Mit den “Sieben” gen nordost

In den letzten Tagen und Wochen hat sich gezeigt, daß es Leser gibt, die sich von den beiden bislang erschienenen Bänden der edition nordost provoziert fühlen.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Dabei trifft offen­bar beson­ders die deutsch­spra­chi­ge Erst­auf­la­ge von Jean Ras­pails Sie­ben Rei­ter ver­lie­ßen die Stadt den ein oder ande­ren wun­den Punkt. Zeug­nis­se die­ser Ver­wir­rung fin­den sich nicht allein in Kom­men­tar­spal­ten die­ses Netz-Tage­buchs, son­dern eben­so bei Ama­zon-Kun­den­re­zen­sio­nen und in der Blau­en Nar­zis­se.

Es gilt zu zei­gen, war­um eben genau die­se Bücher auf­ge­legt wer­den muß­ten und nichts „Offen­sicht­li­ches, Greif­ba­res“ – wie von einem, des­sen Bekann­te ohne „Hil­fe­stel­lung“ mit dem Werk „nicht viel anfan­gen“ konn­ten, erbeten.

Der emi­nen­tes­te Vor­wurf an die edi­ti­on nord­ost betrifft die vor­der­grün­di­ge the­ma­ti­sche Ausrichtung.

Jedoch hat es mich etwas irri­tiert, daß zwei von vier ange­kün­dig­ten Titeln nun wie­der den Zwei­ten Welt­krieg zum The­ma haben […]. Daß mit den »Sie­ben Rei­tern« auch ein drit­ter Titel sei­ne Cha­rak­te­re im Wesent­li­chen über ihre mili­tä­ri­schen Dienst­gra­de defi­niert, macht den Gesamt­ein­druck der Rei­he nicht gera­de besser.

heißt es dazu in einem Kom­men­tar bei Sezes­si­on im Netz. Ben­ja­min Jahn Zscho­cke schrieb im Blaue-Nar­zis­se-Blog:

Irgend­wann […] begann ich zu ahnen, war­um ich kei­nen Zugang fin­de: Der Krieg fällt nicht in mei­nen Erfah­rungs­ho­ri­zont. […] Die Fra­gen des All­tags – die kon­ser­va­ti­ves Han­deln, Gestal­ten, Füh­len und Den­ken aus sich her­aus mehr als alles ande­re bestim­men – blei­ben unbeantwortet.

Man muß kein Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler sein, um zu wis­sen, daß der­ar­ti­ges Mau­ern gegen­über einem Werk allein auf­grund der zugrun­de­lie­gen­den Zeit und/oder des The­mas die Auf­nah­me­fä­hig­keit gegen­über den sub­li­men Inhal­ten ver­dirbt, noch ehe man über den Buch­um­schlag hin­aus ist. Noch viel schwe­rer wiegt die ver­blüf­fend gerin­ge Bereit­schaft, das Gele­se­ne wei­ter­füh­rend zu inter­pre­tie­ren – auch und gera­de im Hin­blick auf die von Zscho­cke auf­ge­wor­fe­nen „Fra­gen des Alltags“.

Denn eine „Kriegs­schnur­re“ ist eben nicht nur eine eben­sol­che, und „Bil­dungs­ro­ma­ne“ sind Müll, waren es schon immer. Das Vor­ur­teil, zu Ende gedacht, läuft dar­auf hin­aus, der „durch­schnitt­li­che Sze­ne-Leser“ (Zscho­cke) lese etwa einen Fernau auf­grund von des­sen Dienst­zeit in der Waf­fen-SS. An ver­gan­ge­ner Glo­rie müs­se und wol­le man sich berau­schen, der­art auf­ge­la­den die Pan­zer­schlacht von Kursk am Tre­sen doch noch gewin­nen, des­halb lese man nur Bekann­tes, und die Kunst blie­be dabei auf der Stre­cke. Nun ist die­se Ele­gie eines ästhe­ti­schen Fun­da­men­ta­lis­mus eben­so fehl am Plat­ze wie das Nach­sin­nen über die lite­ra­ri­sche Abbil­dung spät­mo­der­ner Lebens­wirk­lich­keit – wie­so soll­te man denn die mensch­li­che Ago­nie, durch die man sich des Tages unwei­ger­lich quält, in Momen­ten der Ruhe auch noch schrift­lich ver­ewigt suchen?

In der Kri­tik am Kriegs­su­jet der edi­ti­on nord­ost ent­blößt sich die rei­ne Kon­sum­men­ta­li­tät, deren schnel­ler Blick, gie­rig, nur an der Ober­flä­che haf­ten bleibt. Dabei ist es kei­ne Kunst, zu durch­schau­en, daß das ver­bin­den­de Topos der ers­ten vier nord­ost-Bän­de mit­nich­ten Krieg oder Sol­da­ten­tum, son­dern der Kampf an sich ist – nicht mehr und nicht weni­ger. Nicht gegen „den Rus­sen“ mit Haupt­mann Pax oder „die Roten“ als mili­tan­ter Anhän­ger der Casa­Pound (Tat­säch­lich hat sich noch nie­mand beschwert, daß Wer gegen uns? eben­falls ein krie­ge­ri­sches Buch sei; wie kommt das? Weil es an Uni­for­men fehlt?), son­dern zual­ler­erst mit sich selbst, eige­ner Angst, Bequem­lich­keit, auch Hoff­nung und Sehnsucht.

Das täg­li­che Rin­gen jedes Ein­zel­nen ist ski­a­machein, Kämp­fen mit Gespens­tern. Wie man dabei steht, ist eine Fra­ge der Hal­tung; eben des Stils, den Gün­ter Scholdt in sei­ner Lau­da­tio auf das 50. Heft der Sezes­si­on beschwor und des­sen Ver­fes­ti­gung eine rech­te Bel­le­tris­tik die­nen kann:

Autoren trans­por­tie­ren gesell­schaft­li­che Ein­sich­ten auf leicht faß­li­che, anschau­li­che Wei­se. […] Daß heu­te viel­fach der Irr­glau­be herrscht, der Geist ste­he links, ist eine Fol­ge des Umstands, daß wir fahr­läs­si­ger­wei­se vom Kampf­platz »Kul­tur« gewi­chen sind.

Nun also der Kampf, oder viel­mehr: der Kämp­fen­de als Arche­typ. Nicht um den kon­kre­ten Wehr­machts­sol­da­ten, den Gra­fen Sil­vi­us von Picken­dorff oder einen ein­zel­nen römi­schen mili­tan­to geht es im Roman-Klee­blatt, son­dern um den Ges­tus des Strei­ten­den, um das Fin­den und Bewah­ren von Hal­tung im Ange­sicht exis­ten­ti­el­ler Bedro­hung. Kann dies der 1930 von Wer­ner Best aus der Tau­fe geho­be­ne „heroi­sche Rea­lis­mus“ sein?

Dage­gen ist die Beja­hung des Kamp­fes auf ver­lo­re­nem Pos­ten für eine ver­lo­re­ne Sache das Kri­te­ri­um der neu­en Hal­tung: auf den guten Kampf kommt es an, nicht auf die »gute Sache« und auf den Erfolg. So ent­steht aus rea­lis­ti­scher Beja­hung der Wirk­lich­keit eine heroi­sche Sitt­lich­keit; des­halb mag, als ter­mi­no­lo­gi­sche Par­al­le­le zu den Bezeich­nun­gen »uto­pisch-ratio­na­lis­ti­sche« und »mora­lisch-idea­lis­ti­sche« Grund­auf­fas­sung, die den Natio­na­lis­mus tra­gen­de inne­re Hal­tung als hero­isch-rea­lis­ti­sche gekenn­zeich­net werden.

Nun ist die­se, Nietz­sches amor fati eng anver­wand­te, Anschau­ung bei­lei­be nicht nur an Stahl­bä­der und Schüt­zen­grä­ben gekop­pelt, son­dern schwingt in den Aus­ein­an­der­set­zun­gen des Men­schen mit sei­ner spät­mo­der­nen Exis­tenz eben­so mit.

Beson­ders exem­pli­fi­ziert fin­det sich die Situa­ti­on des „Kamp­fes auf ver­lo­re­nem Pos­ten“ in Ras­pails Sie­ben Rei­tern. Hier hat der Unter­gang des Abend­lan­des bereits statt­ge­fun­den, die Jun­gen haben sich unter dem Ein­fluß von Dro­ge und Seu­che gegen die Alten erho­ben, und die zu Staub zer­bla­se­ne Alte Welt ist mit­nich­ten einem rei­ni­gen­den katak­lys­mos zum Opfer gefal­len, auf den eine palin­ge­ne­sis fol­gen könn­te. Picken­dorff und sei­ne Mit­strei­ter zie­hen einem unsicht­ba­ren Feind ent­ge­gen, der sie von über­all­her anfal­len kann: Denn ihre Welt selbst ist der Feind geworden.

Daß der klei­ne Trupp nach und nach dezi­miert wird, ist denn auch stets den ins­ge­hei­men Sehn­süch­ten der Indi­vi­du­en geschul­det, mit­hin ihrem Ver­haf­tet­sein in den „guten alten Zei­ten“, das sie gefan­gen­hält und der apo­ka­lyp­ti­schen Rea­li­tät gegen­über abschirmt. Wäh­rend der eine dabei stirbt, tritt der ande­re das Erbe sei­ner Ahnen an – mit unge­wis­sem Aus­gang. Das hero­isch-rea­lis­ti­sche Ele­ment bestimmt das Buch, denn allen Rei­tern ist wohl­be­wußt, daß ihre Rei­se ohne Wie­der­kehr sein wird; gleich zu Beginn bricht ihr Aus­gangs­punkt weg. Doch die dif­fu­se Suche nach einem Aus­weg aus der Kata­stro­phe wird weitergeführt.

Wir wer­den suchen müs­sen; jen­seits des­sen, was wir ken­nen und des­sen, was wir nicht ken­nen. Zuerst inner­halb unse­res eige­nen Lan­des und dann auch außer­halb unse­rer Gren­zen. Was geschieht um uns her­um? Was ist die Bedeu­tung von alledem?

spricht der Mark­graf ein­gangs zum Oberst. Per­sön­li­che Zwei­fel ange­sichts der Resul­ta­te des Impe­ra­tivs „Erken­ne die Lage!“ wer­den fort­ge­scho­ben, Fah­nen­flucht ereig­net sich nur im Ange­sicht eines Hoffnungsschimmers.

Das unbe­stimm­te Sze­na­rio, des­sen zeit­li­che wie räum­li­che Gren­zen Ras­pail bewußt ver­wischt hat, läßt denn auch eine Viel­zahl von Schlüs­sen des Lesers zu. Allein über die Anzahl der Prot­ago­nis­ten lie­ße sich näch­te­lang sin­nie­ren, umgibt doch die Sie­ben in den meis­ten Kul­tu­ren beson­de­re Mys­tik (sie­he übri­gens auch Wer gegen uns?). Die Rei­ter rei­hen sich jedoch naht­los in das Œuvre des Autors ein.

Daß das Ende letzt­lich der­art nie­der­schmet­ternd aus­fällt, als ein Fin­ger, der die hof­fen­de Erwar­tung des Lesers aus­drückt wie einen Ziga­ret­ten­stum­mel, ist in letz­ter Instanz nur fol­ge­rich­tig – und ein gro­ßes Aus­ru­fe­zei­chen für den Leser, noch ein­mal gut dar­über nach­zu­den­ken, was er gera­de gele­sen hat und wie er dazu in Bezie­hung steht.

Nach Alex Kur­ta­gic braucht es zum Erfolg „einen Inhalt, der dem Stil Sub­stanz gibt, und einen Stil, der dem Inhalt eine Form gibt“. Fern­aus und Ras­pails nord­ost-Bän­de haben bei­des. Der Erfolg wäre in die­sem Kon­text das Auf­mer­ken des Lesers und die Ver­fes­ti­gung sei­ner Hal­tung. Das ver­mö­gen, trotz ihres Alters (das zumin­dest Ama­zon-Kun­den unbe­kannt zu sein scheint!), Haupt­mann Pax (1954) und Sie­ben Rei­ter ver­lie­ßen die Stadt (1993) sehr wohl.

„Am Han­deln sollt ihr sie erken­nen!“, heißt es im Nach­wort zu Fern­aus Werk, und dies wird gera­de im Zusam­men­hang des Kämp­fe­ri­schen deut­lich. Nicht ohne Grund hat selbst ein emp­find­sa­mes Gemüt wie Fer­nan­do Pes­soa in sei­nen Mit­tei­lun­gen aus dem „Inter­re­gnum“ nur eine letz­te Bas­ti­on und ord­nen­den Fak­tor gegen den wuchern­den Ver­fall und die Ero­si­on aller Gewiß­hei­ten aus­ge­macht: „Wir müs­sen an eine Kraft appel­lie­ren, die einen sozia­len, tra­di­tio­nel­len Cha­rak­ter besitzt, und die daher nicht zufäl­lig und des­in­te­grie­rend ist. Es gibt nur eine Kraft mit die­sem Cha­rak­ter: Es ist die bewaff­ne­te Macht.“

Die edi­ti­on nord­ost bil­den kei­ne Sol­da­tenschmö­ker, son­dern sti­lis­ti­sche Weg­wei­ser durch das Irr­sal die­ser ver­wor­re­nen Zeit, hin zu einem Ges­tus, der uns geziemt.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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Kommentare (26)

Benjamin Jahn Zschocke

11. November 2013 10:08

Till Röcke hat heute "Hauptmann Pax" ausführlich bei uns besprochen: https://www.blauenarzisse.de/index.php/rezension/item/4240-stosstrupp-solitaer

Martin Lichtmesz

11. November 2013 12:40

Wer die "Sieben Reiter" nicht auf Anhieb begreift, dem helfen auch noch so lange Erklärungen nichts. Ich habe ihm auch nichts zu sagen.

Das mit dem "Erfahrungshorizont" ist nun geradezu wunderlich, um noch ein sehr mildes Wort zu benutzen. Wer hat denn überhaupt jemals Romane gelesen, weil er darin ausgerechnet seinen eigenen schnöden "Erfahrungshorizont" wiederfinden wollte? Wenn das mein Kriterium ist, dann kann ich genauso gut die "Odysee", "Rot und Schwarz", "Krieg und Frieden", "Die Brüder Karamasow" und die "Buddenbrooks" in die Tonne zu treten, weil sie angeblich "Fragen des Alltags unbeantwortet lassen". Für sowas gibt es auch die NEON oder wo auch immer man sich und seinen "Alltag" gerade wiederfinden will.

Und, bitte, pardon, aber wer es fertigbringt, in einer Belletristik-Rezension ohne zu erröten Sätze abzusondern wie:

Wem nützt es aktuell?

... der soll keine Bücher mehr schreiben, rezensieren noch überhaupt lesen.

S. Pella

11. November 2013 14:06

Chapeau, Nils!
Eine fulminante Besprechung: Fléche oder Parade-Riposte?

Ich verstehe die kritische Aufnahme der Edition nordost ebenfalls nicht, sind doch gerade mit den ersten beiden Bänden belletristische Werke höchster Güte verlegt worden, deren französischer Urheber mit "Das Heerlager der Heiligen" im Jahr 1973 die kommende Landnahme Europas en détail prophezeite und damit - in meinen Augen - zu den Jahrhundertautoren des 20. Jahrhunderts zählen muß. Gewiß, erst die Nachwelt wird ihm als "Regenpfeifer" den Respekt zollen, der ihm gebührte, sofern die unsrige Welt (das Abendland) dann noch existent sein sollte. Und Fernaus weit verbreitete Schriften sind kulturgeschichtlich und -philosophisch eine Offenbarung, womit er sich in den deutschen Nationalkanon zu lesender Bücher verewigt hat.

Die Edition nordost bietet somit edlen Federn ein Feld, weniger bekannte Titel und Themata aus deren Oeuvre vorzustellen, deren Stoßrichtung als Leitfaden für Standhaftigkeit und Treue in dunklen Zeiten wie diesen aufzieht.

Inselbauer

11. November 2013 14:07

Die Rezension in der Blauen Narzisse ist natürlich handwerklich eine Katastrophe, aber man versucht jetzt wenigstens ein wenig Sparring. Diese neue Reihe ist ein guter Anfang, ich finde es schön, dass das Publikum auch ein wenig Kritik und Selbstreflexion ausbilden will. Irgendwie erinnert mich das an die Zeit, als in der Schule die besonders coolen Sonic-Youth- und Death-June-Fans direkt vom Herrn Lehrer auf den Kram angesprochen und zur Rationalisierung gezwungen wurden. Es war peinlich bis zum existenziellen Zusammenbruch, was da "abgesondert" wurde. Aber es war auch etwas Schönes und kein Grund, den Jüngling tot zu schlagen (, Herr Lichtmesz!).

Hartwig

11. November 2013 14:20

Wenn ich das Buch "Sieben Reiter verließen die Stadt" lesen werde, erwarte ich zuerst gute Literatur und im besten Sinne gute Unterhaltung, vielleicht sogar spannende Abenteuer. Wegner hat ja nun den Schluss schon vorweg genommen, was den Spannungsbogen vorm Überschießen bewahren wird ... aber bei einem guten Buch sollte das wohl nicht entscheidend sein. Und wenn es kein gutes Buch sein sollte, dann kann es von mir aus so weit "rechts" sein wie nur möglich, dann werde ich mich durchquälen und ärgern. Ich erwarte jedenfalls nicht eine Anleitung, wie ich mich inmitten zeitgeistverseuchter Artgenossen und deren zugewanderter Klientel behaupten soll, sondern wie bei guter Literatur oder auch guten Gesprächen üblich, die eine oder andere Idee, Satz, Gedanken oder Bild, was haften bleibt und bei entsprechender Gelegenheit zum Anker oder Kompass wird.

Nils Wegner

11. November 2013 15:07

Hartwig, Sie irren sich sehr, wenn Sie meinen, ich hätte den Schluß des Buchs oben ausgeplaudert. Sowas gehört sich nicht.

Gonzague de Reynold

11. November 2013 15:45

Ich muss mich der Meinung von Martin Lichtmesz uneingeschränkt anschliessen: "Wer die „Sieben Reiter“ nicht auf Anhieb begreift, dem helfen auch noch so lange Erklärungen nichts.". Punkt. Schluss. Ende. Entweder lässt diese Art von Schilderung in einem eine Saite anklingen - oder eben auch nicht. Ich zumindest habe mich auf jeden Fall schon nach wenigen Seiten den sieben Reitern zugehörig gefühlt, war irgendwie als achter, unsichtbarer Mann dabei ... .

Der gleiche Effekt lässt sich ja auch auf anderen Gebieten beobachten. Eine Comicfigur wie Corto Maltese zum Beispiel könnte da als Nagelprobe herhalten. Bei einem „Bruder im Geiste“ stellt sich unweigerlich ein vertrautes Gefühl ein, da ist eine Wesensverwandtschaft, welche fast schon körperlich spürbar ist - wohingegen für einen "Uneingeweihten" wohl alles ein Buch mit sieben Siegeln bleiben muss …

Urs Zürcher

11. November 2013 16:31

Ich habe beide Bücher bereits gelesen und ich finde Sie eine Wucht. Beide Autoren haben einen Stil, der meilenweit von der Mainstreamschreiberei aktueller Zeiten entfernt liegt. Sie bringen einen zum Nachdenken, insbesondere auch weil die Bücher kein spezifisches Happy End aufweisen. Auch die optische Gestaltung der beiden Bücher ist hervorragend gelungen und erfreuen das Auge des Lesers. Ich bin gespannt auf die beiden nächsten Ausgaben.

Als Anregung: Sicher ein Wagnis, aber ich wäre dabei: Die 3-bändige Comic-Edition der Sieben Reiter als Übersetzung ins Deutsche. Zudem müssten sich doch im Fundus von Jean Raspail neben dem „Heerlager“ und „Sire“ weitere Werke finden, die es wert wären ins Deutsche übersetzt zu werden. Ich hoffe auf mehr!

Der Markgraf

11. November 2013 20:14

@ Lieber Martin Lichtmesz,

Ja! Ja! Ja!

Wer die „Sieben Reiter“ nicht auf Anhieb begreift, dem helfen auch noch so lange Erklärungen nichts. Ich habe ihm auch nichts zu sagen.

Und tatsächlich kommt es bei dem Roman bereits auf den makellos sauber geschlagenen "Anhieb" an, - Hoch bitte! Los! -, auf den ersten Absatz des Buches, der übrigens mehrmals in der Folge wörtlich wiederholt wird. Wer diesen literarischen Hieb nicht als absolut aktuell und zeitbezogen begreift, was soll man dem noch sagen?

Ich muss gestehen, ich war beim Lesen leider keiner von den sieben Reitern, ich war der zurückbleibende "Markgraf"; aber der hat seine Rolle ja auch nicht so schlecht ausgefüllt.

Franz Schmidt

11. November 2013 20:21

Hier ist ein hervorragendes Interview mit Jean Raspail:

https://www.counter-currents.com/2013/11/our-civilization-is-disappearing-interview-with-jean-raspail/#more-43292

Ich habe beide Bücher mit Gewinn gelesen und werde weitere Exemplare zu Weihnachten gezielt verschenken.

Es ist gar nicht dramatisch, wenn es ein paar kritische Stimmen gibt.

Man sollte sich hier vor Arroganz hüten!

Es handelt sich hier ja nicht um Feinde. Dieser mitunter nicht gerade höfliche Tonfall z.B. von Herrn Lichtmesz erscheint mir überzogen.

Vielleicht wäre es sinnvoller, jenen Kritikern zusätzliche Bücher anzubieten, die ihren Vorlieben besser entsprechen.

Gut, daß hier die Bücher, u.a. von Nils Wegner, so besprochen werden. Das ist bestimmt hilfreich.

Noch wichtiger erscheint mir, daß solche Rezensionen auch bei amazon.de erscheinen. Da sieht es noch sehr dürftig aus.

Ich hoffe dort auf eine Rezension von Herrn Lichtmesz und Herrn Wegner, die ich beide schätze (auch wenn Herr Lichtmesz mich für einen Deppen hält).

Raskolnikow

11. November 2013 21:34

"Schweigt stille, plaudert nicht
Und höret, was itzund geschicht: ..."

(Picander)

Man möchte platzen,

wenn das Wanstreißen kaum mehr aufhören will. Immerhin befinden sich unter meinen gewölbten Folien zwei Ganskeulen und ein etliches an Rotkraut einzüglich ungezählter Kartoffeln. Die Westenknöpfe sprängen wohl ab, hätte ich sie nicht wohlvorhersehend nach der Einfuhr der ersten Keule eröffnet ... Die Martinsgans ist doch das Schönste nach dem quälenden Laternenumzug an diesem alten Heiligenfeste ...

Lieber Literaturexperte,

"Und wer Ich sagt, der muss auch stehenbleiben, verharren, sich eingraben oder einnisten können, der muss seinem Innern Folge leisten, das Ding als Ich."

Das ist nicht nur widerlich kitschig, es ist auch völlig unmöglich. Ich erspare uns hier nähere Erwägungen zum Ich und unseren Zugriff auf das Selbige! Ist das wirklich ernst gemeint? Oder beeindruckt der Verfasser dieser schlimmen Zeilen etwa kleine Mädchen in irgendeinem Kulturzirkel mit solcher Hausmannskost?

Fürchtet der Rezensent nicht die Strafen, welche jene zu erwarten haben, die sich erfrechen, mit der Tür ins Haus zu fallen? Sein Ansinnen (wie Zschocke will er "Antworten", auf dem fast-food-Tablett serviert) zur Unzeit verrät das Unbeholfene seines Gemütes. Schütze er sich und fliehe er, meiner Treu, fliehe er die harten Brocken, die zu kauen nicht jedem vergönnt ist!

Wer die Landser-Hefte und SS-Divisions-Bildbände nicht mag (Mein vollstes Verständnis!), sollte dann wenigstens Literatur von eben diesen Kriegstabellarien zu unterscheiden wissen! Meister Lichtmesz blies ja schon in das Horn, aber etwa 300 der mehr als 800 Seiten in Tolstois "Krieg und Frieden" sind Gefechtsschilderungen garniert mit teilweise seitenlangen operativ-taktischen Reflexionen (Genial: Über die Meldeketten und Führungsmittel!) ... Die "Sieben Reiter" sind vielleicht keine Besuchows oder Bolkonskys, aber in diesem sehr ordentlichen (und psychologisch bemerkenswert scharfsinnigen) Buch eine Kriegsgeschichte zu sehen, ist einfach unverzeihlich.

Ich bot schon vor geraumer Zeit an, den geneigten literarisch interessierten Zeitgenossen in meine Zucht zu nehmen, damit es ihm (oder ihr) irgendwann gelingen mag, den richtigen Werken die richtigen Weisheiten abzulauschen.

Sowas wie in diesen Rezensionen darf nicht passieren, ich schäme mich sehr für das konservative/rechte/reaktionäre/dissidente "Literaturexpertentum".

Wie auch immer, ich erneuere mein Anerbieten, der Rohrstock ist hier auf Gut Raskolnikow stets griffbereit, und es gibt Bücher, meine Teuersten, von deren Vorhandsein Ihr bis itzo nicht zu träumen wagtet.

Und meine milchig-weiße Zugehfrau lässt viele Phantasien wahr werden, wenn Ihr verschwiegen seid und der Oberärztin nichts verratet.

Nur Mut,

R.

Abronsius

11. November 2013 21:55

Die "Sieben Reiter" sind ein verblüffendes Werk, und es bedarf nun wirklich keiner Rechtfertigung, dieses in der Edition Antaios zu verlegen. Wer G. K. je begegnet ist, weiß, daß dieses Buch nur dort erscheinen darf und muß.

Das Thema "Casa Pound" war einfach ein Fund, der auf einer Akademie des IfS vor ein Paar Jahren präsentiert wurde, und auch dieses Buch weckt vorab jedes Interesse, weil es offenbar drängende Fragen anhand eines - mir - bisher unbekannten Sujets behandelt; ich bin sehr gespannt.

Und wer jetzt - 68 Jahre nach Kriegsende - immer noch Weltkriegsromane lesen will - na, jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Die militärische Struktur legt die Personen zwar von vornherein auf ein bestimmtes, abgedroschenes Beziehungsgefüge fest, in dessen Überwindung die einzige Möglichkeit einer Entwicklung besteht.

Aber es mag sein, daß in der rechten Szene viele Männer unterwegs sind, die sich darin wiederfinden, die wahrscheinlich gar nichts anderes in sich aufnehmen oder rezensieren könnten. Vielleicht auch gerade Ungediente. Ist ja gut, wenn sie dann an Fernau herangeführt werden.

Ein Fremder aus Elea

11. November 2013 22:20

„Wir müssen an eine Kraft appellieren, die einen sozialen, traditionellen Charakter besitzt, und die daher nicht zufällig und desintegrierend ist. Es gibt nur eine Kraft mit diesem Charakter: Es ist die bewaffnete Macht.“

Das ist allerdings ein doppelter Irrtum.

Erstens wird bewaffnete Macht abgestoßen werden, wie man schon an G.W.Bush gesehen hat, und so nur die Auflösung durch Paranoia und Mißtrauen beschleunigen, und zweitens gibt es durchaus eine andere Kraft, welche genau dies zu leisten vermag: nämlich die Ruhe.

Die Lösung der Probleme des Lebens hat nichts Zufälliges und Desintegrierendes. Es bedarf halt nur eines gewissen Mindestmaßes an Besinnung, um derartige Lösungen als solche zu erkennen und sich in ihrer Mitte wohl zu fühlen.

Man könnte einwenden, daß sich alles auch anders lösen ließe. Sei's drum, wenn man erst einmal versteht, daß die Tradition sich um diese Frage dreht, ist die Gefahr bereits gebannt. Das Bessere ist nicht wirklich der Feind des Guten, es löst es ab, ja, aber dieser Übergang gestaltet sich nur dann als Katastrophe, wenn die Übergehenden gehetzt werden - und dann ist es eh stets nur das vermeintlich Bessere.

Mauretanier

11. November 2013 23:04

@Raskolnikow

Ihr Beitrag hier versöhnt mich mit dem selbigen zu einem anderen Thread.

@Allgemeinheit

Kann mir nun jemand das ende der Reiter erklären? War nun alles ein Traum oder was? Oder ist nach der Brücke die moderne Zivilisation? Ich halte mich nicht für dumm, aber diese Stelle ist mir entgangen.

Loki

12. November 2013 00:15

@Mauretanier

Kann mir nun jemand das ende der Reiter erklären? War nun alles ein Traum oder was? Oder ist nach der Brücke die moderne Zivilisation? Ich halte mich nicht für dumm, aber diese Stelle ist mir entgangen.

Das wäre doch für diejenigen, die es noch nicht gelesen haben, ein "spoiler", oder? Aber so schwer verständlich finde ich das Ende nun auch nicht. Einige Leser haben ja schon auf den wiederkehrenden Leitsatz verwiesen, und daß hier jemanden gibt, der ihn immer wieder von Neuem ansetzend schreibt und die Reiter immer wieder von Neuem ausschwärmen läßt. Die Unterredung zwischen dem Markgraf und Silvius zu Beginn der Handlung hält auch einige Schlüssel bereit. Außerdem hält der Autor hier offensichtlich bewußt einiges in der Schwebe und im Geheimnis; ich finde Ihre Frage ehrlich gesagt etwas phantasielos.

Rumpelstilzchen

12. November 2013 00:15

Aus der Edition Südwest

„Denn wenn im Kampf die Mutigsten verzagen,
Wenn Frankreichs letztes Schicksal nun sich naht,
Dann wirst du meine Oriflamme tragen
Und, wie die rasche Schnitterin die Saat,
Den stolzen Überwinder niederschlagen;
Umwälzen wirst du seines Glückes Rad,
Errettung bringen Frankreichs Heldensöhnen,
Und Rheims befrein und deinen König krönen!“

Schönen Gruß von der Jungfrau von Orleans, ihr schwachen Krieger !

Abronsius

12. November 2013 01:22

SPOIL-ALARM!

Lieber Mauretanier,

ich finde, die Sieben Reiter lassen, wie es sich für eine exzellente Erzählung gehört, vielschichtige Deutungen zu; einige meiner Gedanken sind diese:

Die ganze Handlung vor der Brücke ist etwas, das im Leser schlummert, dessen er sich kaum erinnert, und das er mit Hilfe des Autors erst freilegen muß. Inwieweit ihm dies überhaupt gelingt ist von der individuellen Vorprägung abhängig; daraus erklärt sich auch, daß einige Freunde von Lesern so gar nichts mit dem Buch anfangen können. Wer schon völlig abgenabel ist, wird das Buch nicht verstehen.

Das Furchtbare besteht darin, daß dies erst ganz am Ende deutlich wird, nachdem der Leser seine ganze Empathie verfeuert hat und eigentlich nur noch wissen will, in welcher Form sie ihr Ende ereilt.

Der Roman ist demnach hinsichtlich der äußeren Abläufe retrospektiv, die Welt, aus der sie aufbrechen, ist ja auch von vorgestern.

Die der internationalen Brücke innewohnende Wandlungskraft ist allerdings sicherlich eine gleichzeitige, keine Zeitreise. Sie reißt auch jetzt und heute manchen fort, der noch das Gute träumt. Insofern steht der Roman in der antiamerikanischen Tradition.

Es ist zwar ein Schock, aber kein jähes Erwachen, denn das metaphorische Potential der "internationalem Brücke", die ja am Anfang schon genannt wird, kann einem Leser, der auch mal was anderes aufgeschnappt hat, als Kriegsgeschichten, nicht entgehen.

Christologisch zu interpretieren ist das Motiv, daß die Braut des Erlösers fort ist - ein Grauen sondergleichen, Gottesschande. Dieses Motiv enttarnt die "westliche Welt" als nicht nur schwach und nachgiebig, sondern impotent und satanisch; Christus wird nicht gekreuzigt, sondern ignoriert, sodaß er sich selbst vergißt und einfach zur Arbeit geht.

Jedenfalls kann die Schlußsequenz noch wirkliches Grauen erregen. Das ist fulminant, was für ein Werk! Es hätte das Zeug zum Schlüsselwerk einer Bewegung. Wenn es heute noch für Bewegungen reichen würde; sieben Reiter verließen die Stadt ...

anmerkung kubitschek:
meinen dank, abronsius!

Martin

12. November 2013 07:32

... zwei Ganskeulen und ein etliches an Rotkraut einzüglich ungezählter Kartoffeln.

Krumbeern zur Gans! Das gibt es aber auch nur in tristen, gottlosen preußischen Gegenden, welche die Veredelung der Knollenfrucht zum Kloß oder wie man in diesen Breiten dann wohl eher sagt, Knödel, nicht hin bekommen.

Geschmacklos! Stilbruch!

Gruß
M.H.

Stil-Blüte

12. November 2013 15:30

Beim Lesen von '7 Reiter' gedacht: Das ist kein Roman, das ist Comic-Vorlage! Nun lese ich, daß es bereits 3 Komik-Bände gibt. Obwohl ich kein Freund von Comic bin, allenfalls Bilderbogen-/bilderbuchleser, finde ich, daß das zu dem holzschnitt-/schablonenartigen Geschehen passen könnte. Auch als Drehbuch-Vorlage; so viel brauchte man gar nicht verändern.

Als kühne Vorlage zum Nachdenken, geschweige denn zum Handeln verschreckt mich das Buch. Das Lob kann ich mir durch maskuline Science-Fiction-/Phantasy-Kenner und -Liebhaber erklären.

@ Martin
Richtig mehlige 'Abern', auf deutsch Salzkartoffeln, die verstehen, die köstliche Soße aufzusaugen, nicht zu verachten die Kombination von einfach und reich.

Reichsvogt

12. November 2013 18:47

Ein Zitat aus den " Sieben Reitern" habe ich mir herausgeschrieben und die Leitidee dieses gelungenen Buches ist darin prägnant zusammengefaßt: "Oft ist die Haltung das Rückrad der Seele."

Reichsvogt

12. November 2013 18:49

Im Übrigen: Danke für die großartig begonnene Buchreihe. Ich bin weiter dabei!

Ein Fremder aus Elea

12. November 2013 22:05

Reichsvogt,

de Haltung ist immer die Verkörperung des Gebots der Seele, primär, sekundär ist sie auch stets der Grad der Verkalkung der Adern, durch welche die Seele in den Körper strömt. Deshalb sind Kinder ehrfürchtig von Natur aus, andernfalls könnte sich der primäre Zweck nicht entfalten.

In der Angelegenheit bedarf es keiner die Allgemeinheit einschränkender Floskeln.

Reichsvogt

13. November 2013 15:35

@Ein Fremder aus Elea
Bitte um Erläuterung dieser mir völlig unverständlichen Sätze. Danke.

Sugus

13. November 2013 23:43

@ Reichsvogt
Rechtschreibung ist das Rückgrat der Literatur.

FFlecken

14. November 2013 00:47

Nur ein kurzer Punkt zur sehr gelungenen Rezension: Glaube das große Werk ist zu komplex für zu ausufernde Spekulationen im Online-Format. Der Roman wird ja von einer metaphysischen Grundspannung geprägt- denen die beiden, wie auch immer auszulegenden Figuren, gen Ende in einer anderen Welt als Andersartige noch ausgesetzt sind.
Es gibt Anzeichen, neben der Anerkenntnis des sicher unbestreitbar düsteren Endes, daß das Geschehen auch zyklisch zu interpretieren ist. Womöglich hat sich ein Kreis geschlossen und der Übergang zwischen Ende des Alten und Anfang des Neuen lässt die Zeitebenen als nachrangig erscheinen. Man sollte auch nicht den von Tankred und der Tschetschenin gezeugten Sohn vergessen, dessen spätere blutige Rache erwähnt wird - obwohl sie, so Raspail, in diesem Bericht eigentlich nicht vorkommen müsste (Zugehörigkeit zum neuen Zyklus?) Oder auch das Kind welches die ehrbare Hure in der Heimat vom kraftstrotzenden Jungaristokraten Venier erwartet...

Reichsvogt

14. November 2013 13:34

@FFlecken
Schöne Anregung. Danke!

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