1. Februar 2013

Volkslustige Träumereien – Gespräch mit Friedrich Baunack

Götz Kubitschek

52pdf der Druckfassung aus Sezession 52 / Februar 2013

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Sezession: Auf einem Treffen der Deutschlandbewegung, das war vielleicht 1995, traf ich einen trotzkistischen Nationalisten und einen nationalen Autarkisten. Können Sie sich auch mit zwei Wörtern politisch verorten?

Baunack: Hm, ich kenne die beiden wahrscheinlich, aber wenn nicht, hätte ich mit den zwei Wörtern keine persönliche Vorstellung von ihnen. Friedrich von Spee und Konrad von Marburg haben sich beide im Christentum verortet, aber jener befeuerte die Menschenquälerei, dieser schrieb dagegen an. Was bringen also solche Verortungen? Ich bin freier Deutscher. Doch wäre das nicht ein weißer Schimmel? Eijeijei, was sag ich bloß Ihrer akademischen Leserschaft? Also: volkslustiger Träumer.

Sezession: Das ist doch schon mal was für die akademische Leserschaft. Aber was heißt das ins Leben übersetzt? Daß Sie sich heftig für das deutsche Volk eingesetzt haben und es immer noch tun?

Baunack: Ach nein, das klingt nach heldenhafter Selbstlosigkeit, aber diese Hose wäre mir Hungerhaken viel zu weit. Das deutsche Volk ist nichts außerhalb von mir, ich trage es doch in mir, es ist Teil von mir, und ich bin Teil von ihm. Es ist meins, und ich suche nur mein Eigenes, das natürlich auch unser Eigenes ist, zu bewahren, zu pflegen und zu schützen. Es muß furchtbar sein, keinem Volk anzugehören, da das uns vereinsamte, atomisierte, tötete. Wir sind ja nicht Verlorene am Rande eines kalten Universums, sondern, indem wir einem Volk zugehören, »Gedanken Gottes«. Ist das nicht wunderbar? Durch ihren Takt, ihre Sprache, Sagen, Träume, Bräuche, Trachten, Lieder, Harmonien und Muster sind Völker lebendige, eigen-artige Weisen, die Schöpfung wahrzunehmen, die sich im Menschen ihrer selbst bewußt wird, aber so vielgestaltig ist, daß eine einzige Sicht sie nicht fassen könnte. Da das Leben eine Lust ist (nicht umsonst entspringt es ja der Lust), sind auch die Völker Ausgeburten eben nicht der Hölle, sondern der Lust am Leben, der Freude an der Schöpfung, am Selbst- und doch nicht Vereinzeltsein.

Sezession: Sie predigen.

Baunack: Nein, ich beschreibe. Nicht umsonst leuchten bei fast jedem Menschen die Augen, wenn er die Frage nach seiner Volkszugehörigkeit beantwortet. Immer wieder habe ich das bei meinen Reisen verwundert und bewundernd erlebt – und dabei einen Stich gespürt: Die ahnen, fühlen zumindest, was das Eigene ist – aber ich? Was war mein Eigenes? Und da sind wir beim Traum und Träumer: Wir Deutschen haben eine wunderbare Sprache und großartige Musik, aus beidem geboren: einen der größten Volksliedschätze der Erde, der wiederum Enkelkind eines sehnsüchtigen Traumes ist, nämlich des von der Heimat – nicht nur einer des Ortes, sondern auch der Zeit. Dreimal wurden wir vom »geschichtlichen Gewordensein, von mythischer Zeit« (wie Botho Strauß im »Anschwellenden Bocksgesang« schreibt) abgeschnitten: erst durch die Zerstörung fast aller heidnischen Zeugnisse im Zuge der blutigen Christianisierung, dann durch unsere ungeheuerliche Dezimierung im ersten Dreißigjährigen Krieg und schließlich durch die psychische und physische Vernichtung im zweiten Dreißigjährigen Krieg. Aber immer noch gibt es uns »Wanderer zwischen den Welten«, nie lassen wir uns unterkriegen und immer suchen und manchmal finden wir. Da huscht ein Gedanke, ein Ton, ein Geruch, eine Ahnung vorbei. Das ist, wie wenn Sonne durch den Waldnebel bricht und einen Dom aus Licht bildet – glückhafte Augenblicke, in denen wir frei und wir selbst sind. Ich wollte mit keinem Volk der Erde tauschen!

Sezession: Ich will nun keine Debatte darüber anfangen, ob das deutsche Volk nicht doch auf die Wahrheit des christlichen Glaubens gewartet hatte. Lassen Sie uns lieber auf Ihre eigene Arbeit einer Lust am »Wir selbst« zu sprechen kommen. Sie haben Lieder geschrieben, CDs gemacht und an den letzten Ausgaben einer Zeitschrift mitgearbeitet, die ebendiesen Titel trug: wir selbst.

Baunack: Nichts für ungut, aber über »die Wahrheit des christlichen Glaubens« maße ich mir doch gar kein Urteil an. Es geht, ging nie um »Wahrheit«, sondern immer um den Zwang, diese zu glauben. Vielleicht hat das deutsche Volk ja auf diese Wahrheit gewartet, nur warum dann diese Art der Missionierung? Die hat uns innerhalb einer Generation von unseren Wurzeln abgeschnitten.

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