Sezession
6. Mai 2009

Kolberg revisited

Martin Lichtmesz

kolberg-titelEinen aktuellen Anlaß habe ich zwar nicht, aber da ich mich gerade mit der internationalen Filmproduktion des Jahres 1945 beschäftige und gestern wieder den berüchtigten "Durchhalte"-Film "Kolberg" von Veit Harlan gesehen habe, möchte ich die Gelegenheit nutzen, hier einen kleinen "filmgeschichtlichen" Faden einzuführen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

"Kolberg" wurde 1943, als bereits abzusehen war, daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, von Goebbels in Auftrag gegeben. Der Film sollte das  "Vom Winde verweht" des Dritten Reichs werden, eine millionenschwere Superproduktion in Agfacolor mit Heerscharen an Statisten und einer ideologisch zugespitzten Botschaft. Eine Episode aus den Napoleonischen Kriegen sollte als historische Parallelle dienen, Harlan sollte nach Goebbels' Weisung "am Beispiel der Stadt, die dem Film den Titel gibt,  zeigen, daß ein in Heimat und Front geeintes Volk jeden Gegner überwindet."

Die Uraufführung fand am 30. Januar 1945 in der belagerten Stadt La Rochelle statt, und wurde in der Folge unter anderem in Berlin, Danzig, Breslau und Königsberg gezeigt. Bis zuletzt blieb "Kolberg" eines der am fanatischten verfolgten Projekte Goebbels', dessen Anteil daran als Quasi-Filmemacher nicht gering ist. Es ist, als hätte man in der brennenden Nibelungenhalle die letzten Energien darauf vergeudet, eine Wagner-Oper zu inszenieren.  Es war aber auch Goebbels, der den Film schließlich verstümmelte und allzu drastische Kriegsszenen herrauschneiden ließ, absurderweise Eskapismus und Durchhaltewillen kombinieren wollte.  Diese Umstände verleihen dem Film etwas Wahnwitziges,  Irrationales, beinah Surreales, als wäre es eine Episode aus Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now".

Während der zweite Weltkrieg in seine wohl schrecklichste Phase ging, inszenierte Harlan, nicht weit von der Front entfernt, mit viel Krach einen Parallellkrieg, entrückt in ein Ufa-Reich aus Kunst, Unterhaltung und Wunschdenken. Die bunten Kostüme, die blitzblauen Preussenuniformen, die rotgeschminkten Lippen der Hauptdarstellerinnen, die Parolen deklamierenden idealgesinnten Menschen,  die für das Vaterland alles zu opfern bereit sind, und "lever dood as Slaav" sind, all das wirkt heute wie eine großangelegte Selbsthypnose und -belügung und aussichtslose Beschwörung der nationalen "mobilisierenden Mythen", als hätten die epischen Bilder noch im letzten Moment die Kraft, die Wirklichkeit zu verändern, als könnte die klassische "last minute rescue" des Kinos auch im wirklichen Leben zu einem Happy End führen. Frei nach Céline, "mentir ou mourir"?

kolberg

"Kolberg" markiert auch das Ende von Bildern und Überlieferungen, die älter sind als die NS-Ideologie. Und nocheinmal sieht man in dem Film Breslau, Königsberg, und Kolberg, wenige Monate vor ihrer Zerstörung. Der Film steht auch am Ende einer Ära des deutschen Films: in der Besetzung finden sich große Namen aus der Blütezeit des Weimarer Kinos,  das von der NS-Kulturpolitik zerstört wurde, Gesichter, die man aus den klassischen Filmen von Murnau, Lang und Pabst kennt, die dem deutschen Film in aller Welt Geltung und Respekt verschaft hatten: Heinrich George, Paul Wegener, Gustav Diessl, Otto Wernicke, Greta Schröder, Paul Bildt, Margarete Schön. Wernicke und Diessl waren zusammen in Fritz Langs letztem deutschen Film "Testament des Dr. Mabuse" (1933) aufgetreten, der in einer Irrenanstalt endete, und nach Langs späterer Interpretation metaphorisch vor dem Nationalsozialismus warnen sollte.

In den belagerten Städten selbst, inklusive dem realen Kolberg,  hat sich wohl niemand für Heinrich Georges heroisches Gebrummel und Kristinas Söderbaums faux-naives Geflenne interessiert. Andererseits brauchte niemand den Verteidigern von Breslau erklären, wofür sie kämpften. Vor den Toren stand kein geschminkter Leinwand-Napoleon, der den Bürgern der Stadt bei Übergabe einen unblutigen Sklaven-Frieden zusicherte. Es ist zu einfach,  den verzweifelten, zähen, heute zum Teil unfaßbar anmutenden Widerstand der Deutschen allein durch propagandistische Indoktrinierung zu erklären.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.