Sezession
7. Mai 2009

England und Deutschland

Erik Lehnert

merkurUm Wandlungen in der deutschen und englischen Gesellschaft geht im aktuellen Merkur (Nr. 720). Der Freiburger Soziologe Friedrich Pohlmann, dessen Beiträge eigentlich immer hervorragend sind, beschreibt am Beispiel des Wohnviertels, in dem er (Jg. 1950) aufwuchs, eindringlich die Vergreisung und Fragmentierung unserer Gesellschaft. Seine Eltern, Heimatvertriebene, zogen 1956 mit fünf Kindern in dieses Viertel.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Das Viertel bedeckte ein Areal von etwa einem Kilometer in der Länge und sechshundert Metern in der Breite, und als wir dort einzogen, waren drumherum nur Wiesen. Errichtet wurde es im Nationalsozialismus, eine Herkunft, auf die zwei städtebaulich durchaus positiv bewertbare Charakteristika hindeuten: die sehr großen, für Viertel dieser Zeit typischen Grünflächen zwischen den Häusern und die abgestuften Wohnungsgrößen.

Pohlmann vermutet, daß mit letzterem Merkmal die Idee der Volksgemeinschaft verwirklicht werden sollte: das Viertel bestand aus Vierfamilienhäusern, mit unterschiedlich großen Wohnungen, die in jedem Haus jedoch gleich waren. So fanden sich in jedem Haus vom Status her ähnliche Familien zusammen, im Viertel gab es aber eine Statusdifferenz zwischen jedem Haus. Die vier Familien in Pohlmanns Haus hatte 16 Kinder, das Erscheinungsbild des Viertels wurde dadurch entsprechend geprägt. Heute ist dieses Viertel "entleert und vergreist", es gibt auch keine "Migranten":

Letztes Merkmal der Atmosphäre im Viertel ist die Stille, eine Stille mit verschiedenen Schattierungen, die manchmal, vornehmlich bei schönem Wetter, beruhigend wirkt, öfter aber, und zwar vor allem in den Häusern mit mehreren alten Menschen, bedrückt.

Der schottische Schriftsteller Andrew O'Hagan formuliert unter dem ungewohnten Titel "Das Zeitalter der Indifferenz. Wann rafft sich die englische Arbeiterklasse endlich auf?" seine Sicht auf die Engländer. Dabei geht es nicht um Klassenkampf, sondern darum, daß die Engländer, insbesondere die einfachen Leute, anders sind als in anderen Ländern. Ein Kindheitserlebnis mit Engländern hat O'Hagan zu der Theorie gebracht,

dass nämlich die Schotten und die Iren ein Volk waren, eine klar abgegrenzte Gemeinschaft, von Natur aus beisammen und reich an Liedern und Reden über sich selbst, während die Engländer etwas anderes waren: ein Tohuwabohu des Individualismus ohne ein wirkliches Gefühl für ein gemeinsames Ziel und als Stamm ohne einen kollektiven Willen.

Im folgenden geht er der Frage nach, warum der englische Nationalismus so negative Assoziationen hervorruft:

Ein guter Nationalismus muss sich prinzipiell auf die einfachen Leute stützen, auf Mythen des kämpfenden gemeinen Volkes. Seltsam, dass der schottische Nationalismus und der irische Nationalismus und der walisische Nationalismus trotz all ihrer Fehler immer noch von vielen als gesunde, farbenfrohe Bewegungen betrachtet werden, während der englische Nationalismus die Menschen an Fußballhooligans, Enoch Powell, Oswald Mosley und die rechtsextreme British National Party denken läßt.

O'Hagan sieht den Grund in den auf Ressentiments, Zorn und Empörung beruhenden Gemeinsamkeiten der Engländer, deren Zusammengehörigkeitsgefühl in der imperialistischen Überheblichkeit der vergangenen Jahrhunderte verdorben wurde. Die negative Bewertung Powells kann in diesem Zusammenhang als Beleg für die These O'Hagans gelten. Powell gilt gemeinhin als Vertreter eines verkrampften, künstlichen Nationalismus obwohl er in vielen Fragen lediglich die Meinung des Volkes vertrat. Mit ähnlichen Vorwürfen muß sich jeder deutsche Nationalist herumschlagen.

Das deprimierende Bild, das er von der englischen Gesellschaft zeichnet, wirkt, wenn man den Pohlmann-Artikel im Hinterkopf hat, wie eine Zustandsbeschreibung des "alten" Europa, das nur noch eine folkloristische und touristische Daseinsberechtigung hat.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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