Sezession
15. Oktober 2013

Messen

Ellen Kositza / 19 Kommentare

irreWer so lebt wie wir, einsam und fernsehlos unter Tieren, also abgeschnitten, hat keine Chance, ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom zu entwickeln. Wenn ein jäher Windstoß die letzten Blätter von der Oxelbeere fegt, wenn die Kürbisblätter morgens rauhbereift herabhängen wie Lederflicken, wenn die Hupmelodie des Bäckerwagens mehrere Aussetzer hat, so, daß sie nach einem atonalen Musikstück klingt, dann sind das hier die Sensationen, über die es nachzusinnen gilt. Zweiunddreißig Wespen, die an einem Fallobstrest nagen: Wahnsinn, Kinder, kommt gelaufen!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wenn Putje, das Zicklein, wieder einen Holzzaun umrammt, der sie vom Euter der Mutter trennt, dann ist dergleichen ein Knaller, der uns beschäftigt. Die Uhren ticken hier anders, ohne menschliche Störgeräusche, ohne Werbeplakate, ohne Gerüche, die man nicht auf Anhieb identifizieren kann. Man mag das als reizvoll empfinden oder als reizlos, je nach Verfaßtheit.

Ein paar mal im Jahr kommt das großstädtische Kontrastprogramm zum Aufruf, diesmal in Form eines Buchmessenwochenendes. An einem einzigen Tag so vielen Leuten begegnen wie sonst im Lauf eines ganzes Jahres nicht!

Ich fahre schwarz mit meinem Sohn in der S-Bahn, auch wenn man das heute sicher anders ausdrücken sollte. „Illegal“ ist auch nicht der richtige Terminus,  kein Mensch ist illegal. Wir reisen also fahrscheinlos, weil die Automaten unseren kleinen Schein nicht akzeptierten. Es war kein Passant und kein Kiosk in der Nähe, die hätten wechseln können. An der nächsten Station steigen Uniformierte ein, wir entwischen nach draußen. Nach zwei Stationen mit der nächsten Bahn steigen erneut Uniformierte ein, es sind dieselben Männer. Wir können nicht mehr aussteigen, mein Herz flattert, es ist mir unbegreiflich, daß ich solche Spielchen, Jahrzehnte ist´s her, mal sportlich genommen habe. Das Provinzleben scheint sensibilisierend zu wirken.

Am Hauptbahnhof wird das Gedränge so dicht, daß wir uns auszuatmen erlauben. Hier kann kein Kontrolleur durch. Wir sind aufgestanden, für Ältere und Hinfällige. Auf unseren freigegebenen Platz setzt sich eine junge Dunkelblonde mit Dreadlocks und Ohrstöpseln.

Mein Sohn betrachtet von oben die Pracht. Er ist aufgrund seiner Körpergröße deutlich näher dran als ich. Fragend, ich möchte nicht sagen: erschüttert schaut er mich an. Ich schaue hinunter. So stelle ich mir einen fremden Planeten vor, feindselige Biotope. Sind die ersten ein, zwei Zentimter über der Kopfhaut eines Dreadlock-Trägers je literarisch in Worte gefaßt worden? Meines Wissens nicht, und auch meine Worte zerfallen zu Staub, Schuppen und Unsagbaren. Ich begreife:  Hier, an dieser borkigem Fleckchen Mensch, ist der Untergang des Abendlands leibhaftig geworden.

Ein kleines Mädchen steht neben meinem Sohn. Wie er hält sie ihren Mund leicht geöffnet, die nasale Atmung scheint ausgesetzt. Sie fragt ihre Mutter leise, was das denn sei, auf dem Kopf da. Die beiden haben anscheinend einen weiten Weg hinter sich, sie sprechen schwäbisch. Sie entstammen einer reichen, großzügigen Region. „Des isch a gaanz kunschtvolle Frisur“, sagt die Mutter, Anerkennung schwingt in den Worten mit. „Du, des isch a Mordsaufwand. Da brauchscht Geduld und a waahnsinniges Gschick“, sagt die Mutter.

„Aber wie genau geht das“, flüstert die Tochter.  „Des weiß ich au net. Deschja a Kunschtwerk! Aba weischt was?“, die Stimme wird unternehmungsluschtig, „mir frage die Dame oifach!“ Im Aussteigegewimmel entzieht sich das Fragespiel unseren Ohren.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (19)

Unke
15. Oktober 2013 11:21

Ich mag diese Kurzgeschichten. Oder nennt man das Vignetten? Keine Ahnung. Wie auch immer, aber genau für so etwas wurde die Gattung Blog erfunden ;-)

Eine Überlegung etwas abseits der geschilderten Aktualitäten: es ist mir schon bei den letzten Schilderungen in Sachen Familie Kositzka/Kubitschek (wenn das mal keine progressive Benamsung ist!) in den Sinn gekommen, dass keine Erziehung und auch nicht das Aufwachsen in einer bestimmten Umgebung garantiert, dass sich die eigenen Kinder später einmal gegen die Eltern wenden. Vielleicht nur zeitweise. Vielleicht grundlegend.
Damit widerspreche ich Mitforisten, die diesbezüglich einen optimistischen Blick in die Glaskugel getan hatten. Dagegen kann ich nur sagen: man steckt nicht drin (OK, 3 Euro ins Phrasenschwein!). Schilderungen des Familienalltags sind Momentaufnahmen, und wieviel kulturelle und gesellschaftliche Einstellungen der Eltern von den Kindern später einmal übernommen werden ist ungewiss. Immerhin: alleine schon die Gene, also das biologische Erbe -was gewisse Verhaltensmuster, z.B., mit einschließt-, bleibt. Damit müssen sich die Kinder später als Erwachsene arrangieren, ob sie wollen oder nicht ;-)

Am erwähnten Sonntag morgen war ich übrigens auch in OF. Allerdings direkt am Main, zum gleichnamigen Uferlauf ;-)

Ein letztes noch: Handys samt Verträge kosten heutzutage nicht die Welt. Wirklich!

Kositza: Sie sind einer derjenigen, die mich auch beim zwischentag mit "Kositzka" angesprochen haben, stimmt´s? Macht nichts.
Handy: Ich bin in der glücklichen Lage behaupten zu können - hoffentlich vergesse ich jetzt nichts... -, daß es nichts gibt, was ich aus finanziellen Gründen tue oder unterlasse. Ein Handy kommt mir nicht in die Tasche. Steht mir nicht. Da bin ich hoffnungslos retro. Noch teilen die Kinder meinen Geschmack.

Karl Eduard
15. Oktober 2013 11:30

Schön. Hat mir Spaß gemacht, zu lesen.

Inselbauer
15. Oktober 2013 11:55

Den Kubitschek in der Synthie-Lederjacke könnte man als gefährlichen Rocker noch in Kauf nehmen, aber die schönen langen Plastikröcke (...?) Eine fesche Frau mit ihren blonden Töchtern gehört in deutsche Mode, z.B. "Rene Lèzard". Türken werden mir immer sympathischer, als Linker habe ich sie noch gehasst, aber nach gemeinsamen Kanalarbeiten mit Karl Heinz Hoffmann bin ich geheilt.
Wird das "Familienprojekt" eigentlich irgendwie dokumentiert, abseits des Gelegenheitsfeuilletons? Für den Vertrieb des Buchs würde ich mich glatt als Messe-Laufbursche zur Verfügung stellen.

Martin
15. Oktober 2013 13:46

gehört in deutsche Mode, z.B. „Rene Lèzard“

Was ist daran noch großartig deutsch? Die Firma gehört mittlerweile Italienern und die Ware an und für sich wird wohl zum großen Teil weis-Gott-wo produziert, was ja auch nichts ungewöhnliches in der noch in Deutschland ansässigen Textilindustrie ist. Entwurf, Vertrieb und ggf. noch die Musterkollektion hierzulande, der Rest von irgendwo ...

Darf Edition Antaios auf die Buchmesse?

antwort kubitschek:
ja, darf sie, könnte dort sogar das ein oder andere podium mitgestalten. indes: wer will schon an einer messe teilnehmen, auf der unter anderem christof wackernagel, ehemaliges mitglied der raf, seine traumtagebücher präsentiert - das schwerste buch aller hallen.

Inselbauer
15. Oktober 2013 14:23

@ Martin

Es soll Aussagen geben, die nicht hundertprozentig ernst gemeint sind. Aber wenigstens bleiben Sie deutsch, indem Sie das mit einem gewissen Misstrauen zur Kenntnis nehmen.

Unke
15. Oktober 2013 14:33

Oh, also dieses Interview hier finde ich interessant. Sein Buch ist wahrscheinlich strunzlangweilig.

Kositza: Ja, das Buch - rund 250 €, wenn ich nicht irre - ist so langweilig, wie es langatmige Schilderungen von Träumen nun mal sui generis sind.
Logisch ist es aber nicht in Wahrheit hochproblematisch, wenn ein Verlag (noch dazu ein ziemlich guter) das Buch eines langjährig inhaftierten Terroristen publiziert; soll sein.
Kubitscheks Kommentar zielte wohl darauf ab, daß es Verlage gibt, die in ihren Publikationen schneidende Berichte über den zwischentag verfassen und sich echauffieren, daß dort einer sprach, der mal in Verdacht stand, mit terroristischen Gruppen in Berührung zu stehen. Und daß diese empfindlichen Verlage andererseits auf Messen präsentieren, wo kiloschwere Bücher von Ex-Terroristen ausgestellt werden. Zugegeben - ein etwas komplizierter Gedankengang.

ene
15. Oktober 2013 14:34

@ Unke

Mein Vorschlag: Miniaturen.

Ja, man kann sich gegen die Eltern wenden - aber man wird sie nicht los...
Ab einem gewissen Alter entdeckt man frappierende Ähnlichkeiten. Bis in die Gestik hinein. Ein weites Feld: Keiner von uns ist jemals in der Lage, seine frühe Kindheit hinter sich zu lassen (Christiane Olivier, Psychologin)

Willi Wiemold
15. Oktober 2013 15:51

Endlich wieder ein Kositza. Immer wieder köstlich.

Martin Lichtmesz
15. Oktober 2013 16:02

Ein weites Feld: Keiner von uns ist jemals in der Lage, seine frühe Kindheit hinter sich zu lassen (Christiane Olivier, Psychologin)

Heimito von Doderer hat es am schönsten gesagt (in: "Ein Mord, denn jeder begeht."):

Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln wie er will.

stegmüller
15. Oktober 2013 16:09

Die helle Aufregung, die die Rastafrau auslöst, ist geradezu rührend. Feindselige Biotope und Untergang des Abendlandes weil sich da jemand die Haare verzwirnt hat. Bei aller Koketterie in der Tat fremde Planeten.

Antwort Kositza: Ach, alles nichts gegen die helle Aufregung, die sich im romantisch verschnarchten Schnellroda ergibt, wenn man ein nichtgesetztes Komma entdeckt!

Nihil
15. Oktober 2013 17:24

ad Erziehung: Naja, wer an das Wundermittel "Erziehung" glaubt, ist der nicht Behaviorist? Also irgendwo links oder liberalistisch? Ich würde meinen, ja. Da und dort eingreifen, aber die "Natur" bannt sich schon ihren weg. Das ist doch eine schöne und unheimliche entlastende Botschaft - Institution "Natur".

ad Schnellroda/Berlin: Tut mir leid, aber das hier immer wieder geschilderte Leben in der Pampa kann mir niemand schmackhaft machen. Ich habe größte Vorbehalte gegen neoromantische Anwandlungen. Und deshalb gefällt mir, dass die Einöde Sachsen-Anhalts in den Schilderungen von Kubitschek und Kositza wenigstens thematisiert wird. Das ist keine Rechtfertigung der Großstadthöllen, aber dort ist nun mal die "HKL", wenn man das so frei formulieren darf.

Noah
15. Oktober 2013 19:01

Eine Sonderausgabe der Sezession mit Ellen Kositzas Erzählungen wäre wunderbar! Denkt mal drüber nach... :)

Weltversteher
15. Oktober 2013 21:41

Da muß der Türke aber gerade aus Anatolien gekommen sein, daß er glaubt, die Ungläubigen wären wirklich in der Kirche.
Wir mögen wirklich manchmal auf Teile unserer Stammesbrüder spucken wollen wegen ihrer Doofheit, ihrem Hedonismus oder was auch immer. Aber gegenüber einem Fremden?! Zumal der höchstwahrscheinlich nicht ihre philosophische Art teilt. Und wenn Sie beide auch im Lachen sich vereint fühlen, vermutlich doch jeder etwas anderes meint.

Kositza: Ja, sie haben recht. Das meine ich ernst. Über einen solchen Markt zu wandeln, ist ohnehin ein Balanceakt. Da kommt man leicht ins Straucheln. Man flaniert da ja nicht haßerfüllt oder herablassend, sondern mit einem ernsthaften Interesse. Findet aber wenig Interessantes, wenig "Mentalität", keine wachen Augen, nur Markttreiberei, und dies auch im übertragenen Sinne. Warum sind diese Leute hier? Bei fünf Grad Celsius, mit den von ihnen feilgebotenen Antizahnsteintuben und Autositzschonern auf einem Betonparkplatz? Sind die hier glücklicher als sie dort wären, wo ihre Großeltern begraben sind? Muß man Mitleid haben? Mit wem? Man kann sehr zynisch werden, und dann lacht man halt dumm.

Jens
15. Oktober 2013 22:32

Wirklich gelungen, der "Messenachlese-Bericht". Auf der Buchmesse war ich auch, in Berlin neulich leider nicht. Dieser seltsame "Respekt"-Stand war schon lustig. Habe da einen Südländer gesehen, der sich, mit JF-Tasche unterm Arm, mit einem der Standinhaber unterhielt und vernahm da Fetzen wie "Nee nee, die Zeitung finde ich auch nicht gut, das ist nicht meine Richtung..." Bei der Buchvorstellung von Prof. Hankel meinte ein ganz Schlauer im Vorbeigehen auch, das ganze mit dem schlagfertigen wie enorm geistreichen Ausruf "Ihr seid ja gar nicht jung!" kommentiern zu müssen. Überhaupt gibt es auf der Buchmesse immer allerhand Kuriositäten, da muss man sich nicht erst in den Comic-Bereich vorwagen.

Leo
16. Oktober 2013 01:07

Ja, liebe Ellen Kositza, diese Betrachtungen aus der Sicht der habituellen Nicht-Städtebewohnerin erfreuen auch immer wieder mein Herz. Das Land-Leben muss doch ein deutlich anders sein als das meine - das eines normalen Berliner Großstadtneurotikers... Kompliment dafür, dass diese ganz andere Betrachtung des Da-Seins so gut formuliert wird!
(Hätte ich am 5.10. am Antaios-Stand eigentlich mal direkt loswerden wollen, aber... Na, im nächsten Jahr dann, ohne Kind---!)

Axel Wahlder
16. Oktober 2013 04:50

Wundervolle Lektuere. Danke.

Carsten
16. Oktober 2013 09:11

Der kleine Seitenhieb gegen die »WfD« war wohl unverkneifbar?

yes

Albert
16. Oktober 2013 11:20

Sehr schöner Text. Ein Lesegenuß.

Besonders die Passagen mit dem Sohn fand ich anrührend... Schade, daß Ellen Kositza so selten schreibt.

Und ein Foto von G.K. auf dem Türkenmarkt mit Leaderjacke - das würde ich zu gern mal sehen...

Andrenio
19. Oktober 2013 07:29

Je weniger "verkopft", je mehr nah am wirklichen Leben, desto größer der Lesegenuss.
Warum schreiben in diesem Forum nicht mehr Leute direkt aus ihrem Leben und nicht über irgendwelche Theorien, die weit an der Realtität vorbeigehen?
Ansonsten: Qualität ist gefragt. Weder Sänger noch Künstler konnte auf dem Zwischentag diesbezüglich überzeugen. Dann lieber "ohne"...

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