Tagen heißt es nun bei unse­ren Töch­tern, sobald einer mit Base­ball­kap­pe des Weges kommt: „War das nicht der Dschousie Bar­rou­sie?!” Und dann wird geki­chert. Ein paar Poli­ti­ker­stim­men – Bar­ro­so nun grad nicht – hat Toch­ter Nr. 2 auch bereits in ihrem Imi­ta­ti­ons-Reper­toire. So schrei­tet die Eli­ten-Stür­me­rei mun­ter vor­an.  Kein Respekt, die Jugend!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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