Sezession
1. Februar 2013

Wir selbst – magnetisch

Götz Kubitschek

52pdf der Druckfassung aus Sezession 52 / Februar 2013

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Aus der Feder des Journalisten Hans Zehrers (1887–1969) stammt ein Aufsatz über »Die eigentliche Not unserer Zeit«. Zehrer veröffentlichte ihn in der Tat, jener Monatsschrift zur Gestaltung neuer Wirklichkeit, die sich – gegründet 1909 – seit 1929 unter seiner Leitung zum führenden jungkonservativen Organ weiterentwickelt hatte.

Rund 30000 Abonnenten lasen Texte von Ernst Jünger und Ernst Wilhelm Eschmann, Giselher Wirsing und Otto Strasser, und im Februar 1933 – dem Monat nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler – lag ihnen auch Zehrers Beitrag vor. Der Text unternimmt den nicht eben simplen Versuch, den wesentlichen Menschen vom unwesentlichen zu scheiden. Die Argumentation trägt Kennzeichen von Zehrers Beschäftigung mit dem philosophischen und theologischen Existentialismus, und wer den Text nachvollziehen will, muß auf diesen Ton gestimmt sein. Das Unkonkrete stört, aber gerade das Andeutende, das Raunende weckt die Vermutung, einer Sache von Bedeutung auf der Spur zu sein.

Nach Zehrer kann das Wesentliche nur dort wachsen, wo es die Nähe zu Einsamkeit und Tod nicht verliert. Das in sich ausgewogene Bewußtsein um Besonderheit und Endlichkeit sind die Grundlage einer wesentlichen Reifung: »An der Wiege der Individualität steht der Tod Pate«, und nur die Auseinandersetzung mit ihm führt zur Überwindung der Individualität, von der dadurch alles Selbstverliebte, Überhebliche abgeschlagen wird: »Denn nur, wenn die Einmaligkeit und Besonderheit der eigenen Existenz wieder überwunden worden ist, wenn im Eigenen das Allgemeine erkannt ist, ist auch der Tod unwesentlich geworden.« Das meint nichts anderes, als daß die ureigene Besonderheit, Eigenartigkeit gegen die Uniformität der Massengesellschaft zwar in ihrem Rang erkannt und zur Geltung gebracht, jedoch dem Vorübergehenden eines Menschen­lebens dadurch enthoben werden müsse, daß es in den Schicksalsweg eines ganzen Volkes eingebettet bleibe.

Man tut dem »Wesentlichen« Zehrers keine Gewalt an, wenn man es – weniger indifferent – mit »echter Persönlichkeit« übersetzt. Auf solche Charaktere setzte Zehrer in der Krise seine Hoffnung: Er begrüßte die Ablösung des parlamentarischen Systems durch den autoritären Staat, ließ aber keinen Zweifel daran, daß er auch im Nationalsozialismus nur eine Durchgangsphase sehen könne – allenfalls notwendig, um die »entscheidende Gefährdung der Existenzgrundlage von Millionen von Menschen« zu vermeiden. Was folgen müsse, sei eine Überwindung auch dieses neuen Systems hin zur eigentlichen, wesentlichen politischen Ordnung. Angesichts der Robustheit, mit der die Nationalsozialisten ihren Wahlsieg zu einer Machtergreifung umgestalteten, gehörte zu einer solchen Äußerung Mut, zumal sie nicht in einem Nischenblatt, sondern im Organ der mächtigen, noch unentschiedenen konservativen Intelligenz erschien.

Zehrer war sich dieser Gratwanderung bewußt, und das mag der Grund dafür sein, daß sein Aufsatz bis zuletzt nicht konkret wird und keine »wesentlichen Menschen« beim Namen nennt. Aber er weist die Marschrichtung: Zehrer schreibt von einem »Weg zurück« in eine Zeit, die vor der auflösenden Wirkung der Industrialisierung und den Experimenten der Moderne liegt. Nicht, daß Zehrer diese Moderne leugnete oder ungeschehen zu machen wünschte: Nur die Art des Gangs in sie hinein sei zersetzend gewesen, und so müsse er nochmals und anders unternommen werden. Die Einheit des Volks als einer Schicksals- und Willensgemeinschaft müsse gewahrt bleiben. Das Volk sei in Form zu bringen, der Apparat in Gang zu halten – beides durch eine politische Führungsschicht, die in sich den Kern, die Entwicklungsrichtung, »das Wesentliche« bündle.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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