5. November 2013

edition nordost – ein Unterfangen

Gastbeitrag / 43 Kommentare

nordostVor zwei Monaten hat der Verlag Antaios die ersten beiden Bände seiner belletristischen Reihe edition nordost ausgeliefert - die Rezensenten feilen derzeit an ihren Hymnen. Zwei Reaktionen gibt es bereits zu verzeichnen: In der Druckausgabe der Sezession hat Wiggo Mann das Projekt gewürdigt, wir bringen hier seinen Überblick. Einer Antwort harrt Benjamin Zschockes grundsätzlicher Einwurf gegen die Abgewandtheit der ersten Titel. Er wird in den nächsten Tagen an dieser Stelle erscheinen. Nun aber Wiggo Mann:

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  • Sezession
Günter Maschke, dieser eminent belesene Renegat, sieht sich in einem seiner grundsätzlichen Urteile immer dann bestätigt, wenn sein Gesprächspartner mit Anspielungen auf Bücher, Figuren, Verse nichts anzufangen weiß: »Die Rechte liest nicht, vor allem liest sie keine Romane.« Das sind schlechte Aussichten für Verleger, die in Romanen und Erzählungen nicht nur die sinnvolle, sondern sogar die unverzichtbare Ergänzung geistiger Welterschließung sehen.

Günter Maschke hat selbst einmal eine literarische Reihe herausgegeben: Die Edition Maschke erschien im Verlag Hohenheim und versammelte Titel wie Horst Langes Ulanenpatrouille oder Ernst Kreuders Herein ohne anzuklopfen. Eingestellt wurde das 1979 begonnene Projekt bereits drei Jahre später, als Maschke Carl Schmitts Schriften Der Leviathan sowie Land und Meer erscheinen ließ und dabei anscheinend mit seinem Nachwort eine rote Linie überschritt: Es scheint vor dreißig Jahren schwierig gewesen zu sein, Schmitt zu zitieren.

Derzeit ist die Basis für die konservative Intelligenz (deren Geschichte nach 45 doch recht kurz und ziemlich langweilig ist) solider denn je: Es gibt eine Wochenzeitung mit hohem Verbreitungsgrad, zahlreiche Verlage und eine tolle Zeitschrift. Was es bisher nicht gab: einen Ort für Belletristik. Die edition nordost, die innerhalb des Verlags Antaios erscheint, hat nun begonnen, diese Lücke zu schließen, und der erste Doppelpack scheint exemplarisch zu sein für das geplante Programm: eine Mischung aus Neuem und Wiedergefundenem.

Erstmals in deutscher Sprache liegt nun der Roman Sieben Reiter verließen die Stadt aus der Feder des französischen Schriftstellers Jean Raspail vor. Raspail ist in Deutschland bekannt als Verfasser des Untergangsszenarios Das Heerlager der Heiligen, und nicht weniger Untergangsstimmung verbreiten die Sieben Reiter. Der Roman spielt in einem Fürstentum, vielleicht gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Handlung setzt zu einem Zeitpunkt ein, als die Zerrüttung, die Zersetzung, die Auflösung aller Ordnung und jedes Anstands bereits stattgefunden haben. Sieben Pferde kann der Fürst entbehren, sieben -Reiter sendet er aus, um zu erfahren, ob es im Land noch Widerstands-nester oder sogar Hoffnung gäbe. Entscheidend ist, daß dieser Ritt sich als Suche nach einem konservativen, rechten, reaktionären Traum entpuppt, dem sieben rechte Charaktere nachjagen: der militärische Führer, der Aktivist, der Kleriker, der Gescheiterte, der Urwüchsige, der Waldgänger, der Preuße. Jeder hat einen Traum, jeder erlebt und berichtet die Geschichte auf seine Weise, und das ebenso überraschende wie schockierende Ende zeigt, daß derlei Ritte vielleicht die einzige Möglichkeit sind, etwas von jener Größe wiederzugewinnen, die vollständig zerstört und verloren ist: Indem man schreibt oder liest, ist man in jenem Traum, dem das Schreiben und das Lesen gelten. Dies kann man wahlweise als Weltflucht, Unreife, Unbeirrbarkeit, Selbstsicherheit oder Trotz beschreiben, auch als Waldgang, oder eben als den erneuten Beginn von allem.

Wie das Ende von allem liest sich der zweite Band der neuen Edition: Hauptmann Pax von Joachim Fernau basiert auf einem Tatsachenbericht, der Germanist Burkhart Berthold hat das in seinem Nachwort dargestellt. Die Erzählung schildert den Ausbruch von rund einhundert deutschen Kriegsgefangenen, die sich im Sommer 1944 zur Truppe durchschlagen wollen. Fernaus Bericht ist beinahe ein Drehbuch. Dialoge wechseln mit

Pax9

Szenenbildern, von denen einige immer wiederkehren: Hunger, Erschöpfung, Hoffnung, Streitsucht – vor allem aber der Verlust von Kameraden, die nicht mehr weiterkönnen. Der lapidare Ton Fernaus paßt zum Grundcharakter des Erzählten: Was getan werden muß, läßt sich nicht wegquatschen, und so ertragen Fernaus Figuren ziemlich stumm, »was kein Tier ertragen könnte«.kapitel 7

Die edition nordost hat an beiden Büchern Illustratoren arbeiten lassen. Für Hauptmann Pax griff der Fotorealist Ralph Oertel zum Stift, und die in Rußland lebende Künstlerin Kristina Zieber fertigte für Sieben Reiter szenische Zeichnungen an. Man kann nur hoffen, daß die Leser die Bedeutung der neuen Edition erkennen und dem Projekt mangels Lesebereitschaft kein frühes Ende bereiten.

Denn die Planungen reichen weiter. Unter anderem, hört man, hat ein Autor erste Proben eines Romans über jenes Milieu eingereicht, dem auch die Sezession entstammt – er soll Anfang nächsten Jahres erscheinen.

 


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Kommentare (43)

OJ
5. November 2013 16:33

Ich kann den Einwurf, es fehle dem heutigen (rechten) Leser an Nähe zum geschilderten Erleben insb. bei Hauptmann Pax nicht nachvollziehen. Es geht dort doch gerade nicht so sehr um den Krieg im eigentlichen Sinne - Kampfhandlungen usw. - sondern um das Ausharren unter widrigen Bedingungen. Dieses Thema ist doch losgelöst vom konkreten geschichtlichen Hintergrund "2. WK". Jeder, der auch nur ansatzweise mal entbehren musste - und sei es beim Bund während eines Winterbiwaks - kann sich da reinfühlen.

Abronsius
5. November 2013 19:11

Ich begrüße diese belletristische Reihe sehr. Die "sieben Reiter" sind absolut spektakulär, und die Geschichte über Casa Pound verspricht es auch zu sein.

Jedoch hat es mich etwas irritiert, daß zwei von vier angekündigten Titeln nun wieder den Zweiten Weltkrieg zum Thema haben - ehrlich gesagt, ich kann es nicht mehr hören.

Daß mit den "Sieben Reitern" auch ein dritter Titel seine Charaktere im Wesentlichen über ihre militärischen Dienstgrade definiert, macht den Gesamteindruck der Reihe nicht gerade besser.

Es ist auch etwas unbefriedigend, wenn offenbar der Soldat als einzig nennenswerter "Typus" angesehen wird, der gleich Antworten auf alle Lebensfragen geben soll. Man hat immer den Verdacht, daß einige Herren das "Soldatische" mit allgemeiner lebenspraktischer Befähigung verwechseln und hieraus auf eine erhebliche Reflexionstiefe schließen.

Das ist weit gefehlt. Das Militärische ist für die schönen Künste ehrlich gesagt wenig ergiebig.

Franz Schmidt
5. November 2013 19:36

Klasse Bücher: Kaufen - Rezensieren - Verschenken!

Weihnachten steht vor der Tür.

Ich würde mich freuen, wenn in dieser Reihe auch mal eine Zukunftsvision erscheinen würde (muß keine Dystophie sein).

Toni München
5. November 2013 20:45

Habe das Paket mit vier Bänden soeben bestellt.

Ich hoffe von ganzem Herzen, dass die Reihe nordost ein voller Erfolg wird. Als Vollzeitberufstätigem (mit Familie), der bereits jede Menge Zeitschriften und Zeitungen im Abo hat, ist mir die verfügbare freie Zeit zwar knapp bemessen, aber die Idee des Projekts verdient jede Unterstützung: Sezession-Leser haben dann über kurz oder lang eine gemeinsame Bibliothek im Kopf! Anspielungen auf Figuren und Bücher, etc. werden gar zum unterhaltsamen, intellektuellen „Glasperlenspiel“?

Ich habe das Paket aber auch deshalb bestellt, weil mir die Auswahl der Titel (gemessen an den bisherigen Rezensionen und den Autorennamen) gut gefällt, auch wenn ich gar nicht begeistert bin, mich mit unserer katastrophalen Niederlage so intensiv zu beschäftigen.

Apropos Fernau: Seine 300seitige anteilnehmende, teils sarkastische "Geschichte der Griechen. Rosen für Apoll" ist auch beim wiederholten Lesen nach Jahren ein purer Lesegenuß gewesen. Zum Beispiel: "... ein Herr ist - das haben wir nur vergessen -, wer sich seine Forderungen an das Leben nicht abkaufen läßt. Nicht von einem Kutscher und auch nicht vom Tode." Oder im selben Kapitel: „Den Namen des Verräters haben Sie sicher auf der Schule gelernt – vergessen Sie ihn. Solche Namen lohnen sich nicht.“

eulenfurz
5. November 2013 21:41

Das stimmt nicht, daß es keine Romane für Konservative gäbe - in den letzten beiden Jahrhunderten wurden mehr als genug geschrieben. Und vor allem mehr als genug Romane über Kampftruppen wie Freikorps & Co. Was auch früher schon selten vorkam, das sind hochwertige Romane für Frauen und Mütter und überhaupt Schilderungen, die Herz und Seele mitnehmen, ohne ins Schwul-Schwülstige abzugleiten.

Jetzt zwischen den ganzen Sachbuchangeboten á la "Die XII. Panzerbrigade vor Kursk" oder "Uniformen des Sommerfeldzugs 1940" auch noch Romane mit militärischem Hintergrund angeboten zu bekommen, klingt nicht gerade verlockend. Heutzutage jedoch mit Romanen punkten zu wollen, ist nicht zeitgemäß, sondern - echt konservativ. Schon daher: Gutes Gelingen!

Inselbauer
5. November 2013 22:39

Es ist sehr mutig von Kubitschek, nach dem Vernetzungs- und Messeprojekt "Zwischentag" jetzt an einer anderen Stelle bei Null anzufangen. Respekt, denn das nationalistische Milieu, vor allem die so genannten Konservativen, sind literaturfern und ästhetisch blind bis zur Körperbehinderung. Es ist so schlimm, dass nur ein vollkommen unerschrockener Mann sich einer solchen Herausforderung stellen wird.
Ich meine das vollkommen ernst; Kubitschek hat dem blinden Gelähmten die Beine repariert, jetzt sind die Augen dran, und der Patient wird grausames Unverständnis zeigen, wenn er die ersten Farben sieht.
Literatur zum eigenen Milieu ist dabei buchstäblich wie ein Versuch, als Robinson Crusoe eine Holzfahne zu schnitzen und dazu die neue Hymne zu improvisieren.
Toll.

Maik
5. November 2013 23:15

"Romane für Frauen und Mütter" – man kann nur hoffen, daß das ironisch gemeint ist.
Überhaupt: Wie hier mitunter an Literatur herangegangen wird (z.B. der Begriff "Romane für Konservative"), beweist vor allem eins: Maschke hat recht.

Kolkrabe
6. November 2013 07:15

Sehen lernen, Farben sehen lernen als schmerzhafter Prozess - was der Inselbauer da schreibt, trifft zu. Doch es trifft nicht nur auf das nationalistische Milieu zu, sondern auf die ganze Breite der Gesellschaft.

Wer von den Heutigen ist denn überhaupt noch in der Lage, einen Roman von sagen wir mal Hamsun, Conrad oder Dostojewski wirklich zu lesen? Lesen verstanden als Prozess der intensiven geistigen Auseinandersetzung. Das Versagen vor der Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts liegt nicht daran, dass die von diesen und verwandten Autoren geschilderten Lebenswelten unserem Alltag fern sind.

Man mag auch an Platons Höhle denken: Diejenigen, die zum Licht der Erkenntnis geführt werden sollen, wehren sich verzweifelt mit Händen und Füßen dagegen. Sie ziehen es vor, in der Welt des heiteren Schattenratens zu bleiben, unbehelligt von jeder geistigen Anstrengung, dahindämmernd in seichter Unterhaltung.

Bezogen auf rechte/konservative Milieus heißt das (von löblichen Ausnahmen abgesehen): Anstatt verstehend in die Tiefen von Nietzsche, Hölderlin, Schmitt, Jünger, Heidegger etc. vorzudringen mit der Bereitschaft, sich im Innersten berühren und zu eigener Anstrengung aufrufen zu lassen, belässt man es lieber bei flachen, billigen Gesinnungsbekenntnissen und Stammtischgebrabbel. So wird das nichts.

Deshalb: Jeder Versuch, Menschen aus den geistigen Untiefen des verordneten Flachsinns herauszuführen, ist lobenswert. Die Edition Nordost verspricht einen wichtigen und Beitrag zu leisten, den jeder hier unterstützen sollte.

tacitus
6. November 2013 10:00

Daß das Soldatische in der "edition nordost" gebührend gewürdigt wird, ist m.E. eine Notwendigkeit. Man kann sich natürlich darüber echauffieren, warum auch hier schon wieder der 2. Weltkrieg zum Thema werden muß. Dabei sollte man jedoch nicht vergessen, daß alles, was wir heute sind, wie wir denken, wie wir fühlen, was wir sagen und wie wir handeln, letztlich seinen Ursprung in diesem Krieg hat. Der Zweite Weltkrieg formt die gegenwärtige Mentalität; er ist meiner Meinug nach heute sogar aktueller, allgegenwärtiger als etwa in den 1950er/60er Jahren. Außerdem, daß dem Rechten das Soldatische eher liegt als dem Linken, ist auch kein Geheimnis.

Martin
6. November 2013 10:28

Ich greife dieses Zitat

Respekt, denn das nationalistische Milieu, vor allem die so genannten Konservativen, sind literaturfern und ästhetisch blind bis zur Körperbehinderung.

einmal exemplarisch heraus und möchte diesen und den ähnlichen hier zu findenden Thesen vehement widersprechen.

Wer überhaupt eine Zeitung, wie die Sezession liest, wer sich eben auch mit einem Nietzsche, dessen Faszination sich deutlich mehr von seinen literarischen Fähigkeiten als von seiner Fähigkeit zur wissenschaftlicher Systematik erschließt, wer einen Carl Schmitt, wohl der literarischste unter der Staatsrechtlern etc. liest, der ist nicht literaturfern und schon gar nicht ästhetisch blind. Die Beispiele lassen sich natürlich noch fortsetzen. Überhaupt möchte ich die These aufstellen, dass rechtes und konservatives, welches nicht in expliziter Literaturform daherkommt sondern als wissenschaftlicher Beitrag zu werten ist, meist "besser" lesbar und deutlich verständlicher ist, als das Geschwurbel der anderen Seite - auch ein typischer Beweis, für die literarischen Fähigkeiten dieser Kreise.

Ästhetische Blindheit ist schon in keinem Punkte erkennbar. Im Gegenteil, gerade ein sehr subtiler Sinn für Ästhetik treibt einen Konservativen um, da er Störungen, Kakophonien und Verzerrungen besonders wahrnimmt. Von daher findet sich, wenn auch vielleicht nicht politisch, ein rechter, ein Konservativer auch bei Thomas Mann, Thomas Bernhard etc. sehr gut zurecht. Auch ein großer Teil der amerikanischen Literatur hat absolut konservative Grundtöne, die man allerdings erst dann erkennen kann, wenn man auch Bücher vom "bösen Ami" in die Hand nimmt. Überhaupt ist vieles auch ein Thema der Deutungshoheit, die eben zur Zeit in den Händen der Linken liegt und die daher jedes qualitativ gute Buch auf ihre Seite schreibt und ein Autor, der von seinem Schreiben leben will, tut gut daran, dem nicht zu widersprechen und behält seine wahre Meinung lieber für sich (fällt eigentlich noch jemandem auf, dass die meisten der vermeintlich "linken" "Kultbücher" auch eine andere Lesart in sich bergen - oftmals sogar recht offen?)

Ferner ist alleine die Zeitschrift Sezession doch auf den ersten Blick, beim ersten Durchblättern, bevor man das Lesen beginnt, in erster Linie einmal ein ästhetisches Statement - in diesem Punkt hat mir auch schon ein Schriftsetzer der "alten Schule" beim ersten Durchblättern der Zeitschrift voll und ganz zugestimmt.

Fazit: Bullshit!

Wenn die Rechten und Konservativen, die sich hier tummeln, keine verkrachten Literaten, Philosophen, Schöngeister und "Empfindsamen" wären, würden sie sich hier eben nicht tummeln. Der Linke ist der Materialist, der auf Grund seines nackten Materialismus ästhetisch Blind für alle Formen der Kunst, die über einen platten Realismus hinaus gehen, ist, der auch jegliche Abstraktion nicht begreifen kann und bspw. in der bildenden Kunst abstrakte Werke nie wirklich versteht sondern nur "schick" findet, weil andere, die Tonangeber, dies mittlerweile so vorgeben. Linkes Denken und linke Erziehung verkrüppeln die Menschen in ihrer Wahrnehmungsfähigkeit, in ihrer Menschwerdung.

Die konservative Wahrnehmung, der "rechte Blick", ist eine Grundvoraussetzung, um überhaupt zu solchen politischen Ansichten, wie sie Konservative und Rechte haben, kommen zu können. Die Verstörung an der Moderne und der Jetzt-Zeit ist zunächst kein politisches Empfinden, es ist ein zutiefst ästhetisches Wahrnehmen, welches vielfach einen Ekel erzeugt und zwar einen Ekel vor der Moderne und den heutigen Zuständen.

Zum eigentlichen Thema, der Edition Nordost:

Ich wünsche diesem Projekt alles erdenklich Gute - aber irgendwie sprechen mich die Titel - rein subjektiv - nicht an. Da die Reihe aber sicher nicht mit 4 Bänden enden wird, wird bei zukünftigen Bänden schon etwas dabei sein, was auch mich anspricht. Ich würde mir wünschen, wenn auch etwas dabei sein könnte, was den Dunstkreis des "von 19hundert bis in die 50er und frühen 60er Jahre" verlassen hat und aus späteren Jahrzehnten stammt, auch wenn das urheberrechtlich dann alles nicht mehr so einfach sein dürfte und teurer wird, weswegen ich Verständnis habe, wenn es bei der bisherigen Schiene bleibt.

ene
6. November 2013 10:42

@ Inselbauer

Sie sagen, die Konservativen seien "literaturfern". Das mag wohl stimmen - ich kann es nicht beurteilen.
Ich will das mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Trifft man auf Leser (auf echte Leser, eben solche, wie sie Kolkrabe anspricht, die in ein Buch eintreten wie in eine neue Welt und dann in dieser Welt umherwandeln), dann sind diese in der Regel "konservativ". In einem weiten Sinne, versteht sich.
Lesen heißt immer: Abstand gewinnen, die Dinge unter einem anderen als unter tagesaktuellen Gesichtspunkt betrachten, ernst nehmen, was vor uns gedacht wurde, genauer hinsehen usw.
Die Beschäftigung mit Literatur scheint mir eine im wesentlichen konservative Tätigkeit zu sein.

Inselbauer
6. November 2013 11:21

Solange man sich die Welt mit der Umdeutung von Begriffen zurecht lügt, braucht man nicht zu handeln. Das erinnert mich immer an die Szene in Bunuels "Milchstraße", in der der geisteskranke Priester angesichts der säkularen Phänomene der Moderne klug versichert: "Aber alle Welt ist katholisch!"
In Wirklichkeit ist hier schwierige Aufbauarbeit zu leisten. Dass die Sezession dabei eine wichtige Rolle spielt, ist vollkommen klar. Klar ist aber auch, dass diese Zeitschrift allein mit den handwerklich erstklassigen Essays von Lichtmesz und einer Handvoll wunderbarer Formulierungen von Kubitschek derzeit noch nicht gegen den populärwissenschaftlichen Schlendrian ankommt, der die literarische Kultur dieses Milieus dominiert. Es ist ganz schrecklich, wie man dieses ideologische Lesen und Aufsaugen irgendwelcher Botschaften und Leitsätze von den 68ern in den letzten Jahren kopiert hat. Da werden Autoren als Zitatenfundgruben und Lebenslehrer oder gar als Rohstoff für eine pseudo-bürgerliche Bildungsmimikry ("literarischer Konservatismus") missbraucht. Das ist widerlich, und es hat mit der Attitüde des preussischen Junkers, der macht statt liest, eben gar nichts gemein.
Außerdem gibt es keine konservative Ästhetik, und wenn doch, dann ist sie in allen politischen Lagern zu finden.
Lesen muss man lernen. Zu behaupten, dieses Milieu hätte da eine Stärke, wäre genauso dumm wie die Behauptung, jeder, der Soldat sein will, könnte auch gleich virtuos schießen.

eulenfurz
6. November 2013 11:31

„Romane für Frauen und Mütter“ – man kann nur hoffen, daß das ironisch gemeint ist.

Gut, drücken wir es so aus: Romane, für die sich auch Frauen begeistern können.

Aber wahrscheinlich ist das auch nur eine Wunschvorstellung angesichts des Umstandes, daß der Verlag offenbar Probleme sieht, ein bestimmtes Kontingent militärisch angehauchter Romane an seinen zu 95 % männlichen Kundenkreis abzusetzen. Leider kommt man mit solcher Literatur aus seiner Männerdominanz-Ecke auch nicht heraus.

JS
6. November 2013 12:02

Nicht so ganz zur Debatte gehörend: Wann wird der dritte Band denn erscheinen? Ursprünglich (und laut Paketbeschreibung auf antaios.de) ja bereits im November, laut Einzelband erst im Frühjahr 2014. Vermutlich ist letzteres der Fall?

yes, frühes frühjahr 2014

Nils Wegner
6. November 2013 12:36

Dank an Martin.

Ich finde es immer wieder verblüffend, wie genüßlich gewisse Selbstgeißelungen ("Wir sind ja so kulturlos und amusisch, buhuhu, und ein konservatives Kabarett/Knabenensemble/Kasperletheater gibt es immer noch nicht, buhuhu!") doch zelebriert werden. Wer lesen will, kann und mag, der wird das auch tun - und zwar so, wie es seinem subjektiven ästhetischen Empfinden entspricht.

Derlei nun auch noch zum Objekt politischer Gesäßgeographie machen zu wollen, trägt in meinen Augen schon deutlich obsessive Züge.

Inselbauer
6. November 2013 13:10

@ Nils Wegner

Nein, nicht UNS, sondern Leute, die ästhetische Perspektiven als schwul und neurotisch diffamieren, oder die einfach keine Erfahrung - schlicht keine Ahnung - haben, meine ich. Popowitzchen reißen kann jeder Depp, so viel steht fest. Eine kräftige, unreflektierte Selbstzufriedenheit und sachliche Ahnungslosigkeit, das ist das Problem!

Irrlicht
6. November 2013 13:30

Mir stellt angesichts des immer offener zur Schau gestellten paternalistischen Gestus die Frage nach dem Selbstverständnis von Kubitschek und seiner Truppe. Selbiger war schon im (bislang bemerkenswert erfolglosen) Bemühen der Etablierung von Bewegungen wie der Casa Pound oder des Bloc identitaire in Deutschland wahrnehmbar, tritt aber mit der Vorstellung der neuen Belletristik-Reihe, die das intendierte Leserpublikum kurzerhand für illiterat, wenigstens aber lesefaul, erklärt, mit dem Ziel der Reihe , "die Konservativen endlich zum Lesen schöner Literatur zu erziehen" (Zschocke), unübersehbar in den Vordergrund. Und das Publikum applaudiert auch noch.

Nils Wegner
6. November 2013 14:11

Du lieber Himmel, Ästhetik ist doch kein Dogma! Man kann, je nach Gusto, sowohl die Produkte Arno Brekers, als auch Jonathan Meeses oder Banksys mögen - mögen ist hierbei das Schlüsselwort. De gustibus et coloribus non est disputandum.

Martin
6. November 2013 14:25

Das berühmte "gute Buch", ein guter Roman oder eine Erzählung ist nach meiner, evtl. bisher nur begrenzten, Leseerfahrung doch nie politisch eindeutig oder zu deutlich und wenn es das ist, dann wird es schnell langweilig, kitschig, klischeehaft oder einfach penetrant nervig. Insofern möchte ich noch einmal auf den in meinem vorherigen Beitrag genannten Begriff der "Deutungshoheit" zurück kommen, und da liegt der Hund meiner Meinung nach am meisten begraben. Diese Deutungshoheit liegt heute bei den anderen.

Es geht hier nicht um das schön reden oder sich zurecht biegen von Autoren und deren Werke (die werden sich zumeist dafür bedanken ...). Aber alleine schon durch eine brauchbare Literaturkritik und dem Rezensieren von Büchern, dem Verlegen von Büchern, auch von solchen, die ansonsten der Vergessenheit anheim fallen, ist viel getan, Danke insbesondere an Sezession und Antaios dafür. Ein Beleg für fehlende "rechte" Lesefreude oder ästhetische Begrenztheit ist das meiner Meinung nach aber nicht.

Frank
6. November 2013 15:10

Ich bin weitaus mehr interessiert an Romanen, die "alternative" Lebenswelten in der konkreten Realität und Gegenwart beleuchten ggü solchen, die allegorisch arbeiten oder in der Vergangenheit angesiedelt sind. Insofern bin ich sehr gespannt auf "Wer gegen uns?" und hoffe, dass noch viele Werke in dieser Richtung erscheinen mögen.

Urwinkel
6. November 2013 15:27

Der Begriff "Lesefaulheit" ist ein Kampfbegriff. Keine Ahnung wer den zuerst ins Feld führte, aber er hat sein Ziel getroffen. Es ist schon skurril, wie selbsterstörisch man damit umgeht. Das ist mißverständlich und verstörend. Am Ende aber nicht zutreffend.

Gardeleutnant
6. November 2013 15:49

An Eulenfurz & Maik: "Romane, für die sich auch Frauen begeistern können", jawohl! Genau über diesen Punkt beschwert sich meine Frau immer wieder. Bücher zu soldatischen Themen sind ihr "Männerbücher", wenn nicht "Jungsbücher" (Assoziation: geistiger Rückfall in präpubertäre Sehnsucht nach Abenteuer und Kameradschaft). Diesen Eindruck hatte sie gar von einem so grandiosen Buch wie "Sieben Reiter"! Sie fordert stattdessen weniger verkopfte, weniger ernste Bücher (Fernau wird geliebt und verehrt, mit Ausnahme vom Hauptmann Pax!), in denen die Figuren nicht so deutlich zu einem literarischen Zweck hin konstruiert sind. Wenn es mehr Bücher mit weiblichen Identifikationsfiguren (nicht: Staffage für die männlichen Charaktere, nicht: sexualkonnotierte Puppen, nicht: moderne Emanzen) gäbe, so ließe sich das konservative Lesepublikum glatt verdoppeln. (Mein ganz privat-empirischer und nicht wissenschaftlich fundierter Eindruck ist ohnehin, daß konservative Ansichten bei den Massen "da draußen" bei Frauen weiter verbreitet sind als bei Männern, sie äußern ihre Ansichten bloß seltener.)

Um dem naheliegenden Einwand zu wehren: Es ist nicht egal, welches Geschlecht der Leser hat, sofern wir davon ausgehen, daß Männer und Frauen ungleich konstituiert sind, also auch anders denken und empfinden. Auf die andere Erfahrungs- und Empfindungswelt von Frauen gar keine Rücksicht zu nehmen, ist ignorant und, vor allem im Hinblick auf metapolitische Strategien der kulturellen Hegemonie, nicht gerade intelligent.

Schließlich noch eine allgemeine Anmerkung zum Verhältnis von Lektüre und Weltanschauung: Ich kenne keinen, und ich wiederhole: keinen einzigen Vertreter der jüngeren Generation, der nicht konservativ/rechts wäre und dennoch eine literarische Ader hätte. Was "konsumiert" wird, ist die aktuelle Trivialliteratur. Die sog. Klassiker der deutschen wie anderssprachigen Literatur aber sind, wenn überhaupt, so dem Namen nach aus der Schule bekannt, die aktuellen Buchpreisaspiranten sind terra incognita (was freilich oft ein Segen ist), gegenüber Literatur herrscht generell das allergrößte Desinteresse. Wenn jemand einmal (!) ein (!) Buch gelesen hat, dann willkürlich nach eigener Selbstwahrnehmung und Interessen ausgewählte Literatur (z.B. B. E. Ellis bei einem hedonistischen Nachwuchs-Betriebswirt mit Wohlstandsherkunft). Heute etwa dreißigjährige, nach derzeit modischen Maßstäben exzellent akademisch ausgebildete und gutverdienende "Leistungsträger", die die gelesenen literarischen Bücher an einer Hand abzählen können, sind keine Ausnahme. Von daher werden sich die verbliebenen Reste der heutigen Buchindustrie nach dem Aussterben der geburtenstarken Jahrgänge darum bemühen müssen, ein verändertes Lesepublikum mit anderen Büchern anzusprechen, und dieses Lesepublikum wird stärker selektiert und damit weit konservativer sein als heute. Wer also bereit ist, noch 30 Jahre zu warten, der möge sich in heiterem Optimismus wiegen.

yvonne
6. November 2013 15:57

Ich hatte bisher nicht das Gefühl, die hier Schreibenden wären belletristisch sehr unbelesen, im Gegenteil. Aber vielleicht ist das ja alles nur Show. Ich dachte eher, es fehle hier an Handfestem.
Was auf jeden Fall stimmt: es mangelt an (sichtbarem) Geschmack. Das sog. Konservative kommt ziemlich hausbacken daher, das Rechte oft einfach nur schwarz. Dabei war die Ästhetik auf rechter Seite mal wegweisend – oder hätte es sein können – und sollte beim Aufbau einer Bewegung eigentlich eine zentrale Stellung einnehmen. Als Sinnbild für das große Ganze oder wenigstens als Ausdruck von Frechheit und Revolte. Muss natürlich neu sein, keine Kopie.
Und als Frau möchte ich sagen: bitte keine Frauenliteratur (was soll das sein?)! In dieser verweiblicht-verweichlichten Zeit tut die Männerperspektive auch den Frauen gut, solange sie danach nicht aussehen wie Männer jedenfalls.
Die Edition ist selbstverständlich eine gute Sache.

Rumpelstilzchen
6. November 2013 16:52

Aaalso:
Gute Literatur ist immer konservativ ! Sie bleibt.
Belletristik ist nicht gute Literatur, sondern Unterhaltungsliteratur.
Die kann gut sein oder auch schlecht. Mehr rechts oder links.
Joachim Fernau lag bei meinen Opa auf dem Nachttisch. Fand ich unterhaltsam. Ein amüsanter Weg, Geschichte zu lernen.
Soldatisches hat mich nie interessiert. Erinnere mich schwach an "Stalingrad" von Plivier. Stand auch in jedem Haushalt.
Frauenliteratur ? Was soll das sein ? Eher ist zu fragen: was ist Männerliteratur ?
Ansonsten empfehle nicht nur für Frauen:
Slow food: Genussführer Deutschland 2014
Ein Kochbuch, das wertkonservative Ideale vertritt und die regionale deutsche Kochkultur aufleben lässt.
Ein wahrhaft identitäres Buch.

https://www.faz.net/aktuell/lebensstil/essen-trinken/slow-food-fuehrer-es-muss-schmecken-12615560.html

Urwinkel
6. November 2013 18:24

Yvonne:

"Und als Frau möchte ich sagen: bitte keine Frauenliteratur (was soll das sein?)"

Ja, was soll das sein Frauenliteratur? Mir fällt dazu nur Goethe ein, dessen Verse gerne von Frauen gelesen werden und wurden. Die Frau ist doch heute so eigenständig und individuell, daß sie selbst wissen sollte, was sie will. Meine Großmutter las, wenn überhaupt, die Bibel. Im Nachlaß fanden sich keine weiteren Bücher. Der Japaner Murakami soll übrigens ein litararischer Frauenmagnet sein.

waldgänger aus Schwaben
6. November 2013 21:04

Ich persönlich praktiziere eine sehr altmodische und konservative Form des Lesens, an der Autoren und Verlage keine Freude haben.

Das intensive, wiederholende Lesen, wie es bis Ende des 18.Jahrhunderts üblich war. Die damaligen Leser besaßen nur wenige Bücher, meist religiösen Inhalts, die sie immer wieder lasen.

Eine extreme Form des intensiven "Lesens" begleitet mich auf meinen Waldgängen. Wenn ich nicht den Rosenkranz bete, rezitiere ich oft auswendig gelernte Gedichte von Hölderlin, Eichendorff, Novalis oder Trakl.

Das intensive, wiederholende Lesen ist eine Form des Widerstands gegen die moderne Zensur. Die moderne Zensur verbietet nicht, sie begräbt unter einem Berg von Belanglosigkeiten. Bei jährlich ca 90 000 neuen Büchern allein im deutschsprachigen Raum, bei ungezählten Zeitungen, Zeitschriften, Blogs und anderen Internetseiten- wer kann da noch das Wahre, Gute, Schöne finden? So es dieses noch unter den Neuscheinungen gibt? Was ich bezweifle.

Wozu Dichter in dürftiger Zeit?

Der intensive, wiederholende Leser lässt sich seinen Geist nicht vernebeln mit all dem belanglosen Zeug. Aber es macht einsam und es verhindert effektiven Widerstand durch Zusammenschluß Gleichgesinnter, weil kaum zwei solcher Leser dasselbe lesen.

Wünschenswert wäre ein Kanon. Aber wer soll den aufstellen und woher wissen ob er der richtige ist? Ich habe keine Antwort.

Maik
6. November 2013 21:13

An Gardeleutnant: Aber das ist doch gerade die Crux: Da holt man ein "soldatisches" Buch hervor und bemängelt oder wundert sich, daß es bei Frauen nicht ankommt! Durch diese Art von Eingrenzung verfehlt man den Begriff "Literatur" doch etwas.
Um mal ein paar große late Herren zu nennen: Wo sind denn Dostojewski, Hamsun, Th. Mann oder Faulkner explizit "soldatisch"? Sind ihre Bücher konservativ? Vielleicht (oder: ganz sicher). Nur ist das völlig unerheblich (das haben hier ja auch einige schon unterstrichen).
Nach meiner Erfahrung lesen durchaus auch Frauen (wenn sie denn entsprechend intensive Leseerfahrungen suchen, was mittlerweile häufiger der Fall zu sein scheint als bei Männern) die "großen" Männer gern. Daß es auch Frauenliteratur gab und gibt, ist richtig. Genauso wie die explizit "soldatische". Doch beide Spielarten genügen in den meisten (!) Fällen nicht den Ansprüchen an große Literatur.
Im übrigen: Selbst bei den Buchpreisaspiranten gibt es immer mal wieder lesenswerte (wenn auch nicht unbedingt "große"); für die letzten Jahrgänge fallen mir da Reinhard Jirgl, Sibylle Lewitscharoff, Jan Brandt oder Herta Müller ein (alle sog. Shortlist):

Nils Wegner
6. November 2013 22:42

@ Gardeleutnant:

Daß Sie solche Menschen kennen, finde ich sehr bedauerlich. Aber Autoren bzw. ihre Werke können auch nichts dafür, wenn sie (absichtlich) falsch oder gar nicht verstanden werden. Gerade ein Bret Easton Ellis zeigt in seinen Beschreibungen von Materialismus und seelischer Ausgebeintheit im Grunde nichts anderes, als die Konsequenzen reiner Äußerlichkeiten im Zwischenmenschlichen wie Gesellschaftlichen. Um mich einmal selbst zu zitieren:

Ellis ist also keineswegs nur ein Ästhet der Degeneration. Denn seine Romane – von Essays hält er wenig – skizzieren vor allem sinnentleerte Existenzversuche in der Wohlstandswelt. Dort verläuft die von Ellis beschriebene „Fieberkurve“ aus Drogen, Hedonismus und Sex.

Das muß man nur sehen wollen. Daß sich nicht wenige Leser bloß an Gewalt- und Dekadenzdarstellungen aufgeilen, will ich gar nicht bestreiten. Und sicher spielen Provokation und das Drücken von "Knöpfen der Begehrlichkeit" bei Autoren stets eine gewisse Rolle. Daß derlei aber nicht pauschalisierend, und schon gar nicht induktiv (wie Sie es – vielleicht in polemischer Absicht? – tun), angenommen und verdammt werden darf, gebietet sich bei einer gewissen Grundunvoreingenommenheit wohl von selbst.

ene
6. November 2013 23:16

@ Waldgänger aus Schwaben

Ja! Etwa die Wahlverwandtschaften des "Frauendichters" Goethe (-darauf muß man erst einmal kommen -), habe ich im Abstand von vielen Jahren vielleicht drei, viermal gelesen. Und immer wieder Bedeutungsschichten entdeckt, die mir zuvor entgangen waren, für die ich eben noch keinen Sinn hatte.

Ihnen möchte ich den "Waldgänger" von Adalbert Stifter ans Herz legen - wenn Sie diese Erzählung noch nicht kennen, was ich aber kaum glaube.
Eine langatmige Erzählung, wie es Stifter eigen ist, eine Erzählung mit langem Atem über die Unveränderlichkeit des Charakters, über das Hinauswachsen des Lebens der Kinder über das der Eltern, darüber, daß es eine Zeit gibt, um zu bauen und eine Zeit, um niederzureißen, was gebaut wurde.

Urwinkel
7. November 2013 00:59

Einen Kanon kann ich aus lockerer Hand sammeln:

die ersten fünf:

1. Friedrich G. Jünger: Die Perfektion der Technik
2. Cioran - alles
3. Der Klang der Familie - Berlin, Techno und die Wende
4. alle Antaios Jahrbände, am besten in Einzelheften, so lassen sie sich besser rausgreifen und lesen
5. Frank Böckelmann - Risiko, also bin ich

Ist das ein Anfang?

antwort kubitschek:
nein, das ist natürlich kein anfang, das ist meistenteils keine belletristik, und um die geht es hier doch, nicht wahr? das, was Sie auflisten, hat das institut für staatspolitik in seinen schlüsselwerken bereits kanonisiert; und dreimal dürfen Sie raten, warum diesem staatspolitischen handbuch noch immer kein Band über "schöne literatur" zugewachsen ist: Man kann das schöne fast gar nicht politisch kategorisieren. es ist zunächst und vor allem einfach schön. beispiel aus dem alltag: für die 57. sezession habe ich soeben eine rezension über erich loests letzte erzählung geschrieben. ich weiß, daß ihn große teile der hier versammelten nicht mit der kneifzange anfassen würden, die alte ddr-sau. indes: er erzählt großartig, er kann das einfach.

Stil-Blüte
7. November 2013 04:38

Als Leseratte 'schöner Literatur' sollte man sich nicht scheuen, Klischees der Leihbibliotheken wie Frauen-, Männer-, Jugend-, Kinderbücher, freizügig (un-)sortiert in Liebes-, Abenteuer-, Phantasie-, Kriminal-, Reise-, Heimat-, Kriegs-, Familien-, Natur-, Mädchen-, Gesellschafts-, Trivial-, Erbauungs-, historische, Tagebuch- experimentelle Romane/LIteratur zu bedienen.

Mit den Büchern verhält es sich doch wie mit den Menschen: lebenslange Freundschaften werden in jeder Lebensphase neu, aber vertraut gelesen, Reisebekanntschaften trifft man zufällig und sagt dann 'Gute Reise' und sieht sich nie wieder.

Die beiden ersten Bücher von 'nordost' fallen für mich unter kriegs- und Phantasieliteratur. Manchmal ist es gut und richtig, Bücher zu treffen und nicht nur weitezuempfehlen, sondern weiterzuverschenken. Gesagt, getan. Ja, es war der schöne, aber maskuline fremde Stern.

Wer hat es nicht gemerkt, daß es nicht nur im stinknormalen Leben, sondern auch in Kunst und Literatur einen Männer- und einen Frauenstern gibt. Das Universelle - Sternstunden der Menschheit - fremd und vertraut zugleich - Bibel, Faust, Shakespeare, die alten Griechen, Sagen, Märchen, Legenden, Volkslieder...

Wie oft ich Knut Hamsuns 'Victoria', Fontanes 'Effi Briest, gelesen habe...! Dies hier zu sagen, kommt mir beinahe wie ein Verrat an meinen Lieblingsschriftstellern vor. Aber dann ein Freund - der begeistert Josef Conrad wieder und wieder liest, während ich seine Größe schätze, weil er sie schätzt, aber keinen existentiellen Bezug habe.

Leseratte in jungen Jahren - dicke Schinken - von Karl May über Balsac bis Tolstoi - vermag man das noch später?

Die Verortung 'nordost' - programmatisch, nicht leichte Briese, sondern Böen, Wind aus der Himmelsrichtung 'nordost' LTreibsand gegen das Rechts-links-Schema? Ich jedenfalls freue mich über erfrischende Winde, Strömungen, Erkundungen. Sind sie auch rau, kalt, winterlich, gehören sie doch zu unserer Geografie.

Vergesst mir das Gedicht nicht!
die Anthologie - auch sie!

Raskolnikow
7. November 2013 07:57

"Also Mutter, jetzt schweige doch
still. Ich mag nicht, dass man mir
die Leviten liest."
(Anne Bronte,
"Die Herrin von Wildfell Hall")

Eure Schrulligkeit,

hat etwas Rührendes, man möchte Euch beschimpfen, aber hält dann doch inne ... Ich will es Liebe nennen, dies unheimliche Etwas da zwischen uns. Was denkt Ihr?

Soeben habe ich ein mehrwöchiges Internetverbot überstanden; die Anstaltsleitung hielt diese Maßnahme für adäquat, nachdem ich im Großhandel Süßwaren und Spirituosen bestellte, nebst einigen nutzbringenden non-food-Artikeln (Hygieneprodukte und Feuerwerkskörper). Nun ist auch diese Aszese überstanden ...

Ich verstehe einfach nicht, wie Ihr Euch erfrechen könnt, die großen Dichter in Eure politischen Ränke hineinzuziehen. Der sei konservativ, jener rechts. Warum schreibt Ihr dergestalt im Stile vorwitziger Marktschreierinnen? Wen, so frage ich mich, versucht Ihr noch mit Euren Etikettchen zu bekleben, wen zu beeindrucken? Seid Ihr am Ende gar Eurer Großmütter Epigonen?

Müsst Ihr grundsätzlich Dichter und Ihr Werk politisch verorten, bevor Ihr sie zur Hand nehmt, oder liegt es nur an Eurer Tagesform, welche, nach einigen Kommentaren zu urteilen, wohl durchaus als Formtief bezeichnet werden darf. Von edler Abkunft zeugt dieses subalterne Politgeschrei keinesfalls!

Neugier, Phantasie, Contenance und ein literarischer Sportsgeist, meiner Treu, sollte Euch wichtiger werden, wenn es Euch darum zu tun bestellt ist, mit dem was Ihr inauguriert, ernst genommen zu werden! So jedenfalls geht das nicht! Feinsinn und vielleicht geistvoller Spott waren seit je wirksamer als des Volkes Gebrüll.

Ihr müsst, wir müssen, besser werden; Meister Kubitschek schneidet doch sein Programm nach seiner Zielgruppe zurecht. Da sollten wir uns mal ein bißchen anstrengen, sonst landen wir am Ende bei einer Antaios-Pixi-Reihe ....

Los, Commandante K, her mit den tausendseitigen Folianten, wir können sie stemmen!

Prosa-und-Lyrik-lesen bedeutet überhaupt erst lesen. Ratgeber und Politpamphlete mögen Ihre Berechtigungen haben, und sogar die literarischen Bereiche streifen, aber wer sich nicht an die klassische Literatur, die Literatur überhaupt, wagt, hat nie gelesen!

Ich könnte mich nicht ohne Ekel im Spiegel betrachten, wäre ich ein Wenig- oder gar ein Nichtleser! (Hören Sie auf Waldgänger! Sie sind ein Narr, wenn Sie das Auswendiglernen erklecklicher Passagen mit dem Lesen an sich selbst verwechseln. Das Träumen und Fantasieren gehört zum Rosenkranz wie auch zum Lesefortgang dazu!) Dies Da-und-davon-träumen nenne ich eine wünschenswerte Randbegleitung, es bildet aber keinesfalls den Hauptgrund meines unausgesetzten Studiums alter Bücher.

Auf fast allen anderen Gebieten des Lebens bin ich von einer solch bemitleidenswerten Unfähigkeit, dass mir das Lesen einen letzten kleinen Funken Selbstachtung eingibt. Wenn man, so wie ich, dem eigenen Versagen Tag um Tag begegnet, und kein Refugium hätte, wäre man dem Tode näher als dem Leben, also ich darf Euch davon berichten, dass ich lese, um zu überleben.

Noch eins zur Soldatenliteratur: Das Interesse für Kriegsschnurren und Gefechtsberichte ist scheinbar reziprok zum tatsächlichen Kriegserleben des Lesers ...

Noch ein weiteres zur Frauenliteratur: Lest, was Dostojewski hierzu formulierte, da ich Euch nicht genau sagen kann, in welchem seiner Werke er davon schrieb, lest doch bitte einfach alle!

Ansonsten hat mich das kurzweils entbehrte Lesen hier bei SiN, wie immer, gründlich erquickt ...

Wohlan, so bleibt mir nur, Euch den wohlmeinenden Rat zu geben, fürderhin mehr zu schweigen und zu lesen!

Herzlichst ...

PS: Für den Augenblick ist mein Überleben dank Dr. phil & Dr. med. Paul Möbius "Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes" gesichert. Mit dem Studium dieses seiner Werke begann ich gestrigen Tages, bis dato apperzipierte ich während dreier Nächte Raspails "Sieben Reiter".

PPS: Ach Stil-Blüte, man kann immer alles lesen, bei mir liegt schon J.F. Cooper auf dem Lektüretischlein bereit, der kommt als nächstes dran. Brachten mich ein paar junge Herren drauf, am letzten Wochenende ...

Rumpelstilzchen
7. November 2013 09:29

Überlaß es der Zeit

Erscheint dir etwas unerhört,
Bist du tiefsten Herzens empört,
Bäume nicht auf, versuch's nicht mit Streit,
Berühr es nicht, überlaß es der Zeit.
Am ersten Tag wirst du feige dich schelten,
Am zweiten läßt du dein Schweigen schon gelten,
Am dritten hast du's überwunden,
Alles ist wichtig nur auf Stunden,
Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Friedensstifter.
Theodor Fontane

Lieber Raskolnikov,
Das Internetverbot sollte auf alle Foristen ( ich schließe mich ein) ausgedehnt werden. Ihnen ist es hervorragend bekommen.
Sie drücken aus, was mich empört hat. Ich habe es der Zeit überlassen.
Was Sie als Schrulligkeiten bezeichnen, nenne ich heute mal
Shades of brown.
Eine Pixi Reihe auf Antaios gefällt mir gut. Mag die Büchlein auch heute noch.
Ich dachte auch an einen Antaios Restaurantführer. S. O.
Voll identitär.
Als Frau mag ich Anton Tschechov fast noch mehr als Dostojevskij.
Und ich liebe Jane Eyre.

Hartwig
7. November 2013 13:53

Was gibt's noch zu schreiben, nachdem Raskolnikov geschrieben hat? Allenfalls, dass ich der Edition Nordost gutes Gelingen wünsche. Werde mich dort immer wieder umsehen und bei Bedarf kaufen. Für Lesevergnügen bleibt bei beruflichen und häuslichen Pflichten wenig Zeit. Manchen Tages liesst man allenfalls die Hausaufgaben der Kinder zur Kontrolle. Und hin und wieder gibt es auch Zerstreuungsliteratur, nun ja, Triviales halt. Z.B. ein G.R.R. Martin oder ein David Gemmell. Deren Epen enthalten so vieles, von dem hier schon die Rede war. Männer und Frauen, so wie man sie sich herbeiphantasiert. Soldatisches, Kämpferisches, Kriegerisches. Tapferkeit, Ehre, Treue. Liebe. Versagen und Tod. Die ganze Litanei, nach der man süchtig ist, wenn nach langem Tag die Rechnungen bezahlt sind.

Urwinkel
7. November 2013 14:17

"Seid Ihr am Ende gar Eurer Großmütter Epigonen?"

Das kann man nie ausschließen, werter Raskolnikow. Es ist ein Frage der Erinnerung und des Erbes. Die kriecht aus jeder Ritze, manchmal treibt es einen in den Wahnsinn. Man beginnt zu riechen und zu spüren, was die Alten anging und die Jungen vergeigt haben. Die Zeit ist unser Feind.

Rumpelstilzchen
7. November 2013 14:59

"Eine Erzählung ohne Frau ist eine Maschine ohne Dampf."

Anton Tschechov

Stil-Blüte
7. November 2013 15:03

@Raskalnikov
Ja, Möbius 'Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes' gehört zu meiner extraordinären Handbibliothek, über die ich meinen Erben testamentarisch verfügen möchte, daß sie nicht verramscht (Dämmung, s. M.L.) werden sollte. Ja, und Tschechow

@G.K
Ein glückliches Händchen, damit so viele Bücher wie möglich mit dem Wind aus Nordost in meiner Handbibliothek landen.

Ellen Kositza
7. November 2013 21:00

@ Rumpelstilzchen, @Tschechow

Na klar, ohne Frauen geht´s nicht. In der "Brigitte" ist aktuell von einem hübschen Gender-Test zu lesen, den Kubitschek nun auch für seine künftigen Produkte vorsorglich anwenden will; ersetze "Film" durch "Buch".

Aber trotzdem sind Frauen noch lange nicht gleichberechtigt im Mainstream-Entertainment. Der "Bechdel-Test", 1986 von der Comic-Zeichnerin Alison Bechdel erfunden, zeigt schnell, wie riesig der Unterschied zwischen den Geschlechtern immer noch ist.
Die Anforderungen von Alison Bechdel an einen Spielfilm sind geradezu lächerlich niedrig:

1. Kommt mehr als eine Frau im Film vor?

2. Reden die Frauen miteinander?

3. Reden die Frauen über was anderes als über Männer?

In Schweden starteten vier Kinos vor einem Monat eine Inititative (sic): Neben der Altersfreigabe wird den Kinogängern auch jeweils angezeigt, wie gut ihr Wunschfilm den Bechdel-Check besteht. Mittlerweile ist auch das staatliche Schwedische Filmsinstitut an Bord, und der Fernsehsender "Viasat Film" will künftig auch seine Zuschauer darauf hinweisen, wie die gezeigten Filme im Test abschneiden. Außerdem ist dort am 17. November ein "Super Sunday" geplant, an dem der Sender ausschließlich Filme zeigen möchte, die den Bechdel-Test bestehen.

waldgänger aus Schwaben
7. November 2013 22:45

Lieber Raskolnikov

sprechen Sie einmal nach nächtlicher Wanderung unter dem goldenen Gezweig der Nacht und Sternen andächtig die Verse aus Hölderlins Menons Klagen um Diotima:

Wohl gehn Frühlinge fort, ein Jahr verdrängt das andre,
Wechselnd und streitend, so tost droben vorüber die Zeit
Über sterblichem Haupt, doch nicht vor seligen Augen,
Und den Liebenden ist anderes Leben geschenkt.
Denn sie alle, die Tag und Jahre der Sterne, sie waren,
Diotima! um uns innig und ewig vereint;

Und Sie wissen was Zeit und Ewigkeit ist, falls Sie einen Sinn haben es zu erfassen.

Dazu freilich müssen Sie die Verse auswendig können. Ablesen mit der Taschenlampe oder gar horribile dictu ein Hörbuch zerstört den Zauber.

Rumpelstilzchen
8. November 2013 10:12

@ Kositza

Tschechov hat sicher keine Frauenquote im Sinn, wenn er schreibt, dass es ohne Frauen nicht geht. Zu seiner Zeit gab es eben noch eine erotische Spannung zwischen Männlein und Weiblein, weil es noch Unterschiede gab.
Die Unterschiede gibt es heute zwar auch noch, aber keine Spannung mehr. Eher erscheinen Frauen als Maschinen und die Männer geben kaum mehr Dampf ab, träumen stattdessen vom Soldatenleben.
Deshalb wirkt das hier alles etwas schrullig.

@Raskolnikow
Die Rechte hängt gerne den Bildungsbürger raus, ist unbelesen oder frönt der Trivialliteratur. Sie dagegen bieten ihre Liebe an (" das unheimliche Etwas zwischen uns") und @ Waldgänger meint doch tatsächlich, dass Sie keinen "Sinn für Zeit und Ewigkeit" hätten, nur weil Sie diesen bescheuerten Möbius nicht im Wald rezitieren.

"Am liebsten erinnern sich die Frauen an die Männer, mit denen sie lachen konnten" ( Tschechov)

Dem ist nichts hinzuzufügen !

Urwinkel
8. November 2013 10:55

Raskolnikow, sitzen Sie wirklich in einer Anstalt? So wie jüngstens Mollath? Ich hole Sie dort raus. Sie müssen mir allerdings versprechen, beim ersten Duft von Freiheit nicht gleich auszuticken. Dafür biete ich Ihnen ein Zimmer, eine Unterkunft. Wenn es nötig ist, auch juristische Unterstützung.

Süßigkeiten und Feuerwerkskörper sind eine Mischung, über die ich schmunzeln musste. Wohl bekomms. Haben Sie dabei an Jüngers Burgunderszene gedacht? Der Verweis auf die Liebe legts nahe.

Konservativer
8. November 2013 19:45

Ich hatte das Paket mit den ersten vier Büchern direkt nach der Vorankündigung hier auf dieser Seite telefonisch beim Verlag bestellt (eine freundliche Mitarbeiterin nahm die Bestellung an).

Die ersten beiden Bücher haben mich angesprochen, im Innersten berührt und bewegt; beide Geschichten arbeiten noch in mir.

Stil-Blüte
10. November 2013 23:26

Jean Raspail 'Sieben Reiter'': Ein bleiernes Konstrukt. Da packte mich das k a l t e Grausen. Ich warne: Als Bettlektüre, wenn man in der 'blauen Stunde' aufwacht Alptraum. Finsternis. Düsternis. Da könnte man sich den Strick nehmen. Nein! Nein! Nein! Ein Glück, daß ich das Buch rechtzeitig zuklappte und auf die Idee kam, mir 'Tampopo' anzugucken.

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