Sezession
19. November 2013

Deutschland, ein Bildungsmärchen: Fack ju Göhte!

Gastbeitrag / 16 Kommentare

von Heino Bosselmann

Deutschland – vor allem seine "Kids" – freut sich über einen neuen Kinofilm: „Fack ju Göhte“. Deutschland hat sich auch immer schon über Goethe gefreut, obwohl es ihn selten las und immer seltener liest oder vielmehr: kaum mehr lesen kann. Auch das vielleicht eine mindestens unbewußte Botschaft des Titels. Bewußt übercoloriert und ikonografisch dicht am Comic erzählt der neue Film Deutschland als Bildungsmärchen.Es spielt an einer dieser Gesamtschulen mit desorientierten Schülern, denen die Kuschelpädagogik ihrer überforderten Lehrer längst nicht mehr gegen Verblödung und Entgrenzung hilft. Ja, obwohl sie alle Potential haben oder mindestens Herzchen sind. Der in den Siebzigern installierte Betrieb wird von einem schwachen sozialpädagogisches Korsett zweifelhafter Anthropologie gerade noch zusammengehalten. Als Farce. Begleiteter Verfall.

Frustration auf beiden Seiten: Die Lehrer skurril bis ins Psychotische oder ausgebrannt. Eher gleich beides. Die Schüler Macker und Tussen, deren Weltbild sich auf das beschränkt, worüber sie an sich selbst verfügen, ihren unsicheren Narzißmus, fixiert auf den eigenen Body und den der anderen.

Rettung naht von außen, gewissermaßen mit einem guten Wilden: Zeki Müller (Elyas M’Barek), schwerer Junge mit Migrationshintergrund, kommt frisch aus dem Knast und will eigentlich nur an den Zaster aus seinem letzten Bruch. Blöderweise ist aber über dem Versteck zwischendurch eine Turnhalle gebaut worden. Also wird er Hilfslehrer, um vor Ort zu sein. Putzige Mimikry. Der Rollenwechsel fällt leicht, weil Zeki über die angesagte Model-Ästhetik mit Waschbrettbauch und Tattoo verfügt und bei ihm sogar das Kettenrauchen dank blankem Gebiß apart aussieht.

Während er nachts am Tunnel gräbt, stellt er über Tage mit der Schulordnung gleich noch die Motivation in der horrenden 10 B sicher, die bisher noch jeden Pauker abkochte. Er schaffte das allerdings nur mit seinen Methoden: Ghettosprache, Bodycheck, Männervorbild – insgesamt nach der Art, wie sie sofort die Staatsanwaltschaft auf den Plan riefe. Alles brachial – von Ausdrucksweise bis Sturmgewehr, und sei es auch nur eine Paintball-Wumme.

Der Film bietet eine gut inszenierte Koketterie mit den Tabus der deutschen Kultusbehörden. Jeder weiß: Ja, die Zustände in den verwahrlosten Klassen- und desillusionierten Lehrerzimmern sind in etwa so wie dargestellt. Das ist das Tragische. Ebenso klar: Es gibt keinen Rambo, der dort testosteronüberschwemmt mit tätowiertem Oberkörper auftaucht und das Rudel zur Räson bringt wie der neue Alpha-Wolf. Also liegt das Komische, wie oft, in der Übertreibung, die den Zuschauer denken läßt: Ach, wenn es nur so wäre. Wie erfrischte solch ein Rabauke die verödete Bildungslandschaft.

Immerhin wird ein wesentlicher Kontrast erlebbar: Zeki Müllers Gegenüber ist die überforderte Referendarin Lisi Schnabelstedt (Karoline Herfurth). Sie bildet in Mentalität wie Rede das gesamte Spektrum jener realitätsfernen Professorenpädagogik ab, die nicht erst seit dem Rütli-Hilferuf grundsätzlich versagt hat und die deutsche Kulturgesellschaft seit bereits zwei, ja drei Generationen unterminiert. Die junge Kollegin Schnabelstedt ist selbstverständlich hochneurotisch – so wie sämtliche ihrer Kollegen mit Ausnahme der auf Pragmatismus reduzierten Direktorin (Katja Riemann) – , aber ihr Charme macht sie zu der Prinzessin, die der Held heimführen kann, nachdem er die Schule vom falschen Zauber befreit hat und sie als halbes Königreich dazubekommt, indem ihm die Chefin glatt das Abi-Zeugnis ausdruckt, was ihm fehlt. Eigentlich ganz so, wie überall ja einfach nur noch Zeugnisse ausgedruckt werden. Quasi gratis.


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Kommentare (16)

FFlecken
20. November 2013 00:15

Ich boykottiere schon seit geraumer Zeit sämtliche zeitgenössisch-bundesdeutsche ,,Komödien´´, von Bulli Herbig über Typen a la Mario Barth bis zu Till Schweiger. Die ganze infantile Mentalität die diesen Werken zugrunde liegt, ist mir nun wirklich vollkommen fremd. Humor ist für mich etwas anderes. Wie erwachsene Männer so etwas produzieren können, ich will est gar nicht verstehen. Und überhaupt, die relevanten Kinofilme (des Mainstreams, diverse Autorenfilme sind mir kaum bekannt) der letzten zehn Jahre kann man an einer Hand abzählen.

Anders sieht es im Spektrum der Serien aus - für mich das wahre Kino der letzten zehn Jahre. Ob die meist sehr kapitalintensiven Serien aus Übersee oder vom Kontinent (Sopranos, Breaking Bad, Game of Thrones, Boardwalk Empire, Mad Men, Borgen, Downton Abbey, Im Angesicht des Verbrechens...)

Noch einen Satz zum Filmtitel: Der ist nicht nur peinlich debil - er ist schlicht eine absolute Unverschämtheit.

P.S. Die supercoole Komödie hat schon knapp zwei Millionen Besucher.

yvonne
20. November 2013 00:22

Der Trailer war schlimm, habe ich mir gerade angeschaut. Soll dieser Kanacken-Macker etwa unser Retter sein? Der uns hier vorführen soll, uns schwächliche Deutsche? Dann sind wir ja bald über den Berg...

neocromagnon
20. November 2013 06:33

Das machen nachher die

Das ist in der Preiskalkulation inbegriffen.

Telumee
20. November 2013 12:43

Danke, Herr Bosselmann, für Ihren Text!

Ich habe mich scheckig gelacht im Kino, endlich mal wieder!
Und: Ich studiere: Grundschullehramt.

Das Notwendigste für gelingenden Unterricht war dabei:
Zielsetzungen (Auto und Co), Authentizität der Lehrperson,
Lebensweltbezug.

Die Aufregung über den "peinlich-debilen" Filmtitel?
Wer nicht merkt, dass hier die Regeln der neuen Rechtschreibung exakt angewendet sind und die Anglizismen der deutschen Schreibung angepasst werden, dem schlage ich vor, den Film aus Angst vor dem Titel umzubenennen in: "Der Film, dessen Name nicht genannt werden darf"....

Ein Märchen bleibt es: Graffiti sprühen zählt an wenigen Schulen zu den Tätigkeiten, die einen Pokal einbringen.
Warum eigentlich?
Warum gibt es den Grätschsprung über den Bock im Sportunterricht, aber nicht das Skaten?
Warum muss der Genetiv hochgehalten werden, wenn es der Dativ doch auch tut?

Ich wünsche noch vielen ZuschauerInnen des Filmes/vom Film viel Spaß!

Carsten
20. November 2013 12:45

Na, dazu passt ja die Meldung, dass in Berlin selbst Abiturienten zu einem Drittel am Deutschtest der Polizeibewerber scheitern.

Ich kann nicht rechnen. Ich bin in einem sozialdemokratisch regierten Bundesland aufgewachsen. Statt Grundrechenarten zu lernen, haben wir bunte Plättchen sortiert.

karlmartell
20. November 2013 13:30

"Die supercoole Komödie hat schon knapp zwei Millionen Besucher."

....eben !

Gewinnmaximierung geht so.

bolle
20. November 2013 16:38

telumee,
der genitiv ist ihnen egal?
ich hoffe sehr, sie repraesentieren nicht alle referendare ihrer schulform!
das waere der klassische bildungsabsturz - oder, um bosselmann zu zitieren
- nichts begriffen

bolle

Waldgänger
20. November 2013 16:46

Der Film zeigt eines ganz deutlich, etwas, was heute aber sehr selten geworden ist und von Seiten einer weltfernen Hochschuldidaktik und Buildungspolitik geradezu bekämpft wird:

Der Lehrer muss der Chef sein.
Der Boss!

Nur, wenn er das ist, wenn er sich diese Position irgendwie erringt, nur dann wird eine auch nur etwas ältere Klasse, d.h. ab Klasse 6, mit Erfolg zu unterrichten sein.
Das war natürlich früher auch schon so, doch war das eben ziemlich selbstverständlich.

Es klingt für manche jetzt zwar etwas hart, aber man sollte sich mal ein paar von jenen heute zahlreichen Sendungen über Hunde- oder Pferdeerziehung ansehen!
Alles eine Frage der Erziehung, des Wollens und des Willens, sich mit Beharrlichkeit und Konsequenz durchzusetzen.
So viel anders sind Kinder auch nicht.

Das Perfide ist nur, dass die Schulbehörden das sabotieren.

Heinrich Brück
20. November 2013 17:25

Ich sehe mir nur noch deutsche Filme an, in denen nicht englisch
gesungen wird; dieser hat sogar einen englischen Titel.
Englisch ist nur die Sprache des Geldes, wird in den Schulen nicht
der Bildung wegen gelehrt, und noch weniger gelernt, um etwa
Shakespeare lesen zu können.
Bildung und Intelligenz, und was die Klugheit daraus macht.
Immer wieder die Konfrontation mit der BRD-Identität, Substrat
und Mißhandlung in einem, und kaum zu ertragen. Die Situation in
diesem Land ist verrückt, aber noch ist nicht alles verloren - jedenfalls
ist der Krieg noch nicht verloren. Und deshalb bleibe ich in meiner
Kultur:
..."Weh dir, verruchter Mörder, du Fluch des Sängertums!
Umsonst sei all dein Ringen nach Kränzen blut'gen Ruhms!
Dein Name sei vergessen, in ew'ge Nacht getaucht,
sei wie ein letztes Röcheln in leere Luft verhaucht!"

Der Alte hat's gerufen, der Himmel hat's gehört.
Die Mauern liegen nieder, die Hallen sind zerstört;
noch eine hohe Säule zeugt von verschwundner Pracht;
auch diese, schon geborsten, kann stürzen über Nacht.

Und rings statt duft'ger Gärten ein ödes Heideland,
kein Baum verstreuet Schatten, kein Quell durchdringt den Sand,
des Königs Namen meldet kein Lied, kein Heldenbuch;
versunken und vergessen! Das ist des Sängers Fluch.
(Ludwig Uhland)
Die Deutschen können diesen Film aushalten, keine Bildungspanik
also; die Auslese findet ohnehin über Intelligenz und Klugheit
statt. Bildung ist nur ein Luxuskulturgut für die Unsterblichen.
Ob sie DES SÄNGERS FLUCH überleben werden, wer weiß, steht auf
einem Zukunftsblatt.
Bleibt bei eurer Struktur (Sezession), sie ist einmalig.
Für nächstes Jahr wünsche ich mir den Film: FUCK YOU USA.

Revolte
20. November 2013 18:27

Wieder ein Film, der versucht, diese katastrophalen Zustände in Humor zu verpacken. Auf die gleiche Tour machen sich seit Jahren auch Migranten über ihre Landsleute lustig. Kaya Yanars aggressiver Türsteher etwa mit seinem "Du kommst hier net rein!", der schon bei geringstem Anlass die Fäuste fliegen lässt. Das ist es also: prügelnde, gewaltbereite, marodierende Migranten als herzlicher Lacher für das "Snäcks und Popcorn" fressende Publikum.
Es ist doch auffällig, dass es keinen türkischen Comedian gibt, der nicht permanent seinen Migrationshintergrund in den Vordergrund stellt und angestrengt versucht, sich in Selbstironie zu üben, stets in der Hoffnung, beim Publikum einen Niedlichkeitsbonus einzufahren. Nach dem Motto: der arme Migrant muss seine Situation mit Humor nehmen, um diese spießige, rassistische Gesellschaft ertragen zu können.

Hochachtung übrigens, Herr Bosselmann, dafür, dass sie sich so einen Film mitsamt dem ihm frönenden Klientel antun. Sie scheinen ja zumindest ansatzweise bespaßt worden zu sein.

Heino Bosselmann
20. November 2013 19:10

Lieber "Revolte", ich wurde ja quasi in Lehrerzimmern groß. Die Blicke des Films dort hinein sind schon leider bitter realistisch.

Ohne Führerschein
20. November 2013 19:34

Schön dass der Film hier besprochen wird, in den Haupstrommedien wurde ich konsequent zensiert als ich darauf hinwies, dass der Titel ein "Goodie" bereithält. Das türkische Göt heisst auf Deutsch schlicht Arsch, göthe in etwas soviel wie für'n Arsch. Was nun "Fack ju Göthe" bedeutet kann man sich auch ohne Türkischkenntnisse zusammenreimen.

Wer sich also schon immer gefragt hat, warum Türken zu grinsen beginnen, wenn der deutsche Kulturmensch mit Goethe daherkommt, weiss nun warum.

Es ist unwahrscheinlich dass die Macher nicht um diese Bedeutung wussten, ich unterstelle vielmehr dass sie den Titel bewusst so gewählt haben, was bei einer Pennäler-Sause heutzutage eigentlich keinen wirklichen Skandal darstellt.

Überrascht war ich allerdings darüber, dass diese Information offenbar so anstössig ist, dass man sie nicht veröffentlichen wollte. Offenbar ist die deutsche Gesellschaft noch nicht soweit um zusammen mit Türken über derbe Wortwitze zu lachen... oder man traut es ihnen schlicht nicht zu, den intoleranten Rassisten.

Balbo
20. November 2013 20:05

Hr. Bosselmann,

wenn ihnen auf ihre Frage, was mit dem ganzen Dreck jetzt passiert, noch höflich geantwortet wurde, dann leben sie allerdings in einer seligen Gegend. Für diese Frage wären sie hier direkt mit den Fachkenntnissen unserer zukünftigen Facharbeiter konfrontiert worden. Womöglich Stammesangehörige des Hauptdarstellers, aber sicher die Mehrzahl in jeder hiesigen siebten Klasse. Übertrieben? Die Realität sagt etwas anderes.

FFlecken
21. November 2013 00:41

@yvonne

Den Trailer habe ich mir nun auch einmal angesehen. Schlimm trifft es ganz gut... Die Baukastensätze zur Herstellung dieser Filme sind ja mittlerweile bekannt.

@Telumee

Ich verbuche Ihr Einlassung einmal als missglückte Satire.

Falls dem nicht so ist: Mir geht es insbesondere um die Beschmutzung des Namen Goethe. In vielen anderen Ländern, wenn es sich um jeweilige Zentren eigener Kultur handelt, in der Form gottlob undenkbar. Das hier die betroffene Schule gemeint ist, ändert nichts am Sachverhalt.
Wenn man die abstruse Buchstabenakrbatik des Titels als innovative Angleichung an die neue Rechtschreibung abfeiern muss - dann bitte sehr. Angst macht mit das alles weniger, eher schon Ideen und Haltung des ein oder anderen angehenden Grundschullehrers.

@Ohne Führerschein

Das macht es nicht wirklich besser, im Gegenteil.

Götz Kubitschek
21. November 2013 09:31

feierabend.
gruß! kubitschek

Olaf Knolaf
24. November 2013 12:33

@FFlecken

"Ich boykottiere schon seit geraumer Zeit sämtliche zeitgenössisch-bundesdeutsche ,,Komödien´´, von Bulli Herbig über Typen a la Mario Barth bis zu Till Schweiger."

Bulli Herbig hat in der Tragikkomödie "Hotel Lux" exzellent gespielt. In dem Film geht es um das gleichnamige Hotel in Moskau, in dem während des 2. WK deutsche Kommunisten untergebracht, um nicht zu sagen interniert waren. Ein Großteil dieser Leute wurde an Stalins guten Freund Hitler zurückgeschickt, der Rest wurde später zur SED-Führung.

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