Sezession
8. November 2013

Leserfragen – öffentliche Antworten

Götz Kubitschek / 26 Kommentare

Man bekommt ja allerlei Post, wenn man Bücher verlegt und eine Zeitschrift verantwortet. Manches verschwindet im Irrenordner, manches wird beantwortet, manches sammelt sich auf der linken, vorderen Schreibtischecke zu einer Art Schichtkuchen an, weil die Zeit fehlt, auf jeden An- oder Einwurf zu reagieren. Neue Methode: öffentlich antworten, ohne Adressatennennung natürlich. Wer liest, wird seine Frage wiedererkennen, etwa die nach dem Grundprinzip einer Sezession oder dem Dilemma der Schuldzuweisung:

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Abkehr 1 - Schon seit langem lebe ich nicht mehr wirklich unter den Menschen, meinen Zeitgenossen, wie ich betonen möchte, da ich weder an die Besserung der Gattung noch an die Unmittelbarkeit des Glücks glaube und mich die Expansion der Gattung Mensch seit langem erschreckt. Ich fordere nichts von meiner Zeit. Ich erwarte nichts von irgend jemandem. Mir reicht es, die innere Distanz zu halten, in der ich mich vor dem Menschen selber verschanze – in jener Form von Unantastbarkeit oder in einer minimalen Ethik, die die Stärke von Stein hat.

+

Abkehr 2 - Dies muß unzweideutig ausgesprochen werden: Es gibt nichts, das ich mit einer derartigen Stetigkeit hasse wie die zeitgenössische Gesellschaft. Dieser Haß erfordert meine volle Aufrichtigkeit, meine Kräfte, meine Leidenschaft für die Wahrheit. Dieser Gesellschaft zu schaden, ist mittlerweile mein einziges Anliegen.

+

Anspruch 1 - Man darf sich nicht davon täuschen lassen, daß es die von Baudelaire so bezeichnete „Tyrannei des menschlichen Antlitzes“ ist, die ich am allermeisten hasse, und daß sie für mich bisweilen die Gestalt des Einwanderers annimmt; ebendiese Tyrannei übt schon seit langem das Antlitz des europäischen Menschen an sich aus, der seiner selbst so müde geworden ist, daß er sich zum Sklaven seiner eigenen Willenlosigkeit macht: seiner Weichlichkeit, seiner Mittelmäßigkeit, seines kleinbürgerlichen Grolls, seines mangelnden Schicksals, des Fatalismus, mit dem er dem Einwanderer begegnet, dem er seine Belanglosigkeit anvertraut (oder dem er sie vorwirft, was auf das gleiche hinausläuft).

+

Anspruch 2 - Ich hasse die Menschen in ausreichendem Maße, um an dem rechten Maß festzuhalten, das mir dieser Haß verschafft; und ich schätze einige von ihnen leidenschaftlich genug, um diesen Haß zu rechtfertigen. Und wenn ich von hassen spreche, dann handelt es sich dabei vor allem um einen Hebel, der verhindert, daß ich in Verachtung oder Ressentiment versinke: die Reinheit des Hasses, mittels deren man die gesunde Distanz einzunehmen und die Einsamkeit zu erreichen vermag, in der der Abscheu, den die zeitgenössische Welt in mir erregt, sich in Kraft verwandelt.

+


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.