Die Wohlstandsrechner

von Heino Bosselmann

Der Koalitionsvertrag steht. Man kann ihn sich durchlesen, und angeblich wird er breit diskutiert,...

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

vor allem ja von der SPD-Basis, für die der alt­ehr­wür­di­ge Vor­wärts-Ver­lag eigens ein Heft­chen druck­te und gera­de an die noch übrig geblie­be­nen 474.820 Genos­sen ver­schickt. Eine Men­ge Porto.Von den SED-Par­tei­ta­gen hieß es übri­gens gleich­falls, daß deren Beschlüs­se breit dis­ku­tiert wür­den. Aller­dings wur­de ihnen dann reflex­si­cher hun­dert­pro­zen­tig zuge­stimmt, wäh­rend jetzt frei gemo­sert wer­den darf, wor­in – ohne Zwei­fel – der demo­kra­ti­sche Vor­teil besteht, jeden­falls solan­ge tat­säch­lich alles zur Dis­kus­si­on gestellt wür­de, also nicht nur Doku­men­te, die – bei allem Respekt – nicht so exis­ten­ti­el­le Ver­än­de­run­gen vor­se­hen wie es etwa vor Jah­ren die eigens nicht abge­stimm­te Ent­schei­dung für den Euro oder eine EU-Ver­fas­sung einschloß.

Wer sich den glat­ten Text von der Prä­am­bel bis zur Garan­tie des “Deut­schen Bie­nen­mo­ni­to­rings” durch­liest, der fin­det dar­in poli­tisch die bekann­te Ver­laut­ba­rungs­rhe­to­rik für Anspruchs­vol­le ver­sam­melt. Und aus­nahms­los klingt alles sehr gut und nach lich­ter Zukunft, für die man gern Seit an Sei­te schrei­ten wür­de, selbst wenn einem man­cher Kom­pro­miß nicht liegt.

Nur um in den Ton ein­zu­stim­men: “Die Koali­ti­on aus CDU, CSU und SPD will dafür Sor­ge tra­gen, dass die Grund­la­gen für unse­ren Wohl­stand und den Zusam­men­halt gesi­chert und aus­ge­baut wer­den. Wir wol­len, dass alle Men­schen in Deutsch­land – Kin­der, Frau­en und Män­ner, Jun­ge und Alte, in Ost und West – ein gutes Leben füh­ren kön­nen und unser Land auf sei­nem guten Weg wei­ter vorankommt.”

Die­se Dik­ti­on wird bei­be­hal­ten. Folg­lich mutet das Papier nicht nur hin­sicht­lich der immensen Zuge­ständ­nis­se der CDU/CSU an ihren rosa Part­ner – bspw. hin­sicht­lich dop­pel­ter Staats­bür­ger­schaft – ten­den­zi­ell sozi­al­de­mo­kra­tisch an, son­dern eben­so wegen der sal­bungs­vol­len Wei­se des Aus­drucks. Inter­es­sant wäre fer­ner eine lexi­ko­lo­gi­sche Zusam­men­stel­lung all der schö­nen Reiz­wor­te, die mit hei­len­der Wir­kung auf­ge­la­den schei­nen. Für den Bereich “Bil­dung” – als Wort schon immer per se posi­tiv kon­no­tiert – ist das vor allem die Zau­ber­for­mel “Ganz­tags­schu­le”, ohne die “Bil­dung” offen­bar gar nicht mehr geht. “Ganz­tags­schu­le”, das gehört zur “Bil­dung” wie far­bi­ge Strei­fen zur Zahnpasta.

Dem Wie­ner Kon­greß warf man vor, er tan­ze nur und ver­han­de­le nicht. Das ist heu­te anders. Um einen Koali­ti­ons­ver­trag wird näch­te­lang gestrit­ten, ja gerun­gen, so daß man das Streß­schwit­zen durch­zu­rie­chen meint, und alle Akteu­re sehen in die­ser Nacht­ar­beit eine phy­si­sche Her­ku­les­auf­ga­be. Man haut sich für Deutsch­land die Näch­te um die Ohren. Wir frü­he­ren DDR-Bür­ger den­ken gleich wie­der an Wei­nerts Stalin-Gedicht:

Ich schau aus mei­nem Fens­ter in die Nacht;
Zum nahen Kreml wend ich mein Gesicht.
Die Stadt hat ihre Augen zugemacht.
Und nur im Kreml brennt noch Licht.

Gut, man soll­te grund­sätz­lich Respekt haben vor Schlips­trä­gern, die Nacht­schich­ten absol­vie­ren. Wesent­li­cher ist etwas ande­res. Bei allen pro­pa­gan­dis­ti­schen Wort­un­ge­tü­men ist der Koali­ti­ons­ver­trag vor allem rei­ne Buch­hal­te­rei. Der Kon­greß der zukünf­ti­gen Koali­tio­nä­re tanzt natür­lich nicht, aber er inspi­riert eben­so­we­nig; er rech­net nur. Das muß so sein, denn Zah­len ratio­na­li­sie­ren und ratio­nie­ren Sach­ver­hal­te. Aber eigent­lich wird aus­schließ­lich gefeilscht. Es geht um Zah­len, dann noch mehr um die Pos­ten und Pfrün­den, viel­mehr als um Ideen. Ideen, das ist böses 19. Jahr­hun­dert! Deutsch­land ist Stand­ort, ist Deutsch­land-AG, ist eine Art Pan­zer­kreu­zer im Export­wett­kampf, braucht also Inves­ti­tio­nen. Klar. Leit­be­griff ist das immer so ein biß­chen feist klin­gen­de Signal­wort: Wohl­stand! – Wohl­stand für alle! Min­dest­lohn! End­lich! Müt­ter­ren­te! End­lich! Ende des Miß­brauchs von Leih­ar­beit und Werk­ver­trä­gen! End­lich! – Und vor den Türen sum­me lei­se, aber ein­dring­lich die Gewerk­schaf­ten: Bit­te mehr Wohl­stand, noch mehr Wohl­stand! Ihre Bos­se dane­ben im Baß: Kei­ne neu­en Steu­ern! Bloß kei­ne Steuern!

Was wäre aber eine Idee? Selbst wenn es eben nur um Wohl­stand gehen soll, läge sie bei­spiels­wei­se dar­in, die gut satu­rier­ten Beam­ten end­lich im soli­da­ri­schen Sin­ne an den Gesund­heits­kos­ten und der Ren­ten­fi­nan­zie­rung für alle zu betei­li­gen. Was für Mög­lich­kei­ten einer soli­dar­ge­mein­schaft­li­chen Finan­zie­rung! – Kei­ne Angst! War ja nur ein Bei­spiel. Aber klar, da wür­den drau­ßen Bar­ri­ka­den gebaut, und des­we­gen ver­zich­tet man auf sol­che doch nur ener­vie­ren­den Vor­schlä­ge gegen loya­le Kli­en­ten, eben­so wie man natür­lich nichts dar­über ver­lau­ten läßt, wie man, abge­se­hen von der mys­ti­fi­zier­ten Ganz­tags­in­ter­nie­rung von Schü­lern, dem zwan­zig Pro­zent funk­tio­na­len Analpha­be­tis­mus bei Fünf­zehn­jäh­ri­gen abhel­fen oder über­haupt gegen das zuneh­mend illi­te­ra­te Milieu des betreu­ten Durch­schnitts an Ober­schu­len wir­ken woll­te. Zu “digi­ta­lem Ler­nen” hin­ge­gen kann man etwas erfah­ren. Klingt ja auch super.

Bis­marck, Rathen­au, Stre­se­mann, Ade­nau­er, Erhard, Strauß, Schmidt, Weh­ner, Lambs­dorff, die rech­ne­ten auch alle. Und waren doch mehr als Buchhalterseelen.

Ideen? “Wir haben uns neue Göt­zen geschaf­fen. Die Anbe­tung des anti­ken gol­de­nen Kal­bes hat eine neue und erbar­mungs­lo­se Form gefun­den im Feti­schis­mus des Gel­des und in der Dik­ta­tur einer Wirt­schaft ohne Gesicht und ohne wirk­li­ches mensch­li­ches Ziel. Die welt­wei­te Kri­se, die das Finanz­we­sen und die Wirt­schaft erfaßt, macht ihre Unaus­ge­gli­chen­hei­ten und vor allem den schwe­ren Man­gel an einer anthro­po­lo­gi­schen Ori­en­tie­rung deut­lich – ein Man­gel, der den Men­schen auf eines sei­ner Bedürf­nis­se redu­ziert: auf den Kon­sum.” Das schreibt kein Neo­mar­xist, son­dern Papst Fran­zis­kus. Sicher, man kann ein Koali­ti­ons­pa­pier nicht ver­glei­chend gegen das apos­to­li­sche Schrei­ben “Evan­ge­lii Gau­di­um” hal­ten. Nur als Bei­spiel für muti­ge Ana­ly­se – hier ist lan­ge nicht die pole­mischs­te Pas­sa­ge zitiert – sei das Gefäl­le verdeutlicht.

Oswald Speng­ler schrieb: “Bei Chai­ro­nea und Leip­zig wur­de zum letz­ten Male um eine Idee gekämpft. Im I. Puni­schen Krieg und bei Sedan sind die wirt­schaft­li­chen Momen­te nicht mehr zu über­se­hen.” – Die­se Momen­te sind heut­zu­ta­ge alles. Man kann das sach­lich gut fin­den. Man wird aber etwas Wesen­haf­tes vermissen.

 Gastbeitrag

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Kommentare (12)

Rumpelstilzchen

2. Dezember 2013 09:26

Den Koalitionsvertrag will ich gar nicht durchlesen.
Wohlstand, gutes Leben für alle - prickelnd wie Fußpilz .
Wie öde, wie langweilig.
Dagegen der Text von Papst Franziskus EVANGELII GAUDIUM.
Eine Offenbarung, ein programmatischer Text. Für Rechte, für Linke, für Gottlose, für Andersdenkende, Andersgläubige, für Ökonomen und Theologen. Ein Papier, über das sich diskutieren läßt.
Beim morgendlichen Überfliegen der online Medien stieß ich auf die Schlagzeile: Papst firmt Römer "Habt keine Angst zu fallen".
https://kath.net/news/43955
Eine militärische Ausdrucksweise. Und ich greife zu Josef Piepers Büchlein:
Vom Sinn der Tapferkeit
Dort lese ich über das Verhältnis der Tapferkeit als sittlicher Grundhaltung zur soldatischen Tüchtigkeit:" Vielleicht sind die weniger Tapferen die besseren Soldaten, so lautet ein nachdenklicher Satz des heiligen Thomas."
Jetzt auf einer krummen Kurve den Bezug zur Soldateska hergestellt.
Der Text des Papstes ist in der Tat der Gegenpol zur ideenlosen Propaganda des Wohlstands. Ein kämpferischer Text.
Eine Tugendethik gegen Gesinnungsethik. Ein Durchbruch.

Gustav Grambauer

2. Dezember 2013 09:45

Sehr geehrter Herr Bosselmann,

Mit "Franziskus" wäre ich vorsichtig. Nach allem was ich von ihm und über ihn gelesen habe, ist er der Analphabeten-Ganztagsschulen-Wolf im Schafspelz; der Mann des linken (in dem Fall jesuitischen) Flügels der NWO. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger ist dies geradezu augenfällig, wobei ironischerweise der Papst in Raspails "Heerlager der Heiligen" nicht "Franziskus" sondern "Benedikt XVI." heißt!!!

Sie schreiben "Man wird aber etwas Wesenhaftes vermissen."

Liberalismus, Sozialdemokratimsus, Marxismus, Jesuitismus – und wie sie alle auf dieser eindimensionalen Ebene heißen mögen – existieren nur von den Voraussetzungen, die andere mit völlig anderer, eben "wesenhafter" Geisteshaltung in Jahrtausenden zuvor geschaffen hatten, wobei sie alle diese Voraussetzungen nur für ihre Selbstprofilierung ausweiden. Ein metahistorischer Parasitismus!!!

Man muß nicht Spengler gelesen haben, um zu wissen, daß diese Voraussetzungen jetzt allmählich erschöpft sind, womit sich die Farce wie beim Wegziehen eines Schleiers offenbart.

Ich bin bei meiner Suche nach diesem "Wesenhaften" immer tiefer und immer tiefer gekommen, in den 90er Jahren hatte mich diese Suche zu diesem Meilenstein hier geführt:

https://monarchieliga.de/index.php?title=Heiliges_Reich_-_Republik_-_Monarchie
https://www.amazon.de/Heiliges-Reich-Monarchie-liberalen-Parteiendemokratie/dp/3929170396

(Der Kreis zu "Franziskus" schließt sich übrigens, denn der Titel ist im Anton-Schmid-Verlag erschienen: dort, von wo aus der kategorischste Sedisvakantismus publiziert wird.)

Da ich weder Katholik noch orthodox bin, kaue ich immer noch sehr daran. Dennoch habe ich damals mit der Lektüre die Eindimensionalität meines politischen bzw. historischen Denkens aufbrechen können und den Zugang zur Tektonik der Kräfte bekommen, die aus den Tiefen der Geschichte heraus wahrhaft wirksam sind.

"Wer nicht von dreitausend Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleib im Dunkeln unerfahren,
mag von Tag zu Tage leben."

- Goethe, West-östlicher Divan, Rendsch Nameh: Buch des Unmuts

Ob ein "Parteiprogramm", ob Hayeks "Verfassung der Freiheit", ob ein Gedicht vom unseligen Weinert oder ob die neuesten "gesinnungsethischen" Ergüsse von "Franziskus" auf kath.net - ich lese das alles mit Schrecken, da meine Sorge um unsere Kultur groß ist - und mit Grausen angesichts der völligen "Wesenlosogkeit", Kurzatmigkeit und Leere.

- G. G.

Heino Bosselmann

2. Dezember 2013 11:16

@Gustav Grambauer: Ein bayrischer Kollege (Latein, Altgriechisch, Philosophie) kam mit Blick auf mein Herkommen aus dem poststalinistischen Milieu der DDR stets gern auf den Satz: Lieber mit der falschen Ideologie aufgewachsen als mit gar keiner. – Ich fand das in der Aussage so pointiert wie im Inhalt gefährlich und diskutierte die These, war mal Zeit, gern mit Abiturienten durch. – Was Sie hier einbringen, verehrter Herr Grambauer, erschließt sich mir unmittelbar. Und zu Franziskus verlor ich andernorts mal ein paar Bemerkungen, obwohl ich nicht zur Kirche gehöre. Bin mir hinsichtlich seiner Person auch nicht sicher, inwiefern da Person und Amt in Diskrepanz stehen mögen, halte ansonsten jedoch eine Menge von – auch radikaler – Leidenschaftlichkeit.
Bedenkenswert vor allem Ihre Passage: Liberalismus, Sozialdemokratimsus, Marxismus, Jesuitismus und wie sie alle auf dieser eindimensionalen Ebene heißen mögen existieren nur von den Voraussetzungen, die andere mit völlig anderer, eben „wesenhafter“ Geisteshaltung in Jahrtausenden zuvor geschaffen hatten, wobei sie alle diese Voraussetzungen nur für ihre Selbstprofilierung ausweiden. Ein metahistorischer Parasitismus!!!
Nur: Wie soll Politik, bspw. demokratische, Bindekräfte entwickeln, wenn ihr die Sendung fehlt. Frau Nahles bspw., gegenüber der ich nicht despektierlich sein möchte, ist ja nicht nur eine Politikerin, sondern ein Typus. Vielleicht fehlt es mehr noch als an "Sendung" eben an Leidenschaft. Obwohl wir andererseits in Leidenschaften stets in Gefahr und nicht gerade entscheidungsfest sind, sondern, mit Kant, von unwägbaren Neigungen getrieben. – Vielen Dank Ihnen!

Luise Werner

2. Dezember 2013 19:50

Liebe Damen und Herren, wenn hier so tief geschürft wird, so mag ich gern anmerken, dass wir nach der nunmehr etwa 2000 Jahre andauernden Ära der Fische (Christentum?) vor einem Äonenwechsel stehen, ins Sternbild des Wassermanns (Präzession der Tierkreiszeichen); Astronomie, nicht Astrologie. Das mal nur als Hintergrundinformation, mit der man anfangen kann, was man will. Auch Klonovsky schrieb auf seiner Heimseite einen Kurzessay, mit der Grundsatzfrage, ob wir uns "Zeiten ohne gleichen" gegenüber sehen. Wer seine sonstigen Texte kennt, sollte überrascht gewesen sein, dass er diese Frage eher mit Ja als mit Nein zu beantworten schien. Womöglich befinden wir uns schon in einer Phase grundsätzlichster Umbrüche.

Martin

2. Dezember 2013 20:13

Lieber mit der falschen Ideologie aufgewachsen als mit gar keiner

Interessant - Ich kannte den Spruch bislang immer so:

Lieber mit der falschen Religion aufgewachsen als mit gar keiner.

So wurde es mir vom katholischen Pfarrer gnädigerweise mitgeteilt, als er erfuhr, dass ich "Evangole" bin. Leider weis ich nicht, ob es für diesen Satz irgendeine bekannte Geistesgröße als zitierfähigen Urheber gibt.

Arthur Spät

2. Dezember 2013 20:25

Die 'ideelle Krise' scheint mir als Begriff ganz gut das zu fassen, was immer wieder den Kern der Bosselmannschen Kolumnen ausmacht. Als Diagnose ist das offenbar auch richtig, richtig ist auch, dass man so eine ideelle Krise nicht einfach konsumistisch mit Wohlstandsschrott zuschütten kann, sondern das Problem auf diese Weise nur in die Zukunft verlagerte, bis zu dem kritischen Punkt nämlich, an dem ideelle Krise und materielle Krise zusammentreffen. Nur fraglich erscheinen mir die Lösungsansätze, die ab und zu durchscheinen und allgemein von rechter Seite vorgetragen werden. Stichworte sind 'Ideal' oder 'Sendung', also von staatlicher Seite bereitgestellte und am besten auch im Bildungssystem verankerte Identifizierungsangebote. Abgesehen davon, dass sich das m.E. schwer begründen lässt, sind das alles Ansätze, die sozusagen nur die Angebotsseite betreffen. Was aber, wenn gar keine bewusste Nachfrage besteht? Und überhaupt ist es schwer vorstellbar, was für eine 'Sendung' den Deutschen überhaupt aus seinem lethargischen Schlummer wecken könnte.

Mir scheint, der Deutsche ist in seiner ideellen Abstinenz verfangen, nicht weil es keinen Staat mehr gibt, der ihm sendungsbewusst den Marsch bläßt, sondern weil die Notwendigkeit fehlt, Ideale zu haben. Keine materiellen Nöte bedrängen den Durchschnittsdeutschen und die Bespaßung kommt medial ... Wenn Reibung, also letztlich Leiden, ein Bedürfnis nach Sinngebung und Identifizierung überhaupt erst aufkommen lassen, dann führt unser System der Fremdversorgung und medialen Bespaßung zwangsläufig in die ideelle Ohnmacht. Und in dieser Lage lässt sich die ideelle Krise auch nicht durch staatliche Identitätsangebote lösen. Diese würden nur in dem Maße helfen, wie der gefährlich aufgeblasene Fremndversorgungssapparat zurückgefahren und mehr Freiheit und Eigenverantwortung gefordert würden. Und selbst dann schiene mir der Staat nicht die Lösung zu sein. Die ideelle Krise müsste dann individuell od. im Kleinen angegangen werden. Sozusagen regional. Soviel nur als knappen Anmerkung.

N.

2. Dezember 2013 21:10

Es führt über den Main
eine Brücke aus Stein.
wer darüber will geh'n
muß im Tanze sich dreh'n
falalalala falalala

waldgänger aus Schwaben

2. Dezember 2013 21:10

Die Protagonisten des Polit-Theaters sind bewusst oder unbewusst Träger einer Idee. Die Menschheit in eine Herde Schafe zu verwandeln, die blökend unter der fürsorglichen Aufsicht von guten Hirtinnen und guten Hirten das grüne Weideglück genießt. Eine Welt ohne Grenzen, ohne Nationen, ohne Völker, ohne Krieg, ohne Hunger, ohne Schmerzen. Ein Paradies auf Erden. Gott und Religion sind schon zulässig, aber nur solange sie das Wohlbefinden steigern und die Herde nicht auseinander treiben.
Wer wollte sich dagegen stellen, so eine Welt zu schaffen?

Nur es wird nicht gelingen. Die braunen und roten Sozialisten sollten uns Mahnung genug sein. Wolfsrudel werden sich der Schafherde annehmen. Ob das Rudel sich nun Islamismus nennt oder Turbokapitalismus, kann den gerissenen Schafen egal sein. Die Wölfe werden von außen eindringen oder friedliche Schafe mitten in der Herde werden über Nacht zu reißenden Wölfen.

Ein Paradies auf Erden ist nicht möglich, weil es die Realität des Bösen nicht anerkennt. Das Böse aber ist nicht nur materieller Not oder unterdrückter Sexualität geschuldet. Der Mensch ist auch böse wenn es ihm gut geht, er keinen Mangel leidet, keine Schmerzen hat.
Denn das Böse ist real in der Gestalt Satans und Satan wird bis an das Ende der Zeit wüten. Am heftigsten wütet er unter den Schafen, die sich vom Glauben an ein diesseitiges Paradies einlullen lassen und nicht mehr wachsam sind gegen die Anfechtungen des Teufels.

Gustav Grambauer

2. Dezember 2013 22:50

Verehrter Herr Spät, Sie sind mir zuvorgekommen. Meine Erwiderung wäre etwa in Ihrem Sinne ausgefallen, ebenfalls etwa mit dem Fazit "Die ideelle Krise müsste dann individuell od. im Kleinen angegangen werden".

Einerseits.

Andererseits stelle ich Überlegungen de lege ferenda an. Verehrter Herr Bosselmann, heute vormittag habe ich angedeutet, daß ich immer noch an "Sacerdotium und Imperium" kaue. Ich kann mir beim besten Willen und mit dem allerheiligsten Papst das Gebilde, das sich aus dem "Epochenwechsel" heraus auffächert, nicht als theokratischen Monolith mit Rückgriff auf die rein-lateinische Tradition vorstellen, und auch für das Alte Reich waren ja z. B. die Spannungen zwischen Klerus und Adel sowie Zentral- und Partikulargewalten gerade in seinen besten Zeiten prägend. Eine neue Reichsidee dürfte m. E. keinesfalls versäumen, von der Kultivierung der Organizität der Wesensglieder des Reichsgefüges angelehnt an Steiners Dreigliederungsimpuls ausgehen, womit der Staat nicht mehr Nietzsches "kältestes der kalten Ungeheuer" (und dem Volk - wie auch von Herrn Spät ausgeführt - vonvornherein wie Nietzsche sagt lügnerisch, zumindest als Antipode gegenüberstehend) wäre. Vielmehr wäre das Reich lebendiger Ausdruck eines goetheanistisch aufgefaßten anthropologisch gegebenen Gefüges - mit der verglichen z. B. die Montesquieusche Gewaltenteilung oder die Forderung der Französischen Revolution "Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit" sich nur als dessen abstrakte, tote, fratzenhafte Karikaturen in eingesponnenen Kokons offenbaren würden. Soviel zu Ihrer Frage nach den "demokratischen Bindekräften".

Jawohl, eine größere Zahl unserer lieben Landsleute müßte sich einmal gehörig geistig aufraffen, ansatzweise in Richtung geistiger Sinngebung, der Rest würde sich finden mit Dreigliederung oder einem anderen Organon.

https://www.dreigliederung.de/essays/1919-04-001.html

Leider wird Steiners Dreigleiderungsimpuls heute in der Öffentlichkeit meist von linksanarchischen Spinnern (oder z. B. in der Neufassung eines "Viergleiderungsimpulses" von dem Hegelianer Jahannes Heinrichs) vertreten, oft als Aufhänger für "basisdemokratische" Verirrungen. Wer z. B. ein bißchen in dem verknüpften Portal stöbert, dem schlägt der Mief von 1968 sogleich entgegen. Deshalb sage ich "de lege ferenda", ein Neuanfang müßte wirklich vom Nullpunkt aus geleistet werden.

- G. G.

Gustav Grambauer

2. Dezember 2013 23:59

@N.

Uf d Spreuerbrugg übr d Rüss in Lozärn, da händ si a trüllet, chönt Eu no inderessiere:

https://www.google.de/search?q=spreuerbrücke+luzern&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ei=xw6dUp-qE-Wp7QbdtYCgBQ&sqi=2&ved=0CAcQ_AUoAQ&biw=1572&bih=840#q=spreuerbrücke+brückenbilder&tbm=isch

- G. G.

Gonzague de Reynold

6. Dezember 2013 21:55

@G.G.

obschon es nichts zur Sache tut; Schweizer ? Mithin compatriote ? Das wär ja äussert erfreulich (und erstaunlich ...).

NB: Heiliges Reich - Republik - Monarchie: Krise und Ende der liberalen Parteiendemokratie steht bei mir ebenfalls im Bücherschrank. Eine weitere, erstaunliche Parallele ...

R:

Gustav Grambauer

7. Dezember 2013 11:49

@Gonzague de Reynold

Ich lebe seit sechs Jahren hier, als "Ossi" und - in aller Doppeldeutigkeit: - tief im Herzen Wartburg-Fahrer. Bin aus reiner Liebe hier, meine Frau, St.-Gallerin, hat mich wie sie immer scherzhaft sagt "erscht bzirzet un dann nümer wegglasse".

Wenn ich hier einmal "Schwizertütsch" schreibe, dann nehmen Sie es bitte mit dem Humor, mit dem es gemeint ist. Die Regel "When you come to Rome ..." ist eine Zivilisationsregel - keine Kulturregel. Natürlich verbirgt sich dahinter die "Gretchenfrage" nach der sogenannten "Integration" (ergo Assimilation). Dazu sage ich immer: Goethe hat auch in Weimar sein Hessisch nicht abgelegt (so wie im Prinzip alle Adligen unter allen Umständen die bleiben, die sie sind), Wagner hat auch in Luzern sächsisch gesprochen, Keller ist auch in Berlin Zürcher geblieben usw. Es gibt in der Hinsicht Feinheiten, die diese Grundhaltung etwas durchbrechen: Sie sehen z. B., ich schreibe hier das wilhelminische "ß", was ich allerdings niemals im Schriftverkehr innerhalb der Schweiz tun würde. Auch würde ich z. B. niemals eine DMZ oder einen Munier-Katalog in der Zürcher S-Bahn liegenlassen, so wie ich es manchmal mit Heften tue, ich ungern wegwerfen würde.

In meinem Umfeld bin ich einfach "de Tütsch", und ich denke, daß ich Deutschland nicht so schlecht in der Schweiz vertrete.

Meine Überlegungen zum Deutschen Reich sind gerade vor dem Hintergrund de lege ferenda - für die Zeit nach dem Zivilisationsbruch, mit dem ich rechne. Selbstverständlich wünsche ich der Schweiz in der jetzigen Situation nicht die Habsburger zurück!!!

Allerdings empfehle ich Ihnen in dem Zusammenhang noch einen anderen Titel, nicht zufällig aus einem Schweizer Verlag, der die letzten Habsburger in zugleich einem völlig neuen Licht erscheinen läßt und der allerdings über die von Budde gewählte Betrachtungsebene weit hinaus führt:

https://www.buch-engel.com/POLZER-HODITZ-LUDWIG-Der-Untergang-der-Habsburger-Monarchie-und-die-Zukunft-Mitteleuropas

- G. G.

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