Der Dissident – Ernst Nolte ist 90

von Thorsten Hinz -- pdf der Druckfassung aus Sezession 52 / Februar 2013

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Die öffent­li­che Wür­di­gung für Ernst Nol­te an sei­nem 90. Geburts­tag am 11. Janu­ar fiel mini­mal aus. Das war zu erwar­ten. Der Grund für die Igno­ranz ist ein politischer.

In sei­nem letz­ten Werk, den Spä­ten Refle­xio­nen, hat Nol­te ihn benannt: Die Bun­des­re­pu­blik, schreibt er, lebe »intel­lek­tu­ell in einer ›Nor­ma­li­tät der Lüge‹«. Das ände­re nichts an ihrem guten Gewis­sen, weil sie auf dem »Kampf gegen eine ande­re Lüge, näm­lich die natio­na­lis­ti­sche Mytho­lo­gie des Natio­nal­so­zia­lis­mus, gegrün­det zu sein scheint«. Folg­lich hebt, wer die Teil­wahr­hei­ten aus der NS-Lüge her­aus­prä­pa­riert, die fal­sche Nor­ma­li­tät aus den Angeln und zieht den Zorn der­je­ni­gen auf sich, die sich in ihr ein­ge­rich­tet haben. Die par­ti­el­le Wahr­heit des Natio­nal­so­zia­lis­mus – sei­nen »ratio­na­len Kern« – frei­zu­le­gen, ihn in einen uni­ver­sel­len Zusam­men­hang zu stel­len und als Erschei­nung und kon­kre­te Reak­ti­on erklär- und ver­steh­bar zu machen – dar­um hat Ernst Nol­te stets gerun­gen. Die bekann­tes­ten Stich­wor­te dafür sind das »logi­sche und fak­ti­sche Pri­us« des Gulag, der Ausch­witz vor­aus­ging, und der »kau­sa­le Nexus«, der sie verbindet.

Die »Lüge« besteht dar­in, daß Hit­ler aus­schließ­lich aus einer genu­in »deut­schen Daseins­ver­feh­lung« (Ernst Nie­kisch) abge­lei­tet wird. Fak­tisch ist sie in den Rang eines staats­ideo­lo­gi­schen Axi­oms gerückt, das zum Tabu erho­ben und teil­wei­se unter die Obhut des Straf­rechts gestellt ist. Sie ist das geis­tig-mora­li­sche Fun­da­ment einer Staats­rä­son der Selbst­ver­nei­nung, die es im Gegen­zug erfor­der­lich macht, die Wirk­lich­keit ein­schließ­lich der his­to­ri­schen Wis­sen­schaf­ten der sinn­stif­ten­den Ideo­lo­gie anzu­pas­sen. Zu die­sem Zweck wer­den alter­na­ti­ve Inter­pre­ta­tio­nen der NS-Geschich­te unter­bun­den, wodurch suk­zes­si­ve der Ein­druck ent­steht, sie lägen außer­halb jeder Ver­nunft. Die­sem her­me­ti­schen Ver­blen­dungs­zu­sam­men­hang hat sich Nol­te kon­se­quent ent­ge­gen­ge­stellt. Damit ist er in die Posi­ti­on eines geis­ti­gen Dis­si­den­ten geraten.

Gewollt hat er das nicht. Wel­ten lie­gen zwi­schen sei­nem heu­ti­gen Urteil über die Bun­des­re­pu­blik und den frü­he­ren Ein­schät­zun­gen ihrer Mög­lich­kei­ten. 1974 for­der­te er in Deutsch­land und der Kal­te Krieg, der Bon­ner Staat müs­se sich sel­ber aner­ken­nen, was die Akzep­tanz der deut­schen Tei­lung ein­schloß. Die eigen­wil­li­ge, Nol­te-typi­sche Begrün­dung lau­te­te: Die geschicht­li­che Situa­ti­on, die das Ende des deut­schen Natio­nal­staats her­bei­ge­führt habe, sei »weit­aus uni­ver­sel­ler und monu­men­ta­ler« gewe­sen als die, in der Bis­marck die Reichs­ei­ni­gung gelun­gen war. In den Jah­ren des Bon­ner Allein­ver­tre­tungs­an­spruchs sei­en vie­le Intel­lek­tu­el­le gegen die Wie­der­ver­ei­ni­gungs­po­li­tik gewe­sen, weil sie die Neu­auf­la­ge der damit ver­bun­de­nen Gefah­ren fürch­te­ten. Des­halb sei die auf das Nega­ti­ve fokus­sier­te »Natio­nal­päd­ago­gik« berech­tigt gewe­sen. Ihre »frucht­ba­re Lüge durch mora­li­sie­ren­de Iso­lie­rung« sei nicht mehr not­wen­dig, wenn Deutsch­land als »staat­li­che Rea­li­tät« auf­ge­ge­ben wer­de. Dann näm­lich wür­de es »als geschicht­li­che Rea­li­tät wie­der zugäng­lich« und als ein sehr nor­ma­les Land erschei­nen. In sein Pos­tu­lat der betrach­ten­den Gleich­be­hand­lung bezog er das Drit­te Reich aus­drück­lich mit ein. Anders gesagt: Um zur poli­ti­schen und his­to­ri­schen Ver­nunft zu kom­men, muß­te die Bun­des­re­pu­blik sich als eigen­stän­di­ge Enti­tät statt als Pro­vi­so­ri­um betrachten.

Inter­es­san­ter­wei­se hat­te der His­to­ri­ker Otto West­phal (1891–1950) in sei­ner 1950 post­hum erschie­ne­nen Geschich­te der Neu­zeit die For­de­run­gen Nol­tes bei­na­he wort­gleich vor­weg­ge­nom­men. Die­ser reui­ge »Exfa­schist« war über­zeugt, daß die Auf­ar­bei­tung des NS-Regimes nicht exklu­siv aus der Per­spek­ti­ve sei­ner Besie­ger erfol­gen kön­ne. Das wür­de nur zu einem »Neu­fa­schis­mus« füh­ren. Man müs­se ver­su­chen, die NS-Herr­schaft »his­to­risch zu objek­ti­vie­ren« und dem »Drit­ten Reich die­je­ni­ge Wür­de zurück­zu­ge­ben …, die ihm auf Dau­er nicht aberkannt wer­den kann: die einer gro­ßen his­to­ri­schen Erschei­nung, die die Welt in Atem hielt, und eines schick­sal­haf­ten Voll­zu­ges, in dem – und nicht erst seit Hit­ler – das Unmög­li­che und das Not­wen­di­ge eine Ver­flech­tung ein­ge­gan­gen waren, die von so tra­gi­scher Ver­nunft war, wie sie in aller Welt­ge­schich­te wal­tet.« Die Tri­as aus »Grö­ße«, »Tra­gik« und »Unta­ten«, unter die Nol­te sei­ne spä­te­ren Über­le­gun­gen zum Natio­nal­so­zia­lis­mus stell­te, ist hier schon enthalten.

Ganz hege­lia­nisch ver­lang­te West­phal, die Welt, die über das Drit­te Reich gesiegt hat­te, als die ver­nünf­ti­ge anzu­er­ken­nen, die sich dar­auf­hin ihrer Deutsch­feind­lich­keit »bege­ben« wür­de. Eine schnel­le Wie­der­ver­ei­ni­gung hin­ge­gen wür­de zu bür­ger­kriegs­ähn­li­chen Zustän­den füh­ren. Er sah für lan­ge Zeit einen west­deut­schen Sepa­rat­staat vor­aus, dem er das enge Bünd­nis mit den USA empfahl.

Doch die welt­ge­schicht­li­che Ver­nunft der Welt­kriegs­sie­ger (vor allem der USA) besaß noch einen uner­kann­ten Hin­ter­sinn, der West­phal wie Nol­te über die Mög­lich­kei­ten des West­staa­tes irren ließ. Seit den 1970er Jah­ren ver­zich­te­te die Bun­des­re­pu­blik zwar auf eine akti­ve Wie­der­ver­ei­ni­gungs­po­li­tik, doch führ­te der natio­nal­po­li­ti­sche Ver­zicht kei­nes­wegs zur erwar­te­ten Ver­sach­li­chung des his­to­ri­schen Den­kens. Viel­mehr schritt die Dämo­ni­sie­rung des Natio­nal­so­zia­lis­mus als ein »abso­lut Böses« vor­an und führ­te zur staat­li­chen Eta­blie­rung des »nega­tiv-ger­ma­no­zen­tri­schen« Geschichts­bil­des. Dafür gab es unter­schied­li­che Moti­ve und Grün­de, inne­re, aber auch äuße­re. So exis­tier­te wäh­rend des Kal­ten Krie­ges ein block­über­grei­fen­des Inter­es­se, die Schuld Deutsch­lands zu ver­ab­so­lu­tie­ren und zur Legi­ti­mie­rung des inter­na­tio­na­len Sta­tus quo her­an­zu­zie­hen. Sie war die his­to­risch-poli­ti­sche Begrün­dung für die Vor­herr­schaft der bei­den Haupt­sie­ger des Welt­kriegs, der Sowjet­union und der USA.

Der His­to­ri­ker­streit 1986 hat­te neben dem natio­na­len daher auch einen inter­na­tio­na­len bzw. bünd­nis­po­li­ti­schen Aspekt. Über sei­nen Haupt­kon­tra­hen­ten Jür­gen Haber­mas schrieb Nol­te, er sei dar­auf fixiert gewe­sen, den Natio­nal­so­zia­lis­mus als ein rein deut­sches The­ma zu erhal­ten und so den »vor­herr­schen­den Wahr­heits­an­spruch des Wes­tens« zu bedie­nen. Auf des­sen schie­fer Ebe­ne fand 1990 die Wie­der­ver­ei­ni­gung statt, die des­halb das Gegen­teil einer geis­ti­gen Befrei­ung bedeu­te­te. Nach­dem der Wes­ten über die Sowjet­uni­on gesiegt hat­te, ent­fiel näm­lich für den »Wes­ten« die Not­wen­dig­keit, auf die Emp­fin­dun­gen der Deut­schen gewis­se Rück­sich­ten zu neh­men. Das Gebot hat­te sich dar­aus erge­ben, daß die Block­kon­fron­ta­ti­on mit­ten durch Deutsch­land gegan­gen war und den Deut­schen in Ost und West abver­langt hat­te, die jeweils höchs­ten Risi­ken zu tra­gen. Die Scho­nung, die man ihnen gewähr­te, war die Gegen­leis­tung für ihre Loyalität.

Mit dem Mau­er­fall änder­ten sich die Vor­aus­set­zun­gen. Umso mehr stör­te Nol­te mit sei­nem Behar­ren auf der His­to­ri­sie­rung des Natio­nal­so­zia­lis­mus. Die über ihn ver­häng­te Qua­ran­tä­ne wur­de ver­schärft. In einem neue­ren, enzy­klo­pä­disch ange­leg­ten Werk zur Geschichts­wis­sen­schaft der Bun­des­re­pu­blik fin­det sein Stan­dard­werk, Der Faschis­mus in sei­ner Epo­che, nicht ein­mal im Kapi­tel über Faschis­mus­theo­rien mehr Erwäh­nung. Nol­te kom­men­tier­te: Wäh­rend die Söh­ne auf sehr deut­sche Wei­se »anti­deutsch« gewe­sen sei­en, gerier­ten die Enkel sich als »Inqui­si­to­ren der Kos­mo­po­lis«. Wenn erst die Erkennt­nis durch­grei­fe, daß die­se Kos­mo­po­lis in Wahr­heit eine »ame­ri­ka­ni­sche« sei, wür­den jedoch die Kar­ten neu gemischt.

Bis dahin kann man nur kon­sta­tie­ren und kom­men­tie­ren, wie der Natio­nal­so­zia­lis­mus und der Holo­caust als nega­ti­ve Refe­renz­punk­te einer glo­ba­len Zivil­re­li­gi­on durch­ge­setzt wer­den. Ein wirk­sa­mer Hebel sind die Resti­tu­ti­ons- und Ent­schä­di­gungs­for­de­run­gen, die seit 1989 aus den USA an euro­päi­sche Staa­ten und Insti­tu­tio­nen gerich­tet wer­den. Recht­li­che und mora­li­sche Argu­men­te die­nen als Vehi­kel für glo­bal­stra­te­gi­sche Inter­es­sen und poli­ti­sche und ideo­lo­gi­sche Ansprüche.

Ihren ein­fühl­sams­ten Inter­pre­ten fin­det die­se Poli­tik in dem deutsch-israe­li­schen His­to­ri­ker Dan Diner (einem eif­ri­gen Nol­te-Rezi­pi­en­ten), der einen »anthro­po­lo­gi­schen Nexus von Gedächt­nis und Eigen­tum« fest­stell­te. Durch die »Wie­der­her­stel­lung vor­aus­ge­gan­ge­ner Eigen­tums­ver­hält­nis­se« sei­en »die mit jenen Ver­hält­nis­sen ver­bun­de­nen Erin­ne­run­gen ver­le­ben­digt« wor­den. Zur Ver­le­ben­di­gung gehört laut Diner auch das Holo­caust-Mahn­mal mit sei­nem »gera­de­zu para­dig­ma­ti­schen Cha­rak­ter … Ber­lin ent­wi­ckelt sich zuneh­mend zu einem uni­ver­sel­len Gedächt­nis­ort der Ver­gan­gen­heit.« Der Holo­caust erhal­te »zuneh­mend die Bedeu­tung eines Grün­dungs­er­eig­nis­ses«, ver­gleich­bar der Refor­ma­ti­on oder der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, und wür­de zur »erkennt­nis­lei­ten­den War­te einer inte­grier­ten euro­päi­schen Historie«.

Doch ohne Repres­si­on und Gesin­nungs­kon­di­tio­nie­rung und ‑kon­trol­le – das zeigt alle Erfah­rung – wird die Tran­szen­die­rung der »Lüge« nicht zu haben sein, und so stellt sich tat­säch­lich die Fra­ge, ob unter dem Vor­zei­chen des »Anti-« ein über­na­tio­na­ler »Neu­fa­schis­mus« ent­steht, der frei­lich die Deut­schen mehr als alle ande­ren Völ­ker gefähr­det. Was für ande­re zum Herr­schafts­mit­tel gera­ten kann, bedeu­tet für sie mit Sicher­heit die geis­tig-mora­li­sche und poli­ti­sche Selbstvernichtung.

In die­sem Span­nungs­feld ist und bleibt Ernst Nol­te mit sei­ner For­de­rung nach der His­to­ri­sie­rung des Drit­ten Rei­ches die unver­zicht­ba­re Refe­renz­fi­gur einer geis­ti­gen Gegenwehr.

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