Sezession
11. Dezember 2013

Sezessionistische Weihnachtsempfehlungen (III) – Rüstkammer

Ellen Kositza / 4 Kommentare

Götz Kubitschek - Siegfried Gerlich: Richard Wagner. Die Frage nach dem Deutschen (224 S., 24 €). Wagner hat die im Untertitel gestellte Frage bekanntlich so beantwortet: Deutsch sein heiße, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun. Ist das die Schönheit des Zweckungebundenen? Folgt daraus die Unvergänglichkeit des zweckungebundenen Schönen, das an keiner nationalen Konkretion hängt? Gerlich lesen - er und Wagner wissen es!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ellen Kositza - Rolf Bauerdick: Zigeuner. Begegnungen mit einem ungeliebten Volk (352 S., 22.99 €). „Zuschreibungen, die das Eigene zum Maßstab zur Auseinandersetzung mit dem Anderen machen, durchdringen das gesamte Buch“: Ein typischer Vorwurf. Was wurde gekläfft gegen dieses so wache wie warmherzige Buch! Bauerdick kennt aus ungezählten Reisen durch elf Länder jene Ethnien, deren Bezeichnung umstritten ist. Bei aller Faszination sieht er die Mißstände klar und liest Leviten. Aus Bauerdicks Sicht gibt es drei Gruppen, die für die Lage der europäischen Zigeuner verantwortlich sind: Erstens die Betroffenen selbst, die jede Selbstverantwortlichkeit für ihre Umstände von sich weisen, zweitens die in Europa seit 1989 herrschenden wirtschaftlichen und politischen Systeme, drittens die „anti-antiziganistische“ Zigeunerlobby, eine moralische Avantgarde, die von der Schreibtischwarte aus einen „keimfreien Diskurs“ diktiert, der die Zigeuner zu Opfern einer rassistischen „Dominanzgesellschaft“ macht und der sie zu Objekten ihrer akademischen Fürsorge bestimmt.

Nils Wegner - Dirk van Laak: Gespräche in der Sicherheit des Schweigens. Carl Schmitt in der politischen Geistesgeschichte der frühen Bundesrepublik (331 Seiten, 39,80 €). Dieses Standardwerk mit seinem auratischen Titel ist nicht nur für „Haltungs-Schmittianer“ (van Laak) und solche, die es werden wollen, interessant. Auch und vielleicht noch mehr bezeugt die Arbeit, was bis in die frühen siebziger Jahre hinein auf (meta)politischer Ebene in der Bundesrepublik möglich war – und macht so klar, was wir heute alles abschreiben können.

Erik Lehnert - Christopher Clark erzählt uns in Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog eigentlich keine neue Geschichte. Daß Deutschland den Krieg nicht wollte, war bekannt. Mittlerweile gibt es über den Juli 1914 aber die abenteuerlichsten Vorstellungen, so daß Clark hier wertvolle (und quellengesättigte) Aufklärungsarbeit leistet. (896 Seiten, 39.99 €)

Martin Lichtmesz - Manfred Kleine-Hartlage: Die liberale Gesellschaft und ihr Ende. Über den Selbstmord eines Systems. Auf das Dschihad-System folgt das Komplementärstück, eine ausgefeilte, wasserdichte Kritik des Liberalismus und seiner fatalen Aporien. Kleine-Hartlage durchkämmt noch die kleinsten ideologischen Schlupfwinkel, und räumt dort mit messerscharfer Klarheit und Treffsicherheit auf.  (200 Seiten, 19 €)

Felix Menzel - Paul Collier: Exodus. How Migration Is Changing Our World. Der englische Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier ist mir Anfang November durch ein FAS-Interview aufgefallen, in dem er zu den Lehren aus der Tragödie von Lampedusa befragt wurde. Collier antwortete: Indem Europa Anreize für eine Flucht nach Europa schaffe, treibe es die Menschen in den Tod. Er würde jeden, der illegal nach Europa einreist, sofort wieder zurückschicken, damit diese Praxis keine Nachahmer findet. Auf die multikulturelle Gesellschaft angesprochen, sagte Collier, diese sei nur möglich, wenn es eine sehr selektive Einwanderungspolitik gebe. Sein neuestes Buch Exodus möchte ich empfehlen, weil es zu einer Versachlichung der Migrationsdebatte beitragen könnte. Collier untersucht darin nicht nur die Folgen der Einwanderung für die Aufnahmeländer, sondern analysiert auch die Situation der Länder, aus denen es die Menschen wegzieht – mit einigen starken Thesen! (309 Seiten, 20.80 €)

Benedikt Kaiser - Jürgen Todenhöfer. Du sollst nicht töten. Mein Traum vom Frieden (448 S., 19.99 €). Wer Peter Scholl-Latours Reisebeschreibungen mag, wird Todenhöfers Nah- und Mittelost-Panorama lieben. Todenhöfer geht allerdings in einem Punkt über den Altmeister hinaus, denn er bezieht deutlicher Stellung: u. a. gegen westliche Interventionen und diese mit Lug und Trug vorbereitenden Falken, für das ehrliche Gespräch mit den als "Schurken" apostrophierten und - vor allem - mit den von ihnen beherrschten Menschen. Man möchte das Buch nach den ersten Seiten nicht aus der Hand legen und mit Todenhöfers sympathischer Mannschaft auf ereignis- wie risikoreiche Fahrt gehen. Spannend wie bewegend auch die zahlreich beigefügten Photographien aus den Krisenregionen. Der gelegentlich allzu selbstverliebte Ton vermag den begeisternden Gesamteindruck nicht zu trüben.

Raskolnikow - James Mollison: Escobar. Pablo Escobar war Kopf eines der einflußreichsten Drogenkartelle der Welt. Photos, Dokumente und berichtartige Texte zeichnen das Leben des Patrón anschaulich nach. 416 S., 16.00 €

(Bestellung der meisten Empfehlungen ist möglich per Epost: vertrieb@antaios.de, telefonisch unter 034632-90941 bei Frau Drese oder über die Netzseite des Verlages Antaios.)

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Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (4)

Revolte
11. Dezember 2013 12:59

Besten Dank. Da ist viel Bekanntes, aber auch manch neue Anregung dabei.

Erstaunt bin ich einzig über die Empfehlung von Herrn Kaiser. Will man sich mit einem liberal-humanistischen Schmieranten wie Todenhöfer (oder "Hodentöter", wie ihn liebe Freunde nennen) wirklich gemein machen? Die Selbstverliebtheit Todenhöfers ist übrigens keineswegs nur Peripherie, sie gehört zum zentralen Wesen dieses Mannes.
Wer ihn mal in Gesprächssendungen gesehen hat, kommt nicht umhin, seine ölige, anbiedernde und zugleich zutiefst niederträchtige Art mit einem Höchstmaß an Ekel und Abscheu zu quittieren.

E.
11. Dezember 2013 14:13

Revolte
Es mag stimmen, dass einige der von Ihnen beschriebenen Charaktereigenschaften auf Herrn Todenhöfer zutreffen. Dennoch handelt es bei dem von Herrn Kaiser vorgestellten Titel, um eine sachliche und ausgewogene Analyse der Vorgänge in Nah- und Mittelost. So etwas findet man heutzutage selten, PSL ausgenommen, und ist daher durchaus lesenswert.

Benedikt Kaiser
11. Dezember 2013 14:16

Revolte:

Daß Todenhöfers finale Utopie einer künftigen Welt ohne Kriege, ohne bewaffnete Konflikte, ja ohne militärische Auseinandersetzungen reichlich naiv ist: geschenkt (Crevelds Kriegs-Kultur aus dem Ares-Verlag ist diesbezüglich aufschlußreich!).
Entscheidender für die Einordnung in die Rubrik der Jahresempfehlungen ist für mich, daß das Buch nicht nur ein Lesegenuß aufgrund der Reise-, Länder- und Gesprächsbeschreibungen (gleich ob mit Präsidenten, Studenten, Händlern oder Rebellen) ist, sondern auch aufgrund seiner klaren Worte zu Interventionskriegen und ihren propagandistischen Vorbereitern, zu den regelrecht schizophrenen US-"Terrorzuchtprogrammen", wie Todenhöfer die Aufrüstung salafistisch-wahhabitischer Fundamentalisten nennt, zum grundsätzlich problematischen Charakter von Revolutionen, zum Wesen der syrischen Rebellenfront usw. usf. - Daneben verfügt Todenhöfer über noch etwas weiteres, ganz im Gegensatz zur über den Nahen und Mittleren Osten schreibenden (oder: abschreibenden) Zunft des mainstreams, egal ob mit Schreibtisch in der Chemnitzer Provinz oder in München/Berlin/Hamburg: er besitzt lokale Kontakte und Gesprächspartner aus allen an den Konflikten beteiligten Lagern, folglich gewährt er dem Leser Einblicke in den tatsächlichen, nicht ideologisch gewünschten Alltag der einzelnen Länder.

Rumpelstilzchen
12. Dezember 2013 08:45

"Die liberale Gesellschaft und ihr Ende" ist wirklich ein wichtiger Grundlagentext.
Ich meine gar, Manfred Kleine-Hartlage hat das Zeug, den MS-Soziologen Ulrich Beck ( Individualisierung in der Risikogesellschaft) abzulösen.
Oder bin ich da mal wieder zu euphorisch ?
MKH ist auf der Höhe der Zeit:

"In einer Kultur, in der jeder Träger einer eigenen subjektiven Wahrheit sein will, haben Bürger schwerlich das Verlangen, sich an einem gemeinsamen Projekt zu beteiligen, das die persönlichen Interessen und Wünsche übersteigt."

aus: Evangelii Gaudium 61

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