Sezession
1. Februar 2013

Anschlußfähigkeit, Mimikry, Provokation

Gastbeitrag

52pdf der Druckfassung aus Sezession 52 / Februar 2013

von Harald Seubert

Erik Lehnert hat in der 50. Sezession die Frage des Denkstils, ausgehend von den Forschungen Ludwik Flecks, pointiert und intelligent wieder ins Bewußtsein gerückt. Jede Erkenntnis, so zeigt seine Rekonstruktion, ist auch an die Voraussetzungen und Vorgaben eines Denkstils gebunden.

Dies steht nicht nur in der Nähe zu dem von Thomas S. Kuhn benannten Paradigmenwechsel und der »Struktur wissenschaftlicher Revolutionen«, sondern insbesondere auch zu Michel Foucaults Archäologie der Diskursformationen. Solche Diskurse und ihre immanenten Machtdispositive reichen weiter als subjektive Stile: Indem Foucault dies lehrt, nimmt er auch Abschied von bestimmten Emanzipationsträumen. Diskurse binden in unterschiedlichen Disziplinen in einer Zeit Forschung, Darstellung und Reflexion. Damit ist es durchaus gerechtfertigt, auch mit Fleck von dem kollektiven Moment auszugehen, der Stimmung, die so undurchdringlich ist wie bestimmend.

Das herrschende geisteswissenschaftliche Paradigma hat sich längst von dem Anspruch einer eigenständigen Wahrheitssuche verabschiedet und geht auf den ausgetretenen Wegen der Top-Down-Strategien von Gender und Weltemanzipation unbeirrt weiter. Der Mainstream hat längst vergessen, daß er nur eine von vielen Perspektiven ist. Modelle, die sich forschungsstrategisch bis auf weiteres durchgesetzt haben, nehmen, je länger je weniger, Selbstkritik und Selbstüberprüfung auf sich. So entsteht die Verhinderung des vielberufenen Diskurses. Wenn »Sezession« bedeutet, beiseite zu treten, Modelle aufzubrechen und illusionslos auf die Wirklichkeitswahrnehmung zu achten, so hat sie neben anderem die dringende Aufgabe, die leitende Tendenzwissenschaft in die Arena zu fordern.

Unabhängig von Fleck oder Foucault hat Heinrich Rombach in seinen tiefenstrukturellen Analysen auf Epochenparadigmen hingewiesen. Er sieht die europäische Geistes- und Denkgeschichte unter anderem von der Abfolgetrias Substanz-System-Struktur geprägt. Rombach hat darauf hingewiesen, daß das Strukturdenken von manchen Denkern der frühen Neuzeit antizipiert wurde, aber aufgrund seiner vorausspringenden Unzeitgemäßheit nicht verstanden werden konnte. Beispielhaft wären als solche Strukturdenker avant la lettre Cusanus oder Leibniz zu nennen. Wann ein neues Paradigma (platonisch: das Urbild, das nebenher gezeigt wird) greift, bleibt allerdings offen.

Stile, auch dies ist vorab zu bekräftigen, bilden eine Ganzheit, bei aller Pluralität im einzelnen eine morphologische Geschlossenheit und Geformtheit. Zur Crux wird offensichtlich, inwieweit Denkstile einzelner innerhalb der machtvollen kollektiven Dispositive der gängigen Paradigmen sichtbar werden können, und damit ist auch fraglich, wie ihre Anschlußfähigkeit verfaßt ist. Heidegger hat am Beginn seines Denkwegs – wohl wissend, daß er etwas täte, das mit der damals beherrschenden Philosophie der Neukantianer und Phänomenologen nichts mehr gemein hätte – davon gesprochen, man müsse langhin die Sprache der Philosophie der eigenen Zeit sprechen. Diese Mimikry hat er aber implizit schon mit seinen frühen Vorlesungen in Freiburg aufgegeben, und damit einen genuinen, schockierenden Neuaufbruch der Philosophie ausgelöst. Der traf auf einen nicht-arrivierten Denkstil außerhalb der akademischen Welt: vor allem auf die Jugendbewegung und jene Geister in allen politischen Lagern und Konfessionen, die nach dem Ersten Weltkrieg den Ernstfall offenhielten. In der Zwischenkriegszeit, von Dostojewski und Nietzsche inspiriert, brachte er den Expressionismus, das Wissen um das Ende angestammter Aufklärung auch in die Philosophie und Theologie. Karl Barths Römerbrief und Franz Rosenzweigs Stern der Erlösung sind faszinierende Ausprägungen.

Die Mimikry empfiehlt sich als Taktik der Anschlußfähigkeit immer. Sie hat zu tun mit der Kunst verdeckten Schreibens, die Leo Strauss als Zentrum politischer Philosophie freigelegt hat. Neben der gängigen exoterischen, öffnet sich dann eine esoterische Lesart; denen, die verstehen können, zeigen sich offenbarende Einblicke in ein Gegen-Denken, die Tumben und Allzu-Zeitgemäßen bleiben an der Oberfläche. Man folgt letztlich Graciáns »Rede wie alle, denke wie die wenigen«. Hier weiteres zu sagen, hieße Betriebsgeheimnisse verraten. Nur soviel: Man muß nicht versuchen, mit aller Macht einen Gegendiskurs und Gegenklassiker zu etablieren. Es kann intelligenter sein, neuen Wein in die alten Schläuche der angesagten Autoritäten zu gießen.


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