1. Februar 2013

Maschkiavelli zum 70.

Gastbeitrag

52pdf der Druckfassung aus Sezession 52 / Februar 2013

von Thor von Waldstein

»Bücher schreibt man in der Hoffnung, daß sie von den richtigen Leuten gelesen und verstanden werden«, erklärte Bernard Willms in der bleiernen Zeit der 1980er Jahre die Motivation des Autors, der politisch etwas bewegen will. Kreative Köpfe wie Fichte oder Lenin, die gute Bücher schreiben und gleichzeitig eine Revolution ins Werk setzen können, seien – so fügte Willms hinzu – selten gesät.

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Günter Maschke, der am 15. Januar seinen 70. Geburtstag feierte, zählt zu dieser raren species. Man kann sie daran erkennen, daß sie – frei nach Goethe – zu der Theorie, die erweitert, aber lähmt, und zu der Praxis, die belebt, aber beschränkt, eine genau ausgelotete Äquidistanz einhält. Diesem Spannungsverhältnis verdanken viele Maschke-Essays ihre unnachahmliche Strahlungskraft, von der man begeistert ist oder die man abzulehnen sich bemüßigt fühlt, der man aber kaum gleichgültig gegenüberstehen kann: »Das Interesse deutscher Wissenschaftler und Intellektueller an den Leiden des deutschen Volkes hält sich in engen Grenzen, und sie sprechen lieber von der eigenen Schande, von der die anderen ebenso gerne sprechen, als von der Schande der anderen, von der diese nicht sprechen. Wer sich von der Wahrheit beleidigt fühlt, neigt dazu, die Wahrheit zu beleidigen.«

Für den in Deutschland weitverbreiteten Typus des politischen Illusionärs, dessen Blickfeld von moralinschwangeren Erbaulichkeiten jedweder Art verstellt ist, sind solche messerscharfen Analysen aus der Feder des sendero político aus Frankfurt/Main wenig genußreich – nicht zuletzt deswegen, weil sie in einer Fußnote über das real existierende Elend der Restgermanen häufig mehr sagen als ein Politikwissenschaftler in einem Buch. Die Feststellung, daß er polarisiere, würde Maschke, linkshegelianisch geprägt, ohnehin eher als Kompliment auffassen. Die Kunst zu langweilen geht ihm ebenso ab wie die Fähigkeit, mit dem vorgegebenen Vokabular der hiesigen Meinungsbewirtschaftung so lange rhetorisch zu jonglieren, bis man von allen Schattierungen des juste milieu den Segen bekommt. Es nimmt daher nicht wunder, wenn Maschke mit seinen vormaligen Mitstreitern aus 68er-Tagen schlicht nichts mehr verbindet.

Jene Alterskohorten, die heute links leben, grün wählen und liberal ihr anywhere and anyhow transfer abgestaubtes Geld anlegen, sind ohnehin schon lange in der BRD-Bionade-Bourgeoisie angekommen und haben teil an deren Fleischtöpfen wie an deren Lebenslügen. In diesem Dunstkreis wird ein freier Geist wie Günter Maschke, der zu allem Überfluß noch nicht einmal Angst vor dem Beifall von der falschen Seite hat, nur als Fremdkörper wahrgenommen. Der denkwürdige Moment, an dem »Maschkiavelli« (Rudi Dutschke) das Bundesverdienstkreuz erhält, dürfte also noch etwas auf sich warten lassen. Frühere, talkshowferne Zeiten, in denen noch zwischen Gespräch und Geschwätz unterschieden wurde, wußten sich solcher geistigen Kapazitäten zum Nutzen des bonum commune zu versichern. In einem Land ohne innere und äußere Souveränität wie der Bundesrepublik, das viel von sogenannten »Querdenkern« redet, aber keine hat, und dessen intellektuelles Antlitz mehr von saucenrührenden Köchen als von unabhängigen Köpfen bestimmt wird, scheint es kaum mehr möglich, den frischen Wind in die öffentliche Diskussion zu bringen, auf den eine ethnische Verfaßtheit, die fortbestehen will, nicht verzichten kann.

Um so erfreulicher ist es, daß nunmehr – 25 Jahre nach der Erstauflage von 1987 – eine zweite und erweiterte Ausgabe eines wesentlichen Maschke-Textes wieder zugänglich ist. Der Band Der Tod des Carl Schmitt, der seit vielen Jahren vergriffen war und auf dem Antiquariatsmarkt dreistellige Preise erzielte, enthält eine umfassende Besprechung der Nekrologe anläßlich des Todes von Carl Schmitt im Jahre 1985 sowie die berühmte Auseinandersetzung Maschkes mit Jürgen Habermas. Hinzugekommen ist ein wichtiger Beitrag über »Drei Motive im Anti-Liberalismus Carl Schmitts« aus dem Jahre 1987, der Aufsatz »Der ent-konkretisierte Carl Schmitt und die Besetzung der Rheinlande« aus dem Jahr 2002 sowie ein Interview, das Maschke 2005 der Jungen Freiheit gegeben hat. Das Buch, bei dem man – gerade bei einem so Schmitt- und Maschke-affinen Verlag wie Karolinger – schmerzlich ein Register vermißt, ersetzt mühelos ganze Regalmeter an CS-Sekundärliteratur. Berücksichtigt man, daß Maschke als Privatgelehrter über keinerlei universitäre Unterstützung verfügt, kann man über die wissenschaftliche Solidität seiner Texte und die Auffächerung der Gedankenstränge des Haupttextes in seinem berühmten, bisweilen mit Tretminen gespickten Fußnotenapparat immer wieder nur staunen.

Wie macht er das eigentlich? Außer dem früh verstorbenen Panajotis Kondylis, mit dem Maschke nicht nur den Geburtsjahrgang 1943, sondern vor allem eine einsame politische Klarsichtigkeit teilt, ist dem Verfasser dieser Zeilen jedenfalls kein anderer geistesgeschichtlicher Autor bekannt, der extra muros quellengesättigte Werke dieses Kalibers vorgelegt hat. Bei aller wissenschaftlichen Gründlichkeit haben Maschkes Arbeiten gleichwohl immer etwas Essayistisches, etwas Unerwartetes. Maschke kennt zwar alle Bäume im Schmittwald, er hat sich hierdurch aber nicht den Blick aufs Ganze trüben lassen. Als geübter Langstreckenläufer des Gesprächs versteht er es, seinen Abhandlungen ein orales Timbre zu unterlegen, das ganz maßgeblich zu der Lebendigkeit seiner Texte beiträgt. Von der etablierten Szene innerhalb des Elfenbeinturms erfährt Maschke, der – wie alle wirklichen Könner – ganz uneitel auftritt, Anerkennung vor allem dadurch, daß man ihn – das Plagiat ist immer das höchste Lob – geistig bestiehlt. Es wäre ein nicht uninteressantes Forschungsdesiderat, der Ausplünderung der Maschke-Fußnoten insbesondere in seinen beiden CS-Pioniertaten Staat, Großraum, Nomos (1995) und Frieden oder Pazifismus (2005) durch die etablierte Schmittforschung einmal im einzelnen nachzugehen.

Unbeschadet dieser unschönen Vorgänge bleibt die Tatsache bestehen, daß es – neben Piet Tommissen – hauptsächlich dem Fleiß und der Zähigkeit Günter Maschkes zu verdanken ist, daß das Werk Carl Schmitts in dem vergangenen Vierteljahrhundert weltweit eine bemerkenswerte Renaissance erlebte. Schmitt, der sich schon 1949 als exul in patria sua empfand, erfährt dabei heute die größte Anerkennung außerhalb der deutschen Landesgrenzen, was einmal mehr belegt, wie stickig und vorurteilsbefangen das geistige Klima hierzulande ist. Daß dieses Klima nicht aufzubrechen ist durch das artige Abgeben irgendwelcher konservativer Wunschzettel bei der »herrschenden classe politique, deren Machtgrundlage die Ohnmacht der Nation ist« (Maschke dixit), weiß niemand besser als der frühere SDS-Aktivist Maschke. Carl Schmitt soll, einem unbelegten ondit zufolge, auf die Frage, ob er konservativ sei, geantwortet haben: »Konservativ? Ich besitze doch kein Land.« Günter Maschke würde auf dieselbe Frage vielleicht erwidern: »Konservativ? Ich hoffe doch auf die revolución.«

Bei aller publizistischen Angriffslust merkt man Maschke an, wie er unter den obwaltenden Verhältnissen in Deutschland, aber auch der »Zermalmungs- und Zerbröselungsmaschine der modernen Welt« (Maschke dixit) insgesamt leidet. Den süßlichen Relativismus, von dem das anything goes unserer Tage geprägt ist, dürfte kaum jemand mehr verachten als Maschke, in dessen Essays zuweilen blitzartig Horizonte aufscheinen, die erahnen lassen, wie ein Leben nach dem Liberalismus aussehen könnte. Armin Mohler hatte in den linksmodischen 1970er Jahren die etwas überpointierte Losung ausgegeben, nur ein ehemaliger Linker könne ein richtiger Rechter werden.

Begründet hatte er dies wie folgt: »Der Linke hat sich die Finger verbrannt; er weiß, worum es geht. Der Liberale jedoch weiß nicht, daß er selbst derjenige ist, der das Feuer gelegt hat (wüßte er es, so wäre er ja ein Linker geworden). Der Linke bringt Methoden und Härte mit, die wir brauchen können. Der Liberale schleppt Bazillen und seine Unbelehrbarkeit mit ein.« Das erklärt, warum viele Maschke-Texte, allen voran seine legendäre »Verschwörung der Flakhelfer« aus dem Jahre 1985, ganz wesentlich zu der geistigen Blutauffrischung der Rechten beigetragen haben. Wenn deren Analysen heute – jenseits des Tantenhaften und Gutgemeinten früherer Zeiten – immer mehr ins Schwarze treffen, hängt das nicht zum wenigsten mit der zündenden Melange aus Kritikpräzision und Esprit zusammen, die Maschkes Werk kennzeichnet.

Eine in Deutschland nicht unbekannte, überregionale Tageszeitung, der zwischenzeitlich selbst die meisten klugen Köpfe, in der Redaktion noch mehr als in der Leserschaft, abhanden gekommen sind, kam denn auch nicht umhin, in einer Besprechung des glänzenden Interviewbandes »Verräter schlafen nicht« Günter Maschke als den »komplexesten rechten Kopf, der sich zurzeit auf deutsch äußert«, zu bezeichnen. Wir können und wollen dieser Feststellung nicht widersprechen, verbinden sie aber mit der Hoffnung, daß die herrlich altertümliche Schreibmaschine Maschkes noch so manches Meisterstück anschlägt, das im Establishment für Unruhe und in der sezessionistischen Szene für Begeisterung und Orientierung sorgt. In diesem Sinne, caro maestro, ad multos annos!


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