Wolf Jobst Siedler ist verstorben

Am Mittwoch verstarb nach langer Krankheit der liberalkonservative Verleger und Publizist Wolf Jobst Siedler (87).  Siedler gründete und führte ab 1980 den nach ihm benannten Verlag. Im Jahr 2007 wurde er für sein Lebenswerk von der Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung (FKBF) mit einem Ehrenpreis gewürdigt. Wir dokumentieren nachfolgend den biographischen Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Armin Moh­ler nann­te drei Grün­de, als er Sied­ler im Cri­ticón ein Autoren­por­trät wid­me­te: Er sei unter den kon­ser­va­ti­ven Autoren einer der »bes­ten und eigen­wil­ligs­ten For­mu­lie­rer«, er sei ein typi­scher Ver­tre­ter des kon­ser­va­ti­ven Ein­zel­gän­gers, der sich mit nie­man­dem gemein machen wol­le, und er sei, neben Gross und Alt­mann, das »kon­ser­va­ti­ve Ali­bi für die Meinungsmacher«.

Sied­ler wur­de in den Medi­en nicht nur tole­riert und ver­faß­te zustim­mungs­fä­hi­ge Essays, son­dern spiel­te über vie­le Jah­re selbst eine her­aus­ra­gen­de Rol­le im Medi­en­be­trieb. Sied­lers Fami­lie ist fest in Ber­lin und Preu­ßen ver­an­kert, zu sei­nen Vor­fah­ren gehö­ren Johann Gott­fried Scha­dow und Carl Fried­rich Zel­ter, sein Vater war als Syn­di­kus in der Indus­trie tätig. Ein ein­schnei­den­des Erleb­nis ist für den jun­gen Sied­ler, als er und der mit ihm befreun­de­te Sohn Ernst Jün­gers wegen Wehr­kraft­zer­set­zung zum Tode ver­ur­teilt und schließ­lich zur Front­be­wäh­rung, die für Jün­ger töd­lich endet, begna­digt wer­den. Lebens­lang resul­tier­te dar­aus ein Miß­trau­en gegen Mehr­hei­ten und eben die gesuch­te Rol­le des Ein­zel­gän­gers. Nach einem Stu­di­um der Phi­lo­so­phie, Sozio­lo­gie und Ger­ma­nis­tik wur­de Sied­ler zunächst Gene­ral­se­kre­tär des deut­schen Büros des »Kon­gres­ses für kul­tu­rel­le Frei­heit «, einer anti­kom­mu­nis­ti­schen und auf West­bin­dung zie­len­den Ver­ei­ni­gung, die, wie spä­ter her­aus­kam, vom CIA finan­ziert wur­de und vor allem links­li­be­ra­le Intel­lek­tu­el­le anspre­chen soll­te. Anschlie­ßend war Sied­ler Redak­teur bei der ame­ri­ka­ni­schen Neu­en Zei­tung und von 1955 bis 1963 Feuil­le­ton­chef des links­li­be­ra­len Tages­spie­gel.

Die Essays aus die­ser Zeit begrün­de­ten sei­nen Ruf als kul­tur­kon­ser­va­ti­ver Publi­zist. Er wech­sel­te dann auf die Ver­le­ger­sei­te und wur­de Lei­ter des Pro­py­lä­en-Ver­la­ges, mach­te im Sprin­ger-Kon­zern Kar­rie­re und führ­te schließ­lich alle unter Ull­stein zusam­men­ge­faß­ten Ver­la­ge. In die­ser Zeit erschien sein bekann­tes­tes und wich­tigs­tes Buch, Die gemor­de­te Stadt (1964), das ihn zum Vor­rei­ter einer spä­ter ein­set­zen­den Nost­al­gie­be­we­gung mach­te, die es nicht mehr hin­neh­men woll­te, daß die deut­schen Alt­stadt­vier­tel abge­ris­sen wur­den, und den Eigen­wert der schö­nen Form beton­te. Als Ver­le­ger pfleg­te Sied­ler vor­wie­gend die kul­tur­kon­ser­va­ti­ve Sei­te, hat­te Kon­takt mit wich­ti­gen Autoren, so Ernst Jün­ger, der ihm zahl­rei­che wich­ti­ge Hin­wei­se gab. Einer davon war die Ver­öf­fent­li­chung der bel­le­tris­ti­schen Wer­ke von Pierre Dri­eu la Rochel­le, die zwi­schen 1966 und 1972 bei Ull­stein erschie­nen. Auch Hell­mut Diwalds Geschich­te der Deut­schen (1978) fällt in die­se Zeit, wobei Diwald damals nicht als Rech­ter galt und auch die gegen­chro­no­lo­gi­sche Her­an­ge­hens­wei­se eher eine expe­ri­men­tel­le Sehn­sucht verriet.

Im Mai 1979 muß­te Sied­ler Ull­stein ver­las­sen und grün­de­te Anfang 1980 sei­nen eige­nen Ver­lag, den er in weni­gen Jah­ren zu einem erfolg­rei­chen Unter­neh­men mach­te. Her­aus­ra­gen­de Buch­pro­jek­te waren Sied­ler Deut­sche Geschich­te (13 Bde., 1982–2000), die unter der Über­schrift »Die Deut­schen und ihre Nati­on« einen Gegen­ent­wurf zu Pro­py­lä­en Deut­sche Geschich­te lie­fer­ten, und die Deut­sche Geschich­te im Osten Euro­pas (10 Bde., 1992–1999). 1993 ver­kauf­te Sied­ler den Ver­lag an die Grup­pe Ran­dom House, wo er bis heu­te als eige­ne Mar­ke wei­ter­ge­führt wird. Sied­lers Sohn grün­de­te 2004 den wjs verlag.

Das schrift­stel­le­ri­sche Werk Sied­lers besteht vor allem aus Essays, die er in ver­schie­de­nen Sam­mel­bän­den ver­öf­fent­licht hat. 1965 erschie­nen die Behaup­tun­gen, die Moh­ler als »schöns­te Essay-Samm­lung, die ein deut­scher Kon­ser­va­ti­ver seit 1945« ver­öf­fent­licht hat, bezeich­ne­te. Melan­cho­lie über das tote Preu­ßen und die Selbst­auf­ga­be des Bür­ger­tums sind wie­der­keh­ren­de Moti­ve sei­ner Auf­sät­ze. 1982 hielt Sied­ler die Lau­da­tio auf Ernst Jün­ger zur Ver­lei­hung des Goe­the-Prei­ses in Frank­furt am Main, in der er Jün­ger als »die vor­läu­fig letz­te Erschei­nungs­form von Welt­li­te­ra­tur in deut­scher Spra­che« feierte.

Schrif­ten: [mit Eli­sa­beth Nig­ge­mey­er] Die gemor­de­te Stadt. Abge­sang auf Put­te und Stra­ße, Platz und Baum, Ber­lin 1964; Behaup­tun­gen, Ber­lin 1965; Weder Maas noch Memel. Ansich­ten vom beschä­dig­ten Deutsch­land, Stutt­gart 1982; Abschied von Preu­ßen, Ber­lin 1991; Der Ver­lust des alten Euro­pa. Ansich­ten zur Geschich­te und Gegen­wart, Stutt­gart 1996; Phoe­nix im Sand. Glanz und Elend der Haupt­stadt, Ber­lin 1998; Ein Leben wird besich­tigt. In der Welt der Eltern, Ber­lin 2000; Wir waren noch ein­mal davon­ge­kom­men. Erin­ne­run­gen, Mün­chen 2004; Wider den Strich gedacht, Mün­chen 2006.

Lite­ra­tur: Armin Moh­ler: Wolf Jobst Sied­ler. Der tole­rier­te Kon­ser­va­ti­ve, in: Cri­ticón (1983), Heft 75.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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